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Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Systemische Therapie und Beratung II

Cover Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Systemische Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. 452 Seiten. ISBN 978-3-525-46256-0. 39,90 EUR.
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Lehrbücher sind langweilig, aber unvermeidlich?

Wann haben Sie zum letzten Mal beim ersten Blättern in einem Lehrbuch herzhaft gelacht? Können Sie sich erinnern, fasziniert in einem Lehrbuch geschmökert zu haben, völlig freiwillig, ganz ohne Sinn und Zweck, ohne sich auf eine Prüfung vorbereiten, ohne einen Titel oder ein Diplom erlangen zu wollen? Wann waren Sie schon beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses eines Lehrbuchs begeistert über die Kreativität der Autoren? All das könnte - ähnlich wie dem Rezensenten - denjenigen passieren, die den 2. Band des Lehrbuchs von Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer zum störungsspezifischen Wissen der systemischen Therapie zur Hand nehmen.

Diagnosen sind überflüssig?

Es gibt Bücher, deren Lektüre das Lesen von hundert anderen Büchern und Artikeln in Fachzeitschriften erspart. Dazu gehört für mich das Lehrbuch für systemische Therapie und Beratung, das Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer 1996 in der ersten Auflage vorgelegt haben. Es ist schnell zum Standardwerk im "systemischen Feld" avanciert. Trotz der Befürchtung, die Helm Stierlin damals im Vorwort zum Ausdruck brachte, dass das Erscheinen von Lehrbüchern ein Signal für eine Phase der Etabliertheit und Erstarrung von neuen Methoden sein könne, vermochte der erste Band dieses Lehrbuchs nicht nur systemisches Wissen zu kanonisieren und es memorierbar zu machen, sondern nach wie vor Neugier zu wecken, anzuregen und zu "verstören". Nun legen die Verfasser 10 Jahre später den zweiten Band dieses Lehrbuchs vor - und schon der Titel kann für manche überzeugte Systemikerin eine Provokation sein.

  • Braucht es "störungsspezifisches Wissen"?
  • Machen Diagnosen doch Sinn?
  • Geht es nicht viel mehr um "Verflüssigung" erstarrter Krankheitskonzepte und um Befreiung von stigmatisierenden Diagnosen?
  • Passt sich die systemische Therapie den Herrschaftsmechanismen des medizinisch-therapeutischen Systems an und verkauft ihre Überzeugungen für das Linsengericht der Zulassung zu den lukrativen Gesundheitsmärkten?

Ich gebe zu: nachdem ich viele Jahre meines Berufslebens im sozialpsychiatrischen Feld verbracht habe, beschlichen auch mich diese Zweifel, bevor ich begann, das Buch zu lesen.

Die Autoren

Die Autoren stehen für einen undogmatischen - oder "konstruktivistischen"? - Umgang auch mit systemischen Selbstverständlichkeiten. Sie haben immer wieder "gegen den systemischen Strich gebürstet". Jochen Schweitzer z.B., indem er, statt wie andere die neoliberalen Tendenzen in Politik, Ökonomie und Gesellschaft zu ignorieren oder gar als Fortschritt zu feiern, auf problematische Entwicklungen hinwies. Arist von Schlippe z.B. mit seinem Beitrag zur Verbreitung des für viele zunächst vielleicht "unsystemisch" anmutenden Konzepts von Haim Omer zum Umgang mit extrem schwierigen Jugendlichen (Omer, Haim & Arist von Schlippe: Autorität ohne Gewalt - "Elterliche Präsenz" als systemisches Konzept. Göttingen 2003) oder mit seiner Abkehr von Bert Hellingers Art der Aufstellungsarbeit und der Selbstkritik an seinem eigenen Beitrag zu Hellingers Popularisierung.  Beide Autoren sind klinischen Psychologen, Arist von Schlippe lehrt seit 2005 als Professor für Führung und Dynamik von Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke, Jochen Schweitzer ist Professor für Medizinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat vier Teile:

  • Im ersten fassen die Autoren auf ca. 30 Seiten die systemischen Grundprinzipien zur Behandlung von Störungen mit Krankheitswert zusammen, referieren wichtige Aspekte des Standes der Psychotherapieforschung - etwa den Trend vom schulenspezifischen zu störungsspezifischen Vorgehensweisen - und beleuchten die Stellung der systemischen Familientherapie im Vergleich zu anderen Therapieformen. Systemische Therapie, so erfährt man z.B., ist inzwischen auch empirisch gut abgesichert und schneidet im Vergleich zu anderen Therapieverfahren recht gut ab, obwohl ihr die offizielle Anerkennung als "Richtlinienverfahren" zumindest in Deutschland immer noch versagt ist.

In den Teilen zwei bis vier wird die Anwendung systemischer Therapie bei Störungen im Erwachsenenalter, in der systemischen Kinder- und Jugendlichentherapie und in der "systemischen Familienmedizin", der Behandlung somatischer Störungen unter systemischem Blickwinkel, behandelt. Die Struktur der Abschnitte zu den einzelnen Störungen, denen  jeweils etwa 20 Seiten gewidmet werden, folgt einem überzeugenden Dreischritt. Den Ausgangspunkt bildet das Störungsbild, die Symptomatik und die Diagnose nach dem offiziellen Diagnoseschlüssel ICD 10. Dieses Krankheitskonzept wird dann im zweiten Schritt "verflüssigt", indem es in den Kontext von Beziehungsmustern gestellt wird. Im dritten Schritt folgen Vorschläge zur "Entstörung", zum konkreten therapeutischen Vorgehen.

