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Heiko Waller: Sozialmedizin. Grundlagen und Praxis

Cover Heiko Waller: Sozialmedizin. Grundlagen und Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2002. 5., überarbeitete und erweiterte Auflage. 255 Seiten. ISBN 978-3-17-017015-5. 24,80 EUR.

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Der Autor und das Fachbuch

Heiko Waller, Arzt und Soziologe, lehrt Sozialmedizin, ist Leiter der Sektion Gesundheitssoziologie und Sozialmedizin im Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften der Fachhochschule und Universität Lüneburg und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGMSP). Im Kohlhammer Verlag ist ebenfalls erschienen: Gesundheitswissenschaften. Ein Einführung in Grundlagen und Praxis. 3. Aufl. Stuttgart 2001. Das vorliegende Werk ist eine überarbeitete und erweiterte Auflage (1. Aufl. 1985).

Die Ziele, Zielgruppe und die Einordnung in Literatur zum Thema

Der Autor hat mehrere Ziele: Überblick über die Sozialmedizin, eine Einführung in die sozialmedizinische Krankheitslehre und das Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten für die psychosoziale und sozialmedizinische Arbeit im Gesundheitswesen. Zielgruppen sind pflegerische, soziale und gesundheitsbezogene Berufe, Studierende, Gesundheits- und Sozialwissenschaftler und Ärzte mit sozialwissenschaftlichem Interesse. Dabei hat, wie die Auflagen belegen, Wallers Sozialmedizin zwischenzeitlich den Ruf eines Standardwerkes für nicht-ärztliche Berufe erlangt. Renommierte Bücher der Sozialmedizin für ärztliche Berufe sind: Blohmke (Hrsg.) Sozialmedizin, Stuttgart 1979; Brennecke/Schelp, Sozialmedizin. Stuttgart 1993.

Die These und der Aufbau

Sozialmedizin ist für den Autor eine klassische Disziplin der Public-Health-Sciences mit ihrer Vision eines bio-psycho-sozio-Modells von Gesundheit. Waller geht davon aus, dass Sozialmedizin, neben analytischen, evaluativen und praxisbezogenen Funktionen, eine integrative Aufgabe hat. Sozialmedizin verknüpft einerseits medizinisches und sozialwissenschaftliches Wissen mit Blick auf Theorien, Epidemiologie, medizinische Grundlagen und die Soziologie von Krankheit und Behinderung. Andererseits geht es um die sozialmedizinische Praxis mit den Eckdaten der Prävention, Sozialtherapie und Rehabilitation. Zur Bearbeitung der These - medizinische und sozialwissenschaftliche Sichtweisen zu integrieren – gliedert der Autor das Werk in zwei Abschnitte: allgemeine und spezielle Sozialmedizin.

Der Inhalt

Die allgemeine Sozialmedizin (S. 9-152) bespricht Waller in fünf Kapiteln. Es geht um theoretische, sozialepidemiologische, organisationssoziologische, patientenzentrierte und praxisorientierte Perspektiven. Im theoretischen Kontext (S. 9-41) werden, auf dem Hintergrund kultursoziologischer Reflexionen, medizinische und sozialwissenschaftliche Krankheitskonzepte vorgestellt: biomedizinische, psychosomatische, sozio-ökonomische und sozialepidemiologische Modelle; Stress-Coping-, Verhaltens- und Risikofaktoren-Modell; Paradigmata der Behinderung. Im epidemiologischen Kontext (S. 41-65) untersucht der Autor die soziale Konstruktion von Krankheit und Behinderung. Deskriptive, analytische und experimentelle Grundlagen der Epidemiologie werden gewürdigt. Die Verflechtung zwischen Krankheit und Sozialstruktur wird operationalisiert mittels soziologischer Variablen; sie reichen von der sozialen Schicht, Arbeit, Migration, Geschlecht über die Familie bis zur Umwelt. Der sozialepidemiologische Zusammenhang wird als Gesundheitsberichterstattung vorgestellt.

Im organisationssoziologischen Kontext (S. 65-96) werden Berufe und Institutionen dargelegt. Waller spricht von einer Systemanalyse; sie dient zur "Identifizierung der Teilbereiche des Gesundheitswesens, die Analyse der Planungs- und Entscheidungsträger und die Analyse der Leistungsträger" (S. 65). Konkrete Werte der Systemanalyse sind die Geschichte der gesetzlichen Krankenversicherung von 1883 bis 2000, Finanzströme, Gesundheitshilfen durch Sozialarbeit. Institutionen mit den Gesundheits- und Sozialorganisationen wie Haushalte, ambulante Versorgung, Arztpraxen, Gesundheitsamt, Einrichtungen des Arbeitsschutzes, Sozialstationen und die stationäre Versorgung. Abgeschlossen wird die Systemanalyse mit einem Verweis auf die Bedeutung der Evaluation im Gesundheitswesen. Im patientenzentrierten Kontext wird der Wandel der Patientenrolle mit Blick auf die Lebensqualität zu Hause, in den ambulanten und stationären Einrichtungen und mit Blick auf die Selbsthilfe und die Mitbestimmung im Gesundheitswesen diskutiert. Themen zur Lebensqualität zu Hause sind das Gesundheits- und Krankheitsverhalten, Determinanten des Hilfesuchens, Selbstmedikation und Auswirkungen chronischen Krankseins. Themen zur Lebensqualität in stationären Einrichtungen reichen von Typen stationärer Versorgung über Gesundheitskommunikation bis zur Gewalt gegen alte Menschen. Schliesslich wird die Lebensqualität als Indikator eines modernen Gesundheitswesens vertieft durch eine Typologie der Selbsthilfe und Ansätze der Mitbestimmung wie Beschwerdekommissionen, Petitionsausschüsse, Besuchskommissionen nach dem PsychKG, Heimbeiräte, Patientenfürsprecher, Behandlungsvereinbarungen, Stärkung der Bürger-Partizipation und Ansätze einer bürgernahen Gesundheitspolitik.

Im anwendungsorientierten Kontext (S. 118-152) würdigt Waller das sozialmedizinische Instrumentarium zur Verbesserung des Gesundheitsstatus der Bevölkerung: Prävention und Gesundheitsförderung, Beratung und Sozialtherapie, Rehabilitation und Nachsorge und die Pflege. Im einzelnen geht es um Definitionen, Strategien, Methoden; Primär- und Sekundärprävention; die Rollen der Krankenkasse in der Gesundheitsförderung und Prävention; Verhaltens- und Verhältnisprävention; Kennzeichen und Maxime von Beratung; Aufgaben der Sozialtherapie mit einzelfall-, gruppen- und patientenbezogenen Tätigkeiten; Formen und Grundsätze der Rehabilitation in medizinischer, sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Perspektive; Pflege im Blick auf die Demographie, Morbiditätsspektrum, Versorgungsepidemiologie, Inanspruchnahme und die soziale Sicherheit.

In drei Kapiteln versteht der Autor unter spezieller Sozialmedizin (S. 153-236) die Untersuchung körperlicher, psychischer und psychosomatischer Erkrankungen, Sucht und Behinderungen. Im Kontext körperlicher Erkrankungen referiert Waller die folgenden Schwerpunkte: (1) Morbiditäts- und Mortalitätsstatistiken; (2) medizinische und sozialmedizinische Grundlagen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall und Bluthochdruck, bei Krebserkrankungen mit "Krebstheorien" und Folgen bösartiger Neubildungen und bei Infektionserkrankungen mit AIDS. Unter sozialmedizinischen Grundlagen versteht der Autor die Anwendung der allgemeinen Sozialmedizin auf die Problemlagen, die sich aus den Morbiditäts- und Mortalitätsstatistik ergeben. Konkret werden besprochen: das Risikofaktorenmodell, präventive Strategien, Sozialtherapie, medizinische Massnahmen der Rehabilitation, berufliche und soziale Rehabilitation, psychosomatische Aspekte der Krebspersönlichkeit, Stresstheorien oder Massnahmen und Zielgruppen der AIDS-Prävention.

Im Kontext der Behinderungen (S. 179-209) werden ebenfalls medizinische Grundlagen besprochen. Das Spektrum reicht von Behinderungen der Muskel und des Skelettsystems, des Gehirns und Nervensystems über Verletzungen der Sinnesorgane bis zu Intelligenzschädigungen. Die sozialmedizinischen Grundlagen beinhalten die Epidemiologie der Behinderungen, differenziert nach Ursachen der Behinderung; nach Alter; nach Familie und Kinder; nach Behinderung und Rehabilitation im Lebenslauf. Jene von Heiko Waller angesprochene sozialmedizinische Praxis betrifft die Prävention von Behinderungen, die genetische Beratung und Vorsorgeuntersuchungen bei Säuglingen und Kleinkindern, Schulkindern und Jugendlichen; Hauptaufgaben der Frühförderung; Synopse der Einrichtungen mit Berufsbildungswerken, Werkstätten und Berufsförderungswerke; Wohnen in Heimen und in der Familie; Bildungsangebote mit sonderpädagogischen Förderzentren; Beschäftigung Schwerbehinderter mit den Problemen der Pflichtquote und Ausgleichsabgabe für Arbeitgeber; Herausforderungen sozialer Integration mit der Frage nach einer behindertenfreundlichen Gestaltung der Umwelt, Freizeit, Sport, Reisen, Urlaub, Partnerschaft und Sexualität.

