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Gerhild Drüe: ADHS kontrovers. Betroffene Familien im Blickfeld von Fachwelt und Öffentlichkeit

Cover Gerhild Drüe: ADHS kontrovers. Betroffene Familien im Blickfeld von Fachwelt und Öffentlichkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 266 Seiten. ISBN 978-3-17-019086-3. 24,80 EUR.
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Thema

"ADHS" (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom bzw. Störung) ist in vieler Munde bzw. in vielen pädagogischen Einrichtungen oder Bildungsstätten im Tagesgespräch. Handelt es sich bei den Verhaltensweisen eines Kindes oder Jugendlichen tatsächlich um ADHS? Und wie ist das Ausmaß an Störung zu bewerten? Muss die Störung bzw. der Jugendliche/das Kind tatsächlich behandelt werden? Wer muss konsultiert werden? Zu welchen Veränderungen im schulischen Alltag können die Lehrer/-innen verpflichtet werden? Wie geht man innerfamiliär mit Kindern um, bei denen ADHS diagnostiziert worden ist? Wie ist eine medikamentöse Behandlung einzuschätzen?

Dies sind nur einige, wenige Fragen, die im Zusammenhang mit ADHS immer wieder gestellt werden. Die Diskussion verläuft hier quer durch die Professionellen- und Laien-Lager, wobei sich die Grenzen auch vermischen, ob nun eher Erzieher/-innen, Lehrer/-innen und andere beteiligte Berufsgruppen oder aber die Mütter und Väter zu den Personen gehören, die sich mit dem Thema ADHS im Detail auskennen.

Die Autorin Gerhild Drüe hat aus professioneller und elterlicher Sicht die Thematik betrachtet und in diesem Buch die konträren Positionen gegenübergestellt.

Autorin

Gerhild Drüe ist Hauptschullehrerin und Mitglied im ADHS-Forum Osnabrück. Sie berät Eltern von Kindern mit ADHS in der Selbsthilfe.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist in sieben Kapitel eingeteilt und beleuchtet die Thematik ADHS aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln.

