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Sylvia Baeck: Essstörungen. Was Eltern und Lehrer tun können

Cover Sylvia Baeck: Essstörungen. Was Eltern und Lehrer tun können. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2007. ISBN 978-3-86739-009-5. 14,90 EUR, CH: 26,80 sFr.
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Autorin und Zielgruppe

Sylvia Baeck ist Mitbegründerin der Berliner Beratungsstelle "Dick & Dünn e.V." und schöpft aus 20jähriger Beratungserfahrung mit Betroffenen und Angehörigen. Ihr Ratgeber richtet sich an Eltern und Lehrer, wobei allerdings der Hauptfokus bei den Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Esstörungen liegt (Magersucht, Bulimie, Binge-Eating-Störung, Übergewicht oder Adipositas). Sie erhalten eine fundierte Informationsgrundlage und konkrete Verhaltenstipps im Umgang mit ihren Kindern, die sowohl für die Motivierung zur Behandlung als auch für die Begleitung einer Therapie hilfreich sein können. Auch kommen Fragen der Selbstreflexion der Angehörigen zur Sprache: Hierbei geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um einen lösungsorientierten Umgang aller Beteiligten mit dem vielschichtigen Problem und hierbei auch um die Wahrung persönlicher Grenzen.

Lehrer finden zwar Hintergrundinformationen und Verhaltensratschläge für Erstgespräche mit Betroffenenen und ihren Eltern, bezüglich weiterführender Projektarbeit oder bei Fragen der thematischen Unterrichtsgestaltung werden sie aber auf weiterführende Literatur bzw. fachbezogene Internetlinks verwiesen.

Inhalt

In vielen Kapiteln des Buches werden Fallgeschichten eingestreut und Aussagen von Betroffenen und Angehörigen zitiert, dies macht die Darstellung sehr lebendig. Am Anfang und in den letzten Kapiteln findet sich auch eine kritische Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse, die dann aber bei der konkreten Beschäftigung mit einzelnen Störungsbildern in den Hintergrund tritt und einer eher Einzelfall- und Familienorientierten Betrachtung weicht. Zahlenangaben, die den enormen Markt für Diätprodukte verdeutlichen, sind über 10 Jahre alt und noch in DM angegeben.

Das Erste Kapitel beschäftigt sich mit den ersten Anzeichen, die auf eine beginnende Esstörung hindeuten, mit der Verunsicherung der Eltern und mit hilfreichen Hinweisen zur Kommunikation in der Frühphase. Es folgen nun zwei Kapitel, die sich mit den spezifischen Störungsbildern Bulimie und Anorexie befassen. Hier geht es um ursächliche Zusammenhänge, eine am DSM IV (einer internationalen Klassifikation psychischer Störungen) orientierte Schilderung typischer Symptome, um die Sichtweisen der Betroffenen und Angehörigen und um mögliche Unterstützung der Eltern bei einer in Angriff genommenen Beratung und Therapie. Besonders hervorzuheben wären hier auch ganz konkrete Verhaltenstipps für den gemeinsamen Alltag, wie zum Beispiel den Umgang mit Geld oder das Verhalten bei den Mahlzeiten.

Das eingestreute Kapitel: Persönlichkeitsstörungen und psychogene Essstörungen dient eher der Information der Eltern über mögliche Zusatzdiagnosen ihrer Kinder, ist sehr stark am DSM IV orientiert und lässt einen kritischen Umgang mit der Diagnose "Persönlichkeitsstörung" vermissen. Meiner Auffassung nach sollte eine derartige Diagnose auf keinen Fall vor dem 18. Lebensjahr gestellt werden und ist auch bei 18 bis 21jährigen mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten.

Im folgenden Kapitel geht es um Übergewicht, Adipositas und um die Binge-Eating-Störung. Hier finden sich fundierte Hintergrundinformationen, verständliche Begriffsklärungen, Verweise auf genaue Tabellen zur Einschätzung des Gewichts des eigenen Kindes im Anhang und darauf basierend wieder konkrete Verhaltenstipps und Beispiele für eine wertschätzende Kommunikation in der Familie.

In den letzten Kapiteln geht es um allgemeine Verhaltensempfehlungen im Zusammenhang mit Essstörungen, um den Umgang mit besonderen Problemsituationen (wie z.B. mit selbstverletzendem Verhalten des Kindes), um das Wahren angemessener Grenzen und um Erläuterungen, was bei einer Therapie geschieht. Die Erläuterungen zu den einzelnen therapeutischen Richtungen sind hierbei allerdings sehr knapp, z.T.  stichwortartig gehalten. Tabuthemen wie z.B. sexueller Missbrauch und ihr Zusammenhang mit Essstörungen werden zwar angeschnitten, aber nicht sehr weit vertieft. Besonders hervorzuheben wären darüber hinaus die Anleitungen zur Selbstreflexion der Eltern und die konkreten Hinweise, wie man eine Angehörigengruppe finden oder gründen kann und welche Gesprächsregeln sich in der Angehörigenarbeit als hilfreich erwiesen haben.

Fazit

Es handelt sich um einen hilfreichen Ratgeber, der auf jahrelanger Beratungserfahrung der Autorin fußt, er orientiert sich an international üblichen Diagnosen, stellt die Grenzen wahrende, respektvolle Kommunikation aller Beteiligten in den Vordergrund und erläutert das Hilfesystem für Betroffene und Angehörige. Gesellschaftskritische Aspekte werden zwar thematisiert, stehen aber nicht im Zentrum der Betrachtung, sondern münden eher in dem Rat, individuell und als Familie eine gewisse Distanz zu überzogenen Schönheitsidealen zu entwickeln.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 24.06.2007 zu: Sylvia Baeck: Essstörungen. Was Eltern und Lehrer tun können. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2007. ISBN 978-3-86739-009-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4624.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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