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Heiner Barz: Innovation in der Weiterbildung

Rezensiert von Dipl.-Psych. Heike Neidhardt, 03.05.2007

Cover Heiner Barz: Innovation in der Weiterbildung ISBN 978-3-937210-81-0

Heiner Barz: Innovation in der Weiterbildung. Was Programmverantwortliche heute wissen müssen. ZIEL Verlag (Augsburg) 2006. 216 Seiten. ISBN 978-3-937210-81-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 39,80 sFr.
Reihe: Grundlagen der Weiterbildung.

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Entstehungshintergrund

Weiterbildung befindet sich im Umbruch. Sie muss sich mit veränderten Rahmenbedingungen, neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen und politischen Anforderungen auseinandersetzen und adäquat darauf reagieren. Angesichts des tiefgreifenden Wandels und teilweise gegenläufiger Trends benötigen Akteure des Weiterbildungsmarktes Orientierungshilfen für ihre Angebots- und Programmplanung.

Vor diesem Hintergrund sind in den letzten Jahren vermehrt Trendanalysen für den Bereich der Weiterbildung entstanden. Eine derartige Studie steht auch im Mittelpunkt des von Heiner Barz vorgelegten Neuerscheinung "Innovation in der Weiterbildung: Was Programmverantwortliche heute wissen müssen". Letztendlich handelt es sich dabei um den Projektbericht über ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt des Hessischen Volkshochschulverbands, in dessen Rahmen relevante innovative Entwicklungen im Weiterbildungsbereich zu identifizieren waren, um diese Erkenntnisse in einer späteren (hier nicht dargestellten) Projektphase der Nutzung durch Einrichtungen der Erwachsenenbildung zugänglich zu machen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert, die sich in Inhalt und Form sehr unterschiedlich darstellen.

  1. Zunächst wird nach einer allgemeinen Einführung die oben genannte Trendstudie des Hessischen Volkshochschulverbandes kurz skizziert. Zur Identifikation von Weiterbildungstrends wurden zwei Methoden eingesetzt: Zum Einen wurden einschlägige Quellen wie etwa wissenschaftliche Publikationen, Veröffentlichungen von Branchendiensten sowie mit Weiterbildungs-Awards ausgezeichnete Projekte einer Inhaltsanalyse unterzogen. Zum Anderen fanden Expertengespräche mit elf Fachleuten aus ganz unterschiedlichen Bereichen statt. Dazu zählten nicht nur Bildungsexperten wie der Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, Prof. Dr. Ekkehard Nuissl von Rein, sondern auch etwa der Zukunftsforscher Matthias Horx sowie oder Monika Oels als Internationale Sachverständige der Europäischen Kommission.
  2. Kapitel 2 widmet sich dem Themenbereich Innovation und Trendforschung im Allgemeinen und fragt kritisch nach Definition, Bedeutung, Identifikation und Verbreitung von "Innovationen" im Weiterbildungsbereich.
  3. Als konkretes Beispiel für einen möglichen Innovations-Indikator werden in Kapitel 3 verschiedene in Deutschland verliehene Weiterbildungs-Awards vorgestellt, wobei auch hier deutlich wird, dass die Wahrnehmung eines Weiterbildungskonzepts als "innovativ" durchaus nicht unstrittig ist. Trotz der Vielfalt an Preisen konnten bei einem Vergleich derselben einige Haupttendenzen herauskristallisiert werden, die Barz mit den folgenden Schlagworten charakterisiert:
    • Arbeitsintegriertes Lernen,
    • Kooperation und Vernetzung,
    • Öffnung,
    • Neue Medien sowie
    • Methodische Kreativität.

    Auf den danach folgenden Seiten erhält der Leser zunächst nochmals einen Überblick  über die verschiedenen in Deutschland vertretenen Awards in tabellarischer Form. Anschließend werden beispielhaft und ebenfalls tabellarisch all jene Projekte vorgestellt, die mit dem seit 1997 vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung zweijährlich ausgelobten "Preis für Innovation in der Erwachsenenbildung" ausgezeichnet wurden.

  4. Kapitel 4 stellt die wesentlichen Ergebnisse der durchgeführten, o.g. Trendstudie in den Mittelpunkt. Erkenntnisse aus der inhaltsanalytischen Dokumentenanalyse und den Expertengesprächen wurden zu den folgenden vier thematischen Dimensionen gebündelt:
    1. strukturelle Ebene der Organisationsformen und des Selbstverständnisses,
    2. Ebene der Adressaten und Zielgruppen,
    3. inhaltliche Ebene der angebotenen Themen und
    4. Ebene der Lehr-Lern-Formen und Methoden.

    Nacheinander stellt Barz zu jedem dieser Bereiche gefundene Ergebnisse vor. Zu diesem Zweck zählt er teilweise stichpunktartig Befunde aus der Dokumentenanalyse auf, größtenteils jedoch lässt er die Experten selbst sprechen, indem er ausgewählte Zitate aus den Gesprächen wörtlich und unkommentiert abbildet. Dabei werden die vier Dimensionen nochmals in einzelne Aspekte untergliedert. Für die Dimension der neuen Zielgruppen zum Beispiel wurden folgende Trends ausgemacht: Entdifferenzierung als Zielgruppenkonzept, Senioren als Zielgruppe, die junge kreative Klasse als Zielgruppe, gering Qualifizierte als Zielgruppe, Führungskräfte und PE-Experten als Zielgruppe sowie Kunden- und Mitarbeiterorientierung just-in-time.

  5. Um die konkrete Umsetzung derartiger Trends in der Praxis der Weiterbildung dreht sich anschließend Kapitel 5. Hier wird auf die Erfahrungen mit der Innovationsdatenbank des Hessischen Volkshochschulverbandes zurückgegriffen. Es handelt sich dabei um eine Datenbank, in die regelmäßig VHS-Angebote eingespeist werden, die von den beteiligten Hauptamtlichen Pädagogischen Mitarbeitern selbst als innovativ eingestuft wurden. Jeder dieser Mitarbeiter hat pro VHS-Programmzyklus zwei derartige Angebote zu benennen. Das Kapitel schildert die Entwicklungen in den Bereichen Gesundheitsbildung, Praktische Hilfen im Alltag, EDV-Kurse, E-Learning, Netzwerkbildung, Persönlichkeitsentwicklung sowie politische und gesellschaftliche Weiterbildung. Untermauert wird die Darstellung bisweilen durch die Vorstellung konkreter VHS-Kursangebote. So etwa beim stark expandierenden und von vielen als zukunftsträchtig eingestuften Bereich der Gesundheitsbildung, in dem zunehmend ganzheitliche, umfassende Angebote wie der beispielhaft vorgestellte Kurs "Wellness-Wochenende mit Erholung, Kochen und Massage" das Bild bestimmen.
  6. In Kapitel 6 wird dann wieder ein allgemeinerer Fokus eingenommen. Barz zeigt u.a. auf, inwiefern sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen geändert haben, die zu einem Wandel in der Weiterbildungsbranche führen. Er hebt z.B. die zunehmende Orientierung an der "Ökonomie als Königsdisziplin" (S. 139) hervor. Zudem fasst er zentralen Prognosen, die sich aus der Trendstudie ergaben, noch einmal überblicksartig in Form einer tabellarischen Aufzählung zusammen und schließt mit einer Auflistung der bekanntesten, regelmäßig durchgeführten Weiterbildungstrendstudien.
  7. Zuletzt werden in Kapitel 7 nochmals ausführliche Passagen aus zwei Expertengesprächen wiedergegeben. Diese sind nach inhaltlichen Gesichtspunkten sortiert. Für jeden der ausgewählten thematischen Aspekte wird in einem Dreischritt zunächst der jeweilige Weiterbildungstrend mit einem Schlagwort benannt, sich ergebende Implikationen für die Weiterbildung werden mit einigen Stichpunkten aufgezeigt und schließlich mittels der Wiedergabe eines ausführlichen Zitats des jeweiligen Experten erläutert. Für diese detaillierte Darstellung wurden das Interviews mit Matthias Horx vom Zukunftsinstitut und Kelkheim sowie das Interview mit Dr. Horst W. Opaschowski, Professor an der Universität Hamburg lehrt und Leiter des B.A.T.-Freizeit-Forschungsinstituts, herangezogen.

