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Ludger Jungnitz, Ralf Puchert u.a.: Gewalt gegen Männer

Cover Ludger Jungnitz, Ralf Puchert, Henry Puhe, Willi Walter: Gewalt gegen Männer. Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2007. 308 Seiten. ISBN 978-3-86649-009-3. 28,00 EUR.
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Thema

Um Menschen, die zu Opfern von Gewalt geworden sind, nützliche Hilfsangebote machen zu können, muss ausreichend Wissen um die Bedeutung, die Hintergründe und die Mechanismen zu diesem Bereich vorhanden sein. In der Forschung haben bisher Männer in der Rolle als Opfer nur eine geringe Würdigung erfahren. Ursächlich dabei scheint, dass traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit nur schwer mit der Erfahrung, Opfer von Gewalt zu werden, vereinbar sind. Solche Geschlechtsrollenvorstellungen erschweren den offenen Blick auf Opfererfahrungen von Männern.

Entstehungshintergrund

Den Hintergrund der Entstehung dieser Studie bilden die Erkenntnisse bisheriger Forschung, die den Blick auf Frauen und Kinder als Opfer von Gewalt fokusierte und Männer überwiegend aus der Perspektive ihrer Täterschaft betrachtet hat.

Diese Pilotstudie wurde daher begleitend zu einer Prävalenzstudie über Gewalt gegen Frauen durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben, um die Grundlage für weitere Forschung zu schaffen.

Aufbau

In der Einleitung nähern sich die Autoren dem Thema Gewalt und dem Anliegen der Pilotstudie, männliche Opfererfahrungen zu erforschen. Sie unterscheiden verschiedene Erscheinungsformen von Gewalt und finden eine passende Begriffsdefinition. Es wird beleuchtet, was es hinsichtlich des Zusammentreffens der Geschlechtsidentität "Mann" und der Erfahrung als "Opfer" zu berücksichtigen gilt und welche Mechanismen den neutralen Blick erschweren können.

Es folgt eine detaillierte Beschreibung des Aufbaus der Pilotstudie mit ihren vier Modulen.

  • Modul 1: "Literaturrecherche und Definition der Gewaltfelder"
  • Modul 2: "ExpertInnenbefragung" (N = 21)
  • Modul 3: "Qualitative Befragung" (N = 32)
  • Modul 4: "Quantitative Befragung" (N = 266) und "Zusatzfragebogen zu häuslicher Gewalt" (N = 190)

Die Möglichkeiten und die Grenzen der Studie werden offengelegt und bewertet. Hervorzuheben sind hier die hohe Aussagekraft explorativer qualitativer Ergebnisse der Arbeit und eine eingeschränkte statistische Gültigkeit der quantitativen Ergebnisse, aufgrund der niedrigen ProbantInnenzahl.

Teil I "Gewalt gegen Männer in der Kindheit und Jugend"

  • ImTeil I "Gewalt gegen Männer in der Kindheit und Jugend" wenden sich die Autoren zunächst den innerfamiliären Erscheinungsformen von Gewalt zu. Den Themen körperlicher und psychischer Gewalt folgen Vernachlässigung und sexueller Missbrauch, bzw. sexuelle Misshandlung. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass innerfamiläre Gewalt zu den zentralen Erfahrungen von Männern gehören, ein großer Anteil, gerade der älteren Männer haben z.B. körperliche Gewalt in Ihrer Kindheit erlebt, diese aber subjektiv gar nicht als Gewalt sondern als "normale" Erziehungsmethode bewertet. Im Gegensatz zu psychischer Gewalt, bei der ebenso wie bei der körperlichen Gewalt relativ klare Interpretationen möglich waren, gelangen die Verfasser bei dem Bereich der psychischen Vernachlässigung zu keinen klaren Einschätzungen und halten sich daher mit ihren Aussagen zurück. Beim Thema sexueller Missbrauch vermuten die Autoren besonders bei den Mechanismen, die zur Aufdeckung des Missbrauchs dienen können, eine geschlechtsspezifische Wirksamkeit, die sich von den Mechanismen bei Mädchen mit Missbrauchserlebnissen geschlechtertypisch unterscheiden und so dazu beitragen, dass Missbrauch an Jungen in höherem Maße im Dunkeln bleibt.
  • Als nächstes richtet sich der Fokus auf die Gewalt gegen Männer in Kindheit und Jugend in der Öffentlichkeit und der Freizeit. Nach einem fachlichen Überblick und einem Einblick in die Daten der vorliegenden Studie wird im Folgenden zwischen körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt unterschieden. Die Ergebnisse geben Hinweise auf Häufigkeit, Ausmaß und die Art der Antagonisten in diesen Fällen und stehen dadurch teilweise entgegen anderen Forschungsergebnissen, die auf Dunkelfeldstudien beruhen.
  • Im nächsten Abschnitt wird jene Gewalt gegen Männer als Kinder und Jugendliche im Bereich von Schule und Ausbildung genauer betrachtet. Dieser Teil wird analog zu den vorigen bestritten. Im Bereich der Schulen bestätigen sich bisherige Annahmen, dass bei körperlicher und psychischer Gewalt in der Mehrheit Jungen die Opfer und die TäterInnen meist männlich sind. Mit steigendem Bildungsniveau des Schultypus sinkt die Gewaltrate.

Teil II "Gewalt gegen Männer im Kontext von Krieg und von Wehr- und Zivildienst"

  • In diesem Abschnitt zeigt sich dem Leser ein Bild von überraschender Dringlichkeit. Wenig Forschung zur Viktimisierung von Männern (und Frauen) aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges jenseits des Holocaust sind bisher ins öffentliche Fachinteresse geraten. Das Erleben von Gewalt im Kontext Krieg, Flucht und Vertreibung, ob als Mann, oder als Junge mit seiner generationenübergreifenden Wirkung konnte nur bruchstückhaft und illustratorisch beleuchtet werden und bedürfte systematischer Forschungsarbeit.
  • Eine weitere Facette bietet die Betrachtung von Gewalterleben im Rahmen von Musterung, Wehr- und Zivildienst. Die Untersuchungsergebnisse dieser Studie werden in diesem Teil von der Erfahrung eingeschränkt, dass viele Befragte, bezüglich des Bereichs Musterung und Wehrdienst grenzüberschreitende (Gewalt-) Erfahrungen als institutionell bedingt und dazugehörig einschätzen und daher ihre Antworten auf solche Ereignisse beschränken, die über das "normale" Maß hinaus gingen. Sowohl im Wehr-, als auch im Zivildienst wird überwiegend von psychischen Gewalterfahrungen berichtet.

Teil III "Gewalt gegen Männer"

In diesem Teil geht es um aktuelle Situationen oder Lebensbereiche, in denen Männer unter Gewalterleben leiden, oder litten. Es sind die Bereiche: Lebensgemeinschaften, Öffentlichkeit und Freizeit und schließlich die Arbeitswelt.

  • Aufgrund des geschlechtsrollenbedingt wenig ausgereiften Bewusstseins für die Rolle von Männern als Opfer von Gewalt in Partnerschaften, sowohl bei den Befragten, aber auch als Handicap bei der Gestaltung und Interpretation der Befragung, schränken die Herausgeber die Genauigkeit der quantitativen Ergebnisse ihrer Untersuchung stark ein. Klarheit herrscht hier bezüglich der großen Bedeutung des Themas und des ebenso großen Bedarfs an weiterer Forschung. Beleuchtete Szenarien sind die heterosexuelle und die homosexuelle Partnerschaft, Männer in Trennungssituationen, Stalking und Gewalt gegen alte Männer durch Familienangehörige. In den letzten beiden genannten Bereichen lassen die wenigen auswertbaren Ergebnisse nur eine punktuelle Beleuchtung zu. Bei der Gewalt im Trennungskontext zeigen sich zwei Faktoren besonders markant, die Gewalt in der Trennungssituation begünstigen: Nämlich eine manifeste Disharmonie bei den Sorgerechts-Vereinbarungen bezüglich gemeinsamer Kinder oder/und bereits erlebte Gewalthandlungen in der Partnerschaft, bevor es zur Trennung kam. Für Gewalt in homosexuellen Partnerschaften kann aus der Studie kein Ergebnis ermittelt werden und so muss der Leser sich mit den Ergebnissen der Literaturrecherche zufrieden geben. Für heterosexuelle Partnerschaften lassen sich hochsignifikante Werte bezüglich hoher sozialer Kontrolle durch die Partnerin und körperlicher Gewalt gegenüber dem Partner statistisch nachweisen.
  • In dem Bereich Gewalt gegen Männer in der Öffentlichkeit und in der Freizeit finden sich in der Pilotstudie insgesamt die meisten Nennungen für körperliche Gewalterfahrungen. Diese Gewalt geht meist von anderen Männern mit ähnlichem Alter aus. Das höchste Risiko tragen junge Männer im Alter von ca. 20 Jahren. Für psychische und für sexualisierte Gewalt werden verschiedene Zusammenhänge diskutiert, münden aber weniger in allgemein gültigen Aussagen als vielmehr in verschiedenen Thesen zum Weiterdenken.
  • Im Bereich Gewalt gegen Männer in der Arbeitswelt werden wieder die Bereiche körperliche Gewalt, psychische Gewalt und sexualisierte Gewalt untersucht. Darüber hinaus kommen hier die Themengebiete Belastungen und Überlastung und auch der Sonderfall Mobbing zum tragen. Die Vielschichtigkeit der möglichen gewaltverursachenden Faktoren liegt darin, dass Gewalt von Außen oder Gewalt von innerhalb des Arbeitssystem kommen kann (z.B. Kunden vs. KollegInnen und Vorgesetzte). Die meisten Gewalterfahrungen machen Männer in der Arbeit durch psychische Gewalt.

Teil IV "Besondere Gewaltkontexte"

Im Teil IV "Besondere Gewaltkontexte" werden solche Gewalterfahrungen abgebildet die sich aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, oder aus dem Aufenthalt in einem bestimmten Kontext ergeben. Hierzu zählen: Institutionen der Jugendhilfe, des Gesundheitswesens, Gefängnisse, christlich-religiöse Gemeinschaften, das Ritual der Beschneidung, Männer mit Behinderungen, die eigene ethnische Herkunft und Männer mit nicht heterosexueller Orientierung.

Teil V "Schlussfolgerungen, Empfehlungen und Diskussion"

Die Autoren fassen im Teil V "Schlussfolgerungen, Empfehlungen und Diskussion" noch einmal ihre Intention für die Studie und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen zusammen. Sie betonen die Bedeutung der Erforschung männlicher Opfererfahrungen und damit einher gehend die Absicht, diesen Teil von männlicher Wirklichkeit besser sichtbar machen zu wollen. Nur so können Hilfsangebote effektiv und wirksam entwickelt werden und wirken. Die Verfasser setzen die Ergebnisse der Studie in detaillierten und weitreichenden Fragen und Anregungen für die zukünftige Entwicklung dieses Forschungsgebietes um.

Zielgruppen

Dieser Band spricht sowohl wissenschaftlich, therapeutisch und beraterisch tätige LeserInnen an, sowie am Thema interessierte Fachmenschen.

Diskussion

Schon nach kurzer Auseinandersetzung mit diesem Buch zeigten sich klar die Gründlichkeit der Betrachtung und die gelungene Struktur der Darstellung. Nach der Einführung ist es gut möglich dem roten Faden zu folgen oder ebenso gut, nur thematisch eingegrenzt dem aktuellen Fachinteresse nachzugehen. Der Text ist gut lesbar, sachlich und flüssig geschrieben. Textbeispiele aus den Interviews beleben den sonst sachlichen Sprachstil und wecken emotionale Beteiligung bei der Lektüre.

Die Profile der Herausgeber und Autoren sprechen für einen kompetenten Bezug zum Forschungsgegenstand. Die transparente Darstellung der Studie offenbart eine fachliche und nachvollziehbare Positionierung. Darüber hinaus war die Besetzung des wissenschaftlichen Beirates, der bei dieser Studie beratend zur Seite stand, hochkarätig: Dr. Dirk Bange, Prof. Dr. Carol Hagemann-White, Prof. Dr. Barbara Kavemann, Prof. Dr. Helmut Kury und Dr. Monika Schröttle.

Fazit

Ludger Jungnitz, Hans-Joachim Lenz, Ralf Puchert, Henry Puhe und Willi Walter ist mit dieser Veröffentlichung ein hervorragender Blick auf die Vielseitigkeit des Themas "Gewalt gegen Männer" gelungen. Mit großer Gründlichkeit haben sie eine Basis für weitere Forschung und Diskussion geschaffen. Es ist ihnen obendrein gelungen eine polarisierende Haltung in der geschlechterpolitischen Verortung zu vermeiden. Kurz gesagt: inhaltsreich und konstruktiv - Gratuliere!


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Gregor Prüfer
M.A. Päd. / Dipl. Soz.-Päd.(FH) War lange tätig in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit; Aktiv in der Vernetzung von Jungenarbeit in München seit 1993 (www.netzwerk-jungenarbeit.de), freiberuflicher Fortbildungsreferent zu Themen der Genderpädagogik und zu Gender Mainstreaming seit 1999. Seit 2005 Mitarbeiter im Münchner Informationszentrum für Männer mit den Schwerpunkten Männerberatung und Gruppenarbeit für Männer mit Gewalthintergrund (www.maennerzentrum.de), seit WS 2008/09 auch Lehrbeauftragter an der Katholischen Stiftungshochschule München (www.ksh.de). Seit 2011 außerdem Mitarbeiter am Pädagogischen Institut in München, zuständig für Geschlechtergerechte Pädagogik und Jungenförderung an den Städtischen Münchner Schulen (www.pi-muenchen.de).
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Zitiervorschlag
Gregor Prüfer. Rezension vom 27.01.2008 zu: Ludger Jungnitz, Ralf Puchert, Henry Puhe, Willi Walter: Gewalt gegen Männer. Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2007. ISBN 978-3-86649-009-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4717.php, Datum des Zugriffs 28.02.2021.


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