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Manfred Spitzer, Wulf Bertram (Hrsg.): Braintertainment. Expeditionen in die Welt von Geist und Gehirn

Cover Manfred Spitzer, Wulf Bertram (Hrsg.): Braintertainment. Expeditionen in die Welt von Geist und Gehirn. Schattauer (Stuttgart) 2006. 208 Seiten. ISBN 978-3-7945-2515-7. 29,95 EUR, CH: 48,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Wie erklärt man jemandem, der nicht weiß, wie das Gehirn funktioniert, wie das Gehirn funktioniert? Diese Frage stellten sich an einem Rotwein-seeligen Abend die beiden Neurobiologen Manfred Spitzer und Wulf Bertram. Aus Spaß wurde schnell ein populärwissenschaftliches Projekt, und heraus kam "Braintertainment". Mit diesem Buch versuchen sie, allen Wissbe- und Neugierigen die Grundzüge ihrer Arbeit und die neuesten Erkenntnisse ihrer Wissenschaft auf verständliche und spaßige, und damit lernfördernde und lustvolle Art und Weise zu erklären.

Aufbau und Inhalt

  1. Im ersten Kapitel gibt Wulf Bertram einen vergnüglichen Einblick in die Hirngeografie: Er zeigt, wie das menschliche Denkorgan aufgebaut ist.
  2. Im zweiten Kapitel sinniert Valentin Braitenberg über Sinn und Zweck des Gehirns und lässt uns dabei dessen innere Architektur sowie die ständig ablaufenden elektrischen Entladungen durch eine fiktionale Wanderung durch ein tausendfach vergrößertes Organ erfahren.
  3. In Kapitel 3 erklärt Axel Karenberg, wie die Bestandteile des Gehirns im Laufe der Medizingeschichte zu ihren mehr als 10.000 nicht nur metaphorischen, sondern oft auch recht absonderlichen Namen kamen, und welche Anleihen dabei in der Tier-, Pflanzen- und Kulturwelt des Menschen gemacht wurden.
  4. Kai Sammet stellt in Kapitel 4 augenzwinkernd die Geschichte der Hirnforschung, bzw. die Geschichte des menschlichen Interesses am Kopf und dessen Inhalt dar.
  5. In Kapitel 5 geht Barbara Wild der Frage nach, wie das Gehirn Humor und Lachen wahrnimmt und verarbeitet.
  6. Katja Gaschler stellt in Kapitel 6 die neuronale Grundlage der menschlichen Fähigkeit zum Empfinden von Mitgefühl vor: Sie beschreibt die gleichermaßen spannenden wie umstrittenen Funktionen der jüngst entdeckten, spezialisierten Nervenzellen, der Spiegelneurone.
  7. Im anschließenden siebten Kapitel nähert sich Manfred Spitzer auf amüsanten wissenschaftlichen (Um)Wegen dem Zusammenhang zwischen Glück und Gehirn: Nach seinem Dafürhalten "ist das Glücksempfinden nur ein Nebenprodukt unseres Lernvermögens". Gewöhnungseffekte und fortlaufende Vergleiche mit anderen machen ihm tendenziell den Garaus.
  8. Das von Josef Aldenhoff verfasste Kapitel 8 handelt vom Einfluss von Psychopharmaka auf Psyche und Gehirn des Menschen. Es beleuchtet kritisch, wie irrational und unreflektiert wir Psychopharmaka im Vergleich zu "Drogen" z.T. definieren und (nicht) einsetzen.
  9. In Kapitel 9 beleuchtet Gerhard Roth die neurobiologischen Grundlagen des Psychischen und vertritt die These, dass die wesentlichen psychoanalytischen Grundgedanken von Sigmund Freud durch empirische Untersuchungen der noch in den Kinderschuhen steckenden Neurobiologie tendenziell belegt werden.
  10. Im zehnten Kapitel veranschaulicht Rolf H. Adler, wie Menschen das implizit-emotionale Gedächtnis auf detektivische Art und Weise benutzen (und ÄrztInnen es benutzen sollten), um hilfreiche Hypothesen über Sachverhalte (Diagnosen), bzw. für den Umgang mit Menschen (PatientInnen) zu bilden.
  11. In Kapitel 11 gehen Jakob von Engelhardt, Dragos Joan Inta und Hannah Monyer dem Zusammenspiel von Gehirn und Geruchssinn nach und schildern dessen Bedeutung für die menschliche Sinnlichkeit und Erinnerungsfähigkeit.
  12. Mit Kapitel 12 verabschiedet sich das Buch von ernsthaften und ernst gemeinten Beiträgen: in ihm machen sich Robert Gernhardt und F.-K. Waechter über das Phänomen der optischen Täuschung lustig.
  13. Kapitel 13 ist mit dem Vorkommen des Gehirns in der Popkultur befasst. Michael Freund blödelt sich von einer absurden Hirnforschungs-Parodie zu nächsten.
  14. In Kapitel 14 nimmt Brendan Maher die Methode der in den Naturwissenschaften häufig verwendeten Varianzanalyse auf die Schippe.
  15. Im Beitrag "Hirndruck" nimmt Manfred Spitzer in Kapitel 15 den menschlichen Machbarkeitswahn, d.h. die in Wirt- und Wissenschaft ad absurdum getriebene Weiterenwicklung der Gutenbergschen Druckkunst aufs Korn: Wenn man schon Pizza und maßgefertigte Schuhe "ausdrucken" kann, warum nicht auch die einen oder anderen fehlenden Neuronen ...?
  16. In Kapitel 16 schließlich lässt Wulf Bertram einen Psychotherapeuten in einer köstlichen Persiflage des zugleich arrivierten und esoterisch angehauchten Tagungs- und Wissenschaftsbetriebs eine Idee aus der (von der Zunft eher skeptisch und verächtlich beargwöhnten) Neurobiologie aufgreifen und zu einer sensationell erfolgreichen Therapieform, der "Transkraniellen Mandelkern-Massage" ausbauen.
  17. In Kapitel 17, dem Epilog, spottet Eckart von Hirschhausen über die menschlichen Unzulänglichkeiten und Widersprüche im Hinblick auf die Nutzung von und den Umgang mit Geist und Gehirn und lässt seine humoristischen Erkenntnisse und Fazite aus den vorherigen Kapiteln Revue passieren.

