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Peter Zimmermann: Grundwissen Sozialisation

Rezensiert von Prof. Dr. Jürgen Schwab, 17.02.2008

Cover Peter Zimmermann: Grundwissen Sozialisation ISBN 978-3-531-15151-9

Peter Zimmermann: Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 232 Seiten. ISBN 978-3-531-15151-9. 16,90 EUR.
Reihe: Lehrbuch.

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Thema, Adressaten und Autor

Der Band bietet auf 232 Seiten einen Überblick zu  theoretischen Ansätzen und Bereichen von Sozialisation. Das Lehrbuch stellt dazu kompakt und systematisch Modelle der Sozialisation des Kindes- und Jugendalters dar. Studierende und DozentInnen der Erziehungswissenschaft, insbesondere Lehrämter - und Sozialpädagogik/Soziale Arbeit an Universitäten und Fachhochschulen sind die Adressaten. Die Kapitel führen verständlich und grundlegend ein und können zur Vorbereitung von Unterricht, Prüfungen oder Seminaren dienen. Neben Bezugstheorien und Forschungsergebnissen, den Sozialisationsfeldern Familie und Schule, Sozialisation in der Jugendphase, Geschlecht, Gesundheit und Sozialisation im 21. Jahrhundert, wurden neu Bindungstheorie und soziale Kompetenz aufgenommen.

Dr. Peter Zimmermann ist Akademischer Oberrat am Institut für Schulentwicklung der Universität Dortmund.

Ausgewählte Kapitel

  • Einleitung. Der Sozialisationsbegriff wird von Durkheim hergeleitet und mit der Frage, Sozialisation - was ist das eigentlich, bearbeitet. Hurrelmanns Begriff von Sozialisation und der Konsens der Sozialisationsdebatte, in dem alternative Konzepte der Entwicklung, der Erziehung und Persönlichkeit abgegrenzt und Sozialisation zugeordnet werden können, weisen die Richtung. Die Vermittlung von Subjekt und Gesellschaft im Sozialisationskonzept wird als Klammer verstanden, die das Mitglied werden in einer Gesellschaft akzentuiert.
  • Kapitel 3: Bezugstheorien zur Sozialisation. Im umfangreichsten Kapitel werden auf über 60 Seiten bedeutsame Theorien der Sozialisation von der Psychoanalyse, über sozialökologische Modelle, soziologisch orientierte Theorien, konstruktivistische Zugänge und dem Konzept der Bindungstheorie in Grundzügen dargestellt und Verbindungen zueinander aufgezeigt. Die Beobachtung, dass Kinder und Jugendliche immer früher biographisch bedeutsame Haltungen und soziale Kontakte selbst organisieren, verbindet Zimmermann mit dem interessanten Konzeptbegriff der Selbstsozialisation unter Bezug auf Zinnecker und Hurrelmann. Familiäre und schulische Erziehungsabsichten hätten demnach nur noch wenig Bedeutung. Die pointierte Darstellung der Modelle aus disziplinären Blickwinkeln der Psychologie, Pädagogik oder der Soziologie, wird erweitert um Kommentierungen und Anschlussmöglichkeiten. Zum Schluss wird zu Recht auf die Projektidee einer ausstehenden integralen Theorie der Sozialisation hingewiesen.
  • Kapitel 4: Sozialisation in der Familie - Theorien und Forschungen. Familie, als unstrittig zentraler sozialer Ort für die Bildung personaler und sozialer Identität, folgt. Von Klärungsansätzen, was Familie ist und wie sie zu dem geworden ist, was sie heute darstellt, über Theorien zur Sozialisation in der Familie, wird auch der Strukturwandel im Rahmen gesellschaftlicher Veränderungen erkennbar. Unter anderem Scheidungskinder, Ein-Eltern-Familien und von Armut betroffene Familien werden als besondere Veränderungen beleuchtet.
  • Kapitel 5: Schulische Sozialisation. Schule wird als Institution mit eigener Lebenswelt und Pflichtcharakter beschrieben, die mehr als Wissen vermittelt und lange noch nachwirken kann. Ausgehend von Fragen nach der gesellschaftlichen Funktion von Schule, den Rollen der Beteiligten und Auswirkungen für die Persönlichkeitsentwicklung von Heranwachsenden, werden theoretische Zugänge von Parsons über Fend, Zinnecker u.a. in Modellen und Ergebnissen referiert. Abweichendes Schülerverhalten wird als der Normalfall in der Entstehung und den Folgen über interaktionistische Ansätze, zusammengefasst als Labeling Approach, zum Thema. Anspruch und Realität von Koedukation wird an Ergebnissen der Schulforschung diskutiert  und im Konzept der reflexiven Koedukation wird eine pädagogische Perspektive gesehen.
  • Kapitel 6: Sozialisation in der Jugendphase. Eine Beschäftigung mit Begriff, Entstehung und der Lebensphase Jugend darf natürlich nicht fehlen. Auch alltäglich benutzte Parallelbegriffe wie Pubertät, Adoleszenz und  Postadoleszenz werden definitorisch behandelt. An eine Typologie von Jugendgenerationen schließt der Blick an auf fünf theoretische Konzepte zur Sozialisation in der Jugendphase. Von der Bedeutung gleichaltriger Gruppen aus struktur-funktionaler Sicht über das Konzept der Entwicklungsaufgaben, Konzept der Identität und dem  Konzept der Individuation werden Modelle aufgezeigt. Die individualisierte Jugend wird als aktuell sehr häufig benutztes Konzept dargestellt und in Bezug gesetzt.
  • Kapitel 7: Sozialisation und Geschlecht. Von der psychoanalytischen Interpretation der Geschlechterdifferenzierung über lerntheoretische Vorstellungen wie Geschlechtsidentität  über Erziehung und Modelle erworben wird, bis zu interaktionistischen und sozialkonstruktiven Positionen werden die Ansätze  und ihre Bedeutungen zur Frage, wie werden Jungen zu Jungen und Mädchen zu Mädchen, aufgezeigt. Die Rede ist einerseits vom Geschlecht als lebenslang bestimmenden Merkmal, aber auch von einer gewissen Entschärfung des Geschlechtsrollenverhaltens im Rahmen gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse. 
  • Kapitel 8 und 9. Die Kapitel "Gesundheit, Selbstsozialisation und Wellness" (Kapitel 8) und "Sozialisation im 21. Jahrhundert" zu Mediensozialisation, Arbeitswelt, Trends und Perspektiven" (Kapitel 9), führen in dynamisch sich wandelnde Bereiche ein. Die Ausführungen zu Gesundheit erscheinen mit gerade mal fünf Seiten als etwas gering. Der Einschätzung im letzten Kapitel, dass Medien und Arbeitswelt sozialisatorisch an Bedeutung gewinnen, ist durchaus zuzustimmen. Weiter gedacht bedeutet das aber für die nächste Auflage, dass Theorien und Erkenntnisse der Medienforschung auch als Grundwissen für Sozialisation angemessen zugänglich zu machen wären.

