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Claus Wendt, Christof Wolf (Hrsg.): Soziologie der Gesundheit

Cover Claus Wendt, Christof Wolf (Hrsg.): Soziologie der Gesundheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 478 Seiten. ISBN 978-3-531-15296-7. 49,90 EUR.

Reihe: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie - Sonderhefte - 46.
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Herausgeber

  • Dr. Claus Wendt ist Post-Doctoral Research Fellow und Projektleiter am Mannheimer  Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), Universität Mannheim
  • PD Dr. rer. pol. Christof Wolf ist Wissenschaftlicher Leiter für den Bereich gesellschaftliche Dauerbeobachtung am Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA), Mannheim

Relevanz

Der im Sonderheft 46/2006 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychiatrie von Claus Wendt und Christof Wolf herausgegebene Sammelband "Soziologie der Gesundheit" greift mit dem Schwerpunkt Gesundheit und Krankheit einen traditionellen Forschungsgegenstand der Soziologie auf. Das Buch stellt aktuelle soziologische Perspektiven auf das Forschungsgebiet und damit klassische Themenbereiche der Medizin- und Gesundheitssoziologie zusammen, regt den notwendigen interdisziplinären Austausch an und verdeutlicht Anknüpfungspunkte zwischen verschiedenen Disziplinen. Ein wichtiger Beitrag, denn mit der Diversifizierung der Gesellschaft und der zunehmenden Ungleichverteilung von Einkommen, Besitz und Privilegien, gewinnt die Betrachtung der Wechselwirkung zwischen Medizin, Gesundheit und Gesellschaft in beiderlei Richtung zunehmend an Bedeutung (vgl. Gostomzyk 2001). In der Forschung sowie in der Praxis der Gesundheitssicherung und -versorgung stellt die Umsetzung interdisziplinärer Ansätze heute aufgrund des gesellschaftlichen und demographischen Wandels, der Veränderungen des Krankheitsspektrums und der zunehmenden Bedeutung bio-psycho-sozialer Erklärungsansätze für Gesundheit und Krankheit eine zentrale Herausforderung dar.

Aufbau

Das als Querschnittsband verstandene 478-seitige Buch umfasst 21 Beiträge auch international renommierter Autorinnen und Autoren bzw. Autorenteams und gliedert sich in sechs relevante thematische Schwerpunkte:

  1. Perspektiven der Gesundheitssoziologie
  2. Grundlagen soziologischer Gesundheitsforschung
  3. Sozialstrukturelle und kulturelle Einflüsse auf Krankheit und Gesundheit
  4. Soziales Handeln und Gesundheit
  5. Gesundheitssystem und Gesundheitspolitik
  6. Gesundheitsversorgung und ihre Bewertung durch die Bevölkerung.

Fünf der Beiträge sind in englischer, alle anderen sind in deutscher Sprache verfasst. Jedem Einzelbeitrag ist eine kurze Zusammenfassung vorangestellt, was einer Leserschaft aus unterschiedlichen Disziplinen (mit möglicherweise selektivem Interesse an dem Buch) eine sehr gute Orientierung bietet. Am Ende des Buches werden die Autorinnen und Autoren vorgestellt. Auch die Abstracts der Beiträge sind hier nochmals in englischer Sprache zusammengestellt.

Inhalt

Die Schwerpunkte der einzelnen Beiträge werden im Folgenden kurz zusammengefasst, um das inhaltliche Spektrum des Buches vorzustellen.

