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André Jacob, Karl Wahlen: Das multiaxiale Diagnosesystem Jugendhilfe (MAD-J)

Cover André Jacob, Karl Wahlen: Das multiaxiale Diagnosesystem Jugendhilfe (MAD-J). Ernst Reinhardt Verlag (München) 2006. 248 Seiten. ISBN 978-3-497-01874-1. D: 29,90 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 52,20 sFr.

Reihe: Personzentrierte Beratung & Therapie - 5.
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Thema

Ein umfassendes diagnostisches System, das auf die Bedürfnisse der Jugendhilfe zugeschnitten ist, die Indikation für Standardhilfen klärt, und Evaluationsprozesse ermöglicht, das wollen die beiden Autoren hier vorlegen. Tatsächlich kann die Entscheidungsfindung in der Jugendhilfe bzw. Jugendwohlfahrt eine bessere wissenschaftliche Fundierung durchaus vertragen, gerade weil die Machtposition des Jugendamtes im Vorfeld gerichtlich sanktionierter massiver Eingriffe in elterliche Rechte und die Lebensbedingungen von Kindern an die Nachvollziehbarkeit und Begründbarkeit der Entscheidungen hohe Anforderungen stellt. Die sozialpädagogische und sozialarbeiterische Diskussion hat noch kaum theoretisch und empirisch fundierte entscheidungsvorbereitende Verfahren hervorgebracht. Der Stuttgarter Kinderschutzbogen und andere lokal gebräuchliche Checklisten orientieren sich einerseits an Risikofaktoren, andererseits an Indikatoren für Kindeswohlgefährdungen, zwischen denen meist nicht unterschieden wird. Die wenigsten dieser Hilfen zur Entscheidungsfindung und Entscheidungsbegründung enthalten auch systematisierte Hilfen zur Gewichtung der festgehaltenen Informationen und lassen einen sehr großen Spielraum der Interpretation. Letztlich sichern sie zwar, dass wesentliche Aspekte der Falleinschätzung überhaupt in die Überlegungen einbezogen werden, sie lassen die Fachkräfte in der Gewichtung der Detaileinschätzungen und bei der Entscheidung, welche Konsequenzen denn daraus zu ziehen wären, wieder allein. Das hat zwar Vorzüge (ermöglicht z.B. den Einbezug von nicht-erfassten Items wie der Dynamik des Unterstützungsprozesses), kann aber letztlich nicht befriedigen. Der Impetus der Autoren des vorliegenden Bandes, diesen Mangel zu beheben, ist also nachvollziehbar und verdient ernsthafte Beachtung.

Entstehungshintergrund

Die beiden Autoren sind Psychologen und arbeiten in leitender Stellung in Berliner Erziehungsberatungsstellen. Im Buch geben sie keine weiteren Informationen über den Kontext ihres ambitionierten Vorhabens.

Aufbau …

Der Band ist in 3 Teile gegliedert.

  1. Im ersten Teil wird versucht, die elterliche Erziehung und ihre Bedingungen theoretisch zu klären.
  2. Im zweiten Teil setzen sich die Autoren mit Klassifikation, Diagnostik, Indikation und Intervention auseinander.
  3. Der dritte Teil ist der Vorstellung des von Jacob und Wahlen entwickelten Multiaxialen Diagnosesystems Jugendhilfe (MAD-J) gewidmet. Dem Band ist eine CD mit dem (eher karg gehaltenen) Manual und den benötigten Formularen für das Diagnosesystem beigegeben.

Den Band durchzieht als illustrierendes Praxisbeispiel eine Fallgeschichte.

… und Inhalt

Im ersten Teil versuchen die Autoren, auf der Grundlage einer Umschau unter den theoretischen Modellen und empirischen Befunden eine Annäherung an die Diagnostik elterlicher Erziehung. Sie entwickeln ein 4-Komponenten-Modell, in dem sie unterscheiden zwischen elterlichen Verhaltenssystemen, elterlichen Interaktionsmechanismen, elterlichen Affektmustern  und den kindlichen Erfahrungen. Kombiniert mit weiterführenden Überlegungen zur Struktur elterlicher Erziehung gelangen sie zu einer umfassenden Operationalisierung, die in der Folge die Grundlage für das von ihnen vorgeschlagene Diagnosesystem darstellt.

Die Vieldimensionalität des Gegenstands versuchen die Autoren in ihrem Konzept zu bewahren, und sie sind sich der Problematik einfacher kausaler Erklärungen bewusst. Zum Abschluss des sorgfältig argumentierten Kapitels werden Klassen von Dysfunktionalität formuliert. Die Dysfunktionalität erweise sich in der Beeinträchtigung der kindlichen Entwicklung.

Den Bedingungen der elterlichen Erziehung widmen die Autoren ebenfalls umfangreiche Überlegungen. Dazu zählen sie die "Beziehung", die Familie (wobei sie darunter i.d.R. die Kernfamilie verstehen), Personenmerkmale der Eltern, die Person des Kindes, und schließlich die familiale Lebenslage.