Fazit

Zimmermann ist eine gut verständliche und brauchbare Einführung gelungen, die vielen Studierenden in der Vielfalt der sozialisationstheoretischen Ansätze und Begrifflichkeiten eine Orientierung bieten kann. Mancher Vergleich erleichtert dem Leser auch ohne Vorkenntnisse ein Verständnis für komplexe Zusammenhänge und wissenschaftliche Theorie zu entwickeln. Der besondere Wert des Lehrbuchs liegt neben der übersichtlichen Beschreibung der Ansätze in der kommentierenden Einordnung. Ausgehend von klassischen Theorien und Sozialisationsfeldern strukturiert er an gesellschaftlichen Entwicklungen weiter, um die sich wandelnden Dimensionen von Sozialisation aktuell aufzuzeigen. Themen und ihre Trends werden für die Sozialisation als Verhalten und Orientierung auf Zeit gedeutet. 

Außerschulische Felder ohne Pflichtcharakter, wie informelles Lernen in Organisationen und Jugendarbeit, werden übersehen. Die schulische Orientierung des Autors kann dies vielleicht erklären, inhaltlich unzureichend ist dies aber, wenn die hohe biographische Bedeutung von Erfahrungen im freiwilligen Engagement von Jugendlichen im Verständnis von Selbstorganisation und Selbstsozialisation, nicht wahrgenommen wird.

Zimmermann ist es gelungen informativ, kompakt und ansprechend den Band inhaltlich weiter zu entwickeln. Die Lektüre kann Studierenden, SozialpädagogInnen und LehrerInnen in sozialwissenschaftlichen und pädagogischen Kontexten nur empfohlen werden!

Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Schwab
Professor für Bildung und Sozialisation, Katholische Hochschule Freiburg

Es gibt 9 Rezensionen von Jürgen Schwab.

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ISSN 2190-9245