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Mirjam Faust: Aktuelle theoretische Ansätze (Heilpädagogik)

Cover Mirjam Faust: Aktuelle theoretische Ansätze in der deutschen Heilpädagogik. Eine Einführung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2007. 120 Seiten. ISBN 978-3-938094-78-5. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 23,50 sFr.

Reihe: Schriften der katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen - 4.
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Thema

Im Wesentlichen handelt es sich bei Mirjam Fausts Werk um eine detaillierte Darstellung von vier in der Heilpädagogik hervorgetretenen theoretischen Konzepten:

  • dem geisteswissenschaftlichen,
  • dem empirischen,
  • dem systemischen und
  • dem materialistischen,

denen sie jeweils bestimmte Vertreter (Gröschke, Bleidick, Speck, Jantzen/Feuser) zugeordnet hat.

Aufbau und Inhalt

Untergliedert hat die Autorin die jeweilige Darstellung

  • nach ethischen Vorstellungen,
  • nach Menschenbild,
  • nach Behinderungsbegriff,
  • nach Stellung im pädagogischen Handlungsfeld und
  • nach Methoden/Zielen.

Jeder theoretische Bezug und Autor wird abschließend bewertet.

Mit diesem Raster verwendet sie ein Ordnungsmuster, das die Vielfalt der möglichen Zugänge sinnvoll reduziert hat

In einem Vorlauf hat sie gängige wissenschaftliche Übersichten der allgemeinen Pädagogik (König/Helder, Krüger und Kron) und zentrale heilpädagogische Leitideen als Bezugspunkt und Hinführung zum Hauptteil genommen. Bei den heilpädagogischen Leitideen stellt sie eine Verbindung her zu Klassikern der Heilpädagogik (insb. Hanselmann und Moor). Den wissenschaftstheoretischen und erkenntnistheoretischen Bezug übernimmt sie aus üblicherweise in der Pädagogik ausgewählten Thematisierungen und Ordnungen.

Diskussion

Abgesehen von kleineren Ungenauigkeiten und wenigen Unvollständigkeiten in den Literaturbelegen handelt es sich um eine Darstellung, die nicht holzschnittartig verkürzt, sondern eine Fülle von inhaltlichen Informationen bietet, bei denen man sich vorstellen kann, dass die Arbeit von Mirjam Faust vor allem in anderen Qualifikationsarbeiten Verwendung finden wird oder der Situationen der Verwendung von abfragbarem Wissen in BA-Studiengängen (z.B. mittels des Tabellarischen Überblicks, S.88) Rechnung trägt.

Dennoch mögen einige kritische Punkte angemerkt werden, die jedoch von Desiderata an die Theoriediskussion in der Heilpädagogik ausgehen und weniger von dem, was von einer Autorin, die relativ neu in dem Feld zu sein scheint, erwartet werden dürfte:

  1. In der Auswahl der Autoren könnte man auch zu einem anderen Ergebnis kommen, zumal unter dem Titel "aktuell", wenn man an Dederich, Peter Fuchs und insbesondere die jüngeren Veröffentlichungen Kobis denkt, die nur sehr begrenzt unter die obige Typologie subsumiert werden können.
  2. Auch bei der Einordnung der Autoren könnte man zu anderen Ergebnissen kommen (aber das Zuordnungsproblem stellt sich immer ein, wenn man Themen gruppiert): Um nur auf zwei Aspekte einzugehen: Bleidick hat vor allem in seinen jüngeren Veröffentlichungen einen deutlichen systemtheoretischen Bezug vorgenommen, der auf der theoretischen Ebene vielleicht stärker einzuschätzen als die synkretistische Herangehensweise von Speck, Gröschke verwendet durchaus Argumentationsfiguren, die zentral auch bei Jantzen zu finden sind.
  3. Es gibt hier z.B. nahezu keine kritische Auseinandersetzung mit der "materialistischen" Heilpädagogik. Diese fehlende Auseinandersetzung zeigt sich z.B. in der Unsicherheit in der Einordnung von Jantzen und Feuser z.B. zur Frankfurter Schule oder zum historischen und dialektischem Materialismus (einer orthodoxen Version Marxschen Denkens, gegen die die Frankfurter Schule Position bezogen hat), oder in der Entgegensetzung von Marxscher Gesellschaftstheorie gegenüber der "Aneignung der materiellen Welt durch die Tätigkeit" im Zusammenhang mit Jantzen oder der Zuordnung von Habermas zu einer "marxistischen Kritik am Kapitalismus", die allenfalls für den frühen Habermas zutrifft.
  4. Ein anderer Punkt ist die naive Sicherheit in der Heilpädagogik bezüglich Ethik und Menschenbild. Zu dessen Kritik trägt das "Wörterbuch des Gutmenschen" mehr bei als z.B. die parteilichen Positionen Haeberlins, wenn man sich nicht tiefgehend mit der Philosophischen Anthropologie z.B. nach Gerhard Arlt (da reicht der hier verwendete Danner nicht aus) auseinanderzusetzen bereit ist.

Fazit

Kritisch zusammenfassend bleibt - ähnlich wie bei Moser und Sasses "Theorien der Behindertenpädagogik" (2008) - deshalb letztlich ein etwas hohles Gefühl zurück. Vor sich hat man einen solide elaborierten Text, bei dem es sich eher um eine inhaltliche Ritualisierung handelt als um eine immer auch riskante Kritik oder tiefen Auseinandersetzung. Insofern ist die Theoriebildung in der Heilpädagogik noch weit entfernt von dem, was in anderen Gebieten erreicht wird (gemessen z.B. an den theoretischen Durchdringungen der Soziologie durch Haller oder Joas/Knöbl).


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Klingmüller
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Zitiervorschlag
Bernhard Klingmüller. Rezension vom 02.01.2009 zu: Mirjam Faust: Aktuelle theoretische Ansätze in der deutschen Heilpädagogik. Eine Einführung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2007. ISBN 978-3-938094-78-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4713.php, Datum des Zugriffs 10.04.2021.


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