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Gerda Jun: Unsere inneren Ressource

Cover Gerda Jun: Unsere inneren Ressourcen. Mit eigenen Stärken und Schwächen richtig umgehen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. 200 Seiten. ISBN 978-3-525-45373-5. 21,90 EUR.
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Verfasserin

Dr. med. Gerda Jun ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie sowie für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Als Ärztin begleitete sie auch geistig behinderte Kinder. Sie war über 30 Jahre in ihrem Beruf tätig und wirkt heute als Autorin und Dozentin in der Weiterbildung. Zu ihren Veröffentlichungen gehören die Bücher "Kinder, die anders sind" (1981, Neuauflage 1994), "Charakter" (1987, 2. Aufl. 1989) und das 1994 erschienene Buch "Humanwissenschaften ohne Seele? Die neue Synthese: Ein komplementäres System".

Thema

Die Verfasserin arbeitet seit längerem über Fragen der menschlichen Individualität, verbunden mit Selbsterkenntnis und Wertorientierungen. Ihr integrales Konzept der vier Charakterpotenziale gründet zentral auf der Einsicht, dass das Diktum "Erkenne dich selbst" eine immer noch aktuelle ethische Herausforderung darstellt, die auch die Grundlage bietet, die drängenden globalen Probleme zu lösen. (vgl. S. 7f.)

Kurzcharakteristik

Der Untertitel des Buches von Jun lässt ein Selbsthilfebuch vermuten. Zweifellos regt das Buch die Selbstreflexion an, es ist aber weit von der sogenannten Selbsthilfeliteratur entfernt. Insoweit es in dem Buch zentral um die "inneren Ressourcen" geht, um Stärken und Schwächen sowie den Umgang mit sich selbst, erscheint der Buchtitel jedoch als angemessen.

Sicherlich schreibt die Verfasserin dieses Buch auch auf dem Hintergrund ihrer Lebenserfahrung als "Praktikerin". Doch geht es ihr um mehr. Sie bietet dem Leser eine grundlegende wissenschaftliche Annäherung an die Subjektstrukturen in charakterologischer Perspektive. Sie knüpft in ihrem Buch an erkenntnistheoretische und wissenschaftskritische Fragen an und hofft, mit ihren Ausführungen Hinweise zu geben, "die für das interdisziplinäre Spektrum der Humanwissenschaften bedeutsam sein können" (S. 181). Das umfangreiche Literaturverzeichnis (S. 187-200) dokumentiert, wie vielfältig die von Jun verarbeitete Literatur ist.

Erkenntnisinteresse und theoretischer Anspruch

Das Erkenntnisinteresse Gerda Juns lässt sich mit den Fragen beschreiben: "Liegt der psychischen Mannigfaltigkeit ein Chaos zugrunde oder nicht doch eine lebendige Ordnung, ein immanentes Prinzip?" (S. 180). "Sollte das gegenwärtige sozial-ökologische Ungleichgewicht auf unserer Erde in Beziehung zum Ungleichgewicht in der Entwicklung unserer Seelenkontinente stehen?" (S. 20).

Von den gegebenen Individual- und Persönlichkeitskonzepten ist keines allgemein anerkannt. Ziel der Autorin ist, ein Strukturmodell als Ordnungskonzept für die psychische Vielfalt zu entwickeln, das dem konkreten Menschen und seiner unverwechselbaren Individualität entspricht. Ein solches Konzept kann nur als bio-psycho-soziales Konzept begründet werden, das zugleich integrative Wirkung entfaltet und partikulare Modelle und disziplinäre Befunde in einen neuen komplexen Zusammenhang einordnet.

Die vier Potenziale des Charakters

Mit ihrer Charaktertheorie vertritt Jun ein Vierermodell und befindet sich damit in der Tradition von Fritz Riemann, der seine Charaktertheorie in dem Buch "Grundformen der Angst" (1961) dargestellt hatte. Ihr Strukturmodell beinhaltet "vier bipolare Potenziale (Möglichkeitsfelder) der psychischen Grundstruktur", die sie besonders unter motivationalem bzw. affektiv-emotionalem Gesichtspunkt betrachtet.  Dabei geht sie von vier Bedürfnis- oder Antriebsebenen aus:

  1. der elementar-vitalen,
  2. der sexuellen,
  3. der emotional-affektiven und
  4. der rational-kognitiven (S. 181).

Den Potenzialen ordnet die Verfasserin vier Maximen zu, die die charakterlichen Orientierungen dieser Potenziale veranschaulichen (vgl. S. 16f.):

  1. "Ordnung ist das halbe Leben" (archisch bis zwanghaft) (S.23-45)
  2. "Leben und leben lassen" (dynamisch bis hysterisch) (S. 47-65)
  3. "Wo du hingehst, da will auch ich hingehen" (emotiv bis depressiv) (S. 67-80)
  4. "Störe meine Kreise nicht" (kontemplativ bis schizoid) (S. 83-103)

Mit den vier Potenzialen sind verschiedene Strebungen verbunden. Das archische Potenzial ist mit dem Nützlichen, das dynamische mit dem Schönen, das emotive mit dem Guten und das kontemplative mit dem Wahren verbunden (vgl. S. 184).

