socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gero Neugebauer: Politische Milieus in Deutschland

Cover Gero Neugebauer: Politische Milieus in Deutschland. Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2007. 130 Seiten. ISBN 978-3-8012-0377-1. 9,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Sind die Deutschen reformresistent?

Die Klagen und Verwunderungen darüber, dass die Menschen in der Bundesrepublik Deutschland mit ihrer gesellschaftlichen Situation unzufrieden sind, dass sie das sprichwörtliche "halb leere Glas" dem halb vollem vorziehen, dass die Stimmung insgesamt mies ist, oder dass die von der Politik und den gesellschaftlichen Kräften in Gang gebrachten Reformen an den tatsächlichen Bedürfnissen und Erwartungen der Bürger vorbei gehen, dass den einen die Reformen zu schnell und den anderen zu langsam gehen - und dass schließlich sich daraus egoistische Einstellungen ergeben, die letztendlich münden in eine undifferenzierte Ohne-Mich-Haltung und Politikverdrossenheit, bis hin zur Suche nach allzu einfachen und nicht zuletzt antidemokratischen, rechtsradikalen, rassistischen und nationalistischen Lösungen, bestimmen immer öfter den gesellschaftlichen Diskurs. Eine Reihe von Analysen zur Frage nach den Ursachen dieser gemeinschaftsschädigenden Entwicklung liegen dazu vor; etwa, wenn sich Ulrich Beck, der mit seinem 1986 erschienenem Buch "Risikogesellschaft" den Weg in eine andere Moderne aufgezeigt hat, mit seiner neuen Arbeit "Weltrisikogesellschaft" (2007) erneut auf die Suche nach der verlorenen Sicherheit begibt.

Entstehungshintergrund und Thema

Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung hat der 1941 geborene und am Otto-Stammer-Zentrum für Empirische Politische Soziologie der FU Berlin tätige Gero Neugebauer eine Forschungsarbeit eben zu der Frage danach durchgeführt, welche dominanten Faktoren die oben beschriebene Stimmung in der deutschen Gesellschaft bestimmen. Die Untersuchung "geht der Frage nach, wie es um die Einstellungen der Bürger zu den Reformen bestimmt ist, worauf die Politik bei der Konzipierung von Reformvorhaben mit Blick auf die Erwartungen der Bürger achten sollte und wie sie Unterstützung für ihre Vorhaben erreichen kann". Es geht also dabei um, wie notwendige Reformen im gesellschaftlichen Diskurs kommuniziert werden sollten, damit die Menschen im Land sie nicht nur verstehen und akzeptieren, sondern auch aktiv mitgestalten können und wollen. Die Ergebnisse der Studie sollten dabei nicht nur die Parteifunktionäre und Volksvertreter interessieren, sondern jeden Menschen als homo politikus im gesellschaftlichen Miteinander.

