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Inken Albrecht: Neue Wege in der Begleitung von Menschen mit Demenz

Cover Inken Albrecht: Neue Wege in der Begleitung von Menschen mit Demenz: Das Wohngruppenkonzept „Clara Zetkin". Eine Darstellung aus konzeptioneller, pflegewissenschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Sicht. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2007. 168 Seiten. ISBN 978-3-935299-94-7. 21,00 EUR.

Reihe: Thema, Band 204.
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Thema

Die stationäre Altenhilfe in Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten einige teils gravierende Veränderungen hinsichtlich ihrer Klientel- und Organisationsstruktur durchgemacht. Das Altenheim als Heimstatt von meist noch rüstigen aber teils hilfebedürftigen alten Menschen entwickelte sich zunehmend zu einer Einrichtung für Pflegebedürftige. Die Förderung von Einrichtungen der Betreuten Wohnens und letztlich die Einführung der Pflegeversicherung haben dazu geführt, dass die Institution Altenheim durch die Institution Altenpflegeheim ersetzt wurde. Parallel hierzu wurde ebenfalls durch die Pflegeversicherung der flächendeckende Ausbau der ambulanten Pflege vorangetrieben. In Anlehnung aus Erfahrungen aus anderen Ländern fand eine zunehmende Binnendifferenzierung im Heimbereich statt, so wurden und werden mehr und mehr spezielle Wohngruppen für Demenzkranke in den Heimen eingerichtet. Darüber hinaus werden seit ca. 10 Jahren Wohngemeinschaften für Demenzkranke als Solitäreinrichtungen geschaffen, die überwiegend von ambulanten Pflege- und Betreuungsdiensten versorgt werden. In dieser Phase der Herausbildung demenzspezifischer Versorgungsstrukturen im stationären und vorstationären Bereich propagiert das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) seit einigen Jahren das Konzept der so genannten „Hausgemeinschaft“ für den Heimbereich. Dieses Modell sieht eine vollständige Dezentralisierung der Versorgungsleistungen Mahlzeitenzubereitung und Wäscheversorgung vor. Das heißt, in den Wohngruppen wird nicht nur gepflegt und betreut, sondern zusätzlich wird dort auch gekocht und die Wäsche der Bewohner gewaschen. Dieses von der Organisationslogik her äußerst abstruse Modell hat sich in Deutschland allein aus betriebwirtschaftlichen Gründen nicht durchsetzen können, sieht man von einigen „Modellprojekten“ einmal ab.

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um die wissenschaftliche Begleitung eines Modellprojektes „Wohngruppenhäuser für pflegebedürftige demente Seniorinnen und Senioren“ in Brandenburg, die von der Evangelischen Fachhochschule Berlin (Leitung Prof. Dr. Olivia Dibelius und Prof. Dr. Hildebrand Ptak) im Zeitraum 1. Oktober 2002 – 1. Oktober 2003 durchgeführt wurde. Im Rahmen dieser Begleitung entstanden die Diplomarbeiten der Autoren, deren Zusammenfassungen den Hauptteil der vorliegenden Veröffentlichung ausmachen.

Autorinen und Autoren

Inken Albrecht, Andreas Bernath und Sebastian Thieswald sind Kranken- bzw. Altenpfleger, die ein Studium zum Diplom-Pflegewirt (FH) an der Evangelischen Fachhochschule Berlin mit Diplomarbeiten über das Wohngruppenkonzept „Clara Zetkin“ abgeschlossen haben. Elke Morgenroth (Beschäftigungstherapeutin und Studium der Heilpädagogik) ist seit 2001 Leiterin der Einrichtung.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einer Einleitung in vier Teile untergliedert, wobei die ersten drei Teile aus den Zusammenfassungen der Diplomarbeiten bestehen. Der vierte Teil beinhaltet einen Praxisbericht über die Einrichtung.

In der Einführung „Neue Wege in der Begleitung von Menschen mit Demenz“ (Seite 7 – 22) werden überblickartig die wesentlichen Punkte der „innovativen Versorgungsform“ dargestellt: u. a. drei Wohngemeinschaften mit je acht Plätzen, pflegerische Versorgung durch die Sozialstation „Clara“ und Betreuung durch so genannte „Präsenzkräfte“ (je eine Präsenzkraft pro Wohngruppe und Schicht).

In Teil I – „Innovative Betreuungskonzeptionen in der Altenhilfe – Eine Empirische Untersuchung zur integrativen und segregativen Dementenbetreuung“ (Seite 23 – 86) – beschreibt Sebastian Thieswald zu Beginn die verschiedenen Ansätze homogener Demenzversorgung im stationären und vorstationären Bereich aus verschiedenen europäischen Ländern (u. a. das Cantou-Konzept aus Frankreich, Anton-Pieck-Hofje aus den Niederlanden und das Drei-Welten-Modell aus der Schweiz). Es folgt die Darstellung des Modellvorhabens und die Ergebnisse der Befragung der leitenden Mitarbeiterinnen und der Angehörigen zu ihren Erfahrungen mit den besonderen Eigenheiten der Einrichtung. Gemäß dem Wohngruppenhauskonzept haben die Bewohner der Wohngruppen einen Mieterstatus. Bei diesem Modell wird großen Wert auf die Einbindung der Angehörigen in das Geschehen gelegt.

