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Nicole Janz, Thomas Risse (Hrsg.): Menschenrechte - Globale Dimensionen eines universellen Anspruchs

Cover Nicole Janz, Thomas Risse (Hrsg.): Menschenrechte - Globale Dimensionen eines universellen Anspruchs. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2007. 188 Seiten. ISBN 978-3-8329-2279-5. 29,00 EUR.
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Die Menschenrechte und der „Faktor Kultur“

Zu den grundlegenden Kennzeichen der Menschenrechte gehört ihr Anspruch auf Universalität. Was als Menschenrecht gelten soll, muss universelle Gültigkeit beanspruchen – muss für alle Menschen gelten, auch unabhängig vom kulturellen oder religiösen Kontext. Die Menschenrechte sind eine Antwort auf historisch-konkrete Leid- und Unrechtserfahrungen in der Sprache des säkularen Rechts. Als solches sind sie offen für unterschiedliche kulturelle, religiöse oder weltanschauliche Begründungen.

Tatsächlich aber gehört die Frage nach der transkulturellen Legitimität der Menschenrechte zu den ältesten Kontroversen der Menschenrechtspolitik: Sind die Menschenrechte eine rein westliche Idee? Gibt es Religionen oder Kulturen, die mit den modernen Menschenrechten nicht vereinbar sind? Wie verhalten sich die von ihrer Entstehung her westlich geprägten Menschenrechte zu den traditionellen Werten und spezifischen Eigenarten anderer Kulturkreise?

Der vorliegende Sammelband geht der Frage nach, welche Rolle kulturelle Argumentationen innerhalb des internationalen Menschenrechtsdialogs spielen; zugleich ist damit auch eine Auseinandersetzung mit kulturrelativistischen Positionen gefordert. Entstanden sind die einzelnen Beiträge im Rahmen einer Vorlesungsreihe der Freien Universität Berlin, die von den studentischen Mitgliedern der Amnesty-international-Hochschulgruppe in Zusammenarbeit mit dem Politikwissenschaftler Thomas Risse organisiert wurde. Finanziell unterstützt wurde das Vorhaben durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie die Ernst-Reuter-Gesellschaft der Freien Universität Berlin.

Herausgeberin und Herausgeber

Der Sammelband ist herausgegeben worden von Nicole Janz, in Berlin und New York als Lektorin und freie Journalistin tätig, sowie Thomas Risse, Direktor des Center for Transatlantic Foreign and Security Policy am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin.

Aufbau

Die in sich abgeschlossenen Beiträge des Bandes orientieren sich an unterschiedlichen Großräumen, die religiös oder kulturell jeweils auf spezifische Art geprägt sind, und beleuchten den dortigen Stand der Menschenrechtsdiskussion. Behandelt werden im Einzelnen der Bereich der islamischen Welt, die Region Afrika südlich der Sahara, der amerikanische Kontinent, China sowie Indien. Im Blick auf Europa werden der Umgang mit eigenen Minderheiten sowie die Stellung der Menschenrechte im Raum der christlichen Orthodoxie thematisiert.

Gerahmt werden die genannten Beiträge durch einen einleitenden Aufsatz des Herausgebers, Thomas Risse, der den internationalen Menschenrechtsschutz insgesamt in den Blick nimmt und dabei eine „Diskrepanz zwischen Normanerkennung und Normeinhaltung“ diagnostiziert, sowie eine ideengeschichtliche Schlussreflexion aus der Feder von Heiner Bielefeldt, Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte in Berlin.

Dem Band vorangestellt ist eine Einführung des Herausgeberpaares, Nicole Janz und Thomas Risse, in der Fragestellung, Aufbau und Inhalt des Bandes erläutert werden (S. 9 – 16).

Inhalt

Thomas Risse stellt in seinem Überblicksbeitrag „Menschenrechte als Grundlage der Weltvergemeinschaftung? Die Diskrepanz zwischen Normanerkennung und Normeinhaltung“ (S. 17 – 37) zunächst dar, welcher Stand in der universalen Geltung der Menschenrechte fast sechzig Jahre nach Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte völkerrechtlich erreicht werden konnte. Die hohe Anzahl internationaler Menschenrechtsabkommen und der inzwischen erzielte Differenzierungsgrad in den Menschenrechtsnormen zeigen, dass den Menschenrechten inzwischen ein hohes Maß an universaler Normanerkennung zugesprochen wird. Dennoch bestehen weiterhin gewichtige Defizite auf Ebene der Normeinhaltung, auch bei so schwerwiegenden Verletzungen der Menschenwürde wie Folter. Risse plädiert dafür, normverletzende Staaten sowohl von oben – durch die Einflussnahme anderer Staaten oder die Aktivitäten internationaler Institutionen – als auch von unten – durch zivilgesellschaftliche Strategien und Mobilisierung der internationalen Öffentlichkeit – unter Druck zu setzen. Die Ratifikation internationaler Verträge und die Etablierung rechtsstaatlicher Strukturen sind zentrale Voraussetzungen, um den Menschenrechten in einem Staat zum Durchbruch zu verhelfen; wie dies gelingen kann, ist transitions- und demokratietheoretisch zu klären. Politisch spricht sich Risse für ein dynamisches „Spiralmodell“ des Menschenrechtswandels aus, das unterschiedliche Strategien, die schrittweise aufeinander aufbauen, miteinander verbindet.

Gudrun Krämer, Inhaberin des Lehrstuhls für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin, widmet sich in ihrem Beitrag dem Verhältnis zwischen Islam, Menschenrechten und Demokratie: ein Verhältnis, das sie als „schwierig“ kennzeichnet (S. 39 – 54). Der Beitrag zeichnet sich durch eine sehr realistische und erfreulich differenzierte Betrachtungsweise aus: Die Autorin arbeitet heraus, dass aus dem Koran und der Sunna durchaus individuelle Menschenrechte abgeleitet werden können. Allerdings ergibt sich dieser Schritt keinesfalls zwangsläufig, da dem Individuum nach der islamischen Ordnung zwar bestimmte Freiheiten zustehen, dieses aber im Konfliktfall dem Gemeinwohl untergeordnet werde. Krämer verweist darauf, dass auf Ebene der Praxis keine einheitliche Haltung des Islams gegenüber den Menschenrechten besteht. Demokratische Prinzipien, so ihre Analyse, haben im Islam zwar keine Tradition; zugleich verweist sie aber auf solche Ansätze, die rechtsstaatliche Prinzipien und Modelle politischer Partizipation dennoch in die islamische Ordnung einzubinden versuchen. Krämers Fazit am Ende ihres Beitrags: „Der Kampf gegen den Terrorismus, der derzeit so intensiv geführt wird, steht tendenziell in einem Spannungsverhältnis zu freiheitlich-rechtsstaatlichen Grundsätzen, und dies bekanntlich nicht nur in der muslimischen Welt. Da haben es die Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte schwer – nicht nur ‚im Islam‘.“ (S. 52)

Die Menschenrechtsdebatte in Afrika südlich der Sahara nimmt Dorothea E. Schulz, Assistant Professor am Department of Religious Studies der Indiana University, in den Blick (S. 55 – 80). Die Autorin systematisiert zunächst die verschiedenen Akteure, Fronten und argumentativen Beschränkungen innerhalb der innerafrikanischen Menschenrechtsdebatte. Dabei arbeitet sie heraus, wie einzelne Positionen versuchen, die Menschenrechte auf spezifisch afrikanische Werte bzw. ein eigenes afrikanisches Menschenbild zurückzuführen. Die gegenwärtige rechtliche Situation im afrikanischen Menschenrechtsregime wird von ihr am Beispiel von Zambia und Malawi vorgestellt. Aufbauend auf diesen Überlegungen formuliert die Autorin ihre zentrale These, wonach bestimmte, vermeintlich „authentische afrikanische Werte“ sich erst dem Ausbau des kolonialen Rechtssystems verdanken. Unter dem Einfluss einheimischer Eliten, die mit den Kolonialbeamten zusammenarbeiteten, wurden auf diese Weise „Ungerechtigkeiten“ etabliert, die bis heute nachwirken. Als zentrale Herausforderung für die Zukunft benennt Schulz am Ende die Aufgabe, einen universellen Menschenrechtsstandard zu formulieren, der im afrikanischen Kontext Akzeptanz findet und realisierbar ist. Einen Schlüssel hierfür sieht sie darin, den Wirtschaftlichen, Sozialen und Kulturellen Rechten Priorität einzuräumen.

Wolfgang S. Heinz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin und Privatdozent für Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin, widmet sich in seinem Beitrag dem interamerikanischen Menschenrechtsschutz (S. 81 – 99). Der Autor stellt einerseits dar, welche Instrumente zum Menschenrechtsschutz im Rahmen der Organisation Amerikanischer Staaten entwickelt wurden, beleuchtet andererseits aber auch die Kritik, die gegenüber den geltenden Instrumenten erhoben wird. Trotz der aufgezeigten Schwachstellen gewinne das interamerikanische Menschenrechtssystem zunehmend an praktischer Bedeutung. Entscheidende Verbesserungen, so Heinz, könnten aber mittel- und langfristig dennoch vor allem auf nationaler Ebene und durch entsprechende Reformkoalitionen im Zusammenspiel von staatlichen und gesellschaftlichen Akteuren erreicht werden.

Ist das Menschenbild in China konfuzianisch oder universal?“, fragt Junhua Zhang in seinem Beitrag (S. 101 – 111). Der Wissenschaftliche Mitarbeiter am Center for Chinese and East Asian Politics an der Freien Universität Berlin beginnt zunächst mit historischen Überlegungen zur Fragestellung, um dann Probleme bei der Implementierung der Menschenrechte in China zu benennen. Am Ende formuliert er ein „vorsichtig opitimistisches“ Fazit: „Ein intensivierter Dialog zwischen China und anderen Erdteilen, vor allem im Bereich der gesellschaftlichen und politischen Fragen, wird hoffentlich dazu beitragen, die Menschenrechtslage in China zu verbessern.“ (S. 110)

Auch der Beitrag des Rechtsanwalts und Menschenrechtsaktivisten Jona Aravind Dohrmann, der zur Zeit als Entwicklungshelfer tätig ist, widmet sich der Bedeutung der Menschenrechte im asiatischen Kontext (S. 113 – 143). Anhand zahlreicher anschaulicher Beispiele verdeutlicht er die Menschenrechtssituation in Indien (z. B. Religionsfreiheit, Anti-Terror-Gesetze, Recht auf Ernährung, Recht auf gesundheitliche Versorgung, Kinderhandel). Die Menschenrechte seien zwar – mit Ausnahme des Eigentumsrechtes ähnlich wie im Grundgesetz – in der indischen Verfassung festgeschrieben („fundamental rights“), doch zeigten sich in der politischen Realität deutliche Spannungen zum weiterhin bestehenden Kastensystem. Die indische Diskussion um die Menschenrechte konzentriere sich gegenwärtig vor allem auf die so genannten Rechte der zweiten und dritten Generation. Für den Verfasser ist Indien ein sprechendes Beispiel dafür, dass die Adaption eines abendländischen Rechtssystems nicht zum Niedergang traditioneller Normen führen müsse: „Indien ist vielmehr ein Beispiel dafür, dass ein ‚entliehenes Rechtssystem‘ trotz abrupter historischer Brüche und des Fehlens historischer Wurzeln eine tragfähige Basis für einen Staat sein kann. (…) Immer mehr benachteiligte Gruppierungen in der indischen Gesellschaft verstehen die Menschenrechte – seien sie nun indischer oder abendländischer Herkunft – als einen Hebel ihrer eigenen Selbstbehauptung.“ (S. 140)

Reetta Toivanen, Senior Researcher am Institut für Europäische Ethonologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, widmet sich in ihrem Beitrag den Minderheitenkulturen in Europa und damit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Gleichheit und Differenz (S. 145 – 159). Dabei betont sie, wie wichtig das Recht auf kulturelle Eigenständigkeit ist. Nach Ansicht der Autorin reichen Programme zur Minderheitenpartizipation allein nicht aus, um dieses Recht zu sichern: „Menschenrechtsbildung und -erziehung können einen alternativen Beitrag leisten. Würden die Angehörigen der Mehrheit wirklich verstehen, warum gewisse Bevölkerungsteile als Minderheiten definiert worden sind, und wie diese Definition ihr Leben seit Jahrzehnten oder sogar seit Jahrhunderten beeinflusst hat – dann wäre es vielleicht möglich, Minderheitenangehörigen mehr Räume zu schaffen, um sich selbst und ihre diversen Bedürfnisse und Wünsche definieren zu können.“ (S. 156 f.) – und zwar, wie Toivanen ausdrücklich betont, jenseits einer kulturellen Praxis, die mehr ist als das Bewahren überkommener Traditionen im Modus einer Art „Musealisierung“.

Die christliche Orthodoxie hat keine eigenständige Soziallehre ausgebildet; dennoch ist auch dort mehrfach auf die christlichen Wurzeln der Menschenrechte hingewiesen worden, wie Klaus Buchenau verdeutlicht. Allerdings, so der Verfasser weiter, sei das Verhältnis der Orthodoxie zu den Menschenrechten keineswegs spannungsfrei. Im geschichtlichen Abriss zeichnet der am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin tätige Historiker nach, inwiefern die kollektive Identität der Orthodoxie bis heute durch ihren Gegensatz zum Westen bestimmt wird (S. 161 – 176). Die aktuelle Entwicklung ist dabei durchaus ambivalent: Auf der einen Seite wird ein verstärktes Nachdenken über sozialethische Fragen sichtbar; in diesem Zusammenhang werden die Menschenrechte – wie schon früher im Katholizismus – auf eigenständige Weise rezipiert und nachvollzogen. Auf der anderen Seite sind verstärkt Tendenzen zu beobachten, sich von der „liberalen“ Kultur des Westens abzugrenzen und gegenüber bestimmten Erscheinungsformen der westlichen Lebensweise auf deutliche Distanz zu gehen, beispielsweise bei der Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben.

Der Rechtsphilosoph Heiner Bielefeldt formuliert in seinem Schlussbeitrag eine Kritik am breit vertretenen ideengeschichtlichen Entwicklungsschema der Menschenrechte (S. 175 – 188). Modernes Menschenrechtsdenken werde dabei retrospektiv einfach in historische Dokumente eingetragen, ohne die historischen Brüche in der Entwicklung der Menschenrechte zur Kenntnis zu nehmen. Zugleich laufe ein solches Schema Gefahr, von vornherein Missverständnisse und Widerstände zu wecken, indem die westlichen Wurzeln der Menschenrechte über Gebühr in den Vordergrund geschoben und verallgemeinert werden. Alternativ schlägt Bielefeldt vor, die Geschichte der Menschenrechte als einen gesellschaftlichen Lernprozess zu begreifen: Die Menschenrechte seien Antworten auf Unrechtssituationen. Solche Lernprozesse, die durch historisch-konkrete Konfliktsituationen angestoßen werden, seien interkulturell möglich und vermittelbar.

Diskussion

Sechzig Jahre nach Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist viel über den erreichten Stand im internationalen Menschenrechtsschutz diskutiert worden. Die Aufmerksamkeit für dieses Thema ist zunächst einmal zu begrüßen. Doch zeigen sich dabei auch zwei problematische Tendenzen: Zum einen werden keinesfalls klein zu redende oder gar zu leugnende Defizite bei der Normeinhaltung so stark überzogen, dass die erreichten Fortschritte bei der Normanerkennung gar nicht mehr zur Kenntnis genommen werden. Zum anderen werden die Menschenrechte so sehr überhöht, dass sie ihren juridischen Charakter einbüßen und fast zu einer Art säkularen Heilslehre werden. In der Folge wird übersehen, dass die Menschenrechte zwar einen universalen Geltungsanspruch erheben und so etwas wie ein globales Ethos formulieren, die verschiedenen Menschenrechtskataloge selbst sich aber der Begründung ihrer Forderungen enthalten. Vielmehr sind die Menschenrechte offen für unterschiedliche religiöse, weltanschauliche und kulturelle Begründungen – und sie können auf Dauer auf diese auch nicht zu verzichten. Denn ohne diese Begründungen würde auf Dauer der gelebte Wille zu den Menschenrechten schwinden.

Die Beiträge im vorliegenden Sammelband entziehen sich beiden Versuchungen. Die Autorinnen und Autoren zeichnen realistisch nach, was beim Schutz der Menschenrechte auf globaler Ebene inzwischen erreicht werden konnte. Vor allem machen sie aber auch deutlich, dass menschenrechtliches Denken nicht allein eine Sache „westlicher“ Kultur ist. Die Menschenrechte sind durchaus anschlussfähig an unterschiedliche religiöse und kulturelle Traditionen. Allerdings verschweigen die einzelnen Beiträge auch nicht die Spannungen, die der „Faktor Kultur“ für die Menschenrechte mit sich bringt. Diese werden niemals vollständig aufzulösen sein. Ziel muss es vielmehr sein, im beständigen interreligiösen und interkulturellen Dialog zunehmend auf eine Überwindung der Diskrepanz zwischen Normanerkennung und Normeinhaltung hinzuarbeiten. Soll dies politisch gelingen, sind kultur- und religionswissenschaftliche Analysen wie die vorliegenden unverzichtbar.

Allerdings ist darauf zu achten, dass durch kulturbezogene Argumentationsgänge nicht die Unteilbarkeit der Menschenrechte relativiert wird. Dies gilt für die politische Ebene genauso wie für die Ebene ihrer philosophischen Begründung. Vor diesem Hintergrund ist hinter die Schlussfolgerungen, die Dorothea E. Schulz am Ende ihres Beitrags zieht, noch einmal ein deutliches Fragezeichen zu setzen. Eine strategisch motivierte Überbetonung der Sozialrechte wird den Menschenrechten auf Dauer, auch wenn diese regional begrenzt gemeint ist, eher einen Bärendienst erweisen. Die Menschenrechte schützen fundamentale Dimensionen des Menschseins. Die Freiheit von Furcht, die Freiheit von Not und der Schutz einer vor staatlichen Übergriffen geschützten Privatsphäre gehören dabei untrennbar zusammen. Geraten diese drei Zielrichtungen ins Ungleichgewicht, kann sich dies schnell freiheitsberaubend auswirken. Es wäre allerdings fatal, wenn derartige Freiheitseingriffe auf Ebene der Normanerkennung aus strategischen Gründen erklärtermaßen billigend in Kauf genommen würden: Der Anspruch der Menschenrechte würde damit faktisch in sein Gegenteil verkehrt.

Die Beiträge, die sich dem Verhältnis der Menschenrechte zu bestimmten religiösen Traditionen widmen, wehren der nicht selten zu beobachtenden Versuchung, um des interreligiösen Dialogs willen bestehende Spannungen leichtfertig harmonistisch aufzulösen. In realistischer Sicht machen die Beiträge deutlich, dass in der Menschenrechtsfrage noch viele innerreligiöse Lernprozesse notwendig sind. Diese können nicht von außen erzwungen werden; doch wäre viel erreicht, wenn über dieses Thema zwischen den Religionen und Kulturen ehrlich und fair diskutiert werden könnte. Ärgerlich ist es deshalb, wenn im Beitrag von Klaus Buchenau Zerrbilder des vorkonziliaren Katholizismus um sich greifen. Richtig ist, dass auch der Katholizismus in Bezug auf die Menschenrechte einen gewaltigen Lernprozess durchlaufen hat; dass die Gläubigen allerdings vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil allein „Befehlsempfänger des Klerus“ waren, ist schon allein angesichts des starken Verbandskatholizismus und des politischen Katholizismus ein unsachlicher Allgemeinplatz, der dem insgesamt hohen Niveau des Beitrags nicht gerecht wird.

Die Fragestellung nach der interkulturellen Gültigkeit der Menschenrechte, die dem Band zugrundeliegt, wird von den einzelnen Autorinnen und Autoren unterschiedlich umgesetzt: Während einzelne Beiträge stärker auf eine Diskussion der politisch-rechtlichen Instrumente im Menschenrechtsschutz setzen, widmen sich andere Beiträge stärker philosophischen Grundlagenfragen. Dennoch verliert keiner der Beiträge die zentrale Fragestellung aus dem Blick; auch inhaltlich sind die Beiträge durchweg von wissenschaftlich gehobener Qualität. Positiv hervorzuheben ist bei allen Beiträgen besonders deren hohe Anschaulichkeit; dies ist für ähnliche kulturwissenschaftliche Bände zur selben Thematik keinesfalls selbstverständlich.

Die vorgelegten Bestandsaufnahmen vermitteln ein differenziertes Bild: Auf der einen Seite machen die Autorinnen und Autoren deutlich, welche Fortschritte auf rechtlicher und politischer Ebene erreicht werden konnten, um dem universellen Anspruch der Menschenrechte weltweit Geltung zu verschaffen. Auf der anderen Seite machen sie auch deutlich, wo politisch, rechtlich oder philosophisch weiterhin drängender Gesprächsbedarf besteht, damit das Instrumentarium der Menschenrechte auch tatsächlich mit Leben gefüllt wird. Um den Band abzurunden, wäre es hilfreich gewesen, zu Beginn oder am Ende noch einen Beitrag aufzunehmen, der sich explizit mit dezidiert kulturrelativistischen Positionen auseinandersetzt und diese mit den vorgelegten Analysen zur kulturellen Bedeutung der Menschenrechte konfrontiert.

Fazit

Der von Nicole Janz und Thomas Risse herausgegebene Sammelband ist ein gelungener Gesprächsbeitrag innerhalb der Debatte um die transkulturelle Gültigkeit der Menschenrechte. Nicht immer gelingt es den Herausgebern ähnlicher Publikationen, bei der Dokumentation von Ringvorlesungen am Ende eine solchermaßen in sich abgerundete Darstellung vorzulegen. Sehr anschaulich und durchweg konzise bieten die verschiedenen Beiträge einen guten Überblick zum derzeitig erreichten Stand des Menschenrechtsschutzes in verschiedenen kulturellen Kontexten.

Die Menschenrechte dürfen nicht quasireligiös überhöht werden. Aber sie bedürfen der Fundierung durch religiös, weltanschaulich und kulturell verschiedengestaltige Begründungen, wenn der Wille zu ihnen nicht erlahmen soll. Wer sich selbst ein eigenes Urteil darüber bilden will, welchen Beitrag die verschiedenen religiösen und kulturellen Traditionen hierzu zu leisten vermögen, ist gut beraten, den vorliegenden Sammelband zur Hand zu nehmen.


Rezension von
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 10.08.2009 zu: Nicole Janz, Thomas Risse (Hrsg.): Menschenrechte - Globale Dimensionen eines universellen Anspruchs. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2007. ISBN 978-3-8329-2279-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4654.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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