Im Kontext der psychischen, psychosomatischen und Suchterkrankungen (S. 209-237) würdigt Waller psychiatrische und sozialpsychiatrische Grundlagen wie die sozialpsychiatrische Praxis. Ausgehend von der 10. Version der International Classification of Desease (ICD) werden dargestellt das Spektrum psychischer Störungen; die Demenz mit Beeinträchtigungen der Persönlichkeit wie Reaktionen der Umwelt; Drogen mit ihren Wirkungen; die Vielzahl von Verhaltensauffälligkeiten. Dabei untersucht die Sozialpsychiatrie den Zusammenhang zwischen Psychiatrie und Soziologie auf dem Hintergrund sozialepidemiologischer Untersuchungen, sozialökologischer Konzepte, soziologischer Theorien, der Sozialstruktur, Entstehungsmodelle von Depressionen, Verläufe der Schizophrenie und Ursachen der Drogenabhängigkeit. Mit Bezug auf die Sozialgeschichte der Psychiatrie führt Heiko Waller in die sozialpsychiatrische Praxis ein. Das referierte Spektrum sozialpsychiatrischer Instrumente reichen von der Gemeindepsychiatrie, Methoden der Sozialtherapie, Angebote in einem Standardversorgungsgebiet, Zuständigkeiten, Rechtsgrundlagen, Finanzierung über das Netz psychiatrischer Rehabilitation bis zur Prävention und Selbsthilfe.

Die Darstellungsart, der Schwierigkeitsgrad und bibliographische Kriterien

Möchte ein Fachbuch das Prädikat besonders wertvoll erreichen, dann fallen neben inhaltlichen Kriterien Darstellungsart, Schwierigkeitsgrad und bibliographische Kriterien ins Gewicht. Es ist festzuhalten: (1) Der Stil des Autors ist lebendig, anschaulich und sachlich-nüchtern. (2) Der Text ist in inhaltlicher und stilistischer Hinsicht gut zu lesen. (3) Die Argumentation ist nachvollziehbar. (4) Mit der 5. Aufl. wurde die Ausstattung des Buches weiter optimiert: zur Illustration bezieht sich der Autor auf Tabellen, Übersichten und Graphiken. Diese Gestaltungsformen kommen dem räumlichen Denkvermögen einer differentiellen Leserschaft entgegen und ermöglichen, je nach Präferenzen, eine schnell erfassbare Textinformation. (5) Mit den Literaturangaben und dem Register sind übliche Qualitätsstandards erfüllt.

Fazit

Die vorliegende Publikation ist ein Gewinn für Studierende und Interessenten der Sozialmedizin. Auch für Dozenten, Wissenschaftler und Praktiker liegt ein wertvolles Nachschlagewerk zur schnellen Orientierung vor. Es ist dem Autor gelungen, sowohl die komplexen Verknüpfungen der interdisziplinär angelegten Sozialmedizin aufzuzeigen, wie die Handlungsmöglichkeiten in der sozialmedizinischen Praxis vorzustellen. Die Integration von theoretischer und anwendungsorientierter Sozialmedizin ist gelungen. Kritisch anzumerken bleibt, dass der Autor hinsichtlich seiner soziologischen Bezüge historisch und vor allem mikro- und mesosoziologisch, d.h. patienten- und organisationszentriert, argumentiert. Makrosoziologische Frage, d.h. Bezüge von Krankheit und Gesellschaft im Kontext der Risikogesellschaft (Ulrich Beck), der Lebensstilforschung (Pierre Bourdieu), eines Mikro-Makro-Link wie bei rational-choice-Ansätzen (Erich Weede) oder die klassische Diskussion gesellschaftlicher Totalität (Theodor W. Adorno; Alexander Mitscherlich) kommen kaum zur Sprache. Auch wird die zunehmende Herausforderung der Versorgungsqualität für älter werdende Behinderte (Bernhard Mann) - angesichts des demographischen Umbruchs mit der Hochaltrigkeit, der spezifischen epidemiologischen Problemlagen und der Knappheit sozialwirtschaftlicher Mittel - noch nicht hinreichend aufgegriffen. Der Einfluss des sozialen Wandels auf die Theorie und Praxis der Sozialmedizin wie die Rückwirkung einer sich verändernden Sozialmedizin auf die Gestalt der Gesellschaft (Clemens Albrecht) sollte in späteren Neuauflagen aufgegriffen werden.

Insgesamt ist das Werk eine hervorragende Einführung, in Ansätzen auch ein Kompendium, zur sozialwissenschaftlich orientierten Sozialmedizin: inhaltsreich und nur zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 18.08.2002 zu: Heiko Waller: Sozialmedizin. Grundlagen und Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2002. 5., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-17-017015-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/459.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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