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David S. Landes: Die Macht der Familie

Cover David S. Landes: Die Macht der Familie. Wirtschaftsdynastien in der Weltgeschichte. Siedler Verlag (München) 2006. 480 Seiten. ISBN 978-3-88680-676-8. 24,95 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Autor

David Landes, einer der führenden amerikanischen Wirtschaftshistoriker, lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Harvard University. Berühmt geworden er bei uns insbesondere durch "Der entfesselte Prometheus" und "Wohlstand und Armut der Nationen".

Inhalt

Psychologie, Sozialpsychologie und Soziologie interessieren sich seit jeher für die Familie. Für Freud lag in der Familie die Wurzel allen Übels. Armutsforscher  beschäftigen sich mit familiären Sozialhilfedynastien, David Landes interessiert sich für Familiendynastien am anderen Ende der gesellschaftlichen Statusskala. Sein Thema sind prominente Familien, die Jahrzehnte und zuweilen Jahrhunderte überdauert haben und eng mit Erfolg und Misserfolg ganzer Wirtschaftssysteme und Branchen verbunden sind. In Deutschland denkt man an die Porsches, Krupps, Thyssen, die Mohns usw.

Wer die Geschichte unserer Wirtschaft - Wirtschaft überhaupt - verstehen will, so Landes, muss die Bedeutung solcher Familiendynastien würdigen. Es tauchen auf: Die Rothschilds, die Morgans, die Fords, die Agnellis, Peugeot, Renault und Citroen sowie die Toyodas, die Rockefellers, die Guggenheims, die Schlumbergers und die Wendels (Rohstoffe), also eine illustre Gesellschaft. David Landes schildert ihren  Aufstieg, Erfolge und Dramen. Er liefert einen exzellenten Cocktail aus Anekdoten, Familientragödien, Seifenoper, Managementkönnen und Managementversagen. Und es liegt in der Natur der Sache, dass sein Buch von Genies und Exzentrikern handelt, von Liebe, Eifersucht und Verrat. Auch Mord und Totschlag (wie bei den Guccis) werden nicht ausgespart

Das Muster ist zwar nicht immer das gleiche, aber doch ähnelt sich die Abfolge der Generationen. Die Gründerpatriarchen sind charismatische, aber meistens auch  etwas merkwürdige Persönlichkeiten. Ein Beispiel, Ford: Systematische Aktenablage und Buchhaltung konnten erst nach seinem Tod in das Unternehmen eingeführt werden. Der alte Patriarch hatte seine eigenen Methode, um die Verschuldung seines Unternehmens zu berechnen: "Man messe die Höhe des Stapels der monatlichen Rechnungen und multipliziere diese mit einem plausiblen, als 'Sollbetrag pro Zentimeter' definierten Koeffizienten." (209) Die zweite Generation solcher Familiendynastien bringt das Geschäft dann zumeist weiter auf die Erfolgsspur, die dritte haut das verdiente Geld auf den Kopf und verjubelt das Vermögen. Spätestens jetzt kommen angestellte Manager ins Gespräch, ohne in jedem Fall das Ruder ganz zu übernehmen. Machtkämpfe um den Einfluss von Familie oder externem Management sind dann an der Tagesordnung, schließlich ist "leibliche Abstammung keine Garantie für unternehmerische Kompetenz" (Landes).

Neben den Geschichten und Geschichtchen, die viele unterhaltsame Leseabende garantieren, schafft Landes für zwei ernste Themen Platz:

  1. Zum einen illustriert die lange Geschichte der von ihm vorgestellten Unternehmen, wie naiv - und eher etwas für Klein-Fritzchen - die Vorstellung einer Kontrolle der Marktmacht durch den Wettbewerb ist.  Die Macht der familiären Wirtschaftsimperien ist nicht Blaupause der reinen Marktlehre, sondern dessen genaues Gegenteil. Und es ist  auch keine neue Erkenntnis, dass überall in der Wirtschaft Seilschaften, Gerissenheit, Kumpanei und Lumpanei entscheidend sind. Schon Adam Smiths brötchenbackender Bäcker lehrt: Wer sein Leben als Unternehmer fristen will, tut dies nicht, um der Menschheit etwas Gutes zu tun oder sich locker dem Wettbewerb zu stellen, sondern aus  materiellem Ehrgeiz, sozialem Machttrieb oder anderen ebenso edlen und anerkennenswerten Motiven.
  2. Zum anderen illustriert Landes die Bedeutung von Familienunternehmen in einer Welt, die scheinbar von anonymen Multis beherrscht wird. Falsch: Familien bestimmen das Schicksal von Wirtschaften und Wirtschaftssystemen. Und unabhängig davon hält Landes familiengeführte Unternehmen in vielerlei Hinsicht zuweilen für leistungsfähiger. Für ihn ist es eine - von der herrschenden Volkswirtschaftslehre weitgehend tabuisierte - Binsenweisheit, dass die besten kleinen und mittleren Betriebe die eigentlichen Wachstumsmotoren sind. Familienunternehmen stehen für den großen Teil der Arbeitsplätze. Gerade in sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern sei die Rolle der Familienunternehmen gar nicht zu überschätzen, da sie perfekt den familial geprägten Gesellschaften und ihren kulturellen Normen entsprächen. Der Brückenschlag zur Grameen Bank und Mohammed Yunus zwingt sich auf.

Die großen deutschen Wirtschaftsdynastien kommen im Vorwort des Autors zur deutschen Ausgabe vor, schließlich ist "die deutsche Wirtschaftsgeschichte gespickt mit Namen von großen Firmengründern und ihren Erben, von Unternehmerdynastien und ihren Errungenschaften". Sie wären exemplarisch gewesen für die dunkle Seite der Wirtschaftsgeschichte von Familienunternehmen, die Landes nicht unterschlagen will. "Indem sich diese Unternehmer" – er nennt Krupp, Thyssen und Flick – "von den schlimmsten Triebkräften des deutschen Volkes mitreißen ließen, traten auch ihre eigenen destruktiven Eigenschaften zutage – mit dem Erfolg, dass sie sich am Ende nicht nur ihres Wohlstands beraubt sahen, sondern auch ihre Anstands und ihres Ansehens. Wie viel sie aus diesem katastrophalen Irrweg lernten, ist schwer zu sagen." (12)

Fazit

Teaching by storytelling, great. Familienunternehmen sind bis heute das Rückgrat von Volkswirtschaften. Kabale und Liebe berühren deshalb die Ökonomie stärker, als es die Volkswirtschaftslehre wahrhaben will.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Langnickel
Hochschule Lausitz
Standort Cottbus
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Zitiervorschlag
Hans Langnickel. Rezension vom 27.05.2008 zu: David S. Landes: Die Macht der Familie. Wirtschaftsdynastien in der Weltgeschichte. Siedler Verlag (München) 2006. ISBN 978-3-88680-676-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4677.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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