  • Teil 2, systemische Psychotherapie mit Erwachsenen, bildet mit ca. 180 Seiten den Schwerpunkt. Es werden 11 wichtige Störungsbilder behandelt, von schizophrenen und schizoaffektiven Psychosen bis zu suizidalen Krisen. Schon mit der Kapitelüberschrift beginnt die Auflösung des Krankheitskonzepts, werden Beziehungsinformationen gebündelt: "Depression - Vom Nichtkönnen und vom Nichtwollen"; "Somatisierungsstörungen - Schmerz als Beziehungsinformation"; "Süchte: Alkohol und illegale Drogen - von Kontrollversuchen zur Sehn-Sucht".
  • Der dritte Teil zur systemischen Kinder- und Jugendlichentherapie (85 Seiten) behandelt nach einer Einführung zur "Kinderfreundlichen Therapie" sechs Störungen des Kinder- und Jugendalters, u.a. Fütter-, Schlaf- und Schreistörungen ("Wie Babys ihre Eltern stimulieren"), Einnässen und einkoten ("Die Dinge zum richtigen Zeitpunkt herauslassen") oder ADHS ("Wo die wilden Kerle wohnen").
  • Anhand von 6 somatischen Krankheitsbildern - Brustkrebs, Nierentransplantation, unerfüllter Kinderwunsch, Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen, Asthma im Kindesalter und juveniler Diabetes - werden im 4. Teil auf ca. 75 Seiten Forschungsergebnisse der Systemischen Familienmedizin referiert. Insbesondere in diesem Teil wird deutlich, wie groß die unerforschten weißen Flecken auf der systemischen Landkarte noch sind - und wie weit sich die systemische Familienmedizin noch zu entwickelt hat. 

Zielgruppen

Alle an systemischer Praxis und Theorieentwicklung  interessierten Menschen, unabhängig von der Berufsgruppe, werden hier eine wahre Fundgrube an Anregungen und eine übersichtliche Zusammenstellung des vielfach in (teilweise schwer zugänglichen) Fachzeitschriften verstreut publizierten klinischen Wissens finden.

Einschätzung

Trotz meiner anfänglichen Skepsis: ich bin begeistert von dem Buch. Erfreulich finde ich z.B., dass immer wieder - unaufdringlich - deutlich gemacht wird, wie gesellschaftliche und politische Faktoren bei der Entstehung von Störungen mitwirken. So wird im Kapitel über Gewalt und dissoziale Störungen bei Jugendlichen darauf hingewiesen, welche Bedeutung die Desintegration, d.h. "die Auflösung sicherer und verlässlicher Lebenswelten, für Jugendgewalt hat" (S. 322). Das systemische Denken hört aber nicht bei Familie und Schule auf: "An solcher Desintegration wird in allen neoliberal orientierten Sozial- und Arbeitsmarktpolitiken mit familienpolitisch relevanten Entscheidungen in einer Weise gearbeitet, die man für geplant halten könnte." (S. 322)

Krankheitskonzepte seien sprachliche Konstruktionen, liest man immer wieder in diesem Buch. Das ist natürlich richtig. Die Fixierung auf die Sprache, der die Autoren - mit vielen anderen SystemikerInnen - hier huldigen, scheint mir aber einseitig und sie greift m. E. auch theoretisch zu kurz: Wirklichkeitskonstruktionen sind genauso "in die Körper eingeschrieben" (Blaise Pascal), wie in die Sprache, sie werden mindestens ebenso von gesellschaftlichen Strukturen geprägt (und die sind nicht nur sprachlich konstituiert), wie von den Worten. Kognition, Emotion, Verhalten und körperliche Faktoren wirken bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Störungen  zusammen - das betonen auch die Verfasser. Sie fokussieren aber trotzdem sehr stark die Bedeutung der Sprache als "Ordner". Dabei unterschlagen sie auch manche kreativen körper- und handlungsorientierten therapeutischen Strategien, die im systemischen Feld inzwischen - unter lebhafter Beteiligung der beiden Autoren - entwickelt wurden.

Versuche, spezifische Zuordnungen von sozialen Beziehungsformen zu spezifischen Symptomen vorzunehmen, seien weitgehend nicht sinnvoll, erfährt man auf S. 20 - trotzdem wird genau das immer wieder - und m. E. zu recht - versucht, z.B. wenn die idealtypische Beschreibung von schizophrenen, schizoaffektiven und manisch-depressiven Familienmustern nach Simon et al referiert wird (S. 53 ff.), oder wenn die Ergebnisse der Mehrgenerationen-Perspektive von Stachowske bei Sucht- und Drogenerkrankungen vorgestellt werden (S. 198 ff.). Möglicherweise gilt auch hier das Sowohl-als-auch-Prinzip? Vielleicht macht es doch manchmal Sinn, familiäre Beziehungsmuster mit bestimmten Störungen in Zusammenhang zu sehen - obwohl die Vielfalt von Beziehungsformen keine Eindeutigkeit oder Ausschließlichkeit zulässt.

Fazit

Ein hervorragendes Buch, dessen Anschaffung sich lohnt. Als Nachschlagewerk für PraktikerInnen genauso geeignet wie für Studierende oder TeilnehmerInnen systemischer Weiterbildungskurse.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Pfeifer-Schaupp
Dozent für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Hochschule, Universitiy of Applied Science, Freiburg. Systemischer Therapeut und Supervisor (DGSF), Leiter des Freiburger Instituts für systemische Therapie und Beratung


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Zitiervorschlag
Ulrich Pfeifer-Schaupp. Rezension vom 20.04.2007 zu: Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Systemische Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. ISBN 978-3-525-46256-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4639.php, Datum des Zugriffs 19.10.2021.


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