  1. Perspektiven der Gesundheitssoziologie. Im einleitenden Kapitel der Herausgeber Claus Wendt u. Christof Wolf wird die Bedeutung psychischer, sozialer und ökonomischer Einflussfaktoren auf Gesundheit und Krankheit verdeutlicht und der Bedarf an multidisziplinären Ansätzen in diesem Forschungsfeld aufgezeigt. Ausgehend von der soziologischen Perspektive auf Gesundheit, die sich mit Fragen des gesellschaftlichen Einflusses auf Gesundheit und Krankheit, dem Umgang der Gesellschaft mit Kranken bzw. Krankheit und Maßnahmen für die Erhaltung von Gesundheit befasst, wird die Struktur des Buches dargelegt und die Auswahl der Beiträge begründet.
  2. Grundlagen soziologischer Gesundheitsforschung.  Der zweite Abschnitt enthält fundierte Übersichtsbeiträge, die den aktuellen Stand der Forschung und neue Forschungsfragen aufzeigen. So zeichnet Thomas Gerlinger die historische Entwicklung der Gesundheitssoziologie in Deutschland nach und legt seine Perspektive für eine stärkere Rückbesinnung auf theoretische Ansätze dar. Ray Elling beleuchtet in seinem Beitrag "Reflections on the Health Social Sciences - Then and Now" die Situation der Gesundheitssoziologie in den USA, weist auf die Entwicklung von eher auf Konsens ausgerichteten Ansätze hin und kritisiert die Vernachlässigung der zunehmend an Bedeutung gewinnenden Klassengegensätze. Friedrich Wilhelm Schwartz u. Katarina Janus legen in ihrem Beitrag zum Gesundheitssystem als interdisziplinäres Forschungsfeld (Gesundheitspolitik, Bedarf und Bedürfnisse Versicherter, Systemvergleiche und Management) überzeugend dar, dass die Komplexität des Systems sowohl im Rahmen methodischer Arbeiten als auch für die Praxis der Produktion von Gesundheit interdisziplinäre Ansätze erfordert. 
  3. Sozialstrukturelle und kulturelle Einflüsse auf Krankheit und Gesundheit. Die insgesamt fünf Artikel konzentrieren sich vor allem auf sozialstrukturelle und sozioökonomische Einflussfaktoren der gesundheitlichen Ungleichheit bzw. ungleicher Gesundheitschancen. Der lesenswerte Artikel von Monika Jungbauer-Ganz stellt wesentliche Studien und soziologische Erklärungsansätze zum Einfluss sozialer und kultureller (soziales Milieu) Faktoren auf die Gesundheit vor und argumentiert für eine theoretische Verknüpfung dieser Konzepte mit sozioökonomischen Ansätzen wie "Gesundheit als Humankapital" und "Health Capital". Johannes Siegrist u. Nico Dragano untersuchen soziale Determinanten von Gesundheit und Krankheit im Kontext beruflicher Belastungen anhand des Modells beruflicher Gratifikationskrisen und des Anforderungs-Kontroll-Modells. Sie belegen den Zusammenhang von Arbeitsbedingungen und Gesundheit mit internationalen empirischen Befunden und führen Strategien der Gesundheitsförderung auf politischer, betrieblicher und struktureller Ebene auf. In ihrem Artikel "Social Inequality, Family Structure and Health in the Life Course" zeigen Michael Wadworth u. Mel Bartley auf der Grundlage von Langzeitstudien aus Großbritannien spezifische Gesundheitseffekte und -risiken durch gesellschaftliche Veränderungen im sozialen Zusammenhalt, in Familienstrukturen und Geschlechtsrollen auf. Thomas Klein u. Reiner Unger untersuchen verschiedene Kausalitätshypothesen zur Erklärung der Reduktion einkommensbezogener Unterschiede der Sterblichkeit mit zunehmendem Alter. Die Autoren weisen darauf hin, dass subtilere Instrumente nötig sind, um die vielschichtigen Mechanismen zur Erklärung des Zusammenhangs von Einkommen und Mortalität im Lebensverlauf zu verstehen. Christof Wolf zeigt anhand einer Studie, dass Belastungen durch Hausarbeit die Gesundheit ebenso stark beeinflussen wie Belastungen durch Erwerbsarbeit. Dabei wirken sich geschlechtsspezifische Unterschiede in den Belastungen direkt auf die Gesundheit aus. Angenommene negative Gesundheitseffekte durch Stress in sozialen Beziehungen ließen sich nicht erkennen.
