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Christine Ettrich, Klaus Udo Ettrich: Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche

Cover Christine Ettrich, Klaus Udo Ettrich: Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche. Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche . mit 16 Tabellen. Springer (Berlin) 2006. 246 Seiten. ISBN 978-3-540-33343-2. 29,95 EUR, CH: 51,00 sFr.
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Autorin und Autor

  • Dr. med. Christine Ettrich ist Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie an der Universitätsklinik Leipzig. Sie ist Direktorin der Klinik und Polyklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters
  • Prof. Dr. Klaus Udo Ettrich, geb. 1939, ist Inhaber des Lehrstuhles Entwicklungspsychologie an der Universität Leipzig.

Thema und Aufbau

In dem vorliegenden als Lehrbuch gestalteten Werk geht es um die Auseinandersetzung mit Störungen des Sozialverhaltens im Kindes- und Jugendalter. Dabei werden Aggressivität, Ängste und gestörtes Bindungsverhalten unter der Frage betrachtet, wie angesichts eines breiten Spektrums an Verhaltensmöglichkeiten, die sich durchaus noch im Normbereich bewegen, Verhaltensstörungen identifiziert werden können und welche evidenzbasierten Interventionsansätze aktuell favorisiert werden. Verschiedene Testverfahren, Präventionsprogramme und Therapiemethoden werden im Überblick vorgestellt. Ausdrücklich angestrebt wird dabei ein interdisziplinärer Behandlungsansatz. Insgesamt gliedert sich das Buch in 6 Kapitel:

  1. Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen Pädagogik, Psychologie und Medizin
  2. Verhalten: normales – auffälliges - gestörtes
  3. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
  4. Diagnostik von Verhaltensauffälligkeiten und assoziierten Störungen: pädagogisch – psychologisch – medizinisch
  5. Wie kann man den betroffenen Kindern und Ihrer Umwelt helfen?
  6. Zusammenfassung und Ausblick

Ettrich und Ettrich stellen in ihrem Werk verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche vor und führen dazu Ergebnisse einer eigenen prospektiven interdisziplinären Längsschnittstudie an SchülerInnen einer Schule für Erziehungshilfe an. Sie beschreiben das vielseitige, biopsychosoziale Ursachengefüge, das zu Bildung, Aufrechterhaltung und Verstärkung von Verhaltensauffälligkeiten und –störungen beiträgt.

Inhalt

Zunächst wird dafür die Entwicklung im Kindes- und Jugendalter vom Normalverhalten hin zu Verhaltensauffälligkeiten und –störungen beschrieben. Eingeführt werden hier auch die unterschiedlichen Klassifikationssysteme, die zu einer Diagnose führen und die daraus abgeleiteten therapeutischen Interventionen.

Gesondert behandelt wird das Störungsbild der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS), da diesem bei der Störung des Sozialverhaltens eine herausragende Rolle zukommt. Hier sind sowohl die Komorbidität mit Störungen des Sozialverhaltens als auch die Prädisposition für Störungen des Sozialverhaltens angesprochen. Es werden diagnostische und therapeutische Herangehensweisen vorgestellt, die dem Anspruch der Evidenzbasierung gerecht werden.

Ausführlich wird die Diagnostik von Verhaltensauffälligkeiten und assoziierten Störungen auf pädagogischer, psychologischer und medizinischer Ebene beschrieben. Es werden hier zahlreiche in der Praxis angewendete Verfahren dargestellt, die im Rahmen von Fallbeispielen und Interviews veranschaulicht sind.

Im fünften und letzten Kapitel steht die Frage im Mittelpunkt, wie man den betroffenen Kindern und ihrer Umwelt helfen kann. Zunächst wird hier die Kontakt- und Beziehungsgestaltung im Familienalltag erwähnt, um im nächsten Schritt auf Beratung und Präventionsprogramme (u.a. Triple-P, "Starke Eltern – starke Kinder") und schließlich auf therapeutische Interventionen einzugehen.

Insgesamt ist es das Anliegen des Buches, Bewusstsein und Sensibilität für beginnende Auffälligkeiten zu schärfen, um so wirksame Hilfen eher und integrierter einsetzen zu können. Durch gezielte Interventionen sollen Kindern und Jugendlichen größere Bildungschancen z.B. durch einen Verbleib in den Regelschulen eröffnet werden.