Gegenüber Riemann zeigt Juns Ansatz eine deutliche Weiterentwicklung. Zunächst einmal gebraucht sie eine Terminologie, die nicht wie die von Riemann aufgrund der klinischen Bedeutung als Krankheitsbild pathologisch anmutet. Was Riemann als schizoid deklariert, wird von Jun in der Normalausprägung des Charakterpotenzials als kontemplativ bezeichnet. Entsprechend werden für die "gesunden" Erscheinungsformen des Charakters auch die anderen Begriffe depressiv, zwanghaft und hysterisch durch die Begriffe emotiv, archisch und dynamisch ersetzt. Soweit es sich um psychopathologische Tendenzen in den Potenzialen handelt, werden die Riemannschen Bezeichnungen von ihr beibehalten.

Während Riemann die Grundorientierung des schizoiden, des depressiven, des zwanghaften und des hysterischen Charakters beschreibt und sich dabei auf diese vier Grundtypen bezieht, ist es Stärke des Junschen Ansatzes, auch Kombinationen der Orientierungen in dualen und trialen Strukturen zu untersuchen (S. 112-167), ), wobei ein immanentes "Prinzip der psychischen Komplementarität" aufgezeigt wird.

Jun geht davon aus, dass in jedem Menschen die vier Potenziale in einem besonderen Mischungsverhältnis zu finden sind und seine Individualität kennzeichnen. Kaum ein Mensch kann eindeutig einem spezifischen Potenzial zugeordnet werden. Der Charakter ist nicht Schicksal, sondern in Abhängigkeit von Umweltbedingungen und persönlichen Kompetenzen und Bemühungen veränderbar. In der heutigen selbstreflexiven Lebensform gelingt es Menschen zunehmend, die inneren Ressourcen, die mit diesen vier Potenzialen verbunden sind, zu entdecken und produktiv zu entwickeln.

Die Perspektive von Jun ist nicht auf die Entfaltungsmotivation des Einzelnen beschränkt, sondern sieht die Frage der persönlichen Veränderung im Kontext des Gesellschafts- und Weltgeschehens.

Um dieser differenzierten Erkenntnisperspektive gerecht zu werden, stellt sie die einzelnen Potenziale immer hinsichtlich der in ihnen zum Tragen kommenden "Bedürfnisse, Fähigkeiten, Aversionen und Abwehrmechanismen" dar, gibt Hinweise auf die mit ihnen verbundenen "Berufe, Tätigkeiten und Interessen", auf Formen der "Liebe und Partnerschaft" und widmet sich der "sozial-gesellschaftlichen Bedeutung" dieser Potenziale, bezogen auf menschliches Zusammenleben und Gesellschaftsveränderung. Dabei berührt sie ein weites Spektrum gesellschaftlicher Phänomene wie die Verbrechen im Nationalsozialismus, Fremdenhass, Krisen und Ungleichgewichte in der gegenwärtigen Weltsituation. Sie versteht es aber auch, hoffnungsvolle Tendenzen aufzuzeigen, die mit Innovationsfreude, Toleranz, Mitgefühl und Wahrheitsbereitschaft einhergehen. Die vier Potenziale bilden eine widersprüchliche Ganzheit von Strebungen, die erst im integralen Charakter eine wohlintegrierte Ausrichtung mit produktiven Wirkungen erfahren. Das neue Menschenbild, das Gerda Jun entwirft, gründet auf der Entfaltung der vier Potenziale in einem integrativen charakterlichen Zusammenhang, für den sie die Bezeichnung Homo integralis wählt (S. 167ff.).

Leserkreis

Der potenzielle Leserkreis dieses mit wissenschaftlicher Differenziertheit verständlich geschriebenen Buches umfasst die Angehörigen der sozial helfenden Berufe wie Psychologen, Ärzte, Sozialarbeiter, Lehrer, Therapeuten und Seelsorger. Es lässt sich denen empfehlen, die die Bereitschaft zur Selbstreflexion mit dem Bemühen verbinden, in der Arbeit mit Menschen diese in ihren Wachstumstendenzen zu unterstützen, und über die Einflussbeziehungen von Charakter und Gesellschaft nachdenken.

Fazit

Gerda Jun hat ein Buch vorgelegt, das den Blick des Lesers für sich selbst und die anderen Menschen schärft, somit Menschenkenntnis in einem sehr differenzierten Sinn vermittelt. Es unterstützt damit die eigenen sozialen Kompetenzen sowie die Wahrnehmung von innerer und äußerer Wirklichkeit. Gerade in einer Zeit der sozialökologischen Krise sind von Wahrheitsbereitschaft gekennzeichnete reflexive Ansätze, die sich analytisch als differenziert und gedankenklar erweisen und eine hoffnungsvolle Vision für ein lebenswertes Leben in einer gerechten ökologisch nachhaltigen Weltgesellschaft eröffnen, wichtiger denn je.


Rezensent
Prof. Dr. Burkhard Bierhoff
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Zitiervorschlag
Burkhard Bierhoff. Rezension vom 24.01.2008 zu: Gerda Jun: Unsere inneren Ressourcen. Mit eigenen Stärken und Schwächen richtig umgehen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. ISBN 978-3-525-45373-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4675.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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