In Teil II – „Die Entwicklung eines Pflegemodells zur Betreuung von demenziell erkrankten Menschen in Wohngruppenhäusern“ (Seite 87 – 121) – befasst sich Inken Albrecht mit dem Pflegemodell der Einrichtung und deren Wirkung auf die Arbeit der Mitarbeiter. Das Pflegemodell ist eine Zusammenfügung aus dem so genannten psychobiografischen Pflegemodell von Böhm, der fördernden Prozesspflege von Krohwinkel und der so genannten integrativen Validation von Richard. Die Befragung der Mitarbeiter ergab, dass diese Modelle in der alltäglichen Praxis der Pflege und Betreuung keinerlei Bedeutung als Handlungsorientierung besitzen. Auch die so genannte integrative Validation zeigt bei den Demenzkranken keine Wirkung. Moniert wird von den Mitarbeitern das Fehlen fester Pausenzeiten und dass die Übergabe außerhalb der Dienstzeit, quasi in ihrer Freizeit, stattfindet.

In Teil III – „Betriebsvergleich zur Optimierung eines Controllingkonzeptes in der speziellen Dementenbetreuung“ (Seite 122 – 159) – wird von Andreas Bernath das Modellvorhaben „Clara Zetkin“ mit einer Pflegeeinrichtung in privater Trägerschaft (Katharinenhof am Dorfanger in Fredersdorf) unter betriebwirtschaftlichen Aspekten verglichen. Problematisch ist der Vergleich hinsichtlich der organisatorischen Rahmenbedingungen, denn für das Modellvorhaben „Clara Zetkin“ mit dem Wohnansatz („Mieterstatus“) gelten weder das Heimgesetz noch die Heimpersonalverordnung mit der Maßgabe eines Fachpflegeanteils von mindestens 50 Prozent.

In Teil IV – „Pflegebericht über die Tätigkeit im Wohngruppenhaus für pflegebedürftige demenziell erkrankte Bürgerinnen und Bürger“ (Seite 160 – 167) – berichtet Elke Morgenroth ihre Eindrücke und Ansichten über das Milieu, den Umgangsstil und die Beziehungen zu den Angehörigen in dieser Einrichtung, wobei sie einige Beispiele der Interaktionen zwischen Demenzkranken und Betreuern und Angehörigen anführt.

Diskussion

An diesem „innovativen Konzept“ in Anlehnung an das so genannte „Hausgemeinschaftsmodell“ des KDA gilt es einige, für die Demenzpflege äußerst wichtige Punkte kritisch zu hinterfragen:

  • Der so genannte „Mieter„-Status der Demenzkranken: Hierbei handelt es sich um einen bloßen Trick, um das Heimrecht und andere Verordnungen zum Schutz der hilfebedürftigen Menschen umgehen zu können. Ein Demenzkranker im mittelschweren Stadium kann per se kein Mieter sein, da dieser Status eine Person im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte voraussetzt, die mit ihren Rechten und Pflichten als Mieter vertraut ist. Hierdurch wird die Versorgungsleistung um einiges kostengünstiger, doch die Kehrseite besteht aus dem Sachverhalt, dass Qualitätsstandards (Heimmindestbauverordnung, Heimpersonalmindestverordnung) und Schutzrechte (Heimgesetz u. a.) in diesen Einrichtungen keine Geltung haben.
  • Das für die Demenzpflege bedeutsame Prinzip der personalen Stetigkeit wird verletzt, wenn unterschiedliche Dienste und Personengruppen (ambulante Dienst und so genannte Präsenzkräfte) die Pflege und Betreuung übernehmen.
  • Eine Wohngruppe mit nur acht Plätzen ist aus personalwirtschaftlichen Gründen zu klein, da hier dann nur eine Betreuungskraft oder Pflegende gemäß dem Pflegeschlüssel anwesend sein kann. Demenzpflege und Demenzbetreuung hingegen ist jedoch kollektives Handeln, um die psychische und physische Überforderung der Mitarbeiter zu vermeiden. [1]
  • Betriebswirtschaftlich trägt sich eine derart kleine Einrichtung von der Platzzahl her nicht. Entweder wird an Personal und Qualifikation gespart oder die Kosten sind überdurchschnittlich hoch.

Fazit

Die vorliegende Publikation stellt ein Versorgungsmodell für Demenzkranke vor, das in vielerlei Hinsicht nicht den Bedürfnissen der Betroffenen und der Mitarbeiter entspricht. Wenn die extrem hilflosen Bewohner dann auch noch gezielt ihrer Schutzrechte beraubt werden, um Kostenvorteile zu erschleichen, dann kann hier von einer potentiell gefährlichen Lebenswelt für Demenzkranke gesprochen werden. Es bleibt zu hoffen, dass derartige Fehlentwicklungen in der Altenhilfe im Rahmen der Reform der Pflegeversicherung baldigst revidiert werden.


[1] Lind, S.: Sind sie wirklich der Königsweg? Altenheim, 44 (2005), 3, 36 – 38.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 09.03.2009 zu: Inken Albrecht: Neue Wege in der Begleitung von Menschen mit Demenz: Das Wohngruppenkonzept „Clara Zetkin". Eine Darstellung aus konzeptioneller, pflegewissenschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Sicht. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2007. ISBN 978-3-935299-94-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4636.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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