  1. Zunächst führt Frau Drüe unter der Überschrift "Zumutungen" in das Thema ADHS ein. Aus einer deutlichen Betroffenen-Sicht heraus eröffnet sie einen Reigen an Zitaten und Eindrücken von Ereignissen sowie Umgangsformen mit betroffenen Menschen bzw. ihren Erziehungsberechtigten.
  2. Im zweiten Kapitel "Zur 'Sache' ADHS" geht die Autorin stärker auf die Ursachen und Begleitumstände von ADHS ein. Fast schon provokant beginnt dieser Abschnitt mit Erläuterungen, was ADHS alles nicht ist, bevor ein Überblick gegeben wird, was alles zum Bild von ADHS dazugehört. Hier verdeutlicht sie, dass beim Thema ADHS längst nicht alles geklärt ist und beschreibt in sehr anschaulicher Weise Einzelheiten der Symptomatik, wie Unruhe und Zappeln, "immerwährende Pubertät", die Bedeutung für Jungen und für Mädchen sowie die zwei Seiten von Menschen, bei denen ADHS diagnostiziert worden ist. Statistische, historische Aspekte sowie die Frage der Intelligenz werden des weiteren ins Blickfeld gerückt. Hier vermischt Gerhild Drüe den Aspekt ADHS mit politischen Forderungen nach mehr Ganztagesbetreuungen, weil Mädchen aus ungebildeteren Schichten vermeintlich mehr von ADHS betroffen sein könnten.
  3. Das Kapitel 3 befasst sich mit dem passend gewählten Titel "Steine im Weg" und untersucht, inwiefern Erziehung (es ist wohl vor allem die elterliche gemeint) zur Entstehung, Entwicklung oder auch Beibehaltung von ADHS beiträgt. Auch wenn hier die Autorin sehr subjektiv ihre Erfahrungen hinsichtlich Zuschreibungsmustern äußert, wird doch prägnant klar, dass ADHS auf keinen Fall standardisiert behandelt oder betrachtet werden darf. In diesem Part des Buches ist die Auflistung der Zuschreibungen (S. 126ff) besonders eindrucksvoll, da dort deutlich wird, wie man Eltern für viele Defizite verantwortlich machen kann. Der - wenn auch in Anführungsstrichen - verwendete Begriff "motherhunting" ist jedoch eher unangemessen.
  4. Im vierten - wenn auch kleinen - Abschnitt des Buches zum "Knackpunkt MPH (z.B. Ritalin)" befasst sich die Autorin in sorgfältiger Weise mit dem neueren Forschungsstand bezüglich Methyphenidat (MPH), welche Behandlungswege sich als erfolgreich erwiesen und welche Therapieansätze sich als falsch erwiesen haben.
  5. Die noch nicht einmal 20 Seiten des fünften Kapitels erwecken Betroffenheit hinsichtlich der vier dargestellten Beispiele von "Sackgassen"; d.h. die Autorin beschreibt knapp, aber deutlich, wie ein nicht (oder zu spät) erkanntes ADHS sich auf die Entwicklung junger Menschen auswirkt.
  6. Das Kapitel 6 fokussiert ADHS "Im Brennglas Schule". In gewohnter Weise mit einem Betroffenenbericht beginnend zeigt Gerhild Drüe auf, wie fatal die Unkenntnis von Personen an Schulen zum Teil ist. Sie macht diverse Faktoren für dieses "Schulversagen" verantwortlich, u.a. äußert sie, dass "in Klasse 3 oder 4…die Vorsortierung oder die Endsortierung" (S. 232) abläuft. Das Wort "Endsortierung" für das Ende der Grundschulzeit zu verwenden ist hier wenig hilfreich, da es eher schulpolitische Aspekte als die Thematik ADHS aufgreift. Ansonsten werden hier viele Anregungen genannt, wie man das Leben der "ADHS-Kinder" in der Schule erträglicher gestalten kann.
  7. Im siebten Kapitel "Wünsche" erläutert die Autorin zunächst, was die Familien (im besonderen die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Eltern) brauchen, bevor sie Wünsche an verschiedene Adressaten richtet. Diese Wünsche beginnen immer mit der Formulierung "sollten". Hier hätte man sich mehr gewünscht, dass nicht nur die Wünsche an die "Experten" gerichtet werden, sondern auch an die Eltern und Kinder/Jugendlichen selbst. Die Wunschappelle richten sich im einzelnen an "ADHS-Experten", Diagnostiker, Krankenkassen, Industrie, Politik, Kultusministerien, Schulen, Bildungsinstitutionen, Kirchen und Medien.

Abschließend werden einige hilfreiche Anschriften und sieben Seiten Literaturliste aufgeführt.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für alle, die kein rein wissenschaftlich strukturiertes Buch durcharbeiten wollen, sondern gerne auch eine Mischung aus provokanten Thesen, Erfahrungsberichten und Sachthemenrecherche lesen möchten. Neben den Eltern werden vor allem Pädagogen/-innen aus Kindergarten, Schule und Jugendhilfe, aber auch Ärzte und Therapeuten/-innen von diesem Buch profitieren können, da es in eindrücklicher Weise die Betroffenensicht darstellt.

Diskussion

Ein Blickwinkelerweiterungsbuch, das an vielen Stellen provokant und parteiisch ist. Es baut klar aufeinander auf und zeugt von einer jahrelangen, intensiven Beschäftigung mit dem Thema ADHS sowohl aus der Betroffenen- als auch aus der Professionellen-Sicht. Leider fehlen gänzlich Graphiken oder Tabellen, die insbesondere die statistischen Aussagen unterstützt hätten. Zudem wären bei den vielseitigen Detailaussagen ein Glossar und ein Stichwortverzeichnis hilfreich gewesen. Die eher gängige Formulierung ADHS"yndrom" wäre beim Lesen verständlicher gewesen als die eher unübliche Verwendung ADHS"törung". Schließlich sind in manchen Passagen die zitierten Erfahrungsberichte sehr lang und daher ermüdend. Hier hätte man sich mehr Konzentration auf das Wesentliche gewünscht.

Fazit

Ein informatives Betroffenenbuch, das zwischen Sach-, Erfahrungs- und Wissenschaftsliteratur einzustufen ist und so auch wieder als Verbindungsglied zwischen den unterschiedlichen Professionen und Betroffenen dienen kann.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 29.09.2007 zu: Gerhild Drüe: ADHS kontrovers. Betroffene Familien im Blickfeld von Fachwelt und Öffentlichkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-17-019086-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4694.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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