  4. Soziales Handeln und Gesundheit. Die Autoren William Cockerham, Brian Hinote u. Pamela Abbott stellen in ihrem englischsprachigen Beitrag eine erste Analyse von Daten aus den GUS-Staaten zu Lebenslagen, Lebensstilen und Gesundheit vor, mit denen Sie die Validität des vom Erstautoren auf theoretischen Grundlagen von Pierre Bourdieu und Max Weber entwickelten "Model of Health Lifestyles" untersuchen. Sie schlussfolgern, dass sich die Ergebnisse bei einer Stichprobe aus westlichen Ländern möglicherweise unterscheiden, die grundlegenden Parameter des Modells jedoch bestätigt werden können. Der Artikel von Andreas Klocke analysiert unter Bezug auf die neuere Ressourcenforschung sozioökonomische, kulturelle und geschlechtsspezifische Einflussfaktoren auf gesundheitsrelevante Verhaltensweisen von Kindern im Schulalter. Seine Datengrundlage ist eine im Jahr 2002 durchgeführte WHO-Studie. Die interessanten Ergebnisse des internationalen Vergleichs zeigen einen deutlichen Einfluss der sozialen Lage, des Geschlechts und länderspezifischer bzw. kultureller Faktoren und belegen die Bedeutung sozialer Ressourcen für das Gesundheitsverhalten. Fiona Stevenson befasst sich in dem ebenfalls lesenswerten Artikel "The Doctor-Patient-Relationship. Interconnections between Global Processes and Interaction" mit Veränderungen in der Arzt-Patient-Beziehung durch globalen und gesellschaftlichen Wandel und deren Auswirkungen auf Expertise, Vertrauen, Verbraucherorientierung und Entscheidungsprozesse. Der Beitrag von Rolf Rosenbrock u. Susanne Kümpers bietet einen sehr guten Überblick zum Thema Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung aus der Public Health Perspektive. Dabei werden Prioritäten und Strategien der Primärprävention aufgezeigt, Aspekte der Wirksamkeitsmessung diskutiert und der Bedarf einer Weiterentwicklung in Deutschland deutlich gemacht.
  5. Gesundheitssystem und Gesundheitspolitik. Im fünften Kapitel wechselt die Sicht von der Ebene des individuellen Gesundheitshandelns auf die Ebene der Gesundheitssysteme und -politik. In seinem fundierten, einführenden Übersichtsbeitrag zu Konzepten und Perspektiven des Gesundheitssystemvergleichs bemerkt Claus Wendt, dass sich trotz der Bedeutung der Gesundheitssysteme in modernen Gesellschaften vergleichende Betrachtungen bisher vorwiegend auf Ausgaben- und Finanzierungsaspekte konzentrieren und eine theoretisch geleitete Gesundheitssystemforschung bis heute nicht etabliert ist. Er diskutiert die Bedeutung und Reichweite theoretischer Konzepte der Gesundheitsökonomie, der Systemtheorie, der Theorie der staatlichen Steuerung und der Institutionstheorie für den Gesundheitssystemvergleich und regt zur kritischen Reflexion sowie zu Verknüpfungen an. Internationale Aspekte werden in dem Artikel von Heinz Rothgang erweitert, der die unterschiedlichen Strategien zur Regulierung von Gesundheitssystemen im Vergleich der Länder Deutschland, Großbritannien und den USA aufzeigt. Er kommt zu dem Schluss, dass sich in allen drei Systemen ein "blurring of regimes" (S.316), also eine Verschiebung von reinen Regulierungstypen zu hybriden Mischformen abzeichnet, wobei jeweils die Interaktionsform aufgenommen wird, die im reinen Regulierungstyp fehlt. Niels Bandelow u. Patrick Hassenteufel vergleichen unter dem bezeichnenden Titel "Mehrheitsdemokratische Politikblockaden und verhandlungsdemokratischer Reformeifer" Bedingungen, Akteure und Interessen in der französischen und deutschen Gesundheitspolitik und verdeutlichen einleuchtend, in welcher Weise unterschiedliche politische Strukturen auf bisherige und zukünftige Gesundheitsreformen wirken. Thomas Gerlinger u. Hans-Jürgen Urban zeigen, wie sich im Zuge der Europäisierung durch die im Jahr 2000 beschlossene Wettbewerbsstrategie der Europäischen Union für die nationalen Gesundheitssysteme ein tiefgreifender Wandel in Richtung der Ökonomisierung vollzieht. Sie beobachten, dass mit der neuen supranationalen "Offenen Methode der Koordinierung" zwar Erfahrungen der verschiedenen Staaten einbezogen werden, sich aber durch die enge Einbindung der europäischen Gesundheitspolitik in die Vorgaben des EU-Finanzregimes der Druck hin zu einer kostendämpfungs- und wettbewerbsorientierten Gesundheitspolitik in den Mitgliedsstaaten verstärken wird. Der Artikel von Hartmut Kliemt zu Ethik und Politik der Rationierung im Gesundheitswesen trägt zu der wichtigen Diskussion um die Verteilung von bzw. den Zugang zu Gesundheitsleistungen bei. Da Politik und Gesellschaft die Normierung des Niveaus der Versorgung langfristig nicht auf die Medizin delegieren können, fordert er eine offene Diskussion rechtsethischer und rechtspolitischer Fragen im Hinblick auf medizinisch notwendige Maßnahmen und schließt - offensichtlich auch vom Druck der Ökonomisierung geleitet: "Die echte Zwei-Klassen-Medizin wird kommen. Solange diese absehbare Entwicklung auch die Chancen der zweiten Klasse verbessert, scheint sie ethisch in jedem Falle akzeptabel. Damit die Zwei-Klassen-Medizin den Rechtsstaat nicht gefährden kann, ist allerdings eine angemessene Politik offener Rationierung unter Beachtung des Akutprinzips zu betreiben." (S. 381)  
