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Reinhard Stockmann: Evaluation und Qualitätsentwicklung

Cover Reinhard Stockmann: Evaluation und Qualitätsentwicklung. Eine Grundlage für wirkungsorientiertes Qualitätsmanagement. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2006. 375 Seiten. ISBN 978-3-8309-1621-5. 29,90 EUR.

Reihe: Sozialwissenschaftliche Evaluationsforschung - Band 5.
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Einführung in das Thema

Von den in den letzten Jahren viel diskutierten Auswirkungen der "Ökonomisierung des Sozialen" war die Einführung von Qualitätsmanagement- und Evaluationsmodellen wohl stets von besonderer Relevanz, die von Sorge und Kritik oder Euphorie und Aufbruchstimmung geprägt war. Die Brisanz erklärt sich wohl auch daraus, dass diese Themen unmittelbaren Einfluss auf die tägliche Praxis haben, indem Arbeitsprozesse kontrolliert und verändert werden oder zusätzliche Arbeiten, in Form von Dokumentationen, Befragungen, Besprechungen usw. erforderlich sind. Den Institutionen ermöglichen Qualitätsmanagement- und Evaluationsansätze die Leistung und Qualität ihrer Arbeit nachzuweisen, ggf. zu verbessern und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Teilweise werden sie auch schon von Kostenträgern im Ausschreibungsverfahren vorausgesetzt und wurden nicht zuletzt in der Sozialgesetzgebung berücksichtigt. Parallel zu diesen Entwicklungen wird seit den 1990er Jahre eine intensive Qualitätsdebatte geführt, in der es darum geht, ob und wie die Qualitäten und Wirkungen von sozialen Dienstleistungen prinzipiell zu dokumentieren und überprüfen sind. So hat mittlerweile auch die Literatur zu Qualitätsmanagement und Evaluation unüberschaubare Ausmaße angenommen, wobei ersteres ungleich häufiger beleuchtet wird.

Das Neue an der Publikation von Reinhard Stockmann ist jedoch, dass darin beide Ansätze aufgegriffen, miteinander verglichen und verbunden werden. Diese Herangehensweise begründet der Autor damit, dass die Qualität der von einer Institution erbrachten Leistungen insbesondere im Erreichen der ursprünglich geplanten Wirkungen liegt, für deren Überprüfung Evaluationen bessere Methoden bereithalten als Qualitätsmanagementmodelle. Mit Hilfe der Evaluation soll somit ein Beitrag zur Qualitätsentwicklung geleistet werden. Weiterhin ist besonders, dass es ihm nicht um ein bestimmtes Feld geht, sondern dass der Blick auf den Non-Profit-Bereich im Allgemeinen gerichtet ist und die Ausführungen somit arbeitsfeldübergreifend Verwendung finden können.

Autor

Der Autor ist Professor für Soziologie und Leiter des Centrums für Evaluation (CEval) an der Universität des Saarlandes sowie geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Evaluation und Leiter des Studiengangs "Master of Evaluation" und kann sich somit vor dem Hintergrund mehrerer Funktionen als kompetent und erfahren in der Thematik ausweisen.

Aufbau und Inhalt

Insgesamt besteht das Buch aus fünf Kapiteln, einem umfangreichen Literaturverzeichnis sowie einem Anhang mit zwei Evaluationsleitfäden.

