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Wolfgang Jantzen: Allgemeine Behindertenpädagogik

Cover Wolfgang Jantzen: Allgemeine Behindertenpädagogik. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2007. 736 Seiten. ISBN 978-3-86541-172-3. 48,00 EUR.

Reihe: International cultural historical human sciences - Band 20. Teil 1: Sozialwissenschaftliche und psychologische Grundlagen. Teil 2: Neurowissenschaftliche Grundlagen, Diagnostik, Pädagogik.
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Entstehungshintergrund

Wolfgang Jantzen legt mit seinem Buch Allgemeine Behindertenpädagogik ein Nachdruck seiner beiden Bände Allgemeine Behindertenpädagogik Band 1 und Band 2 von 1987 resp. 1990 in einem Band vor. Beide Bände werden unüberarbeitet nacheinander gestellt. Sie bleiben auch formal, bis hin zur Paginierung unverbunden.

Überblick

Das Ziel beider Bände ist die Entwicklung einer Allgemeinen Behindertenpädagogik in dem Sinn, dass eine allgemeine Theorie des ganzheitlichen Menschen zu entwickeln versucht wird, auf welche sich Pädagogik, wie Behindertenpädagogik gleichermassen beziehen können. Jantzen geht dabei von der Setzung aus, dass Behinderung nur in Bezug auf den Regelfall menschlicher Entwicklung und Daseins beschrieben werden kann. Behinderung wird so also nicht mehr defektorientiert, subjektzentriert oder als naturwüchsig entstandenes Phänomen betrachtet. Sie wird vielmehr sichtbar und damit als Behinderung überhaupt erst existent, indem Merkmale und Merkmalskomplexe eines Individuums aufgrund sozialer Interaktion und Kommunikation in Bezug gesetzt werden zu jeweiligen gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Minimalvorstellungen über individuelle und soziale Fähigkeiten. Indem festgestellt wird, dass ein Individuum aufgrund seiner Merkmalsausprägung diesen Vorstellungen nicht entspricht, wird Behinderung offensichtlich, sie existiert als sozialer Gegenstand erst von diesem Augenblick an. (vgl. Jantzen 1992).

Dieser Setzung folgend, sind beide Bände nicht entlang von speziellen Sonderpädagogiken oder Behinderungsformen aufgebaut. Sie nehmen vielmehr Bezug auf eine Vielfalt von Theorien, Konzepten und Modellen aus ganz unterschiedlichen sozial- und naturwissenschaftlichen Disziplinen und verbinden diese Erkenntnisse mit Erkenntnissen und handlungsspezifischen Bedarfen aus der professionellen Praxis der Behindertenhilfe. Seine Ausführungen verfolgen dabei primär die theoretische Rekonstruktion des ganzheitlichen Menschen und befassen sich mit allgemeinen Merkmalen und Eigenschaften menschlicher Entwicklung und Daseins. Sie sind aber immer auch anwendungsorientiert. Und gerade in dieser Anwendungsorientierung wird das hohe Interesse Jantzens deutlich, nicht nur die Lebens- und Entwicklungssituationen von Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderung durch entsprechende Hilfen zu normalisieren, sondern zu verdeutlichen, dass Behinderung eine grundsätzliche Möglichkeit menschlichen Lebens darstellt.

Das eklektische Zusammenführen ganz unterschiedlicher Wissens- und Handlungssysteme um seinen Behinderungsbegriff hat Jantzen seither Lob und aber auch Kritik gebracht. Und es stellt sich die Frage, ob es ihm tatsächlich gelungen ist, eine eigentliche Theorie der Behindertenpädagogik zu entfalten, welche zugleich den Kern einer allgemeinen Pädagogik bildet (vgl. Beltz 1992). Beachtlich bleibt aber seine Leistung, zentrale theoretische Bezugssysteme und praktische Handlungssysteme für das Verstehen von Behinderung, die professionelle Bearbeitung des Phänomens Behinderung und die Begleitung von Menschen mit Behinderung fruchtbar zu machen.

Zum Inhalt

Der Zielsetzung der beiden Bände entsprechend, geht Jantzen in seinen Ausführungen nicht gleich auf die Pädagogik oder gar auf eine Pädagogik für Menschen mit Behinderungen ein, sondern stellt in zwei Schritten seinen materialistischen Erklärungsansatz von Behinderung vor. Er wählt dafür einen soziologischen und historischen Zugang. Diese Teile haben m.E. seit ihrer ersten Veröffentlichung noch kaum von ihrer Aktualität und Bedeutung für die Behindertenhilfe eingebüsst. Verschiedene Erkenntnisse aus seinen Analysen haben vielmehr direkt oder indirekt Eingang in aktuelle Beschreibungs-, Definitions- und Klassifikationssysteme gefunden, welche sich nun nicht mehr auf eine Schädigung oder Defekt eines Körpers und seine kausalen Auswirkungen beziehen, sondern die kompetente Partizipation eines Menschen an gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Systemen als Bezugspunkt nehmen.

