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Francisco Reto Klauser: Die Videoüberwachung öffentlicher Räume

Cover Francisco Reto Klauser: Die Videoüberwachung öffentlicher Räume. Zur Ambivalenz eines Instruments sozialer Kontrolle. Campus Verlag (Frankfurt) 2006. 399 Seiten. ISBN 978-3-593-38177-0. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 78,00 sFr.

Reihe: Campus - Forschung - Band 902.
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Thema

Spätestens seit den Endlos-Schleifen der Fernsehsender zur Jahreswende 2007/08 über den Überfall der beiden Jugendlichen auf einen pensionierten Lehrer in einem Münchner U-Bahnhof und dem mit diesen Bildern munitionierten Wahlkampf des Ministerpräsidenten aus Hessen dürfte jedem die Bedeutung der Videoüberwachung öffentlicher Räume – mit der sich das vorliegende Buch befasst – bewusst sein. So ging im bayrischen Kommunalwahlkampf im Frühling ein großer Teil der Auseinandersetzung der großen Parteien über die Frage, wer die Überwachungsaufgabe besser im Griff hat: "Sicherheit in den U-Bahnen" galt dabei als erster Ausweis für die Lebensqualität in der Stadt.

An beiden Ereignissen wird deutlich, wie der aktuelle Sicherheitsdiskurs von Akteuren aus Politik und Medien ventiliert wird, wie das wachsende (Un)sicherheitsgefühl der Bevölkerung ein Spiegelbild dieses Diskurses ist, wie ein neues Feindbild "ausländisch, jugendlich, kriminell" entsteht und wie sich daran die Debatte anschließt, wie man diese "Kriminellen" aus der Gesellschaft entfernen kann: ausweisen, wegsperren, in Erziehungs-Camps kasernieren. Insofern spricht das Buch des Schweizer Humangeographen Klauser – die im deutschen Raum erste umfassende und empirisch angelegte Arbeit - über Videoüberwachung ein Thema an, das nicht nur für alle politisch wachen Menschen, sondern auch für die Profession der Sozialen Arbeit zentral ist: die immer flächendeckender eingesetzte, technisch gestützte präventive soziale Kontrolle öffentlicher Räume – insbesondere in Großstädten. Denn hier nehmen Vandalismus und Verrohung von "Problem- und Risikogruppen" offenbar ebenso zu wie der zugrunde liegende Ausschluss großer Teile der nachwachsenden Jugend vom gerade hier sichtbaren gesellschaftlichen Reichtum.

Leider versäumt es das Buch, das ausgreifende Überwachungsbedürfnis in diesen sozialen Kontext einzuordnen und verortet die Herkunft des Kontrollwunsches eher in einer diffusen "Komplexität" des Urbanen – die man ja früher gern als Vielfalt und positive Qualität des Städtischen gewürdigt hat. Auch fehlt in Klausers Standardarbeit eine systematische Analyse des skizzierten Sicherheitsdiskurses in Deutschland, der das zugrunde liegende "Unsicherheitsproblem" oder das "soziale Risiko" ja erst konstruiert - mag sein, dass hier der Schweizer Standort des Autors und das Jahr der Fertigstellung 2005 den Zugang erschweren.

In Großbritannien, dem Pionierland der Videoüberwachung, werden pro Jahr mehr als 1 Mrd. Pfund in die Branche investiert, in den USA allein im Jahr nach dem 11.9. an die 6 Mrd. Dollar (49). Das Netz der Kameras ist in GB inzwischen so dicht, dass eine Kamera auf ca. 14 Personen gerichtet ist. Auch in Deutschland sollen es inzwischen bis zu 500.000 private, kommunale und polizeiliche Kameras in öffentlichen Räumen sein, für den Gebäude- und Objektschutz, für den Diebstahlschutz, die Verkehrsüberwachung, die Überwachung von Massenveranstaltungen und die von städtischen Räumen. Sie erfassen "Risikopunkte" wie Bankautomaten oder große Flächen wie ganze Bahnhöfe. Ein Trend dabei scheint neben der Automatisierung die Ausweitung von Flächenüberwachung zu sein: Eine solche verfolgt im Unterschied zum punktuellen Diebstahlschutz den normativen Ansatz einer Veränderung der Nutzung und Wahrnehmung öffentlicher Räume: Big Brother is watching you! (71). Das Leitmotiv verdeutlicht Klauser an der von Bentham und Foucault aufgegriffenen Institution des "Panoptikums", der "Idealform" eines Gefängnisses, in dem die Zellen ringförmig um einen Überwachungsturm angeordnet und die Gefangenen stets einsehbar sind: Allerdings sollen in diesem Fall nicht einzelne Personen, sondern ganze Räume personenunabhängig diszipliniert werden (89).

Die Industrie der Überwachung nimmt v.a. einen Aufschwung durch das seit 2001 ausgreifende Bedürfnis der USA und der für dieses Bedürfnis aufgeschlossenen verbündeten Staaten, den zwischen- und innerstaatlichen Personenverkehr unter immer mehr technisch perfektionierte staatliche Kontrolle zu stellen (wie etwa durch biometrische Gesichtserkennungssysteme auf Flughäfen etc.).

Aufbau und Inhalt

Klausers Band ist in vier Teile gegliedert.

Im ersten entwickelt er seine Forschungsfrage und zeigt mögliche Strategien und Absichten der Raumaneignung durch Überwachungskameras auf. Videoüberwachung versteht er als Instrument der auf Distanz gegründeten Raumkontrolle, d.h. als "auf soziale Risiken abzielende Machtintervention in öffentlichen Räumen" (44). Insofern beruht sein Zugang auf einem soziologischen Verständnis von Raum, das er im zweiten Teil mit Rückgriff auf Gedanken von Simmel, Giddens, Goffman, Foucault und Lefèbvre u.a. expliziert.  Als Vertreter der Humangeographie, die offenbar in der Schweiz eine theoretische Tradition hat, versteht er es, die für seine Forschungsfrage nützlichen Quellen der soziologischen "Klassiker" zusammenzuführen.

Zentral dafür ist der Prozess der Raumaneignung in Zusammenhang mit der Macht sozialer Akteure. Videokameras ermöglichen als Mediatoren eine "unilaterale Machtbeziehung zwischen einer verborgenen Kontrollinstanz und den sichtbaren Raumnutzern" (341). Am stärksten werden dabei die zentrumsnahen, wirtschaftlich attraktiven städtischen Räume überwacht – in dem Maß nämlich, so ließe sich Klauser fortführen – wie die Standortpolitik der Städte Reichtum und Armut, Gewinner und Verlierer, gerade in den Zentren produziert. Öffentliche städtische Räume werden durch die visuelle Kontrolle immer stärker von privaten Ansprüchen durchzogen und verändern so ihren urbanen Charakter (344).

Der dritte Teil behandelt die Videoüberwachung in der Schweizer Stadt Olten aus der Sicht der Benutzer öffentlicher Räume und kommt zum Ergebnis, dass die Tatsache der Überwachung oft nicht und wenn, dann v.a. in der Phase der Einführung, als "Information" überhaupt bewusst wahrgenommen wird. Daran hängt aber, so sein kritisches Argument zur Evaluation, die (subjektive) Effizienz im Hinblick auf das Sicherheitsgefühl.

Ein zentraler methodischer Zugang des Autors besteht in der Sekundäranalyse von Evaluationsstudien aus Großbritannien, um die "Effizienz als Instrument der Kriminalitätsprävention" zu prüfen. Die Ergebnisse fallen, so der Autor, ambivalent aus, Videoüberwachung führt nicht überall zum Erfolg (349): Schon die Bilanz der Verringerung von Vandalismus im öffentlichen Nahverkehr fällt nicht eindeutig aus (57). Am ehesten wirksam – in der Größenordnung von bis zu 20% Reduktion – scheinen Kameras v.a. bei Deliktarten, die auf einem rationalen Kosten-Nutzen-Kalkül der Täter (wie Diebstahl) basieren (75). Wo expressive Gewaltausübung selbst das Ziel ist – was auf einen zunehmenden Anteil der "Jugendgewalt" zutrifft – scheint Videoüberwachung auch keinen "Erfolg" zu haben – s. das Münchner Beispiel. Englische Studien berichten, den Effekt der Verschiebung in andere Räume mit eingerechnet, von einer Reduktion der gesamten Kriminalität um 6 Prozent (75). Eher bestätigt als ein Beitrag zur Verhinderung scheint die Funktion für die Aufklärung von Kriminalität zu sein. Echzeit-Interventionen der Polizei auf Grundlage der Videobilder dagegen dauern schlicht zu lange, um bei der Entstehung einschreiten zu können (346).

Was die öffentliche Befürwortung betrifft, zeigen die meisten Umfragen eine weitgehende Akzeptanz (je älter die Personen, desto stärker), ohne dass die Interviewten über Standorte und Funktionsweisen der Kameras Bescheid wussten (80ff.). Auch entschwinden sie meist nach ihrer Einführung schnell wieder aus dem Bewusstsein und zwar umso mehr, je flächendeckender sie schon installiert sind (351). Dann aber, so Klausers Schluss, könnten sie auch nicht präventiv für mehr subjektive Sicherheit sorgen (205). Ohnehin würden die meisten, um sich sicherer zu fühlen, lieber eine "menschliche Regulationsinstanz" in ihrer Nähe wissen. Interessant ist sein Ergebnis (222), in welchen öffentlichen Räumen sich die Befragten von der Videoüberwachung eher "gestört" fühlen: Fast 70% sind es am Arbeitsplatz, über 40% in Wohngebieten und ca. 20% in Parks, während sich z.B. in Parkhäusern fast niemand davon gestört sieht. V.a nicht dort, wo Räume durch ihre soziale Nutzung angeeignet werden, wird Videoüberwachung also positiv eingeschätzt (346).

Klausers empirischer Beitrag besteht zum einen in Bevölkerungsumfragen der Schweizer Kleinstadt Olten (N = 487), zum anderen in 13 vertieften qualitativen Interviews mit direkt Betroffenen, so u.a. von Prostituierten des von der Schweizer Polizei in den Jahren 2000-04 überwachten Straßenstrichs in dieser Stadt. In solchen peripheren "Angst- und Problemräumen" sollen störende "Randgruppen" kontrolliert und ggf. vertrieben werden. Allerdings räumt der Autor ein (42), mit dieser empirischen Methode nur die subjektive Einschätzung der "Effizienz" der Überwachung der Stadtbewohner und nicht die objektive Effizienz in der Verbrechensverhütung oder gar veränderte soziale Praktiken erfassen zu können. Wie in anderen Fallbeispielen für die Praxis der Zero-Tolerance-Kontrolle in Großstädten zeigt sich auch am Schweizer Fallbeispiel, dass die meisten betroffenen drogenabhängigen Prostituierten der überwachten Straße den Rücken kehrten, jedoch in andere Städte abwanderten, wo sie (noch) schlechter geschützt waren: Wie sollte auch durch Kontrolle und Abschreckung ein soziales Problem in seinen Ursachen angegangen werden? Ob man deswegen gleich die Amsterdamer Alternative von zentralen, öffentlich einsehbaren gut beleuchteten Kabinen diskutabel findet, wie der Autor, fragt sich allerdings (353)?

Fazit

Eine hoch informative Empfehlung für alle, die sich als Betroffene oder professionell Engagierte für diese inzwischen zur Normalität städtischer Räume gewordene Form der sozialen Kontrolle im Kontext von Stadt, Stadtpolitik und der Produktion städtischer Armut und Problemgruppen interessieren.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Garhammer
Seit 2002 Professor für Soziologie für die Soziale Arbeit an der Fakultät Sozialwissenschaften der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg Forschungs- und Lehrgebiete: Jugend, Jugendarbeit, Bildung, Integrierte Stadtentwicklung, Methoden empirischer Sozialforschung, Soziale Probleme, Abweichendes verhalten und soziale Kontrolle
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Zitiervorschlag
Manfred Garhammer. Rezension vom 11.04.2008 zu: Francisco Reto Klauser: Die Videoüberwachung öffentlicher Räume. Zur Ambivalenz eines Instruments sozialer Kontrolle. Campus Verlag (Frankfurt) 2006. ISBN 978-3-593-38177-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4648.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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