  6. Gesundheitsversorgung und ihre Bewertung durch die Bevölkerung. Das sechste Kapitel ist der an Relevanz gewinnenden Versorgungsforschung gewidmet. Es stellt ausgewählte Beiträge zur Bewertung der Gesundheitsversorgung durch die Bevölkerung bzw. durch Bevölkerungsgruppen vor und zeigt neue Forschungsgebiete auf. In ihrem grundlegenden Beitrag "Values, Institutions and Health Politics. Comparative Perspectives" stellen Theodore Marmor, Kieke Okma u. Stephan Latham eine vergleichende Untersuchung zu Werten, Institutionen und Gesundheitspolitik in OECD Ländern an und stellen fest, dass sich zwar die institutionellen Arrangements in den Staaten unterscheiden, die Gesundheitspolitik jedoch weitgehend auf ähnlichen Werten beruht. Da die Bevölkerung in Industrieländern das Prinzip des universellen Zugangs zur Gesundheitsversorgung sowie der Verteilung der Kosten nach der individuellen Zahlungsfähigkeit überwiegend unterstützt, seien einige aktuell diskutierte Reformvorschläge unvereinbar mit den bisher geteilten und derzeit noch in den Systemen verankerten Werten. Carsten Ullrich u. Bernhard Christoph analysieren auf der Basis einer 2004 durchgeführten Befragung zur Akzeptanz des Wohlfahrtsstaates in Deutschland die Beurteilung des Solidaritätsprinzips der Gesetzlichen Krankenversicherung bei Versicherten. Sie stellen zwar die Ablehnung einer allgemeinen Begrenzung des sozialen Ausgleichs fest, beobachten aber eine hohe Bereitschaft zur Einschränkung des Risikoausgleichs, sofern diese auf verhaltensbedingte Risiken beschränkt sind. Bei den Versicherten zeichnet sich möglicherweise ein Wertewandel ab, der offenbar von den allgegenwärtigen v. a. unter ökonomischen Gesichtspunkten geführten Diskussionen zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen beeinflusst ist. Die letzten beiden Artikel des Buches diskutieren aktuelle Fragen der Versorgungsforschung sowie innovative Strategien und Methoden zur Ermittlung von Versorgungsbedürfnissen und Indikatoren für die Messung der Qualität der Versorgung. Holger Pfaff u. Fülöp Scheibler beschreiben die beiden neueren Trends der "Standardisierung" und "Individualisierung" in der stationären Versorgung und weisen auf den Bedarf an empirischen Studien hin, um die Effekte dieser Neuerungen auf die Versorgungsqualität und die Arzt-Patient-Interaktion zu erforschen. Aus der Sicht der Autoren gehen dabei wesentliche Impulse für die interdisziplinäre Versorgungsforschung von der Medizinsoziologie aus. Der Beitrag von Petra Stodtholz u. Bernhard Badura bietet einen Überblick über den internationalen Forschungsstand zur Entwicklung von Instrumenten und deren Einsatz in Patientenbefragungen. Vor dem Hintergrund der "Emanzipation des Patienten" (S.445) stellen Patientenbefragungen eine wichtige Form der Patientenbeteiligung dar. Während im europäischen Ausland und in den USA im Rahmen der Qualitätsberichterstattung und des Qualitätsmanagements standardisierte Fragebögen eingesetzt und repräsentative Stichproben gezogen werden, liegen in Deutschland bisher keine methodischen Standards für Patientenbefragungen vor. Die Autoren weisen sowohl auf die Notwendigkeit der Entwicklung geeigneter Instrumente als auch auf den Bedarf einer stärkeren Patientenorientierung im ambulanten Versorgungsbereich sowie an den Schnittstellen zwischen den Versorgungssektoren hin. Nach Stodtholz u. Badura verweist Patientenorientierung auf drei Bereiche, für die ein beträchtlicher Forschungsbedarf besteht: "1. den Grad der Transparenz von Entscheidung und Leistung im Gesundheitssystem, 2. den Grad der Befähigung der Nutznießer zur bedarfsgerechten und sparsamen Inanspruchnahme seiner Leistungen, 3. den Grad ihrer Beteiligung bei der Weiterentwicklung von Rahmenbedingungen, Strukturen, Prozessen und Ereignissen im Gesundheitswesen." (S.459)