  1. In der Einleitung erläutert der Autor die Hintergründe der Qualitätsdiskussion im Non-Profit-Sektor, die Zielsetzungen des Buches und die Inhalte der einzelnen Kapitel.
  2. Im zweiten Kapitel wird in die wesentlichen Konzepte von Qualitätsmanagement und Evaluation eingeführt. Hierfür umschreibt und definiert der Autor den Qualitätsbegriff und stellt zwei der bekannteren Qualitätsmanagementansätze - DIN EN ISO 9000ff. und EFQM - in ihren Grundzügen dar, vergleicht sie miteinander und bewertet ihre Vor- und Nachteile. Im Anschluss daran werden die Unterschiede zwischen privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen und Non-Profit-Organisationen bezüglich der Anwendung von Qualitätsmanagement beleuchtet. In der zweiten Hälfte dieses Kapitels führt der Autor in die Grundlagen der Evaluation ein und geht damit zum Evaluationsthema über. Er erläutert fundiert die Ziele, Funktionen und Aufgaben einer Evaluation sowie deren zentrale Dimensionen und Paradigma. An dieser Stelle beeindruckt bereits, wie umfassend und gleichermaßen kompakt der Autor vielfältige Aspekte, Zusammenhänge und Angrenzungen von Evaluationen aufzugreifen weiß. So gelingt es Reinhard Stockmann auch in einem Exkurs - quasi "by the way" - die Begriffe Monitoring und Controlling inkl. Balanced Score Card knapp und verständlich zu umschreiben und die Unterschiede zu Qualitätsmanagement und Evaluation zu verdeutlichen. Das Kapitel mündet schließlich in einem Vergleich zwischen Qualitätsmanagement- und Evaluationsansätzen mit der Darstellung von zentralen Gemeinsamkeiten und Unterschieden.
  3. Das nächste Kapitel behandelt die theoretische Konzeption der Evaluation und erläutert den Wirkungsbegriff sowie hierbei relevante organisationstheoretische Zusammenhänge, Hintergründe und Ansätze. So werden die Bedingungen und Voraussetzungen von Wirkungen beschrieben und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, z.B. bezüglich Innovation und Nachhaltigkeit oder des Lebensverlaufsmodells zur Analyse von Programmverläufen. Für manchen Leser mögen hier einzelne Abschnitte entbehrlich sein. Die Fülle der in den einzelnen Bereichen - teils kurz angerissenen - theoretischen Ansätze kann auch abschreckend wirken und zum überblättern verführen. Dennoch sollte man diese Seiten nicht allzu schnell überfliegen, da hier ebenfalls zentrale theoretische Grundlagen geliefert werden. Hervorzuheben sind meines Erachtens die Abschnitte, in denen die Elemente einer Organisation und die Beurteilung ihrer Leistungsfähigkeit beschrieben werden. Auf Grundlage der vorgestellten Theorieansätze leitet der Autor gegen Ende des Kapitels die für seinen Evaluationsansatz relevanten Bewertungsbereiche und -kriterien ab. Diese Bereiche werden schließlich mit den Merkmalen und Dimensionen von Qualitätsmanagementansätzen verglichen und verbunden, so dass an dieser Stelle erstmals deutlich wird, wie zentrale Qualitätsdimensionen im Rahmen des vorgestellten Evaluationsansatzes erhoben und überprüft werden können.
  4. Kapitel 4 geht auf die Methoden einer Evaluation und ihre Anwendung ein und stellt einen Muster-Evaluationsleitfaden vor. Neben den Hintergründen des Leitfadens werden hier die Aspekte (man möchte fast sagen: alle Aspekte), die bei der Durchführung einer Evaluation zu beachten sind, vorgestellt: Das Thema der Indikatorendefinition wird erörtert, die gängigen Untersuchungsdesigns und Erhebungsmethoden werden vorgestellt und miteinander verglichen, auf Standards sowie die sozialen Gefüge einer Evaluation wird hingewiesen und schließlich wird ein Evaluationsablauf modellhaft (mit zugeordneten Kapitelverweisen!) dargestellt. Allein für dieses Kapitel lohnt es sich, die Publikation von Reinhard Stockmann anzuschaffen. Denn vor dem Hintergrund der Wirkungsorientierung enthält es einen kenntnisreichen, gut strukturierten und verdichteten Überblick zu den Designs, Methoden und sozialen Kontexten einer Evaluation sowie mit dem Evaluationsleitfaden eine gute Strukturierungsbasis.
  5. Das letzte Kapitel beinhaltet eine ausführliche Zusammenfassung, in welcher der vorgestellte Evaluationsansatz bezüglich seiner Möglichkeiten zur Wirkungsanalyse und Qualitätsentwicklung bewertet wird. Abschließend geht der Autor auf die Erfahrungen ein, die mit diesem Ansatz in unterschiedlichen Projekten und Programmen gemacht werden konnten.

Diskussion

Insgesamt sind die Kapitel gut strukturiert und nachvollziehbar aufgebaut - lediglich das dritte Kapitel hätte meines Erachtens etwas klarer und straffer ausfallen können. Die einführenden wie vertiefenden Ausführungen dieses Buches sind sachlich und wissenschaftlich, aber in einer verständlichen Sprache verfasst. Zu den behandelten Ansätzen und Stichpunkten liefert der Autor stets zahlreiche Quellenverweise, die eine weitere Vertiefung der Themen ermöglichen. Zusätzlich werden immer wieder kurze Beispiele aus der Sozialen Arbeit, der Arbeits- und Sozialverwaltung, der Entwicklungszusammenarbeit, dem Hochschulbereich, der Stiftungsarbeit etc. eingebracht, welche die theoretischen Erläuterungen ergänzen oder untermauern.

Zielgruppe

Durch die arbeitsfeldübergreifende sowie einführende und später vertiefende Darstellung des Themas, kann bei der Zielgruppenbenennung mit gutem Gewissen der - oft gebräuchliche - Rundumschlag gemacht werden: Dieses Buch eignet sich somit gleichermaßen für Studierende wie für PraktikerInnen, Forschende und Lehrende, die auf eine aktuelle Einführung zu Qualitätsmanagement, differenzierte Ausführungen zur Evaluationsthematik und eine verknüpfte Betrachtung beider Themen zurückgreifen möchten. Zu beachten ist aber, dass der Schwerpunkt eindeutig auf der Beschreibung von Evaluationsverfahren und ihrer Durchführung liegt. Sollte der Interessensfokus also auf Qualitätsmanagement gerichtet sein, finden sich hierzu lediglich einführende Erläuterungen. Denn im Vordergrund steht eindeutig das Evaluationsthema - mit seinem spezifischen Beitrag zur Qualitätsentwicklung.

Fazit

Kenntnisreich und mit einem hohen Anspruch gelingt es dem Autor, einen umfassenden Evaluationsansatz vorzustellen, mit dem die Wirkungsbereiche und -bedingungen von Non-Profit-Organisationen differenziert ausgeleuchtet werden. Der Anspruch dieses "ganzheitlichen" Evaluationskonzeptes wird sich mangels organisatorischer und finanzieller Ressourcen sicherlich nicht in allen Evaluationsaufträgen - und i.d.R. noch weniger in Selbstevaluationen - erfüllen lassen, aber die LeserInnen haben hiermit die Möglichkeit, die Perspektiven, Bedingungen und Methoden einer Evaluation nahezu erschöpfend kennenzulernen und somit die für ihr Vorhaben relevanten auszuwählen. Es ist der Verdienst des Autors, dass er diese Bereiche wissenschaftlich fundiert zusammengetragen hat und damit nicht nur eine äußerst umfassende Beleuchtung, sondern auch einen neuen Ansatz einer wirkungsorientierten Evaluation liefert, die sich mit den Perspektiven des Qualitätsmanagement verbinden lässt. Damit hat das Buch die Chance, sich als "Klassiker" für das Themengebiet zu etablieren - bei einer ersten Auflage wird es sicherlich nicht bleiben.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Bleck
Professor für Wissenschaft Soziale Arbeit an der Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage soz-kult.hs-duesseldorf.de/personen/bleck
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Zitiervorschlag
Christian Bleck. Rezension vom 21.04.2007 zu: Reinhard Stockmann: Evaluation und Qualitätsentwicklung. Eine Grundlage für wirkungsorientiertes Qualitätsmanagement. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2006. ISBN 978-3-8309-1621-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4608.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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