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Sabine Grenz, Martin Lücke (Hrsg.): Verhandlungen im Zwielicht. [...] Prostitution

Cover Sabine Grenz, Martin Lücke (Hrsg.): Verhandlungen im Zwielicht. Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart. transcript (Bielefeld) 2006. 347 Seiten. ISBN 978-3-89942-549-9. 29,80 EUR, CH: 48,30 sFr.

Reihe: GenderCodes - Band 1.
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"Lacan ist in Wirklichkeit keine Prostituierte…" (Bettina Mathes ebd.:71)

Thema und Überblick

Der 347 Seiten starke Aufsatzband versammelt 17 Arbeiten verschiedener geisteswissenschaftlicher Disziplinen und unterschiedlicher Güte zum großen Forschungsbereich der Prostitution in historischer und aktueller Thematisierung. Aus der Perspektive der Mischdisziplin "Kulturwissenschaften" behandeln unter den Überschriften

  1. "Tauschhandel zwischen Körper und Zeichen",
  2. "Umkämpfte Räume und Körper" und
  3. "Wissenschaftliche Diskurse und ihre Reichweite"

Christina von Braun den Zusammenhang von "Geld und Prostitution", Bettina Matthes die "(un)heimliche Beziehung der Psychoanalyse zur Prostitution", Romana Filzmoser die "Bildpolitik der Berliner Prostitutionsdebatte im 1800", Nicola Behrmann "Die Prostitutierte als Medium der literarischen Moderne". Dorothea Dornhof traktiert die zwielichtigen Prostitutionsverhandlungen als "Einschreibungen, kulturelle Markierungen und Verkehrungen", Martin Lücke die homosexuelle Prostitution als "Beschmutzte Utopien" und last but not least Sabine Grenz als "Spannungen in kulturellen Konstruktionen von männlicher und weiblicher Gewalt".

Diese Beiträge sind literatur-, sitten- und religionsgeschichtlich gebildet, philosophisch von französisch-strukturalistischer Machttheorie und seriöser oder scharlataneresker Psychoanalyse (Lacan) inspiriert, ideologisch mit Feminismus grundiert und mit interessanten Text-Trouvaillen aus dem 18ten und 19ten Jahrhundert garniert. Prostitution wird dabei als asymmetrisch codiertes Körperverhältnis zwischen Mann und Frau verstanden, das in seiner Zeichenqualität gemäß maskuliner Sex-Macht-Interessen kommuniziert wird und so den Diskurs über Prostitution in "der" bürgerlichen Gesellschaft prägt. Die ganze männliche Ambivalenz gegenüber käuflicher Sexualität in ihrem Wechselspiel zwischen Angst und Lust, Abstoßung und Anziehung wird immer wieder beschrieben und deutlich gemacht. Darüber hinaus erfährt der Leser wenig über Prostitution und viel über ihre Eignung als Interpretationsfolie, was dem Anspruch der Herausgeber voll entspricht, die "einmal mehr nur über Prostituierte"(ebd.:15) sprechen wollen. Die genannten Aufsätze über Prostitution – vielleicht mit Ausnahme von Sabine Grenz, die in Foucaultscher Perspektive über Freier dissertierte – besitzen eine primär erkenntnisästhetische Qualität, die ihren teils beeindruckenden Bildungshintergrund in einer Art von spekulativem Theorie-Narzissmus entfalten und für die Schöpfung schöner Gedanken über männliche Geschlechtsmacht im Medium heiliger Referenztexte nutzen. Stellvertretend für diesen Teil der Anthologie will ich den Aufsatz von Christina von Braun über "Das Geld und die Prostitution" besprechen.

Exemplarisch: "Das Geld und die Prostitution"

Ausgehend von der Beobachtung einer historischen Gleichursprünglichkeit von Geld und Prostitution im babylonischen Tempel, entwickelt die Autorin eine merkwürdige These, die zugespitzt formuliert etwa folgendermaßen lautet: Mit der Einführung des Geldes im sakralen Bereich ist den Menschen, genauer: den Männern eine symbolisch-soziale Abstraktionsleistung zugemutet, die die Imagination und Erfahrung konstitutionell überfordert und mit viel Unsicherheit und Verlustangst verbunden war. Für das religiöse Stieropfer und Frauenopfer wird im Tempel ein Metallstück symbolisch zum Tausch eingesetzt, ohne dass der Mann auf den damit verbundenen Sinnlichkeitsverlust des Tauschaktes vorbereitet wäre: Wir geben und nehmen "Geld": metallene Scheiben, sprich: Münzen für ein Materielles, ein sinnliches Gut, ein empirisches Lebewesen oder Ding, das im Unterschied zum Geld unmittelbaren Gebrauchswert für uns hat. Dieses Materielle können wir in seinem Wert sinnlich erfahren: haptisch, olfaktorisch, optisch, geschmacklich und hörend, während die sinnliche Wertigkeit des Geldes von all der, für die es getauscht wird, nichts mehr hat und so wie ein Betrug, eine Täuschung und ein Nicht-Äquivalent auf unsere Sinnlichkeit wirkt. Trotzdem und gerade deshalb setzt sich Geld als Tauschmittel und universelles Äquivalent durch und ermöglicht gesellschaftlichen Verkehr und ökonomische Zirkulation. Ein psychisches Äquivalenzproblem entsteht, das sich in Akzeptanzschwierigkeiten mit der Tauschbarkeit des lebendigen Opferstiers gegen lebloses Metall als gleichwertige Wertgrößen äußert und in einem entsprechenden Unsicherheitsvorbehalt gegenüber der Geldverwendung bemerkbar macht.

Da Frauen- und Stieropfer durch Geld als Wertäquivalent ersetzt werden sollen, muss die mit dem beschriebenen Äquivalenzproblem verbundene Unsicherheit beruhigt werden, die mit dem Sinnlichkeitsverlust im Tausch qualitätslosen Geldes gegen qualitätsvolle Güter einhergeht. In diesem Funktionszusammenhang ist dann die Prostitution gewissermaßen die gesellschaftliche Praxis, die die Männer lehrt, dass sie für sinnlich taube Metalldinger (= Geld) den Körper der Frauen und also sinnlich intensiven Sex erhalten. Die durch die Prostitution eröffnete Erfahrung, dass Männer für die Blechdinger tatsächlich etwas sinnlich zweifelsfrei Erfahrbares, ihnen Wichtiges und ihnen in punkto Evidenz wie nichts anderes Einleuchtendes kriegen: nämlich "Sex", überzeugt sie von der Tauglichkeit des "Geldes" für den Tausch und die Zirkulation. Wenn Mann mit Geld Sex kaufen kann, dann traut Mann dem Geld überhaupt erst seine Wirtschaftsfunktion als universales Mittlermittel zu; die Durchsetzung des Geldes und der Geldwirtschaft war historisch in der Männer-Macht-Welt überhaupt nur möglich, will uns die Autorin sagen, weil sie im prostitutiven Geschäft zuerst sich bewährte und - psychologisch gesehen – ökonomisch funktionierte: Geldverkehr ist für den Mann gleich Geschlechtsverkehr und Geschlechtsverkehr ist für den Mann gleich Geldverkehr: "Als >>Tauschobjekt<< für das Geld kam ausschließlich der weibliche Körper in Frage. Er wurde definiert als materielles Pendant zur Münze, hinter der sich das ursprüngliche Opfer verflüchtigt hatte und das ohne diese Anbindung an einen >>sakralisierten<< weiblichen Körper seiner Glaubwürdigkeit verlustig zu gehen drohte. Der Körper der Prostituierten wurde so zu einer >>lebenden Münze<<."(ebd.:34)

Diskussion          

Mit Verlaub: Das ist denkbar, wie der Text zeigt, aber ist es auch haltbar? Was ist mit den Stieren und anderen Opfern, die das Geld ersetzt, wenn im Tempel der soziale-sakrale Ursprung des Geldes zu finden sein soll und nicht auf dem Markt? Und vor allem: Warum sollen Priester und nicht Kaufleute das Geld oder Geldäquivalente erfunden haben, wenn schon die Priester erst künstlich Güter mit geringem reproduktivem Gebrauchswert verknappen mussten, um diesen einen Sakralwert aufzuprägen, während die Händler in der Sphäre des antiken Tausches zwischen Stadt und Land immer schon mit dem ökonomischen Faktum sui generis: der Knappheit von Gütern und ihrer Tauschbarkeit quasi "natürlich" und als Grundtatsache ihres Handelns zu tun hatten? Selbst wenn der Ursprung des Geldes im Tempel liegt, seine Verbreitung und sein Siegeszug liegen doch auf dem Markt. Und dort gibt es Wertmaßstäbe materieller und sinnlicher Art, die den elementaren Wechselkurs des Geldes in lebendigen Natur- und toten Kulturgütern in vielfachster und eindrücklichster Art zu beweisen in der Lage sind: Sex und Prostitution sind beileibe nicht die einzigen Bedürfnisse, die monetarisiert und in Gegengeldwerten befriedigt werden können: von "Sex", "käuflichem Sex" zumal allein kann der "Mensch" und die Kategorie "Mann" nicht leben. Außerdem lösen Hochkulturen stets eine Differenzierung der Bedürfnisse und befriedigen sie durch eine Teilung der Arbeit und beruflichen Spezialisierung, in deren Sog auch die mit käuflicher Liebe verbundenen Begehren hineingezogen und verfeinert werden. Der "Mann" ist eben auch noch "Mensch" und nicht nur auf "Sex" zu reduzieren.

Die Texte von Elke Hartmann über das Hetärenwesen im alten Griechenland und die unter der Kapitelüberschrift: "Politische Regime. Ein Ländervergleich" gruppierten Texte können als historisch oder empirisch fundierte Texte gelten. So finden sich hier Einschätzungen und Bewertungen der Prostitutionspolitik über Österreich und Slowenien (Birgit Sauer), Deutschland und Schweden (Susanne Dodillet), die die Fundamente von prohibitiven, abolitionistischen, reglementaristischen und Sexwork-Regimen bloßlegen und die diesbezüglichen Optionen der genannten Nationen in ihren prostitutionspolitischen Konsequenzen analysieren. Davon zu sondern sind die Arbeiten über "den" Prostitutionsdiskurs in den Niederlanden (Petra de Vries), Frankfurt (Martina Löw/Renate Ruhne) und Polen (Bozena Cholu) und die Fußball-WM 2006, die am Ende beweisen, was sie zu Anfang schon wussten: dass Prostitution "Teil eines Diskursgeflechtes dar(stellen), in dem hegemoniale Konzepte von Männlichkeit und männlicher Sexualität rekonstruiert werden."(263)

Fazit

Alles in allem bietet der Band einen guten Einblick in eine bestimmte Art, Prostitution zu denken. Bei aller Inspiration und textästhetischen Befriedigung, die sie den für diese Diskurse Empfänglichen gewähren mögen, bieten sie den Realisten wenig an hard facts, strengen Analysen und luziden Erkenntnissen zur Prostitution. Für solche Leser wären Aufschlüsse darüber interessanter gewesen, wie die Prostitution denkt und nicht nur wie sie zu denken sei. Das aber ist nur zu ergründen, wenn mensch sich auf die Prostitution einlässt, wie sie ist, um von ihr zu lernen, und also vom Problem, von der Sache, vom Gegenstand der Untersuchung her sich belehren zu lassen. Daran aber, am eigentlichen Abenteuer des Geistes, lässt uns der Band kaum teilnehmen.


Rezension von
Prof. Dr. Richard Utz
Hochschule Mannheim, Fakultät für Sozialwesen
Homepage utzr.twoday.net
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Zitiervorschlag
Richard Utz. Rezension vom 01.06.2008 zu: Sabine Grenz, Martin Lücke (Hrsg.): Verhandlungen im Zwielicht. Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart. transcript (Bielefeld) 2006. ISBN 978-3-89942-549-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4651.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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