Zum Abschluss des ersten Teils setzen sich die Autoren mit dem Begriff der Kindeswohlgefährdung auseinander und empfehlen die Verwendung des Terminus "Kindeswohleinschränkung" als fachlichen Begriff, um eine diagnostische Kategorie unterhalb der Eingriffsschwelle der Gerichte ("Kindeswohlgefährdung") zu gewinnen. So meinen sie einen Ausweg aus der fragwürdigen Vermischung von juristischen und fachlichen Termini in der Jugendhilfe finden zu können.

Im zweiten Abschnitt referieren und kommentieren die Autoren gebräuchliche Klassifikationssysteme und diagnostische Verfahren. Die Beurteilung erfolgt meist sehr kursorisch. Dann erläutern sie ihren eigenen Zugang zu Fragen der Indikation in der Jugendhilfe, wobei sie davon ausgehen, dass "Kindeswohleinschränkung" die grundlegende Diagnose sei, die Hilfen zur Erziehung nötig macht. Ihr Anliegen ist, einen "adaptiven Indikationsprozess" zu konzipieren, der sich aus 3 Konstruktionselementen zusammensetzt: einem Diagnoseinventar, einem entwicklungszielorientierten Katalog von mit Diagnosen sachlogisch verbundenen Interventionen, und schließlich einem Rahmen der Prozesssteuerung.

Im dritten Abschnitt wird schließlich das von den Autoren entwickelte multiaxiale Diagnosesystem Jugendhilfe vorgestellt, das 5 Achsen umfasst: 1. die klinisch-psychologische Individualdiagnose des Kindes; 2. Erziehung und deren Bedingungen; 3. medizinische Individualdiagnose des Kindes; 4. psychosoziale Stressoren und Belastungen der Familie; 5. psychisches Funktionsniveau des Kindes. Bei Anwendung des MAD-J sollen sich deutliche Indikationen für erzieherische Hilfen ergeben. Auf der dem Buch beiliegenden CD werden Manual und Formulare bereitgestellt. Im Vergleich zur doch recht ausführlichen Klärung der grundlegenden Überlegungen vor allem im ersten Teil des Buches fällt die Darstellung des Diagnosesystems allerdings sehr kurz aus und die Vorschläge für die Handhabung bleiben bruchstückhaft.

Zielgruppen

Die Zielgruppe des Textes bleibt unklar. In erster Linie wird er wohl WissenschafterInnen und leitende PraktikerInnen interessieren, die sich mit Fragen der Diagnostik in der Jugendhilfe / Jugendwohlfahrt befassen. PsychologInnen in der Praxis der Jugendhilfe werden, wie ich annehme, wertvolle Anregungen dem Band entnehmen können.

Diskussion - Bewertung

Der Text stellt einige Ansprüche an die LeserInnen, er fordert die Bereitschaft, sich grundlegend mit Fragen der elterlichen Erziehung, ihrer Definition, ihrer Struktur und ihrer Bedingungen auseinanderzusetzen.

Fazit

Die Autoren versuchten hier einen "großen Wurf", nämlich die Auflösung der Probleme und Widersprüche in der Diagnostik und Entscheidungsfindung der Jugendhilfe durch ein konsistentes und theoretisch fundiertes Diagnosesystem. Angesichts der relativen Bescheidenheit der anderen Ansätze zur Systematisierung des Feldes beeindruckt dieser Versuch, den gordischen Knoten zu zerschlagen.

Ich kann nicht beurteilen, ob der Versuch für das Feld der Psychologie gelungen ist. Als Sozialarbeiter fällt mir jedoch auf, dass die Autoren dem Prozess der Unterstützungsanfrage, der Dynamik des Explorations-, Verhandlungs- und Interventionsprozesses unter den Bedingungen knapper Zeit und zahlreicher "Stakeholder" relativ wenig Aufmerksamkeit widmen. Weiters bleibt die Frage offen, ob die Hilfen zur Erziehung tatsächlich in dem Ausmaß standardisiert sind, wie dies bei der Indikationsstellung vorausgesetzt wird. Der Vorschlag der Autoren läuft letztlich darauf hinaus, dass die Jugendhilfe insgesamt nach dem Modell der psychologischen Erziehungsberatung ausgerichtet werden soll. Ob dies machbar oder wünschbar ist, wäre allerdings unter Einbezug der Expertisen auch anderer professioneller Akteure und Disziplinen zu diskutieren.

Der unbestreitbare Vorzug des vorliegenden Diagnose-Systems liegt wohl darin, deutlich differenzierter zu sein, als viele konkurrierende Modelle. Ob die Differenzierung allerdings ausreicht (also nicht wieder für die Unterstützungsgestaltung wichtige Aspekte ausblendet), und ob die so aufwändig gewonnene Komplexität  zu besseren zwangsläufig die Komplexität wieder reduzierenden Entscheidungen und Hilfeplänen führt, muss offen bleiben. Wenn die Anregung zur Debatte über theorie- und empiriegestützte Diagnostik in der Jugendhilfe aufgegriffen wird, dann könnten das ja Psychologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sozialarbeit / Sozialpädagogik zu klären versuchen.


Rezension von
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 29.12.2007 zu: André Jacob, Karl Wahlen: Das multiaxiale Diagnosesystem Jugendhilfe (MAD-J). Ernst Reinhardt Verlag (München) 2006. ISBN 978-3-497-01874-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4600.php, Datum des Zugriffs 17.01.2021.


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