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Ute Ziegenhain, Jörg Fegert (Hrsg.): Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung

Cover Ute Ziegenhain, Jörg Fegert (Hrsg.): Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 2., durchgesehene Auflage. 213 Seiten. ISBN 978-3-497-02021-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Beiträge zur Frühförderung interdisziplinär - 15.
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Entstehungshintergrund und Herausgeber

Das vorliegende Buch ist das Ergebnis und die Weiterführung eines Expertenforums zum Thema „Steigerung der elterlichen Feinfühligkeit zur Prävention von Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung im Säuglings- und Kleinkindalter“ im Januar 2006 in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Klinikums Ulm, an der die Herausgeber, eine Pädagogin/Entwicklungspsychologin und ein Kinder- und Jugendlichenpsychiater, beide für ihre Expertise auf dem thematischen Feld schon zuvor bekannt, tätig sind.

Aufbau

Das Buch umfasst neben einer Einleitung der Herausgeber sowie dem Ulmer Aufruf zum Kinderschutz und einer Autorenliste am Ende siebzehn Einzelbeiträge in fünf Teilen; ein Einzelbeitrag im fünften Teil und je vier Einzelbeiträge in den ersten vier Teilen.

Teil I Gesetzliche Voraussetzungen

In Teil I trägt Ludwig Salgo von der FH / Universität Frankfurt a. M. zunächst Anmerkungen und Überlegungen zur Vorgeschichte und den Konsequenzen der heute in § 8a SGB VIII zu findenden Gesetzesänderung vor, Thomas Meysen vom Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht skizziert danach die rechtlichen Vorgaben zur Kommunikation bei interdisziplinärer Kooperation, mit „Die strategische Herausforderung“ überschreibt Reinhart Wolff von der Alice-Salomon-FH Berlin seine Gedanken zu ökologischen-systemischen Entwicklungsperspektiven der Kinderschutzarbeit und Reinhold Schone von der FH Münster stellt dar, weshalb die früh(st)e Kindheit für die deutsche Kinder- und Jugendhilfe eine besondere Herausforderung darstellt und welche Anforderungen eine präventiv ausgerichtete Kinderschutzarbeit mit sich bringt.

Teil II Risikoeinschätzung

Teil II eröffnen Teresa Ostler von der School of Social Work der Universität von Illinois und Ute Ziegenhain mit die Risikoeinschätzung bei (drohender) Kindeswohlgefährdung betreffenden Überlegungen zu Diagnostik und Entwicklungsprognose im Frühbereich, danach referieren Reiner Frank von der LMU München über vernachlässigung im Säuglings- und Kleinkindalter aus ärztlicher Sicht und Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut über Prävention von Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung im Säugling- und Kleinkindalter; Lutz Goldbeck von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Klinikums Ulm beschließt diesen Teil mit der Darstellung von Sekundärpräventionsstrategien im Kinderschutz.

Teil III Prävention und Intervention durch frühe Förderung von Feinfühligkeit

In Teil III unterbreitet zunächst Ute Ziegenhain Vorschläge zur Stärkung elterlicher Beziehungs- und Erziehungskompetenten als Chance für präventive Arbeit im Kinderschutz, Gabriele Gloger-Tippelt, Universität Düsseldorf stellt anschließend unter der Perspektive der Bindungsforschung präventive Programme zur Stärkung elterlicher Beziehungskompetenzen dar; danach macht Hellgard Rauh von der Universität Potsdam auf entwicklungspsychologische Besonderheiten bei behinderten Säuglingen und Kleinkindern aufmerksam und Michael Franz und Karin Jäger aus dem Universitätsklinikum Gießen und Marburg benennen abschließend interdisziplinäre Anforderungen und Herausforderungen in der Prävention und Versorgung von Kindern psychisch kranker Eltern.

Teil IV Umgang mit Kindeswohlgefährdung in der Praxis

Teil IV wird eröffnet von Peter Lukascyk, und Wilhelm Pöllen, Jugendamt bzw. Gesundheitsamt der Stadt Düsseldorf mit einem Hoffnung machenden Bericht über das – von Jörg M. Fegert und Ute Ziegenhain mit Prozess- und Ergebnisevaluation begleitete - Präventionsprojekt „Zukunft für Kinder in Düsseldorf. Es schließt sich an ein Bericht über das „Kalker Netzwerk für Familien“ von Renate Blum-Maurice, Kinderschutzzentrum Köln. Hans Hillmeier vom Bayerischen Landesjugendamt schließt mit Ausführungen zur Prävention von Kindeswohlgefährdung im Säuglings- und Kleinkindalter aus der Sucht des Jugendamtes an, und die Autorengruppe Renate Schepker und Isabel Boege, Zentrum für Psychiatrie Weissenau, sowie Paul Erdélyi, Landesjugendamt Landschaftsverband Westfalen-Lippe runden mit einem Erfahrungsbericht über die Zusammenarbeit von stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie und Jugendhilfe bei Kindeswohlgefährdung das Bild ab.

Teil V Implikationen und Perspektiven für den Kinderschutz

Mit Vorschlägen zur Entwicklung eines Diagnoseinventars sowie zur verbesserten Koordinierung und Vernetzung im Kinderschutz beschließt Jörg M. Fegert in Teil V den Sammelband, der wegen seiner Vielseitigkeit, seiner profunden Beiträge und angesichts seiner namhaften Autor(inn)en einen sehr wertvollen Beitrag zur Diskussion um ein brennend-aktuelles Thema liefert.

