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Barbara Schramkowski: Integration unter Vorbehalt. Perspektiven junger Erwachsener mit Migrationshintergrund

Cover Barbara Schramkowski: Integration unter Vorbehalt. Perspektiven junger Erwachsener mit Migrationshintergrund. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2006. 410 Seiten. ISBN 978-3-88939-836-9. 26,90 EUR.

Reihe: Beiträge zur Regional- und Migrationsforschung - 8.
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Einführung

Das Thema Integration ist seit ein bis zwei Jahren auf der politischen Agenda. Ausgelöst durch einen so genannten Ehrenmord in Berlin sowie durch einen Hilferuf einer Berliner Hauptschule in Berlin-Neukölln ist das Thema der Integration der Migranten kein Nischenthema mehr. Auf der politischen Ebene ist seit diesen Ereignissen einiges passiert. Während das Bundeskanzleramt im Juli 2006 zu einem Integrationsgipfel eingeladen hat, hat das Bundesinnenministerium die erste Deutsche Islamkonferenz, angelegt auf drei Jahre, berufen.

Bei der öffentlichen Diskussion, wie auch die Islamkonferenz zeigt, geht es aber nicht darum, die Integrationsbemühungen auf alle Migranten auszudehnen, sondern sich auf muslimisch geprägten Gruppen - in erster Linie auf die Männer - zu konzentrieren. Es scheint so, als ob die Politik und die Medien die männlichen Migranten mit muslimischem Hintergrund als Problemgruppe identifiziert zu haben. Die muslimischen Jungen und junge Männer werden in der Öffentlichkeit mit Synonymen, wie "Machos" oder "kleine Prinzen" beschrieben. Die öffentliche Wahrnehmung der Männer wird auf den Islam reduziert. Der muslimische Mann wird im Kontext der Familie nicht nur verwöhnt, sondern zu Gewalttäter und Frauenwächter erzogen. Diese Annahme wird primär mit dem Islam begründet, der die Frau unterdrücke und als Mensch zweiter Klasse sehe, so die undifferenzierte und stereotype öffentliche Zuschreibung seitens der Mehrheitsgesellschaft. Dadurch wird das Feindbild Islam geschürt, das als Bedrohung für die eigene Kultur und die Emanzipation empfunden wird. Die jungen muslimischen Männer, die nicht in dieses Raster passen, werden nicht wahrgenommen und sind unsichtbar. Vor allem aber wird übersehen, dass nicht nur die ausländische Bevölkerung in sich alles andere als homogen ist, sondern auch die muslimische Bevölkerung.

Aus diesen Gründen darf verständlicher Weise gefragt werden, warum wieder ein Buch zum Thema Integration veröffentlicht werden muss, zumal alle Argumente seitens der Politik und der zu integrierenden Minderheit bekannt sind. Das Spannende an dem Buch von Barbara Scharamkowski ist, dass sie die so genannten "integrierten" Migranten (aus der Türkei und Spätaussiedler) nach ihren subjektiven Wahrnehmungen nach Integration befragt. Denn die Öffentlichkeit interessiert sich in der Regel nach nicht Integrierten oder nach "Integrationsunwilligen" (ein neues Modewort im Mainstream). Deshalb kann die Veröffentlichung als eine Gegenbewegung zum Mainstream gesehen werden, um u. a. die Diskussion zu versachlichen.

Entstehungshintergrund

Die Autorin des folgenden Bandes ist Dipl.-Sozialpädagogin. Nach einigen Jahren in der sozialen Arbeit im interkulturellen Kontext hat Barbara Schramkowski der Praxis den Rücken gekehrt, um sich mit der Theorie der Interkulturellen Pädagogik zu befassen. Mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung in Form eines Doktorandenstipendiums hat sie an der Universität Oldenburg ihre Promotion abgeschlossen. Die folgende Veröffentlichung ist Ihre Dissertationsschrift.

Aufbau und Inhalt

Die folgende Studie ist in sechs Hauptkapiteln aufgebaut.

  • Kapitel 1 trägt den Titel "Ausgangspunkt und Fragestellung". Die Autorin erläutert hier nicht nur ausführlich ihr Forschungsinteresse, sondern ihre wichtigste Fragestellung, die wie folgt lautet: "Ziel der vorliegenden Studie ist die Rekonstruktion subjektiver Erfahrungen und Sichtweisen junger Erwachsener mit Migrationshintergrund mit bzw. auf Integration, deren Integrationsverläufe von Experten des Forschungsfeldes als positiv bewertet werden, sowie mit ihnen verbundener subjektiver Empfindungen, Interpretations- und Orientierungsmuster und Handlungsspielräume." (S. 17f.) Im zweiten Abschnitt des ersten Kapitels versucht Schramkowski die zentralen Begriffe des Themenschwerpunktes zu ordnen. 
  • Im zweiten Kapitel - ausgedehnt auf ca. 100 Seiten - setzt sich Barbara Schramkowski mit theoretischen Perspektiven auf Integration und Migration in Deutschland auseinander. Sie zeichnet nicht nur eine kritische Nachbetrachtung auf die Migrationspolitik nach, sondern setzt sich darüber hinaus mit wichtigsten soziologischen Theorien zu Eingliederungsprozessen ethnischer Minderheiten auseinander. Sie referiert Georg Simmels Konzept "Exkurs über den Fremden" (S. 91ff.), Kai Uwe Hellmanns "Fremdheit als soziale Konstruktion" (S. 92ff.) sowie Norbert Elias“ "Etablierte und Außenseiter" (S. 93ff.) und zieht aus diesen Theorien Konsequenzen für ihre eigene Arbeit.
  • In den Kapiteln drei und vier erläutert Schramkowski Ihr methodisches Vorgehen. Sie befragt nicht nur 16 (acht InterviewpartnerInnen mit türkischem Hintergrund, acht InterviewpartnerInnen mit Spätaussiedlerhintergrund) so genannte integrierte junge Erwachsene, sondern acht Integrationsexperten. Sie referiert zwar das Integrationsverständnis der Experten, stellt sie aber nicht ausführlich vor, wie sie es bei den anderen 16 Interviewpartnern tut.
  • Ihre empirischen Ergebnisse stellt die Autorin in den Kapiteln fünf "Perspektiven junger Erwachsene auf "Integration"" und sechs "Integration unter Vorbehalt" vor. Das letzte Kapitel ist als Resümee des gesamten Buches zu verstehen. 