Inhalt

In der Analyse, die den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandlungsprozess in der deutschen Gesellschaft betrachtet, wird erst einmal ein erstaunliches und auf den ersten Blick widersprüchliches Phänomen erkennbar: Während der Forscher auf der einen Seite eine breite gesellschaftliche Grundstimmung registriert, die sich in einer allgemein verbreiteten Verunsicherung und in Zukunftsängsten ausdrückt, liest er aus den Befunden andererseits heraus, dass "die Deutschen sich zugleich überwiegend als Gewinner der gesellschaftlichen Entwicklung betrachten". Um diese Problematik in den Zusammenhang der Forschungsfrage stellen zu können, benutzt Neugebauer die vom Heidelberger Sinus-Institut seit 1979 durchgeführten Erkenntnisse zur Lebensweltforschung. Die mittlerweile weitgehend akzeptierten Ergebnisse zur Gliederung der deutschen (und der westeuropäischen) Gesellschaft(en) in soziale Milieus sehen dabei, abgehend von der traditionellen Schichteneinteilung, insgesamt zehn soziale Milieus vor: Mit den "Etablierten" (10 %) und den "Konservativen" (5) im oberen sozialen Lager, der "Bürgerlichen Mitte" (15), de "Postmateriellen" (10), den "Modernen Reformern" (10), den "Traditionsverwurzelten" (14), den "DDR-Nostalgischen" (5) und den "Experimentalisten" (8) im mittleren sozialen Lager und den "Konsummaterialisten" (12) und "Hedonisten" (11), freilich im Übergang der "Schichten" fließend. Unter diesem Fokus filtert Neugebauer neun Milieus in der deutschen Gesellschaft heraus: Leistungsindividualisten (11 %) - Etablierte Leistungsträger (15) - Kritische Bildungseliten (9) - Engagiertes Bürgertum (10), zum oberen Bevölkerungsdrittel gehörend  - Zufriedene Aufsteiger (13) - Bedrohte Arbeitnehmermitte (16), zum mittleren Drittel gezählt - Selbstgenügsame Traditionalisten (11)- Autoritätsorientierte Geringqualifizierte (7) - Abgehängtes Prekariat (8), die dem unteren Drittel zugeordnet werden. Die auf dieser Grundlage basierenden Repräsentativbefragungen ergeben ein beunruhigendes Bild des sozialen und wertebezogenen Zustandes der Gesellschaft: 63 Prozent der Menschen haben Angst vor gesellschaftlichen Veränderungen; 52 Prozent bezeichnen sich als orientierungslos; 46 Prozent empfinden ihr alltägliches Leben als einen ständigen Kampf; 44 Prozent fühlen sich vom Staat allein gelassen; 15 Prozent sind generell verunsichert und 14 Prozent meinen, dass sie ins Abseits geschoben sind. Aus dieser Grundstimmung einer allgemeinen gesellschaftlichen Verunsicherung heraus, sind 71 Prozent der Auffassung, dass unsere Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet, mit dem Empfinden, dass die sowieso schon Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden; 61 Prozent stimmen der Aussage zu, dass es in der Gesellschaft keine Mitte mehr gibt, sondern nur noch ein Oben und ein Unten; und mehr als die Hälfte beklagen, dass die Ellenbogenmentalität" in der Gesellschaft zunimmt. Dem entspricht auch die steigende Politikverdrossenheit, die sich nicht zuletzt an der abnehmenden Wahlbereitschaft der Bürger ausdrückt. Dieses Zurückziehen auf die Privatsphäre und das Messen der sozialen und wirtschaftlichen Situation an den eigenen, durchaus egoistischen, aber gleichzeitig auch materiell existentiellen Bedingungen des täglichen Lebens wird auch deutlich, betrachtet man die Aussagen der Menschen zu ihren sozialen Beziehungssystemen. Danach sind 89 Prozent der Befragten mit ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zufrieden; 87 Prozent sind es mit ihrer familiären Situation; 86 Prozent mit ihrem Wohnbereich; 78 Prozent geben an, dass sie gute Freunde haben, an die sie sich mit ihren Sorgen wenden können; ebenfalls 78 Prozent schätzen sich ein, dass sie flexibel genug sind, um sich auf schwierige Situationen einzustellen; 41 Prozent meinen, sich darauf verlassen zu können, im Alter von Kindern oder Verwandten gepflegt zu werden; und 39 Prozent schöpfen Kraft und Orientierung aus ihrem Glauben an Gott. Besonders die zum Prekariat gehörenden Menschen mit einem überwiegend niedrigen gesellschaftlichen Status, einem hohen Arbeitslosenanteil, niedriger Schulbildung und vom gesellschaftlichen Abstieg bedroht oder bereits vollzogen, drücken ihre Erwartungen zu Fragen der Sozialen Gerechtigkeit und zur eigenen Lebensbewältigung in hohem Maße durch Demokratiedistanz oder gar -feindlichkeit aus und sehen den Staat in der Pflicht, eine soziale Absicherung der Bürger zu garantieren. Gleichzeitig sind sie es, deren Einstellungen von ethnozentrierten Phantasien bestimmt sind: 79 Prozent der Befragten aus dieser Gruppe stimmen der Auffassung zu, dass der Staat den Zuzug von Ausländern unterbinden solle, damit diese den Deutschen nicht die Arbeit wegnähmen.

In die Merkbücher der demokratischen Parteien in der Bundesrepublik Deutschland kann eingetragen werden, dass Wertevorstellungen, wie Soziale Gerechtigkeit, Sicherheit und Freiheit, Maßstäbe für die Einstellungen der Mehrheit der deutschen Bevölkerung zum Staat, zum Gemeinwesen und zu den politischen Organisationen darstellen. Wenn also politische, demokratische Parteien sich als Interessenvertretungen des Volkes, oder wenigstens eines Teils davon, verstehen, "bedeutet (aber) Reformpolitik in hochdifferenzierten und sich rasch wandelnden Gesellschaften (auch und vor allem) nicht nur Innovation, sondern zugleich Integration und Legitimation". Ein Fingerzeig auf die traditionell in der deutschen Gesellschaft im Vordergrund stehende Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, die überwiegend als "Verteilungsgerechtigkeit" verstanden wurde, macht deutlich, dass dieser dominierende Wert im Zeichen des lokalen und globalen gesellschaftlichen Wandels von den Bürgern umfassender als Forderung an den Staat und die Parteien definiert wird und Fragen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, zur Finanz-, Familien- und Bildungspolitik einschließt. Neben den überwiegend in diesem Zusammenhang vom Autor nicht allzu positiv ermittelten Ergebnissen zu den gesellschaftlichen Befindlichkeiten in Deutschland ist jedoch ein Lichtblick bei den Einstellungen der Deutschen zum Reformprozess deutlich: Die überwiegende Mehrheit der Befragten, 73 Prozent, erkennen den Reformbedarf in der Gesellschaft an; und die Mehrheit ist auch bereit, (auch schmerzliche) Reformen zu akzeptieren. Allerdings: Fast die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass Reformen "in kleinen Schritten" besser wären als Hau-Ruck-Aktivitäten; das ist dann allerdings wieder eine Frage der Reformkommunikation!

Fazit

Mit der Studie über politische Milieus in Deutschland hat Gero Neugebauer eine wichtige gesellschaftliche Analyse und vielfältige Quellenmaterialien vorgelegt. Die Ergebnisse und Empfehlungen sollten nicht nur den politischen Parteien, schon gar nicht nur, weil die Untersuchung im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt wurde, den sozialdemokratisch orientierten Gruppen in der Gesellschaft als Schreibtisch- und Handlungsvorlage für ihre politische Arbeit dienen; sie bieten jeden politisch interessierten Menschen für die schulische und außerschulische Bildung und im Hochschulbereich Denkanstöße für die eigene und damit eben auch gesellschaftliche Orientierung an.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1292 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.05.2007 zu: Gero Neugebauer: Politische Milieus in Deutschland. Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2007. ISBN 978-3-8012-0377-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4690.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Geschäftsführer/innen, Weilburg

Stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Siegen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung