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Reinhard Stockmann, Wolfgang Meyer: Evaluation. Eine Einführung

Cover Reinhard Stockmann, Wolfgang Meyer: Evaluation. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-8337-7. 16,90 EUR.

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Thema

Reinhard Stockmann und Wolfgang Meyer vom Centrum für Evaluation (CEval) der Universität Saarbrücken haben mit einer neuen Publikation eine grundlegende Einführung in das Thema Evaluation vorgelegt. Studierende und Praktiker – so heißt es im Klappentext‚ sollen sich damit „einen Überblick über verschiedene Fragestellungen und Vorgehensweisen der Evaluationsforschung erschließen können“. Diesen Anspruch löst das umfassend angelegte Buch ein, es ist gut lesbar geschrieben, ohne dass dabei komplexe theoretische Zusammenhänge allzu sehr simplifiziert werden. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Zum einen verfügen die Autoren über eine eigene langjährige Praxis als Evaluatoren, zum andern können sie sich auch auf eine langjährige theoretische Auseinandersetzung mit internationalen Evaluationskonzepten stützen. Das Buch bietet mehr als einen Überblick über die Entwicklung von Evaluationstheorien. Es enthält gleichzeitig eine Argumentation zu einem wissenschaftlich fundierten Evaluationsverständnis und dazu wie in einem deutschen Kontext Evaluation als wissenschaftliche Disziplin entwickelt werden sollte, um die Potentiale des Konzepts für die Lösung gesellschaftlicher Probleme professionell realisieren zu können.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert, die entweder von beiden Autoren gemeinsam oder jeweils von einem der beiden verfasst wurden. Es schließt sich ein umfassender Apparat mit Literaturangaben an. Trotz kleiner Redundanzen in den Kapiteln (z.B. zum Organisations­verständnis) hat man als Leser den Eindruck, dass es sich um einen Text ‚aus einem Guss‘ handelt. Es ist den Autoren auch gelungen Textpassagen aus früheren Publikationen (z.B. Stockmann 2006) einzubeziehen und damit ihre fachliche Positionierung auszudifferenzieren und weiterzuentwickeln.

Im ersten Kapitel umreißt Reinhard Stockmann die Bedeutung und die Rolle von ‚Evaluation‘ für die demokratische Gestaltung moderner Gesellschaften mit ihren komplexer werdenden Wirkungszusammenhängen. Stockmann beklagt die bisherig im Verhältnis zu den angelsächsischen Ländern eher defizitäre Verankerung von Evaluation in der administrativen und politischen Kultur in Deutschland. Dabei war Evaluation – so Stockmann - „noch nie so notwendig (…) wie heute“ (S. 16). Evaluation schafft Aufklärung, Steuerungsmöglichkeiten und eignet sich für den reflexiven Einsatz für die „Kritik an der Moderne selbst“ (ebd.), indem sie Erkenntnisse über intendierte und nichtintendierte Handlungsfolgen von Programmen und Politiken verschiedener Akteure gewinnt. Dieser gesellschaftliche Bezug des Evaluationskonzepts auf eine emanzipatorisch- aufklärerische Wertebasis durchzieht den gesamten Ansatz von Stockmann und Meyer und beeindruckt. Evaluation ist in diesem Sinne ein an gesellschaftlicher Nützlichkeit orientiertes sozialwissenschaftliches Konzept, das an die Verwendung systematischer Methoden gebunden ist. Um diesen hohen Anspruch in der Praxis einlösen zu können, so argumentiert Stockmann, ist es notwendig, den Gebrauch der Evaluationsterminologie sowohl vor seiner Verwässerung durch inflationäre alltagssprachlichen Verwendung zu schützen als auch vor der Gefahr der „Laienevaluation“ (S.49), bei der der Ansatz durch fehlende Fachkompetenz insbesondere bei der Datenerhebung,– auswertung und –aufarbeitung insgesamt diskreditiert werden kann . Daher bedarf es einer Professionalisierung von Evaluation, d.h. ihrer Etablierung als wissenschaftliche Forschungsdisziplin, die dazu beitragen kann, die derzeitige „rein an den Interessen und der Nachfrage von (zumeist) öffentlichen Auftraggebern orientierte politikgetriebene Evaluationskultur“ zu überwinden (S. 53).

Im zweiten Kapitel definiert Reinhard Stockmann Evaluation als wissenschaftsgestütztes Konzept und setzt es in ein Verhältnis zum System der politischen Entscheidungsprozesse. Ganz anschaulich werden einzelne Elemente wie die Bestimmung des Evaluations­gegenstands, des Evaluationszwecks, der Kriterien, der durchführenden Evaluatoren und ihrer Methoden beschrieben. Danach stellt Stockmann seinen CEval-Evaluationsansatz vor, der sich auf ein Lebensverlaufsmodell von Evaluationsprojekten stützt und dabei organisationstheoretische und innovations- und diffussionstheoretische Ansätze nutzbar macht. Das Kapitel mündet in einem für die Praxis hilfreichen Beispiel eines Leitfadens für die Durchführung Programmevaluationen.

Im gemeinsamen dritten Kapitel referieren die Autoren gemeinsam vor allem die Entwicklung angelsächsischer Theoriebildung zu Evaluationsansätzen, die durch z.T. kontroverse Entwicklungsannahmen gekennzeichnet ist. Diese in deutscher Sprache wohl einzigartige Rezeption verbleibt nicht im rein wissenschaftstheoretische Raum, sondern zeigt auch die praktische Evaluationsprobleme, in deren Kontext die verschiedenen Evaluationstheorien entstanden sind. Stockmann und Meyer vertreten die nachvollziehbare Position, dass im Zuge einer sich verfestigenden Professionalisierung von Evaluation es zu einer Annäherung verschiedenere Traditionen kommt, die sich in einer Vereinheitlichung von Evaluationsabläufen niederschlägt (S.157).

Das vierte Kapitel beinhaltet sehr praxisnahe Ausführungen zur Planung und zur Durchführung von Evaluationsprozessen sowie zur Gestaltung des Umgangs mit Ergebnissen im Verwertungsprozess. Hier schimmert durch, dass es sich bei den Autoren um erfahrene Evaluationspraktiker handelt, die z.B. bei der Abfassung und der Präsentation von Evaluationsergebnissen auch selbst „ihr Lehrgeld bezahlt‘ haben. Gerade bei der Formulierung und der Veröffentlichung der Ergebnisse zeigt sich das Spannungsverhältnis zwischen dem Interesse der Auftraggeber an erwünschten Ergebnissen und dem Anspruch der Evaluatoren auf wissenschaftliche Unabhängigkeit. Die Argumentationsstrategien, die hier zum Tragen kommen, werden gut zusammengefasst („Alles bekannt“, „Methodisch defizitär“, „viele Fehler“, „kann gar nicht sein!“ etc. vgl. S. 174 – 179).

Nach einem ausführlichen und kenntnisreichen Kapitel zu Strategien und Methoden der Informationssammlung und –bewertung, das insbesondere zur Durcharbeitung in Ausbildungszusammenhängen sehr empfohlen werden kann (fünftes Kapitel), schließt das Buch mit Ausführungen von Wolfgang Meyer zum Umfeld von Evaluationsprozessen (sechstes Kapitel). Er stellt dabei zunächst noch einmal dezidiert den emanzipatorischen Bezug von Evaluation für die Gestaltung und Legitimation politischer Prozesse in modernen Demokratien her. Dann gibt er in Kap. 6.3 einen außerordentlich informativen Überblick über die Grundlagen und die Bedeutung des organisationalen Umfelds von Evaluationsaktivititäten. Dabei referiert er kurz, aber gut verständlich zentrale Begriffe zum sozialwissenschaftlichen Verständnis von Organisationen und verbindet dies mit der Evaluationsterminologie der Stakeholder‘ und ihrer Interessen.

Fazit

Reinhard Stockmann und Wolfgang Meyer sind Mitinitiatoren der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Evaluation e.V. (DeGeVal) und der dazugehörigen Fachzeitschrift „Zeitschrift für Evaluation“. Ihr Buch kann als Standardwerk für die Theorie und Praxis von Evaluation bezeichnet werden. Es auch ist ein gelungenes Plädoyer für Professionalisierung einer entsprechenden Disziplin und für die Verankerung von Evaluation „als allgemein anerkanntes, professionelles Instrument in der Gesellschaft“ (S. 259). Es ist kein unkritisches Plädoyer für Evaluation. An zahlreichen Stellen des Buches wird darauf verwiesen, dass die Ansprüche nur eingehalten werden können, wenn die Voraussetzungen und Bedingungen von Evaluation gegeben sind. Evaluation steht auch in der Gefahr, im Rahmen eines ökonomistischen Mythos der Effizienz zum bürokratischen Selbstzweck zu werden Vielleicht wäre es erwägenswert gewesen, diese Zusammenhänge in einem eigenständigen Kapitel zu reflektieren.


Rezension von
Prof. Dr. Johannes Schädler
Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE), Uni Siegen
Homepage www.zpe.uni-siegen.de
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Zitiervorschlag
Johannes Schädler. Rezension vom 19.06.2010 zu: Reinhard Stockmann, Wolfgang Meyer: Evaluation. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-8337-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4721.php, Datum des Zugriffs 03.07.2020.


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