Zielgruppen

Wissenschaftler/innen, Dozenten/innen, Studierende der Soziologie, Gesundheitswissenschaften, Medizin, Pflegewissenschaften und der Sozialen Arbeit, Politiker/innen, Verbandsvertreter/innen, Medien

Diskussion

Das als Querschnittsband konzipierte Buch bietet einen sehr guten Überblick über den derzeitigen Stand der Diskussion zur Soziologie der Gesundheit. Dazu tragen die Kombination ausgezeichneter Übersichtsartikel und fundierter Einzelstudien sowie die Gewinnung namhafter Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland bei, die sowohl nationale als auch internationale Forschungsergebnisse, Entwicklungen und Diskussionen repräsentieren. Obwohl der größte Teil der Autorinnen und Autoren ihren wissenschaftlichen Hintergrund in der Soziologie oder Politologie haben, leistet das Buch einen wertvollen Beitrag dazu, über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinauszuschauen und regt zur Entwicklung weiterer, vor allem noch stärker interdisziplinär ausgerichteter, Kooperationen im Bereich Gesundheit, Krankheit und Gesellschaft an. Bisher wird das Forschungsfeld zwar von einer Vielzahl unterschiedlicher Disziplinen (also multidisziplinär) bearbeitet, die erforderliche Zusammenführung der Erkenntnisse aus den Einzeldisziplinen sowie grundsätzlich interdisziplinär ausgerichtete Forschungs- und Versorgungsansätze sind jedoch bisher eher selten. Auch für Mediziner/innen stellt das Buch eine wertvolle Quelle dar, die den Blick der medizinischen Forschung und Versorgung auf wichtige sozialwissenschaftliche Perspektiven erweitert.

Drei kritische Punkte sollen dennoch angemerkt werden:

  1. Auch wenn die Herausgeber verständlicherweise nur eine Auswahl an Themenschwerpunkten aus der Vielzahl der Forschungsgebiete repräsentieren können, stellt sich doch die Frage, warum im Konzept des Buches und in den Beiträgen das Thema Migration systematisch ausgeklammert wurde, obwohl  Migrantinnen und Migranten heute in allen Industrienationen eine relevante, nicht zu übersehende Bevölkerungsgruppe darstellen. Auch in Zukunft wird das Thema Migration angesichts der Globalisierung und demographischer Entwicklungen in Einwanderungsländern an Bedeutung gewinnen. Nach dem Mikrozensus 2005 haben in Deutschland inzwischen insgesamt 19% der Bevölkerung und 29% der Kinder und Jugendlichen bis 25 Jahre einen Migrationshintergrund. In allen mit Gesundheit und Krankheit befassten und beauftragten Disziplinen sollte dieser gesellschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte konzeptionell und methodisch endlich Rechnung getragen werden.
    Im Kapitel zu soziostrukturellen und kulturellen Einflüssen auf Krankheit und Gesundheit sucht man vergeblich nach individuellen und gesellschaftlichen Effekten der Migration (wie z.B. sprachliche und kulturelle Barrieren oder Kompetenzen, Migrationserfahrung, Effekte der Migration auf Bildung und soziale Schicht, Inklusion, Exklusion etc.). Kulturelle Aspekte bleiben weitgehend auf Milieu und Lebenswelten beschränkt. Cockerham, Hinote u. Abbott stellen zwar die Hypothese auf, dass der kulturelle Kontext "westlich" versus "östlich" das soziale und gesundheitsbezogene Handeln beeinflusst und fragen im "Model of Health Lifestyles" zumindest den Aspekt der "Ethnizität" ab. Ansonsten bleibt in den Buchbeiträgen aber offen, ob Migrantinnen und Migranten oder ethnische Minderheiten überhaupt in die Studienpopulationen - der ansonsten repräsentativen Studien - einbezogen wurden.
    Bemerkenswert ist die von Andreas Klocke in der Diskussion kritisch reflektierte Reichweite seiner Untersuchungsergebnisse aus der internationalen Schülerbefragung: "Eine soziale Landkarte mit genauer Vermessung der einzelnen Einflussfaktoren auf das Gesundheitsverhalten der Kinder und Jugendlichen in Europa konnte nicht gezeichnet werden, wahrscheinlich ist dies auch gar nicht möglich. Zu vielfältig sind die nationalen Besonderheiten und insbesondere die subgruppenspezifischen  Lebensweisen und Alltagswirklichkeiten der jungen Menschen selbst. Zu denken ist hier u. a. an die Vielfalt der Selbstbilder Jugendlicher unterschiedlicher ethnischer Herkunft, unterschiedlicher Lebensverläufe sowie regionaler Traditionen und Lebenschancen. Dies sind allemal einflussreichere Größen des Gesundheitsverhaltens als die weltumspannende universelle Jugendkultur, die als Bündel unterschiedlicher Versatzstücke aus Kleidungsstilen, Ess- und Körperkulturen und Trendsportarten wohl doch nur eine Agenda jugendlicher Lebensstile setzt." (S.217)
    Seine Bewertung weist auf die Notwendigkeit der Entwicklung geeigneter Methoden zu Repräsentation der Vielfalt hin und sollte insbesondere von Soziologen/innen als Herausforderung verstanden werden. Auch Stodtholz und Badura (S.459) bemerken in ihrem Artikel zu Patientenbefragungen, dass Erwartungen, Bedürfnisse und Erfahrungen der Patienten in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, physischem und psychischem Zustand sowie ihrem ethnischen Hintergrund variieren. Es bleibt m. E. noch zu klären, ob die Ethnizität oder eher Migrationsaspekte (wie Aufenthaltsdauer, Sprachkenntnisse etc.) den entscheidenden Einfluss auf Patientenbedürfnisse und die Ergebnisqualität der Versorgung haben. Ebenfalls ist zu prüfen, ob sich Modelle der Repräsentation ethnischer Vielfalt aus den USA oder Großbritannien (race/ethnicity), die in anderen historischen Kontexten entstanden sind, eins zu eins auf hiesige Verhältnisse übertragen lassen.
    In der Gesundheitsforschung ist es dringend erforderlich, (1) die Methoden in Bezug auf die angemessene Repräsentation von Migrantinnen und Migranten in den Stichproben zu erweitern, (2) die Instrumente in Bezug auf ihre Migrations- und Kultursensibilität zu überprüfen und (3) in der Auswertung der Daten neben den klassischen Variablen wie Alter, Geschlecht, Soziale Schicht und Bildung auch Migrationseffekte zu analysieren.
  2. Die Herausgeber betonen in ihrer Einführung mit Bezug auf die WHO (1986), dass "Gesundheit" nicht nur für die "Medizin", sondern ebenso für die Psychologie, Ernährungswissenschaft, Sportwissenschaft, Ökonomie und nicht zuletzt für die Soziologie Gegenstand der Forschung ist (S.10). Dazu ist zu ergänzen, dass im Gesundheitsbericht der WHO (2001) angesichts der Tatsache, dass ein großer Teil des heutigen Krankheitsgeschehens von den Lebensverhältnissen und Lebensweisen der Bevölkerung bestimmt ist und schlechtere Lebensverhältnisse mit geringeren Gesundheitschancen korrelieren, mehr Sozialarbeit anstelle von noch mehr Medizin gefordert wird. In der Auflistung der Fachbereiche und der Zielgruppen bleibt die Soziale Arbeit zu Unrecht unerwähnt. Denn einerseits nimmt die Soziale Arbeit aufgrund ihrer spezifischen Kompetenz bei der Erreichbarkeit sozial Benachteiligter und ihrer typischen psycho-sozialen Interventionsstrategien eine wichtige Rolle in einer interdisziplinär ausgerichteten Gesundheitsversorgung und -forschung ein und andererseits ist das Buch auch für die Weiterentwicklung der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit bedeutsam.
  3. Die Belassung der englischen Beiträge in der Originalsprache ist zwar in internationalen Fachzeitschriften üblich und für die von den Herausgebern genannten Zielgruppen akzeptabel. Dennoch ist zu bedenken, dass auch bei Wissenschaftlern, Dozenten, Studierenden der Soziologie, Gesundheitswissenschaften, Medizin und Pflegewissenschaften sowie Politikern, Verbandsvertretern und Medien nicht immer optimale Kompetenzen in der englischen Fachsprache gegeben sind und Leser/innen die Auswahl der Beiträge so eher über die eigenen Sprachkompetenzen als über ihr Interesse am Thema steuern (müssen). Für ein Sonderheft in Buchformat ist daher (einmal umgekehrt!) die Übersetzung der englischsprachigen Beiträge ins Deutsche wünschenswert - zumal Leser/innen, die nur Englisch sprechen, sich die deutschsprachigen Beiträge ohnehin nicht erschließen können.

