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Günther Opp, Michael Fingerle (Hrsg.): Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz

Cover Günther Opp, Michael Fingerle (Hrsg.): Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-497-01908-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 50,50 sFr.
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Das Thema

Im Zentrum des Sammelbandes steht die Frage: Was macht Kinder stark? Die AutorInnen stellen aktuelle Ergebnisse aus der Resilienzforschung vor und entwickeln daraus (heil-)pädagogische Interventionsansätze zur Stärkung entwicklungsgefährdeter Kinder. Es geht um die Entdeckung von Potentialen und Ressourcen, die die kindliche Entwicklung schützen und stärken, ohne dabei Risiken, Gefährdungen und gesellschaftliche Problemlagen aus den Augen zu verlieren. Leitend sind die beiden Fragen: "1. Welche Stärken und Kompetenzen helfen den Kindern am besten, Risiken in ihren Lebenswelten zu meistern? 2. Wie können wir durch pädagogische und heilpädagogische Maßnahmen diese Widerstandskräfte stärken?" (ebd. S.7). Betont wird allerdings zunächst die Unvorhersagbarkeit des dynamischen Wechselspiels von Risiko- und Schutzeffekten. Auch gilt Resilienz nicht länger als stabile sondern als temporäre Eigenschaft, die sich im Lebenslauf durchaus verändern kann. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht wird damit nach Ansicht der Autoren auch eine dynamischere Sichtweise von Erziehung notwendig, die sich von der Polarität zwischen Risiko- und Schutzfaktoren als statische Erziehungsprinzipien löst.

Allgemein tritt in diesem Buch eine eher nüchterne Auseinandersetzung mit dem Resilienzkonzept und seiner Reichweite an die Stelle einer bisher oft doch eher unkritischen, euphorischen Diskussion.

Die Autoren/Herausgeber

  • Prof. Dr. Günter Opp ist Hochschullehrer am Fachbereich Erzieungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg.
  • Prof. Dr. Michael Fingerle, ist Hochschullehrer am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt /M.

Aufbau

Insgesamt gliedert sich das Buch in 3 Hauptteile:

  1. Grundlagen der Resilienzforschung
  2. Resilienz als Arbeitskonzept in sozialen Arbeitsfeldern
  3. Kritische Reflexionen zu den Potentialen von Resilienzkonzepten für Forschung und Praxis

1 Grundlagen der Resilienzforschung

  • Im ersten Teil "Grundlagen der Resilienzforschung" beschreibt Emmy E. Werner die Ergebnisse ihrer Kauai-Studie und wirft im Anschluss daran folgende Fragen auf: Welche Schutzfaktoren sind genetisch bedingt? Welche sind universell? Wie beeinflusst die Kultur die kindliche Resistenz? Sie fordert für die Resilienzforschung eine universelle Perspektive und eine dynamische Theorie, "die Raum lässt für selbstkorrigierende Tendenzen" (ebd S.29).
  • Martin Holtmann und Manfred Laucht gehen auf biologische Aspekte der Resilienz ein, wobei sich die meisten der dargestellten Befunde auf emotionale und antisoziale Störungen beziehen.
  • Gerald Hüther beschreibt Resilienz im Spiegel entwicklungsneurobiologischer Erkenntnisse.
  • Friedrich Lösel und Doris Bender kommen in ihrem Beitrag "Von generellen Schutzfaktoren zu spezifischen protektiven Prozessen: Konzeptuelle Grundlagen und Ergebnisse der Resilienzforschung" zu dem Schluss, dass Risiko- und Schutzfaktoren je nach Störungsart, Personen- und Kontextmerkmalen unterschiedliche Auswirkungen haben. So sei eine kontrollierte Forschung zur Reduzierung von Entwicklungsrisiken und zur Förderung von Schutzfaktoren dringend notwendig.
  • Rolf-Torsten Kramer plädiert in seinem Beitrag für einen biographieanalytischen Zugang, der eine Professionalisierung in der Interventionspraxis herbeiführe.
  • Angela Ittel und Herbert Scheithauer beschreiben ihre Überlegungen zur geschlechterspezifischen Resilienz. Risikomildernde und -fördernde Faktoren müssten differenziert nach Geschlecht unterschiedlich betrachtet werden.
  • Ursula M. Staudinger und Werner Greve beschreiben Resilienz im Alter aus der Sicht der Lebensspannen-Psychologie. Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass der alternde Mensch eine überraschend hohe Widerständigkeit und Plastizität aufweise.

2 Resilienz als Arbeitskonzept in sozialen Arbeitsfeldern

  • Im zweiten Teil "Resilienz als Arbeitskonzept in sozialen Arbeitsfeldern" beschreibt Karl-Heinz Brisch Diagnostik und Intervention bei frühen Bindungsstörungen. Frühe Bindungsstörungen können langfristige Konsequenzen für die gesamte kindliche Entwicklung haben. Prävention und frühe Intervention erscheinen deshalb dringend notwendig, um emotionale Störungsentwicklungen und Psychopathologien vorzubeugen.
  • Hans Weiß geht auf die Frühförderung als protektive Maßnahme ein. Resilienz dürfe nicht in ein individualtheoretisches Paradigma zurückfallen, sondern müsse die Intersubjektivität, die Beziehung und Gegenseitigkeit als Leitideen im Resilienzkonzept aufnehmen.
  • Hellgard Rauh beschreibt aus bindungstheoretischer Perspektive, welche Bedeutung die Bindung für die Resilienz von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen hat.
  • Robert C. Pianta, Megan W. Stuhlman und Bridget K. Hamre beleuchten den Einfluss von Erwachsenen-Kind-Beziehungen auf Resilienzprozesse im Vorschulalter und in der Grundschule. Sie gehen der Frage nach, wie sie Lehrerinnen dabei unterstützen können, Beziehungen zu SchülerInnen aufzubauen, die vom schulischen Scheitern bedroht sind, um eine positive Entwicklung zu ermöglichen.
  • Winfried Kronig widmet sich der Resilienz und den kollektivierten Risiken am Beispiel der Kinder aus Zuwandererfamilien. Er vertritt angesichts der Komplexität der Problematik eine kritische Position zur Reichweite des Resilienzkonzepts.
  • Günter Opp beschreibt in seinem Beitrag "Schule - Chance oder Risiko" die zentrale Rolle der Schule als Lebensort. Damit könne sie eine protektive Wirkung für RisikoschülerInnen entfalten, gleichzeitig aber auch zu einer Risikoverschärfung beitragen.
  • Rolf Göppel beschreibt in "Bildung als Chance" die Rolle der biographischen Selbstreflexion bei der Stärkung der Resilienz im Rahmen von Bildungsprozessen

3 Kritische Reflexionen zu den Potentialen von Resilienzkonzepten für Forschung und Praxis

  • Im dritten Teil "Kritische Reflexionen zu den Potentialen von Resilienzkonzepten für Forschung und Praxis" geht Gotthilf G. Hiller auf die pädagogische Arbeit mit Risikojugendlichen und jungen Erwachsenen in brisanten Lebenslagen ein und fragt, ob Resilienz "ein fragwürdiges, ja gefährliches Konzept" (S.266) sei. Er beschreibt in diesem Kontext seine Kooperationserfahrungen in der Alltagsbegleitung und in Arbeitsbündnissen mit Risikojugendlichen, die im Kontakt mit Erwachsenen Widerstandskräfte entwickeln können.
  • Klaus und Karin Grossmann gehen in ihrem Betrag auf die Entwicklung von Bindungen ein. Dabei sei psychische Sicherheit die Voraussetzung für psychologische Anpassungsfähigkeit.
  • Michael Fingerle beschreibt den pädagogischen Nutzen der Resilienzforschung "in ihrer Entdeckung natürlicher Formen der Bewältigung massiver Entwicklungsrisiken" (S.307). Die größten Chancen zur Entwicklung von Resilienz entstünden, wenn entwicklungsfördernde Settings und gleichzeitig Beratungsangebote für die Abstimmung von Ressourcen und Umwelten zur Verfügung ständen.
  • Zum Abschluss ergreift noch einmal Emmy E. Werner das Wort und gibt einen Überblick über internationale Längsschnittstudien zur Resilienz. Die meisten dieser Studien belegten, dass eine zuverlässige und fürsorgliche Betreuung Entwicklungskompetenzen fördern. Weiterer Forschungsbedarf bestünde hinsichtlich des Einflusses von Gen-Umwelt-Interaktionen und einer kulturübergreifenden Perspektive.

Zielgruppen

Vorrangig Lehrende und Forschende, Studierende und Praktikerinnen aus dem erziehungswissenschaftlichen und (heil-)pädagogischen Bereich, die sich entsprechend fachspezifisch mit dem aktuellen Resilienzdiskurs auseinandersetzen wollen.

Fazit

Das Resilienzkonzept hat sich mittlerweile durchaus etabliert. Das Buch macht deutlich, dass es heute einer differenzierteren, detaillierteren und damit auch nüchterneren Betrachtung bedarf, um nicht der Trivialität anheim zu fallen. Genau dies gelingt den AutorInnen auch und sie werden ihrem eigenen Anspruch "einen realistisch-optimistischen Blick auf moderne pädagogische Herausforderungen" (ebd. S.16) zu werfen, gerecht.

Insgesamt ein anspruchsvolles und vielschichtiges Werk, das den aktuellen Stand der Resilienzforschung wiedergibt. Dabei erweist sich der Vorteil des Sammelbandes, nämlich seine vielen unterschiedlichen Facetten und Annäherungen, gleichzeitig jedoch auch als sein Nachteil. Die unterschiedlichen Beiträge wirken bisweilen losgelöst und wenig aufeinander bezogen. Das geht auf Kosten der Lesbarkeit, da immer wieder zunächst allgemeine Grundlagen geklärt werden und es damit häufiger zu Wiederholungen kommt. Insgesamt bedarf es einer gewissen Motivation, dieses Werk von Anfang bis Ende zu lesen, da Stil, Sprache aber auch Anspruchsniveau und Perspektive der AutorInnen heterogen ausfallen. Sehr nützlich für eine weitere Vertiefung sind die umfassenden Literaturhinweise am Ende jedes Beitrags.


Rezension von
Prof. Dr. Annette Clauß
Duale Hochschule Baden-Württtemberg, Villingen-Schwenningen, Fakultät Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Annette Clauß. Rezension vom 24.04.2007 zu: Günther Opp, Michael Fingerle (Hrsg.): Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-497-01908-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4744.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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