Diskussion

Die in diesem Sammelband im Fokus stehende Problematik kann sich hier zu Lande drei verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssystemen als Aufgabe zur „Bearbeitung“ stellen: dem Rechtssystem, dem Gesundheitssystem und dem System der Kinder- und Jugendhilfe. Sie alle drei haben ihre Eigen-Logik, ihren Eigen-Sinn, der in Konflikthaften Situationen dem einen Funktionssystem das Handeln des oder der anderen als Starr- oder gar Un-Sinn erscheinen lässt. Das könnte man als unvermeidliche Kosten gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse abtun, wäre bessere Kooperation zwischen allen drei Funktionssystemen nicht eine notwendige Voraussetzung dafür, das Kindeswohl hier zu Lande besser zu garantieren als bisher. Über Schwierigkeiten in der Kooperation von Gesundheitssystem und Kinder- und Jugendhilfesystem ist in mehreren Beiträgen des Sammelbandes zu lesen; wie (wenig/schlecht) das Justizsystem und das Kinder- und Jugendhilfesystem bei Fragen des Kindeswohls zusammen arbeiten ist dem Beitrag von Ludwig Salgo sowie einer Arbeit von Esther Rosenboom [1] zu entnehmen.

Wenn jetzt in Deutschland der Versuch unternommen wird, die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitssystem und Kinder- und Jugendhilfesystem z. B. durch die Einrichtung regionaler „Runder Tische“ zu verbessern, so verdient dieses Unterfangen allen Respekt. Die ernste Frage aber ist, ob die Gesellschaft für eine solch aufwändige und mühevolle Vernetzungsarbeit ausreichend finanzielle und personelle Ressourcen bereitstellt. Ich überblicke nicht, wie viel Gelder aus Forschungsprojektmitteln dazu geflossen sind oder fließen; für eine flächendeckende Vernetzungsarbeit reichen solche Mittel nach aller Erfahrung nicht. Finanzielle und personelle Ressourcen aus dem Gesundheitssystem? Public Health ist in Deutschland unterentwickelt. Finanzielle und personelle Ressourcen aus dem Kinder- und Jugendhilfesystem? Da kann man mit Ludwig Salgo (S. 22) nur konstatieren: „Das KICK (Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetz von 2005; d. Rez.) scheint hier in unguter Tradition „nachhaltig“ zu sein: wie das SGB VIII und das Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung stellt auch das KICK die (finanziellen und personellen) Ressourcen zur Umsetzung deutlich gestiegener fachlicher Anforderungen nicht sicher.“

Aber es geht nicht nur um Schwierigkeiten, die sich aus der Beziehung zwischen den genannten gesellschaftlichen Funktionssystemen ergeben. Es gibt auch welche innerhalb eines jeden der drei involvierten Funktionssysteme. Ich will mich dabei auf jenes konzentrieren, dem ich als Hochschullehrer für Soziale Arbeit angehöre: dem Kinder- und Jugendhilfesystem. Da gibt neben dem schon oben genannten Mangel an finanziellen und personellen Ressourcen auch ein bedeutendes fachliches Defizit: Die früh(st)e Kindheit stellt für die Kinder- und Jugendhilfe „einen blinden Fleck“ (Schone, S. 52) dar. Und es geht – wieder einmal – um den der Kinder- und Jugendhilfe inhärenten Grundwiderspruch von helfender Zuwendung und sozialer Kontrolle. Während Reinhart Wolff (S. 47) deklariert „Kinderschutz hat nur Zukunft mit einem eindeutigen Hilfemandat“ (S. 47), prangert Ludwig Salgo (S. 13) das Ausblenden des Kontroll-Aspektes an: „Dass „Hilfen und Kontrollen notwendig sein können, wird selbst noch nach Inkrafttreten des § 8a SGB VIII teilweise in Frage gestellt.“

Zielgruppe und Fazit

Welchen Leser(innen) ist das Buch zu empfehlen? Von der Nützlichkeit und Lesbarkeit her zunächst einmal allen, die – aus welchem gesellschaftlichen Funktionssystem auch immer stammend – mit Kindeswohlgefährdung und -vernachlässigung als Professionelle zu tun haben oder haben könnten. In den Bibliotheken der einschlägigen Ausbildungsstätten sollte es in mindestens einem Exemplar vorhanden sein. In mehreren Exemplaren vorhanden sein sollte es, wo für die Kinder- und Jugendhilfe ausgebildet wird; dort ist, was bis heute eher selten und dann auch meist nur am Rande geschieht, Kindeswohlgefährdung in den Lehrplan aufzunehmen.


[1] Rosenboom, Esther (2006): Die Familiengerichtliche Praxis in Hamburg bei Verfahren nach § 1666, 1666a BGB in Fällen einer Gefährdung des Kindeswohls durch Gewalt und Vernachlässigung – eine qualitative Untersuchung. (Bielefeld) Gieseking Verlag, 2007


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 1. Auflage aus dem Jahr 2007.


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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 15.05.2007 zu: Ute Ziegenhain, Jörg Fegert (Hrsg.): Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 2., durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-497-02021-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4748.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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