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Michael Lux: Der Personzentrierte Ansatz und die Neurowissenschaften

Cover Michael Lux: Der Personzentrierte Ansatz und die Neurowissenschaften. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 177 Seiten. ISBN 978-3-497-01902-1. D: 16,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 34,70 sFr.

Reihe: Personzentrierte Beratung & Therapie - 6.
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Thema

Band 6 der Reihe „Personzentrierte Beratung und Therapie“ führt in den Personzentrierten Ansatz ein und verknüpft diesen mit neurowissenschaftlichen Konzepten, wobei ein Überblick über verschiedene neurowissenschaftliche Bereiche und der aktuelle Forschungsstand vermittelt und deren Relevanz für die Personzentrierte Psychotherapie aufgezeigt wird. Anhand klinischer Beispiele wird die Innovationskraft neurowissenschaftlicher Zusammenhänge für den Personzentrierten Ansatz herausgearbeitet, die Wirksamkeit der Gesprächstherapie mit Hilfe der Neurowissenschaften erklärt. Diese Ausführungen zur Bedeutung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für die (Personzentrierte) Psychotherapie stellen kein abgeschlossenes Lehrwerk dar, sondern werden vom Autor als „vorläufig“ und Baustein zur weiteren Integration von Neuro- und Psychotherapiewissenschaft zur Diskussion gestellt.

Autor/Hintergrund

Michael Lux (Diplom-Psychologe, Diplom-Psychogerontologe, Gesprächspsychotherapeut) arbeitet als Neuropsychologe und Psychotherapeut in einem neurologischen Rehabilitationszentrum in Baden-Württemberg. Der Autor beschäftigt sich seit Jahren als Neuropsychologe mit neurowissenschaftlichen Ansätzen.

Aufbau und Inhalt

Die Monografie zum Zusammenhang der Personzentrierten Psychotherapie und neurowissenschaftlicher Ansätze ist in neun Abschnitte unterteilt.

  • Im ersten Kapitel beschreibt Lux übersichtlich die Grundlagen des Personzentrierten Ansatzes nach Rogers. Der Autor bezieht sich hier ausschließlich auf die 19 Thesen zur Persönlichkeit, die Carl Rogers 1951 formuliert hat. Kernaussagen dieser Persönlichkeits-, Psychotherapie und Gesundheitstheorie (etwa „Erfahrung als Konstruktion von Realität“, „Aktualisierungstendenz“, „Bedürfnisbefriedigung“, Rolle der „Emotionen für die Verhaltensebene“ etc.) werden jeweils in einem Kernzitat aus Rogers Grundlagenwerk zitiert, kurz ausgeführt und dann in Bezug zu neurowissenschaftlichen Erkenntnissen gesetzt. Dabei versucht Lux nachzuweisen, dass zwischen den mittlerweile 50 Jahre alten Aussagen Rogers und Überlegungen zur Bewusstseinstheorie von Damasio aus 2002 eine weitgehende inhaltliche Übereinstimmung besteht. So stellt Rogers in einer der Thesen zur Persönlichkeit fest, dass die Welt der Erfahrungen sich ständig ändert („Jedes Individuum existiert in einer ständig sich ändernden Welt der Erfahrung, deren Mittelpunkt es ist.“), ein Merkmal dass sich in den Aussagen Damasios im Konstrukt des sog. Kernbewusstseins als basale Bewusstseinsform wieder findet, welches die individuelle subjektive Perspektive prägt. Bereits in diesem ersten Kapitel gelingt es dem Autor die hohe Kompatibilität des Personzentrierten Ansatzes mit neurowissenschaftlichen und psychologischen Grundlagenbefunden herauszuarbeiten.