Zielgruppe

Welche Zielgruppe der Autor anstrebt, lässt sich im Grunde schon aus dem Untertitel "Was Programmverantwortliche heute wissen müssen" ableiten - das Buch richtet sich an all jene, die in Einrichtungen der Erwachsenenbildung für das Programm, sprich (Konzeption und) Auswahl der Bildungsangebote, zuständig sind. Vorrangig ist dabei vermutlich an pädagogische Mitarbeiter/innen von Volkshochschulen gedacht, wurde die Trendstudie ja vom Hessischen Volkshochschulverband initiiert. Jedoch dürften sich daneben auch Leiter und Mitarbeiter anderer Bildungseinrichtungen angesprochen fühlen. Dasselbe gilt für die Vielzahl der in der Erwachsenenbildung (meist als freiberufliche Mitarbeiter) Lehrenden sowie für in der Weiterbildungsforschung Tätige, die ebenfalls als Zielgruppe der Trendstudie denkbar sind.

Diskussion

Eine erste Betrachtung des Buches dürfte bei den meisten Akteuren der Weiterbildungsszene sofort Interesse wecken - in mehrfacher Hinsicht: So handelt es sich bei dem Autoren Prof. Dr. Heiner Barz, seines Zeichens Leiter der Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement an der Universität Düsseldorf, um einen ausgewiesenen Weiterbildungsforscher, der zuletzt v.a. mit seinen interessanten Veröffentlichungen im Bereich der Adressaten- und Milieuforschung auf sich aufmerksam gemacht hat. Auch der Buchtitel "Innovation in der Weiterbildung: Was Programmverantwortliche heute wissen müssen" übt mit Sicherheit eine gewissen Anziehungskraft aus - denn welcher Mitarbeiter der Bildungsbranche ist heute nicht gefordert, sich etwa angesichts in der vielen Bereichen sinkenden öffentlichen Zuschüsse oder rückläufigen Teilnehmerzahlen permanent über Neuentwicklungen auf dem Laufenden zu halten und potenzielle Marktchancen zu entdecken. Und schließlich verspricht auch noch der Klappentext eine interessante Lektüre, werden doch darin u.a. einige der für die Trendstudie befragten Experten namentlich genannt, nicht zuletzt etwa Matthias Horx, der vermutlich bekannteste und als sehr einflussreich geltende Trend- und Zukunftsforscher Deutschlands.

Vermag das Werk diesen Erwartungen gerecht zu werden? Die Antwort fällt gemischt aus:

Auf der einen Seite überzeugt die Studie durch die Vielfalt der gewählten Forschungszugänge. Mit der Analyse verschiedener Dokumente, der Betrachtung von mit Weiterbildungspreisen versehenen Projekten sowie der Befragung sehr unterschiedlicher Experten wurden ganz unterschiedliche Möglichkeiten genutzt, um Weiterbildungstrends aufzuspüren und zu kategorisieren. Dass die sich dabei ergebenden Erkenntnisse für den Branchenkenner nicht übermäßig neu sind, darf nicht überraschen, denn auch von diesem darf man ja erwarten, dass er zumindest einige der hier zu Grunde gelegten Quellen wie etwa Fachzeitschriften, Branchendienste oder Informationen über Weiterbildungs-Awards regelmäßig rezipiert und für seinen Berufsalltag auswertet. Der Charme der Studie liegt somit weniger in einem überragenden Neuigkeitswert - auch die Experteninterviews können diesen nicht wirklich erhöhen - sondern darin, dass hier unterschiedliche Trends des Weiterbildungsbereichs in einer fundierten Zusammenschau und mit Beispielen untermauert dargestellt werden.

Ein konkreter, ganz praktischer Nutzen ergibt sich für den Leser insofern, als er einen Überblick über verschiedene für ihn nutzbare Informationsquellen erhält und somit auch für zukünftige eigene Recherchen hilfreiche Anhaltspunkte erhält: So werden etwa die wichtigsten Buchpublikationen zur Weiterbildungs-Innovationsforschung aufgelistet (vgl. S. 23), deutsche Innovationspreise im Weiterbildungsbereich incl. kurzer Beschreibung und Internet-Adresse in einer Tabelle aufgeführt (vgl. S. 32 f.), regelmäßig erscheinende Weiterbildungs(trend)studien überblicksartig genannt (vgl. S. 156), und auch die Ergebnisse der hier vorgelegten Studie selbst werden auf zwei Seiten in einer stichpunktartigen Tabelle zusammengefasst (vgl. S. 150 f.). Das Buch erhält somit in gewisser Weise den Charakter eines hilfreichen Nachschlagewerks für alle, die sich über Weiterbildungstrends auf dem Laufenden halten wollen.

Auf der anderen Seite jedoch bleibt der Autor im Grunde bei dieser reinen Auflistung und Kategorisierung von Trends stehen. Eine Integration und Diskussion der Ergebnisse findet kaum statt, Schlussfolgerungen für die Weiterbildungspraxis werden kaum gezogen.

Dies spiegelt sich auch in der formalen Gestaltung des Werkes wider. So stehen die einzelnen Kapitel relativ unverbunden nebeneinander und wären in ihrer Anordnung teilweise durchaus austauschbar. Einiges wiederholt sich, so wird z.B. die Trendstudie des Hessischen Volkshochschulverbands in Kapitel 1 kurz vorgestellt, in Kapitel 4 werden Ergebnisse daraus ausführlich benannt und später (!) wird in Kapitel 6 nochmals die gesamte Studie samt Ausgangsidee, Methoden und Ergebnisse umrissen. Es drängt sich die Vermutung auf, dass hier teilweise zu einem anderen Zweck geschriebene Projektberichte, Materialsammlungen und ggf. ergänzend geschriebene Kapitel zu einem Buch zusammengeschnürt wurden, ohne diese miteinander verbunden zu haben. Dies wäre auch eine Erklärung für Phänomene wie z.B. jenes, dass so manches (bis zu drei Seiten langes) Expertenzitat nicht nur einmal, sondern an mehreren, ganz unterschiedlichen Stellen im Buch auftaucht.

Innerhalb der Kapitel ist teilweise Ähnliches zu beobachten, besonders augenscheinlich ist dies in Kapitel 4, welches mit seinen über 80 Seiten fast die Hälfte des gesamten Werks ausmacht. Hierin werden vorrangig wörtliche Passagen aus den Experteninterviews wiedergegeben, sie werden zwar bestimmten Überschriften (welche jeweils einen Weiterbildungstrend bezeichnen) zugeordnet, bleiben ansonsten jedoch völlig unkommentiert. Zudem werden einige Ergebnisse der Interviews und der Dokumentenanalysen in spiegelstrichartigen Auflistungen stichpunktartig oder in Form von Halbsätzen genannt. Häufig ergibt sich daraus eine Ansammlung einzelner, sich im Extremfall sogar widersprechender Prognosen - es bleibt dem Leser überlassen, wie er diese interpretiert und welche Schlussfolgerungen er daraus zieht.

Dieses Vorgehen ist ja durchaus legitim und möglicherweise war nichts anderes bezweckt - doch in letztgenanntem Fall wäre es günstig gewesen, den Leser darüber in Kenntnis zu setzen, dass es sich hier nicht um ein in sich geschlossenes Werk, sondern im Wesentlichen eher um eine Art Materialsammlung (die als solche sehr interessant ist und vielfältige Ansätze zum Weiterdenken beinhaltet!) handelt.

Fazit

Wenn hier auch keine stringente,  in sich geschlossene Weiterbildungs-Trend-Analyse vorgelegt wurde, erhält der Leser dennoch eine aktuelle und vielfältige Sammlung von Anregungen und Denkanstößen für die tägliche Praxis - insofern ein lohnendes Buch!

Rezension von
Dipl.-Psych. Heike Neidhardt
M.A., Selbstständige Fachautorin, Online-Trainerin und Dozenten-Coach
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Es gibt 11 Rezensionen von Heike Neidhardt.

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Zitiervorschlag
Heike Neidhardt. Rezension vom 03.05.2007 zu: Heiner Barz: Innovation in der Weiterbildung. Was Programmverantwortliche heute wissen müssen. ZIEL Verlag (Augsburg) 2006. ISBN 978-3-937210-81-0. Reihe: Grundlagen der Weiterbildung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4617.php, Datum des Zugriffs 17.04.2024.


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