Zielgruppen

Vorrangig PraktikerInnen aus folgenden Bereichen: Medizin, Psychologie, Therapie, Schule, auch interessierte Eltern, die sich entsprechend fachspezifisch mit der medizinisch-psychologischen Perspektive auseinandersetzen wollen.

Diskussion

Der Anspruch des Buches, eine interdisziplinäre Sichtweise auf Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, wird nur bedingt eingelöst. Ettrich und Ettrich plädieren zwar explizit für ein interdisziplinäres Vorgehen, für "gelebte Interdisziplinarität", doch wie diese nun konkret aussehen könnte, bleibt weitgehend im Dunkeln.

Für Sozialpädagoginnen unbefriedigend erscheint die Vernachlässigung des sozialpädagogischen Zugangs, da der Aspekt der Vernetzung und die Auffassung, dass Verhaltensauffälligkeiten auch eine Interaktions- und Kommunikationsstörung zwischen den betroffenen Personen und ihrer Umwelt darstellen, zu wenig ausgeführt wird. Stellenweise wird eine eher individualisierende Sicht von Verhaltensauffälligkeiten vertreten. Hier wäre ein lebensweltorientierter Diskurs, der sich auf aktuelle sozialpädagogische Wissensbestände bezieht, eine Bereicherung. Insgesamt wird die Soziale Arbeit als eine der Hauptakteurinnen im Felde der Verhaltensauffälligkeiten sowohl in der Schule (Schulsozialarbeit) und in der Familie (Sozialpädagogische Familienhilfe) als auch als Angebotsträgerin ambulanter und stationärer Jugendhilfeleistungen weitgehend ausgeblendet. Statt dessen wird eine individuumzentrierte Sichtweise auf normales, auffälliges und gestörtes Verhalten entwickelt, in der allenfalls Eltern und Lehrer noch eine gestaltende Rolle spielen. Eine genauere Betrachtung des sozialen Umfeldes, eine mehrperspektivische Analyse der Bedingungsfaktoren auf Mikro-, Meso und Makroebene im Sinne eines nicht gelingenden Passungsverhältnisses, das Anstrengungen auf unterschiedlichen Ebenen erfordert, wird zugunsten einer eher medizinisch-therapeutischen und psychologisch-diagnostischen Einschätzung weitgehend vernachlässigt.

Aber genau hier liegt andererseits auch der Gewinn des Buches: Es gibt einen detaillierten Überblick über diagnostische Verfahren für den Nachweis von Störungen des Sozialverhaltens und über präventive, pädagogische, pädagogisch-psychologische, kinder- und jugendpsychiatrische und klinisch-psychologische bzw. psychotherapeutische Verfahren der Intervention bei Störungen des Sozialverhaltens.

Die Gestaltung erscheint durch Fallbeispiele, Interviews, Schaubilder und Studienboxen aufgelockert und anschaulich.

Fazit

Insgesamt legen Ettrich und Ettrich mit ihrem Werk "Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche" ein Lehrbuch vor, das sich bemüht, den aktuellen Stand der Forschung in diesem Feld zu referieren. Wer also einen schnellen Überblick über Störungsbilder, Diagnostik und Interventionen in diesem Bereich erhalten möchte, dem sei das Buch durchaus empfohlen. Wer eine vertiefende, kritische, pädagogisch-analytische Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen und Bedingungsfaktoren im sozialen Kontext sucht, dem sei eher das Werk von Norbert Myschker (2005) "Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen." angetragen. Weitere Anregungen für eine lebendige Gestaltung (sozial-) pädagogischer Praxis zur Förderung der Integration verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlicher bietet darüber hinaus der Sammelband von Ulf-Preuss-Lausitz (2004) "Schwierige Kinder – schwierige Schule".


Rezension von
Prof. Dr. Annette Clauß
Duale Hochschule Baden-Württtemberg, Villingen-Schwenningen, Fakultät Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Annette Clauß. Rezension vom 03.04.2008 zu: Christine Ettrich, Klaus Udo Ettrich: Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche. Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche . mit 16 Tabellen. Springer (Berlin) 2006. ISBN 978-3-540-33343-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4680.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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