  • Im zweiten Kapitel stellt Lux die Modelle „neuronale Plastizität“ und „neuronale Verschaltungsmuster“ vor. Lux beschreibt hier die lebenslange Veränderbarkeit neuronaler Verschaltungsmuster: abhängig von Art und Umfang der Nutzung neuronaler Muster, entstehen differenzierte Netzwerke (bei umfassender, ganzheitlicher Nutzung), oder es kommt zu einer Einschränkung der neuronalen Verschränkungen bei unflexibler, eingeschränkter Nutzung. Gut nachvollziehbar wird darauf eingegangen, dass durch die Offenheit des Bewusstseins für Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken und Handlungsimpulse die Entwicklung eines differenzierten Netzwerkes an neuronalen Verschaltungsmustern gefördert wird und dadurch körperliche, emotionale und geistige Potentiale entfaltet werden können. In diesem Zusammenhang beschreibt Lux die Chance für tiefgreifende Umorganisation neuronaler Muster und den Erwerb neuer Bewertungs- und Bewältigungsmöglichkeiten, welche durch die Konfrontation mit unkontrollierten Belastungen entstehen. Der Existenz von Gefühlen und deren Wahrnehmung fällt dabei eine besondere Rolle für die Weiterentwicklung neuronaler Muster zu: Je nachdem, ob Erfahrungen mit Emotionen verbunden werden können, diese „zugelassen“, oder unterdrückt werden, besteht die Chance zur Erweiterung neuronaler Muster. Lux fordert entsprechend, dass emotionalen Prozesse im Mittelpunkt psychotherapeutischer Arbeit stehen sollten.
  • In Kapitel drei und vier beschreibt Lux die Gedächtnisfunktion des Menschen unter neuropsychologischen Gesichtspunkten und diskutiert aktuelle Ansätze der Selbsttheorie, wonach das Selbst als aktivierter Teil des autobiographischen Gedächtnisses angesehen wird. Die Entwicklung des Selbst hängt von Lernprozessen in diesem Gedächtnisbereich ab und ist durch unkontrollierte Stressoren, etwa Traumata störbar. Autobiographische Gedächtnisstrukturen sind im Langzeitgedächtnis organisiert, entsprechend langfristig können sich Störungen des Lernprozesses auswirken und als Symptom, etwa als Behinderung der Bildung neuer autobiographischer Erinnerungen auftreten. Psychotherapie soll demnach in einer nachträglichen Integration der Traumaerfahrung wirken. Am Beispiel konditionierter Furchtreaktionen beschreibt Lux, das derartige Erlebnismuster durch spezifische Gehirnmechanismen gehemmt werden können, dabei jedoch weiter gespeichert sind. Durch Konfrontation mit emotionsauslösenden Reizen in der Therapie kann erreicht werden solche Reaktionen zu kontrollieren. Unter der Metapher „Im Theater des Bewusstseins“ werden Erinnerungsleistungen des Kurzzeitgedächtnisses beschrieben. Auf dieser Ebene sind Informationen für kognitive Verarbeitungsprozesse angesiedelt, explizite Erinnerungen und implizite Erfahrungen treffen hier aufeinander. Nur die Elemente des Arbeitsgedächtnisses, auf die die Aufmerksamkeit gerichtet wird, werden zu bewusster Erfahrung, wobei die Aufmerksamkeit nur auf jeweils ein Element des Arbeitsgedächtnisses gelenkt werden kann. Anhand therapeutischer Konzepte wie Achtsamkeit (als Haltung der nicht-bewertenden Offenheit gegenüber allen Erfahrungen), oder Methoden des inneren Dialogs (als Klärungsprozess mittels inszenierter innerer Dialoge) werden Möglichkeiten der Konfliktlösung in Therapien (im Kontext der Thesen Rogers geht es hier um Kongruenz) beschrieben. Dadurch werden auch Gehirnfunktionen aktiviert, die bei ansonsten unwillkürlichen Aufmerksamkeitsprozessen (etwa Phobien) nicht angesprochen werden können.
  • Abschnitt fünf ist der Bedeutung von Emotionen und Gefühlen für die Lebensregulation gewidmet. Emotionen werden als höchst bedeutsam für langfristige Verhaltensänderung und die Entwicklung langfristig wirksamer Bewältigungsmuster eingeschätzt. Emotionale Systeme (als mess- und beobachtbare körperliche Reaktionen auf auslösende Reize) haben sich über einen langen Zeitraum in der Evolution herausgebildet und werden in den Neurowissenschaften als automatisch ablaufende Prozesse der homöostatischen Lebensregulation des Organismus angesehen. Emotionen sind demnach stereotype körperliche Reaktionsmuster auf Klassen bestimmter Reize. Zur Verdeutlichung dieser komplexen Reaktionsformen greift Lux auf das Sinnbild des Baumes zurück, den der Neurowissenschaftler Damasio verwendet: Der unterste Bereich des Baumes enthält die Regulation des Stoffwechsels, das Immunsystem sowie einfache Schutzreflexe. Auf der nächsthöheren Ebene des Baumes befinden sich Schmerz- und Lustreaktionen. Über dieser Ebene sind Triebe und Motivationen angesiedelt. Parallel existieren (die von Damasio in die wissenschaftliche Diskussion eingeführten) „Hintergrundemotionen“ welche als Konglomerat verschiedener körperlicher Reaktionsmuster (Stoffwechselprozesse, Immunreaktionen, Schmerz- und Lustverhalten, motivationale Gestimmtheit) auf der Beobachtungsebene als Mimik, Körperhaltung, Sprechmelodie erkennbar sind. Diese „eigentlichen Emotionen“ sind in den höher gelegenen Ästen des Baumes zu finden und werden in die Bereiche primäre (Furcht, Wut, Ekel, Trauer, Glück) und soziale (Mitgefühl, Verlegenheit, Scham, Schuld, Eifersucht, Neid) Emotionen unterteilt. Da auch soziale Emotionen bei nicht-menschlichen Lebewesen (z. B. Affen) vorhanden sind, geht Damasio davon aus, dass die sozialen Emotionen einen Teil der angeborenen und automatischen Mechanismen der Lebensregulation darstellen. Soziale Emotionen werden hierbei als prägend für soziale Prozesse und die Entwicklung ethischem Verhalten angesehen. Forschungsergebnisse des Neurowissenschaftlers LeDoux weisen z. B. darauf hin, dass das Ausmaß der Aktivierung bestimmter Gehirnbereiche (Amygdala) bei weißen Versuchspersonen in Folge der Konfrontation mit Gesichtern von schwarzen Personen in direkter Beziehung zu impliziten Maßen rassenbezogener Vorurteile steht.
    Eine Schlüsselfunktion nehmen emotionsauslösende Reize ein: werden diese vom Gehirn identifiziert, so erfolgt eine automatische Reaktion mit der Initiierung eines emotionalen Reaktionsmusters. Diese Reize stellen demnach den Schlüssel für die Schlösser der emotionsauslösenden neuronalen Strukturen dar. Da diese Reaktionsmuster ohne eine bewusste Analyse des Reizes funktionieren, spricht Damasio auch von einer automatischen Situationseinschätzung, bzw. von natürlichen Bewertungsprozessen des Organismus. Das Reaktionsmuster selbst besteht in spezifischen Aktivitäten wie Aktivierung des vegetativen Nervensystems, Ausschüttung von Hormonen in die Blutbahn und konkreten Verhaltensreaktionen wie Weglaufen, Erstarren, Lachen oder Fürsorgeverhalten.
    Anders als Emotionen, die messbare Reaktionen des Körpers sind, stellen Gefühle mentale Ereignisse auf Grundlage emotionaler Prozesse dar. Gefühle haben Verbindungsfunktion zwischen dem Bewusstsein und den biologischen Prozessen der Lebensregulation. Sie weisen die bewussten Verarbeitungsprozesse auf kritische Punkte der Lebenssituation hin und ermöglichen einen Einbezug dieser in die bewusste Handlungsplanung. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang die Steuerung von Lebensprozessen durch Gefühle, da etwa die positive oder negative Ausprägung eines Gefühls darauf hinweist, ob die Lebensprozesse optimal funktionieren oder ob sie beeinträchtigt sind. Dadurch kommt der „Logik des Organismus“ (Damasio) für die Lebenssteuerung in der Neurowissenschaft und in der Psychotherapie (bei Rogers als „Urteilsfähigkeit in Bezug auf die rationale Abwägung möglichst aller verfügbaren Informationen und deren Verschränktheit in körperlich-emotionalen Empfindungen“) eine zentrale Rolle zu. Der Mensch erscheint dadurch determiniert in seinen emotionalen Reaktionsformen und daraus resultierenden Verhaltensmustern, da Emotionen und Gefühle eine orientierungsgebende Funktion haben und als „somatische Marker“ auf der Körperebene frühere Entscheidungssituationen (etwa in bestimmten sozialen Situationen) spiegeln, die eine schnellere Bewertung von Entscheidungsalternativen (und damit einen sicheren Rückgriff auf bewährte Verhaltensoptionen) ermöglichen.
  • Abschnitt sechs geht auf den Zusammenhang zwischen Selbst, Identität, autobiografischem Gedächtnis und spezifischen Bewusstseinsebenen ein. Auf Grundlage des Begriffs im Personzentrierten Ansatz (Das Selbst als Bild, das eine Person von sich selbst hat, als geschlossene Gestalt und Summe der Erfahrungen und Beziehungen der eigenen Person zur Außenwelt) führt Lux die neuropsychologische Perspektive aus: hier lässt sich das Selbst als eine vernetzte Wissensstruktur des autobiografischen Gedächtnisses betrachten. Je nach aktueller Aktivierung bestimmter Teile des autobiografischen Gedächtnisses, kommt es zu unterschiedlichen Konstruktionen des Selbst, d. h. in spezifischen Situationen werden unterschiedliche Erfahrungen des Organismus symbolisiert und damit im Arbeitsgedächtnis repräsentiert. Das autobiografische Selbst bildet die Grundlage der Identität und ermöglicht auf Grundlage von Erinnerungen das Verständnis der aktuellen Erfahrungen und damit die Planung zukunftsgerichteten Verhaltens. Lux beschreibt die Selbsttheorien in den Neurowissenschaften (etwa die Bewusstseinstheorie von Damasio) und im Personzentrierten Ansatz als zentrale Elemente. Im Personzentrierten Ansatz wird davon ausgegangen, dass die Entwicklung der Persönlichkeit immer mit Veränderungen im Bereich des Selbst verbunden sind. Der (neurowissenschaftliche) Begriff des autobiografischen Selbst lässt sich gut mit psychotherapeutischen Ansätzen in Verbindung setzen: Auch bei Neurowissenschaftlern werden Entwicklungsprozesse, die wir unser ganzes Leben durchlaufen, auf Lernprozesse zurückgeführt. Das autobiografische Selbst enthält Wissen darüber, wie wir zu dem geworden sind, wer wir sind und entspricht damit dem Begriff des Selbstbildes aus dem Personzentrierten Ansatz. Daneben enthält das autobiografische Selbst  auch das Wissen darüber, wer wir gerne sein möchten, ein Ansatz der dem psychotherapeutischen Begriff des Selbst-Ideals entspricht.
  • In Kapitel sieben wird auf die Bedeutung der Kongruenztheorie und dem Erhalt seelischer Gesundheit und deren neurowissenschaftliche Grundlagen eingegangen. Kongruenz ist das entscheidende Konzept in der Theorie der seelischen Gesundheit des Personzentrierten Ansatzes und wird als Übereinstimmung zwischen expliziten Zielen und impliziten Bedürfnissen und damit verbundenem Wohlbefinden und besserer Leistungsfähigkeit beschrieben. Lux beschreibt, dass sich die Befunde zum Kongruenzmodell neurowissenschaftlich belegen lassen, etwa bezüglich der Integration kognitiver und emotionaler Systeme (LeDoux), oder der Bedeutung eines harmonischen Ablaufens verschiedener im Gehirn parallel ablaufender Prozesse als Grundlage für seelische Gesundheit (Hüther). Als - vorläufiges - Ergebnis der Bestätigung der Befunde aus der Psychotherapie in neurowissenschaftlichen Zusammenhängen, geht Lux auf neurowissenschaftlich begründete Psychotherapiekonzepte ein. Ausführlich wird das Modell der Neuropsychotherapie von Grawe vorgestellt, ein therapieschulenübergreifender Ansatz, der neurowissenschaftliche als auch psychologische Grundalgenbefunde integriert. Zentraler Begriff ist hier die Konsistenz, die gegeben ist, wenn die verschiedenen parallel laufenden neuronalen und psychischen Prozesse miteinander vereinbar sind. Konsistenz ist in diesem Zusammenhang gleichbedeutend mit seelischer Gesundheit, der Idealfall der Konsistenz liegt bei der Übereinstimmung von expliziten Zielen und impliziten Motiven vor. Der Begriff Konsistenz aus der Neuropsychotherapie entspricht dem Kongruenz-Konzept aus dem Personzentrierten Ansatz und wird in beiden Therapieansätzen als Grundbegriff verwendet. Inkonsistenz/Inkongruenz im psychischen Geschehen wird hier als die Ursache für die Entstehung von psychischen Störungen angesehen. Psychopathologische Symptombildung hat dabei die Funktion kurzzeitiger Reduktion von Spannungszuständen, führt jedoch langfristig zu einer Erhöhung des Inkonsistenzniveaus (und damit zu tiefgreifender seelischer Störung). Neben dem Ansatz Grawes geht Lux in diesem Kapitel kurz auf das Zürcher Ressourcen Modell ein. Hier wird davon ausgegangen, dass explizite Ziele, die mit den impliziten Bedürfnissen des Individuums und der Gesamtheit von dessen Erfahrungen übereinstimmen, durch das Auftreten von positiven somatischen Markern gekennzeichnet sind. Das Behandlungsmodell bietet eine strukturierte Vorgehensweise zur Begleitung und Anregung von selbstkongruenten Entwicklungsprozessen, die in Gruppenform durchgeführt werden.
  • Abschnitt acht beleuchtet die Praxis Personzentrierter Psychotherapie unter neurowissenschaftlichen Aspekten. Lux beschreibt hier zunächst grundlegende therapeutische Grundhaltungen (Kongruenz, Empathie, Akzeptanz) und verbindet diese mit Befunden zu sog. „Spiegelneuronen“. Diese werden sowohl bei eigenen Handlungen, als auch bei der Beobachtung von Handlungen anderer Personen aktiviert. Sie ermöglichen eine neuronale Simulation von beobachtenden Handlungen und stellen vermutlich die Grundlage für „Gefühlsansteckung“, Modelllernen und Empathie dar. Von Bedeutung ist dabei, dass die bei der inneren Simulation von Handlungen, Empfindungen oder Emotionen beteiligten Hirnregionen sich mit den Hirnregionen überlappen, die bei den entsprechenden eigenen Erfahrungen beteiligt sind. Demnach lösen die Beobachtung von anderen Personen, als auch das Hören von deren sprachlichen Äußerungen automatisch „verkörperte“ Simulationsprozesse aus, die als Resonanzphänomene mit dem Verhalten des Gegenübers in Verbindung stehen. Von zentraler Bedeutung ist in Psychotherapien - auch unter diesem Gesichtspunkt- die Beziehung, das In-Kontakt-Treten zwischen Therapeut und Klient. Die durch die Spiegelneuronen vermittelten Resonanzen ermöglichen ein implizit-automatisches Verstehen der Situation des Gegenübers und (im Sprachgebrauch des Personzentrierten Ansatzes) führen zur Initiierung von Selbstaktualisierungsprozessen (therapeutische Entwicklung).
  • Im neunten Kapitel führt Lux die bis hierhin gewonnenen neurowissenschaftlichen Erkenntnisse mit Grundfragen Personzentrierter Psychotherapie zusammen. Anhand ausgewählter Aussagen und theoretischer Konstrukte wird ein Gerüst für neurowissenschaftlich fundierte Personzentrierte Psychotherapie formuliert. Anhand eines Beispiels sei dies hier demonstriert: Lux schreibt dass „Personzentrierte Psychotherapie ... über explizite und implizite Lernprozesse die Beeinflussung neuronaler Verschaltungsmuster in Richtung auf größere Funktionalität“ bewirkt. Dieser Befund korrespondiert mit der Erkenntnis, dass die Grundlage unseres Lebens und Verhaltens neuronale Verschaltungsmuster sind, deren Funktionalität über das Ausmaß der seelischen Gesundheit eines Menschen entscheidet. Funktionalität bezieht sich hier darauf, inwieweit es dem Individuum ermöglicht ist, die Gesamtheit der Bedürfnisse des Organismus in einer konkreten Lebenssituation zu befriedigen. Psychotherapie dient hier also (aus neurowissenschaftlicher Perspektive betrachtet) dazu, das Individuum bei der Entwicklung von funktionalen neuronalen Verschaltungsmustern zu unterstützen. Bedeutsam sind dabei therapeutische Grundhaltungen, die eben auch auf einer neurowissenschaftlichen Ebene Veränderungsprozesse beim Patienten bewirken können.

Fazit

Der Anspruch, den Personzentrierten Ansatz vor dem Hintergrund neurowissenschaftlicher und psychologischer Grundlagenbefunde zu diskutieren, psychotherapeutische Wirkmechanismen auf der Grundlage somatischer Vorgänge darzustellen, wird voll verwirklicht. Der Autor versteht es sowohl das Grundkonzept der Personzentrierten Psychotherapie, als auch (teilweise komplizierte) neurowissenschaftliche Zusammenhänge, Forschungsergebnisse und Befunde klar und in verständlicher Sprache darzustellen. Damit erfüllt das Buch zwei Funktionen: einmal erfährt der (auch fachlich nicht vorgeprägte) Leser eine fundierte Einführung in den Personzentrierten Ansatz und eine umfassende Begegnung mit den bis heute vorliegenden neurowissenschaftlichen Erkenntnissen und Konzepten. Die Bedeutung der Neurowissenschaften bleibt hierbei nicht auf den Personzentrierten Ansatz beschränkt. Michael Lux beschreibt anschaulich, dass diese Erkenntnisse auch für andere Beratungs- und Therapieformen bedeutsam sind. Ein Befund der nicht sonderlich verwundert, stellt der Personzentrierte Ansatz selbst ebenfalls eine universelle Therapie- und Beratungsgrundlage für unterschiedliche Behandlungsformen und -settings dar. Zur Besseren Orientierung im Umgang mit Basisbegriffen der Personzentrierten Psychotherapie ist dem Buch ein Glossar mit Grundbegriffen angefügt. Damit empfiehlt sich das Buch erfahrenen (Personzentrierten) Psychotherapeuten und Beratern, aber auch Kollegen in Ausbildung und Praxis, die sich bisher weder mit dem Personzentrierten Ansatz, noch mit aktuellen Ansätzen der Neurowissenschaften befasst haben. Nicht nachvollziehbar ist aber, warum Lux auf die kritische Diskussion um die Bedeutung der Neurowissenschaften („neuronaler Reduktionismus“) und die Auseinandersetzung um die Willensfreiheit nicht eingegangen ist. Diese kritische Haltung wird durch bedeutende Neurowissenschaftler selbst betont, etwa durch die Autoren eines Manifests über den Stand der Neurowissenschaften (Eiger et al, 2004). Das Manifest. Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. Gehirn & Geist 6/2004): „Aller Fortschritt wird aber nicht in einem Triumph des neuronalen Reduktionismus enden. Selbst wenn wir irgendwann einmal sämtliche neuronale Vorgänge aufgeklärt haben sollten, die dem Mitgefühl beim Menschen ... zugrunde liegen, so bleibt die Eigenständigkeit dieser 'Innenperspektive' dennoch erhalten. Denn auch eine Fuge von Bach verliert nichts von ihrer Faszination, wenn man genau verstanden hat, wie sie aufgebaut ist“. Gewendet auf psychotherapeutische Prozesse ist hier zu formulieren, dass Phänomene des menschlichen Geistes eben nicht nur, sondern auch biologische Prozesse auf hohem Komplexitätsniveau darstellen, philosophische und phänomenologische Kategorien also neben biologischen Mechanismen ihre Wirksamkeit (gemeinsam) entfalten.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 14.08.2007 zu: Michael Lux: Der Personzentrierte Ansatz und die Neurowissenschaften. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. ISBN 978-3-497-01902-1. Reihe: Personzentrierte Beratung & Therapie - 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4745.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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