Fazit

Der Band "Soziologie der Gesundheit" der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie bietet einen sehr guten Überblick über den derzeitigen Stand der Diskussion. Die fundierten Beiträge von Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland spiegeln Entwicklungen, Erkenntnisse und Forschungsbedarf im Kontext von Gesundheit und Gesellschaft aus nationaler und internationaler Perspektive wider und regen zur Weiterentwicklung interdisziplinärer Forschung und Praxis an. Das Buch ist sowohl für Unterrichtszwecke als auch für Forschungsgruppen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen wie Medizin, Gesundheitswissenschaften, Soziologie, Politologie, Pflegewissenschaften, Soziale Arbeit, Gesundheitsökonomie und interdisziplinäre Forschungsteams sowie für Gesundheitspolitiker/innen und Verbandsvertreter/innen sehr empfehlenswert und sollte in keiner Fachbibliothek der o. g. Zielgruppen (Fachbereiche, Fachhochschulen und Universitäten) fehlen.

Literatur

  • Gostomzyk, J. (2001) Sozialepidemiologie in der Sozialmedizin. In: Mielck, A. u. K. Bloomfield (Hrsg.)  Sozialepidemiologie. Eine Einführung in die Grundlagen, Ergebnisse und Umsetzungsmöglichkeiten. Weinheim: Juventa, S.219-230
  • WHO (2001) Weltgesundheitsbericht. Genf

Rezension von
Prof. Dr. Theda Borde
MPH, Dipl.-Pol.
Fächer: Medizinische/medizinsoziologische Grundlagen der Sozialen Arbeit und Klinische Sozialarbeit
Forschungsschwerpunkte: Public Health, Medizinsoziologie/Sozialmedizin, Migration und Gesundheit, Frauen und Gesundheit, Versorgungsforschung, interkulturelle Kompetenz in Gesundheits- und Sozialberufen, Gesundheitsförderung, interprofessionelle Gesundheitsversorgung
Homepage www.ash-berlin.eu/hochschule/lehrende/professor-inn ...
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Zitiervorschlag
Theda Borde. Rezension vom 30.09.2007 zu: Claus Wendt, Christof Wolf (Hrsg.): Soziologie der Gesundheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-15296-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4590.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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