Fazit

Dieses "Braintertainment" ist informativ und amüsant: Man lernt Neues, bekommt eigene Vermutungen bestätigt und muss immer wieder über die "Krone der Schöpfung" lachen oder, viel häufiger, den Kopf schütteln. Die selbst gesteckten Ziele, neurobiologisches Wissen allgemein verständlich und witzig zu präsentieren, werden im Großen und Ganzen mühelos erreicht: Die meisten Artikel sind sehr gut verständlich. Allerdings verstehe ich bei einigen wenigen angesichts des Übermaßes an neurobiologischen bzw. naturwissenschaftlichen Fachtermini streckenweise nur Bahnhof - und das, obwohl (oder weil???) ich mich als promovierte Germanistin intensiv mit Neurolinguistik, also mit dem Thema Sprache und Gehirn beschäftigt habe. Geschmackssache ist selbstverständlich auch der Humor - einige Beiträge finde ich brüllend komisch, andere, die wohl lustig gemeint sind, finde ich eher ... nun ja: bemüht. Da aber ganz sicher für jede/n etwas dabei ist, das er/sie interessiert, vergnügt, lustvoll und staunend er-lesen (und vielleicht sogar merken) kann, halte ich diese "Expeditionen in die Welt von Geist und Gehirn" für sehr empfehlenswert.


Rezensentin
Dr. Svenja Sachweh
Homepage www.talkcare.de
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Zitiervorschlag
Svenja Sachweh. Rezension vom 16.11.2007 zu: Manfred Spitzer, Wulf Bertram (Hrsg.): Braintertainment. Expeditionen in die Welt von Geist und Gehirn. Schattauer (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-7945-2515-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4765.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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