socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Mathis Wissemann: Wirksames Coaching. Eine Anleitung

Cover Mathis Wissemann: Wirksames Coaching. Eine Anleitung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. 256 Seiten. ISBN 978-3-456-84384-1. 24,95 EUR, CH: 39,90 sFr.

Reihe: Aus dem Programm Verlag Hans Huber: Psychologie-Sachbuch.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema, Hintergründe und Autor

Coaching hat sich das Thema "Wirksamkeit" auf die Fahne geschrieben. Das Fach signalisiert damit zugleich seine eigene Zielorientierung. Anders als beispielsweise Supervision, die sich auch als begleitende Reflexion im Professionalisierungsprozess verstehen kann, beginnt Coaching mit einer klaren Zieldefinition und endet - im guten Fall - mit dem Erreichen des Ziels. Das kann gelegentlich überraschend schnell gehen - und gelegentlich ebenso überraschend lange dauern. Unterwegs werden Ressourcen gehoben und Hindernisse überwunden. Aber manche Hindernisse erweisen sich als so sperrig, dass sie nur umgangen werden können. der direkte Weg zum Ziel ist nicht immer frei. Wäre er das, hätte ihn der Klient/die Klientin möglicherweise sogar allein gefunden.

Diese grundsätzliche Zielorientierung erweist sich im Coaching auch als Falle. Um noch einmal das andere Beratungsformat zu bemühen: wenn es wie in der Supervision auf professionelle Reflexion ankommt, dann sind Methoden gefragt, die Strukturen, Verläufe, Zusammenhänge so abbilden können, dass sie durchschaubar und verstehbar werden. Im Coaching dagegen sind "zielstrebige" Methoden stärker gefragt: Wie bringe ich als Coach meinen Klienten/meine Klientin von A (Anfang) nach Z (Ziel)? Und dieses "Bringen" kann nur in Wegweisung bestehen, in Anstößen und Begleitung. Was sind also "wirksame" Interventionen, die den Klienten bei der Zielerreichung unterstützen? Dass sich dann manch ein Coach (auch manch einer von denen, die "systemisch" arbeiten, Methoden wünschen, die zielgerichtet wirken, ist verständlich - und gefährlich. Gefährlich deshalb, weil es anfällig macht für die Illusion, es ließen sich Methoden finden, die ihre Wirksamkeit in simplen Wenn-dann-Relationen entfalten.

Das Stichwort "wirksam" taucht in den letzten Jahren häufig in Titeln oder Untertiteln von Coachingpublikationen auf. Dazu ist zu sagen: Coachingmethoden und -interventionen wirken auf jeden Fall - die Frage ist nur, wie. Und das hängt von so vielen individuellen, organisationalen und prozessualen Faktoren ab, dass sich die Wirkung einer Methode kaum voraussagen lässt. Dennoch hat sich ein Fundus von Orientierungen und Methoden herausgebildet, der mindestens in der Lage ist, Verkrustungen neu zu verflüssigen und Blockaden zu lösen. Das stellt Wissemann gut dar - schade nur, dass die Verlage immer wieder der Versuchung nachgeben, mit Titel an den Markt zu gehen, die "how-to-do"-Erwartungen wecken, eben wie: "Wirksames Coaching. Eine Anleitung".

Der Autor Mathis Wissemann ist Psychologe und bietet eigene Coachingausbildungen am "Institut für Innovationstransfer an der Universität Bielefeld GmbH" an, die dem im vorliegenden Buch gesteckten Konzept folgen. Nähere Informationen zum Autor auf der Internetseite www.coachingconcept.org.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Das Buch enthält 12 Kapitel:

  1. Die Entfaltung des Grundkonzepts. "Coaching" ist ein inflationärer Begriff, der durch häufigen Gebrauch an prägnanter Bedeutung verliert. Wissemann beschäftigt sich (dankenswerterweise) vier Seiten lang allein mit der Definition des Begriffes Coaching. Daran schließen sich Reflexionen über verschiedene Qualitätsdimensionen (Struktur-, Prozess-, Ergebnisqualität) sowie über Evaluationsmöglichkeiten an.
  2. Das zweite Kapitel ist den Wirkfaktoren im Coaching gewidmet. Diese sind: die Klärung des exakten Klientenbedarfs (Klärungs- oder Problembewältigungsbedarf?), die Ressourcen des Klienten, die Arbeitsbeziehung, die Feldkompetenz des Coach und die Interventionen, die der Coach anwendet. Ein m.E. wichtiger Teil des Kapitels ist der Abschnitt über das Menschenbild, mit dem Wissemann in seinem Konzept arbeitet. Gut, wenn darüber explizit Rechenschaft abgelegt wird - Bewusstheit an dieser Stelle erleichtert die Verständigung mit der Fachwelt und unterstützt die Zielstrebigkeit des Konzeptes.
  3. In den folgenden Kapiteln werden die eben genannten Wirkfaktoren der Reihe nach bedacht, zunächst die Unterscheidung zwischen Klärung und Problembewältigung. Es ist in erster Linie eine Frage sauberer Kontraktarbeit, zu klären, was der Klient/die Klientin genau will: Will er/sie Klärung in unklaren Lagen (zum Beispiel Verstehen von Zusammenhängen, Finden von Entscheidungen etc.)? Oder will er/sie die Lösung eines konkret formulierbaren Problems finden? Das ist auch den Klienten selbst nicht selten unklar, zumal es auch einen "Nicht-bewussten Klärungsbedarf" (S. 44ff) gibt.
  4. Der zweite Wirkfaktor ist die Ressourcenorientierung. Der Erfolg von Coachingmaßnahmen hängt in einem hohen Maße von der "Problembewältigungserwartung" (S. 51) des Klienten ab. Wenn der Klient eigene Ressourcen einsetzen kann, steigt seine Problembewältigungserwartung. Wissemann benennt die Ressourcen und zeigt Methoden ressourcenorientierten Arbeitens auf.
  5. Ein weiterer Faktor ist die Bedürfnisorientierung, die sich vor allem in der Gestaltung der Arbeitsbeziehung konkretisiert. Die Arbeitsbeziehung im Coaching ist, wenn sie bedürfnisorientiert ist, ist komplementär: der Coach reagiert auf Bedürfnisse des Klienten. Zur Feststellung auch verdeckter Bedürfnisse nutzt Wissemann die Methode der Plananalyse.
  6. Die Feldkompetenz des Coach ist als Wirkfaktor nicht zu unterschätzen. Der Klient wählt sich nicht ohne Grund gerade diesen Coach: er spricht ihn als Experten für bestimmte thematische Felder an. Es ist eine Frage der Redlichkeit, nur solche Aufträge anzunehmen, bei denen der Coach auch wirklich hilfreich sein kann.
  7. Es sind im Wesentlichen vier Felder, die immer wieder Gegenstand von Coachingprozessen sind, nämlich: Coaching zum Thema Führung von Mitarbeitern,
  8. Coaching zum Thema Motivation von Mitarbeitern,
  9. Konfliktcoaching und
  10. Coaching zu Führung der eigenen Person.
  11. In einem eigenen Kapitel listet Wissemann noch einmal die Methoden auf, die im Lauf der bisherigen Darstellung vorgestellt worden sind.
  12. Ein letztes Kapitel widmet er dem Ablauf eines Coachingprozesses, dessen einzelne Schritte detailliert dargestellt werden. Literaturverzeichnis, Namens- und Sachregister beschließen den Band.

Diskussion

Trotz der Bedenken dem Titel "Wirksames Coaching" gegenüber bin ich Wissemann dankbar, dass er zum Wesentlichen zurückruft. In der Tat wird der Begriff "Coaching" so ausufernd verwendet, dass jede noch so banale Beratung schon als Coaching gilt. Dass auch der Esoterikmarkt das Wort entdeckt hat, macht die Sache nicht übersichtlicher. Was der psychologischen Beratungsarbeit ins Haus steht ist eine gesetzliche Regelung analog dem Psychotherapiegesetz, das, wenn auch bei weitem nicht unumstritten, doch immerhin trennscharf ist: es trennt therapeutische Verfahren, die von den beteiligten (und einflussreichen) Fachleuten als wirksam eingestuft werden, von solchen, für die das nicht gilt. Wissemann schreibt: "Den Klienten im Coaching ist zu wünschen, dass ein entsprechender Prozess auch im Coaching stattfindet." Vorboten eines solchen Prozesses sind schon da. Reaktionen auch: der Markt beginnt sich zu formieren, verschiedene Coachingverbände finden zueinander unter dem Dach einer "Deutschen Gesellschaft für Beratung". Das wird gewiss die Erstellung verbandsübergreifender Standards forcieren und der Qualitätsentwicklung dienen.

Qualität lässt sich nachweisen, wenn Coaching"erfolge" evaluiert und die im Prozess wirksamen Faktoren benannt werden können. Genau das versucht Wissemann. was er nicht tut: er stellt kein neues Coachingkonzept vor. Die Ansätze, mit denen er arbeitet, sind bekannt und bewährt. Aber die Reflexion auf Wirkfaktoren ist systematisch und deshalb hilfreich, ebenso die Darstellung der verschiedenen Coachingthemen. Bemerkenswert finde ich, wie gesagt, den Abschnitt über das Menschenbild: es ist gut, wenn man diese grundsätzliche Haltung nicht mühsam aus der Darstellung ausgraben muss, sondern sie explizit formuliert wird. Das stünde manch einem anderen Therapie- oder Beratungsbuch gut an. Den Rückgriff auf die Bedürfnistheorie von Maslow finde ich gerade für die Coachingarbeit sinnvoll, weil er den Blick schärft für eine Hierarchie von Bedürfnissen, an deren Spitze des Bedürfnis nach Wachstum und Selbstverwirklichung steht. Damit ist man bei einem Grundthema des Coaching.

Die gute Systematik in der Darstellung zeigt die Ausbildungsnähe des Werkes. Wissemann führt selbst Coachingausbildungen durch, und so hat das Buch streckenweise durchaus einen guten Lehrbuchcharakter, der es auch für Ausbildungskandidaten empfehlenswert macht. Es hat die akademische Tiefe, die es braucht, und die Praxisrelevanz, die es auch für Praktiker lesenswert macht.

Fazit

Wer nicht den brandneuen, endlich alle Coachingprobleme lösenden Entwurf sucht, wer auf (Coaching-)Kochrezepte verzichten kann und sich stattdessen eine solide Reflexion und gute Perspektiven auf das Fach wünscht, kann gut zu diesem Buch greifen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
E-Mail Mailformular


Alle 122 Rezensionen von Peter Schröder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 16.03.2007 zu: Mathis Wissemann: Wirksames Coaching. Eine Anleitung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. ISBN 978-3-456-84384-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4568.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Stellvertretende Leitung Finanzen, Berlin

Geschäftsführung (w/m/d), Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung