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Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft (Lehrbuch)

Rezensiert von Dr. Winfried Leisgang, 18.01.2008

Cover Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft (Lehrbuch) ISBN 978-3-8252-2786-9

Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis - ein Lehrbuch. UTB (Stuttgart) 2007. 2., vollständig überarbeitete Auflage. 536 Seiten. ISBN 978-3-8252-2786-9. 29,90 EUR. CH: 50,50 sFr.
Reihe: UTB M (Medium-Format)
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Thema

Nicht nur der Hochschullehrer, auch viele Praktikerinnen und Praktiker der Sozialen Arbeit fragen sich, wie sich das eigene professionelle Handeln theoretisch begründen und verankern lässt. Ist doch Soziale Arbeit immer ein Handeln für und mit Menschen, die in unterschiedliche soziale Systeme eingebunden sind. Das vorliegende Buch befasst sich auf der Grundlage systemischer Theorie mit sozialen Problemen, die sich aufgrund der Abhängigkeit der Menschen von sozialen Systemen ergeben. Dadurch wird der Einstieg in eine als Handlungswissenschaft konzipierte Soziale Arbeit möglich.  

Autorin

Frau Staub-Bernasconi war lange Jahre als Hochschullehrerin in der Ausbildung der Sozialen Arbeit tätig, zunächst in Zürich und danach in Berlin. Seit 2002 ist sie Lehrgangsleitung und Koordinatorin des Studiengangs Master of Social Work - Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession. Sie ist Autorin vieler Bücher zum Thema Systemtheorie und Soziale Arbeit und Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession.

Zielgruppe

Das Buch stellt keine Einführung in die Sozialgeschichte und die Entwicklungsgeschichte der Sozialen Arbeit dar. Es möchte vielmehr Leserinnen und Leser ansprechen, die den nicht ganz einfachen Weg zwischen allgemeinsten, metatheoretisch-philosphischen Vorstellungen und sehr konkreten professionellen Handlungsleitlinien und umsetzbaren Handlungsanweisungen gehen möchten. Es will die Sphären der Praktiker und der Wissenschaftlerinnen und Forscher verbinden.

Aufbau

Die Thematik wird anhand von vier Abschnitten abgearbeitet.

1. Ist Soziale Arbeit zu einfach oder zu komplex, um theorie- und wissenschaftswürdig zu sein

Hier erfolgt ein historischer Rückblick in eine Zeit, die für die Profession der Sozialen Arbeit sehr viel schwieriger war als die heutige. Soziale (Ab)Sicherung, die Arbeitsbedingungen und die Bildung waren (vor allem auch nach dem Ersten Weltkrieg) deutlich schlechter als jetzt. Ungeachtet dessen entstanden in dieser Zeit die ersten Beiträge zur Professionalisierung, die die Soziale Arbeit wissenschaftlich begründen sollten. Die ersten Vorkämpferinnen dieser Zeit (Ilse Arlt, Jane Addams, Mary Parker Follett) verband ein systemischer Blick auf die Soziale Arbeit, die bereits damals einem Bogen spannen wollten vom Individuum zur (Welt)Gesellschaft. Der Blick zurück in diese schwierige Zeit soll aufzeigen, dass "man auch in wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten das Professionalisierungsanliegen nicht als Luxusangelegenheit aufgeben muss, sondern (weiter) verfolgen kann" (S. 15).

Im Anschluss zeigt die Autorin auf, dass sich dabei geschlechtsspezifische Theoriestränge ergänzen. Der vor allem von den Frauen eingebrachten Bedürfnisorientierung wird eine männliche Funktionsorientierung als Ausgangspunkt für die Theoriebildung zur Seite gestellt. Der Abschluss dieses Abschnitts bildet eine Abfolge von Gegenstandsbestimmungen Sozialer Arbeit in dem nachgezeichnet wird, dass die damaligen theoretischen Ideen in einem engen Zusammenhang mit der erlebten Realität standen.

2. Soziale Arbeit als handlungswissenschaftliche Disziplin

Im zweiten Teil wird eine Begründung von Sozialer Arbeit als Handlungswissenschaft erarbeitet. Dabei geht es nicht um die Darstellung einer Theorie, sondern um eine doppelte Integrationsleistung. Vertikal gilt es metatheoretische, objekttheoretische und handlungstheoretische Theorien und horizontal Theorien auf gleichem Niveau zu verknüpfen (S. 16). Als metatheoretische Bestandteile einer Handlungstheorie Sozialer Arbeit identifiziert die Autorin ein atomistisch/individualistisches, holistisch/ganzheitliches und ein systemisches Wirklichkeits- und Problemverständnis. Oder einfach formuliert: Auf die Art und Weise, wie wir die Welt und ihre sozialen Probleme sehen, zeigen und manifestieren sich unsere Handlungsoptionen.

Staub-Bernasconi zeigt, dass sich die drei Paradigmen nicht gänzlich ausschließen, sondern an bestimmten Punkten Schnittstellen für Transfermöglichkeiten bestehen. In diesem Abschnitt präferiert sie dennoch den systemtheoretischen Zugang und erstellt in diesem Zusammenhang eine Synopse ihrer bisherigen Arbeiten zur Systemtheorie. Die von ihr gewählte Position aus Sicht der Systemtheorie geht davon aus, dass Wirklichkeit nicht erfunden, sondern entdeckt wird. Unsere Vorstellungen, Begriffe und Aussagen über Wirklichkeit sind Konstruktionen unseres Gehirns. Für eine Realwissenschaft bleibt daher der Unterschied zwischen "Land" und "Landkarte" bestehen.

3. Soziale Arbeit als professionelle Praxis: spezielle Handlungstheorien für spezielle soziale Probleme

In diesem Abschnitt geht es darum, aufzuzeigen, wie theoretische Gebäude (hier speziell Handlungstheorien) den Weg in die Praxis finden. Dabei macht Staub-Bernasconi deutlich, dass die diagnostische Erfassung der Ausgangs- und Problemsituation festgelegt, welches Erklärungs-, Werte- und methodisches Wissen für eine Lösung sozialer Probleme organisiert werden muss. Entscheidend für die Soziale Arbeit ist dabei die Ressourcenerschließung. Die Methodik der Ressourcenerschließung lässt für die verschiedenen sozialen Ebenen der Handlungsintervention (Soziale Arbeit mit Individuen, Familien, Gruppen, Gemeinwesen etc.) einerseits ebenenübergreifende Merkmale, wie auch ebenenspezifische Muster erkennen.

Am Beispiel des Themas "Vernetzung" und "Umgang mit Machtquellen und Machtstrukturen" wird anschließend aufgezeigt, was eine spezielle Handlungstheorie leisten muss, wenn sie an die Praxis angelegt wird.

4. Ein Blick in die Zukunft - zur Transnationalisierung Sozialer Arbeit

In diesem Kapitel will Staub-Bernasconi globales Denken und Handeln für die Soziale Arbeit berücksichtigen. Immer noch tut sich die Profession auf dem Weg zur Weltgesellschaft schwer. Soziale Arbeit muss auf einer internationalen Bühne der Globalisierung gerecht werden. Zum Schluss hat die Autorin noch den Beitrag zur Sozialverträglichkeit der Wirtschaft aus den 1990er-Jahren eingefügt, weil sie der Meinung ist, dass er nach wie vor von großer Aktualität ist.

Diskussion und Bewertung

Das Buch bietet in den Teilen I bis III eine fundierte Auseinandersetzung mit Fragen der Profession der Sozialen Arbeit mit dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und Praxis. Dabei musste eine Synthese hergestellt werden zwischen wissenschaftlicher Reflexion und handlungspraktischer Orientierung gefunden werden, die die Autorin in sehr klarer und nachvollziehbarer Weise herstellt.

Zu bedauern ist, dass die Autorin für den Abschnitt "Sozialverträglichkeit der Wirtschaft - eine mehrdimensionale Konzeption von Umweltverträglichkeit" auf einen Beitrag aus dem Jahr 1995 zurückgreift. Damit bleiben die Diskussionen seit Ende der neunziger Jahre um die Rolle der Unternehmen in der Gesellschaft über die reine zweckrationale Ökonomie hinaus unberücksichtigt (vergleiche dazu meine Rezension des Buches von Habisch). Es wurde eine Chance verpasst, das im Teil III dargestellte Bezugswissen zur Ressourcenerschließung in der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen zu konkretisieren. Das "Wissen über reale (un)gleichgewichtige sozioökonomischen Austauschverhältnisse" (S. 305) hätte auf diese Weise den Aspekt der Humanität innerhalb und außerhalb von Unternehmen aus Sicht der Sozialen Arbeit thematisieren können. Leider ist die Debatte über das Verhältnis von Ökonomie und Sozialer Arbeit noch nicht über den Streitpunkt der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit hinausgekommen (vergl. Haupert, Oelerich und Schaarschuch). Dabei kann die Soziale Arbeit der Wirtschaft in Zeiten der Globalisierung mehr bieten, als sie sich momentan anscheinend gedanklich zutraut. Gerade die Stärken der Profession (Denken in systemischen Zusammenhängen, Gestaltung von Kooperationen und Vernetzungen, sowie Kommunikationsfähigkeit) sind aktuell auch in Unternehmen unverzichtbar. Die Rekonstruktion professioneller Standards der Sozialen Arbeit innerhalb der Ökonomie würde die Dekonstruktion der Ideale der Sozialen Arbeit durch weiter anhaltende funktional orientierte Ökonomisierungstendenzen beenden.

Fazit

Ein gelungenes Werk, das die bisherigen Arbeiten der Autorin fokussiert, präzisiert und bündelt und damit in die übergeordnete Fragestellung des Verhältnisses von Wissenschaft und Praxis stellt.

Rezension von
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 18.01.2008 zu: Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis - ein Lehrbuch. UTB (Stuttgart) 2007. 2., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-2786-9. Reihe: UTB M (Medium-Format). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4671.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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