Kurt Bischof: Erfolgsbedingungen in der Betreuung Demenzerkrankter
Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 09.11.2007
Kurt Bischof: Erfolgsbedingungen in der Betreuung Demenzerkrankter. Eine Untersuchung zu kritischen Erfolgsfaktoren in stationären Pflegeeinrichtungen. Kassel University Press (Kassel) 2006. 382 Seiten. ISBN 978-3-89958-228-4. 49,00 EUR.
Thema
Die Pflege und Betreuung Demenzkranker ist im Laufe der letzten Jahre zu der Hauptaufgabe der Pflegeheime geworden. Während für nicht an Demenzen erkrankte gebrechliche alte Menschen vor allem durch die Einführung der Pflegeversicherung Versorgungsformen im häuslichen und vorstationären Bereichen geschaffen wurden, entwickelte sich der Heimbereich zum Zentrum der Demenzpflege, sieht man einmal von den Wohngemeinschaften ab, die sich gegenwärtig sicherungsrechtlich, versorgungstechnisch und auch betriebswirtschaftlich in eklatanten Grauzonen befinden, so dass hier nicht von Alternativen oder Weiterentwicklungen gesprochen werden sollte.
Die Pflegeversicherung hat u. a. auch dazu geführt, dass Kategorien wie Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität das tägliche Handeln in den Einrichtungen beeinflussen und teils auch schon bestimmen. Alles soll möglichst transparent, nachvollziehbar und auch messbar sein - Aspekte, die in hochkomplexen gesellschaftlichen Strukturen die Gefahren der Überbürokratisierung und totalen Kontrolle in sich bergen. Auf der anderen Seite ist es nicht nur legitim, sondern geradezu notwendig, Minder- und Fehlleistungen in der Pflege und Betreuung extrem hilfebedürftiger alter Menschen zu verhindern. Nach Einschätzung des Rezensenten ist jedoch gegenwärtig besonders in der Versorgung Demenzkranker noch nicht der richtige Weg in der Überprüfung angemessener Versorgungsstrukturen gefunden worden.
Entstehungshintergrund
Die vorliegende Arbeit kann der Kategorie Qualitätsmessung zugeordnet werden. Es handelt sich hierbei um die Dissertation eines selbständigen Unternehmensberaters aus Duderstadt an der Universität Kassel Fachbereich Sozialwesen.
Inhalt
Es handelt sich bei der vorliegenden Untersuchung um eine empirische Erhebung: in acht Einrichtungen der stationären Altenhilfe wurden Begehungen und verschiedene Formen der Befragungen (offene und geschlossene Fragestellungen) bei Mitarbeitern und Angehörigen zu folgenden "kritischen Erfolgsfaktoren" durchgeführt (20 Fragebögen im Anhang des Buches mit insgesamt ca. 400 Fragestellungen):
- materiell-dingliche Umwelt,
- Unternehmensführung,
- demenzspezifisches Konzept,
- Mitarbeitermotivation und spezielles Fachwissen und letztlich
- die Angehörigenarbeit.
Das methodisch-inhaltliche Vorgehen wurde dabei von den Ansätzen der allgemeinen Erfolgsfaktoren von Peters & Waterman (7-S-Modell) und dem Qualitätsmanagementkonzept EFQM (European Foundation for Quality Management) bestimmt. Die Daten wurden statistisch ausgewertet und in so genannten "Ranking-Skalen" (Vergleichsmessung) der untersuchten Einrichtungen umgewandelt.
Das zentrale Ergebnis der Erhebung bestand in der Aussage, dass nur durch das Zusammenwirken von räumlich-dinglichen, organisatorischen und demenzspezifischen Faktoren die "Erfolge" in den Einrichtungen erzielt werden können. Des Weiteren konnte ermittelt werden, dass Demenzkranke besser in Doppelzimmern als in Einzelzimmern aufgehoben sind.
Kritische Würdigung
Die vorliegende Erhebung entspricht den gängigen methodischen Vorgehensweisen der empirischen Sozialforschung: Es werden zentrale Fragestellungen mittels Operationalisierung in messbare Indikatoren unterteilt, die anschließend durch Beobachtungen und Befragungen überprüft werden. Diese Gegenstandserfassung ist der Sache angemessen, wenn der essentielle Charakter des Gegenstandes vorab ausreichend erkannt worden ist. Quantifizieren oder Messen kann also nur dann Aussagekraft besitzen, wenn die innere Logik oder das Inhärente eines Sachverhaltes als so genanntes Maßband ermittelt werden konnte. Dieses Eigentümliche oder auch Wesentliche drückt auch die Beschaffenheit oder Qualität eines Gegenstandes aus. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass bloßes Messen ohne dieses Wissen um die Eigentümlichkeit der Sache äußerlich bleibt im Sinne einer fehlenden Inhärenz, es werden somit letztlich keine Veränderungen des Sachverhaltes ermittelt.
Diese methodologischen Anmerkungen sind aus der Sicht des Rezensenten notwendig, denn gegenwärtig wird zunehmend auch im Bereich der Demenzpflege von Standard, Qualität und den entsprechenden Messungen gesprochen, ohne dass die wesentlichen Sachverhalte bereits angemessen ermittelt worden sind. Einfache Normfestlegungen ohne empirisches Korrelat lassen in diesem Kontext die Pflege in bloßes Handeln nach Verordnung verknöchern.
Bezogen auf die vorliegende Untersuchung kann festgestellt werden, dass viele Facetten und Trends der Bereiche Organisation, Mitarbeiter- und Angehörigenbezogenheit im Heimbereich ausreichend ermittelt worden sind. Ein Bild über die Lebenswelt Demenzkranker, das soziale Milieu und die grundlegenden Strukturprinzipien in der Pflege und Betreuung konnte hingegen nicht transparent vermittelt werden.
Fazit
Qualitätsmessungen in der Pflege und Betreuung Demenzkranker im stationären Bereich der Altenhilfe sind ein legitimes Unterfangen angesichts der aktuellen Mängelberichte. Hierzu bedarf es jedoch nach Einschätzung des Rezensenten einer vertieften Durchdringung und Erfassung des Gegenstandsbereiches, die bisher noch nicht geleistet worden ist. Erst dann kann von "Erfolgsbedingungen" oder "Erfolgskriterien" ausgegangen werden, die sich nachweisbar in der Lebensqualität und dem Wohlbefinden der Betroffenen widerspiegeln werden.
Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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