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Christian Klicpera, Barbara Gasteiger-Klicpera: Emotionale und verhaltensbezogene Störungen [...]

Cover Christian Klicpera, Barbara Gasteiger-Klicpera: Emotionale und verhaltensbezogene Störungen im Kindes- und Jugendalter. WUV Wiener Universitätsverlag 2006. 277 Seiten. ISBN 978-3-85114-993-7. 22,90 EUR.
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Thema

Emotionale und verhaltensbezogene Störungen des Kindes- und Jugendalters sind häufig nur bei sehr genauer Betrachtung von alltagsnormalem Problemverhalten abzugrenzen. Das im klinischen Sinn störungswertige dieser Störungen möglichst gut erkennen und beurteilen zu können, ist für die pädagogische Auseinandersetzung mit den betroffenen jungen Menschen ebenso wichtig wie für die therapeutische Arbeit. Ein angemessenes Grundverständnis der dysfunktionalen Prozesse schützt Pädagogen vor überfordernden Konfrontationen und zeigt therapeutische Ansatzpunkte konstruktiver Veränderung auf.

Entstehungshintergrund

Das Autorenteam bringt zwei fachliche Ausrichtungen in die Darstellung der Störungen ein, die sich gegenseitig sehr gut ergänzen. Christian Klicpera lehrt als Klinischer Psychologe und Psychiater an den Universitäten Wien und Graz, Barbara Gasteiger-Klicpera lehrt als Klinische Psychologin, Verhaltentherapeutin und Supervisorin an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Dem Buch ist sowohl eine gründliche Wissenschaftlichkeit anzumerken - beide Autoren sind als Professoren tätig -, als auch die im Hintergrund liegende praktisch-klinische Erfahrung.

Aufbau und Inhalte

  • Das Einleitungskapitel beschäftigt sich mit der Klassifikation psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter. Der Abschnitt geht in knapper, gut nachvollziehbarer Form auf die Grundlogik verschiedender Klassifikationsansätze ein und führt generelle Qualitätskriterien von Klassifikationssystemen auf. Auf die aktuell gültigen Systeme, das US-amerikanische Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM und die International Classification of Diseases ICD der WHO, wird kurz eingegangen.
  • Das zweite Kapitel des Buches hat Angststörungen zum Thema. Eine valide Diagnostik kindlicher Ängste setzt voraus, die alterstypischen Ängste verschiedener Entwicklungsphasen zu beachten und von störungswertigen Entwicklungen abzugrenzen. Störungswertige Ängste entwickeln sich oft in komplexen Bedingungsgefügen aus dispositionellen, interaktionellen und lerntheoretischen Faktoren, auf die kurz eingegangen wird. Ausführlich werden die zentralen Unterformen beschrieben: Trennungsangst und  generalisierte Angststörung, Panikstörung und Soziale Phobie, sowie Spezifische Phobien. Die Leitsymptome werden dargelegt  und es erfolgen Angaben zur Epidemiologie. Wünschenswert wäre in diesem Abschnitt ein stärkeres Eingehen auf das Thema Schulvermeidung gewesen.
  • Depressionen des Kindes- und Jugendalters äußern sich prinzipiell in der gleichen Weise wie bei Erwachsenen, zeigen dabei aber entwicklungstypische Erscheinungsbilder. Das dritte Kapitel beschreibt die alterstypischen  Symptome depressiver Episoden sehr klar und anschaulich. Den differenzierten Angaben zur Häufigkeit und Verlauf des depressiven Syndroms folgt eine Diskussion der wichtigsten Annahmen zur Störungsgenese und den aufrechterhaltenden dysfunktionalen Prozessen. Detailliert werden psychotherapeutische, verhaltensmedizinische und pharmakologische Therapieansätze dargelegt.
  • Suizidversuche junger Menschen sind weniger eng mit psychischen Störungen verknüpft als im Erwachsenenalter, bedeuten aber in jedem Fall ein Zeichen schwerwiegender seelischer Not. Das vierte Kapitel des Buches zeigt häufige Aspekte dieser Notlage auf und gibt Hinweise für hilfreiche Interventionen.
  • Der nachfolgende Abschnitt zur Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung erscheint ganz besonders gut gelungen. Nicht nur im Vergleich zu den anderen Buchkapiteln, auch im Vergleich zur aktuellen Literatur nimmt der Aufsatz zum Hyperaktivitätssyndrom eine herausragende Position ein. Besonders hervorzuheben ist die gelungene Verknüpfung der Leitsymptomatik mit dem psychologischen Wissen über verschiedene Aspekte von Aufmerksamkeit.
  • Auch der Beitrag zu den Störungen des Sozialverhaltens setzt besondere Akzente. Neben den soliden Ausführungen zur Klassifikation und Pathogenese der Störung gehen die Autoren auf die besondere Bedeutung gestörten Sozialverhaltens im Kontext "Schule" ein. Gut gelungen wirkt auch die Diskussion der verschiedenen Subtypen der Störung. Die zunehmende Tendenz riskanten Alkoholkonsums unter Jugendlichen wird derzeit in der Öffentlichkeit verstärkt wahrgenommen.
  • Das Kapitel Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit beschreibt verschiedene Konsumtypen und setzt sich mit dem vorliegenden Wissen zu Verlaufsformen und Präventionsansätzen auseinander.
  • Das Kapitel Missbrauch und Abhängigkeit von Drogen geht detailliert auf Wirkung und Risiken verschiedener psychoaktiver Substanzen ein. Das Kapitel diskutiert die pathogenetischen Erklärungsmodelle und beschreibt die Grundanforderungen stationärer Entwöhnungsprogramme.
  • Die zwei nachfolgenden Beiträge sind auf Essstörungen im Kleinkind- und Jugendalter bezogen. Körperlich, emotional oder interaktionell bedingte Ernährungsstörungen im Kindesalter werden beschrieben, auf Behandlungsansätze wird kurz eingegangen. Das nachfolgende Kapitel konzentriert sich auf Anorexie und Bulimie. Die verschiedenen Genese-Modelle sind gut verständlich skizziert, recht allgemein fallen die Ausführungen zur Behandlung aus.
  • Das Schlusskapitel widmet sich dem Themenkomplex Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexueller Missbrauch. Kindesmisshandlung umfasst das direkte Zufügen eines Schadens als auch Entwicklungsgefährdung durch Unterlassen angemessener Handlungen. Die Entwicklung kann dabei in verschiedener Weise auffällig werden. Eine frühe Form ist die Nichtorganische Gedeihstörung, die in dem Kapitel eingehend diskutiert wird. Eine besondere Misshandlungsform ist der sexuelle Missbrauch. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf den psychischen Folgen sexueller Missbrauchserfahrungen. Leider fehlen Hinweise der Autoren auf die maßgeblichen rechtlichen Bewertungen der dargelegten Misshandlungsformen.

Zielgruppe und Fazit

Das Buch soll Klinischen Psychologen und Pädagogen helfen, "Kinder mit besonderen Schwierigkeiten besser verstehen und sie damit auch besser unterstützen zu können". Diesem Anliegen wird das Buch in jedem Fall gerecht, es bietet fundierte Information und Orientierung. Alle Beiträge stehen auf hohem fachlichem Niveau und sind gut verständlich. Besonders hervorzuheben sind die Darlegungen zur Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung. Wünschenswert wären noch weiterführende Literaturhinweise und hilfreiche Adressen zu den jeweiligen Störungsbildern gewesen.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 09.08.2007 zu: Christian Klicpera, Barbara Gasteiger-Klicpera: Emotionale und verhaltensbezogene Störungen im Kindes- und Jugendalter. WUV Wiener Universitätsverlag 2006. ISBN 978-3-85114-993-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4610.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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