Zielgruppen

Das Buch kann nicht nur allen Lehrenden und Lernenden wärmstens empfohlen werden, sondern in erster Linie politischen Entscheidungsträgern, um eine andere Perspektive in Integrationsfragen zu erhalten.

Diskussion

Es war an der Zeit, dass eine Autorin sich zu einem politisch brisanten Thema äußert, die keinen so genannten Migrationshintergrund hat. Denn dadurch gewinnt ihre Arbeit durch professionellen Abstand mehr Tiefgang. Es kann ihr darüber hinaus nicht der Vorwurf gemacht werden, dass sie aus der Betroffenperspektive argumentiert und nicht objektiv sein kann. Barbara Schramkowski zeigt eindrucksvoll, mit welchen Vorbehalten und Vorurteilen junge Erwachsene, auch wenn hier geboren und aufgewachsen, zu tun haben und trotzdem ihren Alltag sehr gut bewältigen. Hier betont und kritisiert Schramkowski zu Recht die Eindimensionalität der Integration, d.h. es werden in der Öffentlichkeit die Sichtweisen der Mehrheitsgesellschaft betrachtet, die sich mit äußeren Rahmenbedingungen, wie Deutschkenntnisse, Schulbildung oder Berufsleben, begnügen (S. 307ff.) "Um den Blick von einer eindimensionalen, ethnisierenden Betrachtungsweise auf die existente Vielschichtigkeit zu lenken und Lebenslagen Eingewanderter ganzheitlich zu betrachten, (...) kommt der Einbeziehung der Perspektive von Personen mit Migrationshintergrund zentrale Bedeutung zu." (S. 309f.) Hier wird deutlich, dass die Mehrheitsgesellschaft und Menschen mit Migrationshintergrund nicht dasselbe meinen, wenn sie über Integration diskutieren. Obwohl aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft die Interviewpartner der Autorin integriert sind, fühlen sich die meisten nicht integriert und assoziieren mit dem Begriff ein negatives Bild. Hier sei  auf das Stichwort "Assimilation" zu verweisen (S. 357 f.). Das sind auch die Gründe für ihren Buchtitel "Integration unter Vorbehalt". Alleine mit (guten) Deutschkenntnissen (verlangt die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer in jedem Interview) wird die Integration nicht gelingen. Vielmehr muss die Migration als positive Ressource anerkannt und die Migranten als Teil dieser Gesellschaft gleichberechtigt behandelt werden. Denn sonst werden wir die folgende Aussage von Schramkowski noch öfters lesen und hören: "Die Erfahrungen und Sichtweisen der jungen Erwachsenen lassen erkennen, dass viele sich infolge des Vorbehalts der Anerkennung ihrer Zugehörigkeit als gleichberechtigte Gesellschaftsmitglieder trotz ihrer im Sinne wissenschaftlicher Indikatoren erfolgreichen Integration nicht integriert und (...) zugehörig fühlen." (S. 373f.)

Fazit

Ein hervorragendes Buch, das ich nicht nur Migrationsforscherinnen und -forschern uneingeschränkt empfehlen möchte, sondern politischen Entscheidungsträgern als Pflichtlektüre ans Herz lege. Wenn die Politik und Gesellschaft mit Integration ernst machen möchte, dann sind die neuen Erkenntnisse der Autorin unverzichtbar für eine Integration, die nicht eingleisig sein soll. Der Wissenschaft wird vorgeworfen, dass sie sich zu gesellschaftspolitischen Themen selten einbringt. Diesen Vorwurf entkräftet Schramkowski eindrucksvoll. Ob das den politischen Entscheidungsträgern gefällt, bleibt abzuwarten. Ich wünsche dem konstruktiven Beitrag von Barbara Schramkowski in jeder Hinsicht eine intensive Rezeption.


Rezension von
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 21.04.2007 zu: Barbara Schramkowski: Integration unter Vorbehalt. Perspektiven junger Erwachsener mit Migrationshintergrund. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2006. ISBN 978-3-88939-836-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4622.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


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