In einem weiteren Schritt stellt Jantzen die wissenschaftliche Methodologie seiner Konzeption vor. Wie in den ersten beiden Kapiteln angelegt, ist Jantzen der Ansicht, dass der Gegenstandsbereich Behinderung am besten auf der Basis des historischen und dialektischen Materialismus behandelt kann. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Behinderung unter dem Gesichtspunkt der Vermittlung von Subjekt und Objekt in der Tätigkeit zu untersuchen sei, fordert Jantzen (1992, 76ff) einen völligen Umbau bisheriger wissenschaftlicher Forschung. Diese habe zu leisten, dass das Biologische, das Psychische und das Soziale nicht mehr weiter von einander getrennt behandelt werde, sondern in seinen Zusammenhängen und Wechselbezügen erfasst, geklärt und verständlich gemacht werde.

Die weiteren Kapitel sind in der Folge der Entwicklungspsychologie und Entwicklungspsychopathologie gewidmet. Jantzen legt hier seine persönlichkeits- und entwicklungspsychologischen Grundlagen seiner Konzeption dar. Diese ist wiederum um eine möglichst ganzheitliche Darstellung aller relevanten Strukturen und interagierenden Prozesse bemüht. Jantzen geht dabei seinem Rahmenkonzept folgend von einer marxistischen Auffassung vom Menschen als Persönlichkeit aus und entwickelt auf der kulturhistorischen Theorie seine Theorie der Mit-Entwicklung des Menschen. Die so dargelegten Grundlagen menschlicher Entwicklung und Daseins werden dann bezogen auf die Lebensalter der Kinder und Jugendlichen differenziert dargelegt und praktisch, d.h. tätigkeitsbezogen beschrieben.

Auch wenn es in diesen die Psychologie betreffenden Kapitel noch nicht eigentlich um pädagogische Fragen geht, so haben meines Erachtens gerade diese Ausführungen viele der nachfolgenden agogischen Ansätze (mit-) beeinflusst. Die heute gängige Praxis der Einbettung aller agogisch-therapeutischen Leistungen in kooperative Formen von Tätigkeiten von kultureller Bedeutung lässt sich direkt auf die Ausführungen Jantzens zurückverfolgen.

Genauso bedeutungsvoll und wegweisend  scheinen mir der von Jantzen weiterentwickelte Isolationsbegriff und seine Ausführung zu den isolierenden Bedingungen für die menschliche Entwicklung. Im Bereich der Ausführungen zur Entwicklungspathologie gelingt es ihm meines Erachtens sehr gut, ausgewählte pathologische Symptome und Syndromtypen in seine Konstruktion einzubetten und diese in einem grösseren Zusammenhang einer (möglichen) Klärung zuzuführen.

Im ehemals zweiten Band geht Jantzen vorerst vom Biologischen aus, indem er den Versuch eines Überblicks über die neuropsychologische Organisation des menschlichen Zentralnervensystems wagt (Jantzen 2007). Auch hier sucht er immer wieder den Blick auf den ganzheitlichen Menschen, indem er den Zusammenhang zwischen der biologischen Funktion und den vom betreffenden Menschen realisierten Verhaltensweisen und Tätigkeiten sowie seine Subjekt- und Objektbezüge herausarbeitet oder benennt.

Auch wenn viele der von Jantzen vorgestellten Grundannahmen und Modelle zur Neurologie über die letzten dreissig Jahre erstaunlich aktuell geblieben sind, so bleibt doch kritisch anzumerken, dass dieser Teil dem heutigen Erkenntnis- und Diskussionsstand in den Neurowissenschaften nicht mehr gerecht wird. Trotzdem bleiben seine Zusammenschau von damaligen Erkenntnissen und seine Bemühungen um die Verknüpfung des Biologischen mit dem Psychischen und dem Sozialen auch hier lesenswert.

Seine Konzeption und die beiden Bände abschliessend geht Jantzen in einem vorletzten Teil auf Fragen der Diagnostik ein, um zum Schluss dann mögliche pädagogische Ansätze und Zugänge zu Menschen mit Behinderungen aufzuzeigen und zu diskutieren. Jantzen ist dabei vor allem an der Klärung der Frage interessiert, wie im zu erfassenden Leben eines Menschen mit Behinderung eine pädagogische Praxis realisiert werden kann, die zur möglichst umfassenden Entwicklung der Persönlichkeit und Tätigkeit beiträgt. Zentral werden hier der Begriff und das Verfahren der Rehistorisierung. Jantzen fordert die Ergänzung und Ablösung rein quantitativer und normorientierter diagnostischer Verfahren durch qualitative Verfahren, welche sich ätiologisch und biographisch orientieren. Diese Verfahren hätten objektive und subjekte Daten zu berücksichtigen, die aus ihrem Lebenskontext heraus verstanden werden müssen (vgl. Jantzen 1990, 183ff).

Rehistorisierung des Behinderten bedeute daher in erster Hinsicht (vgl. Jantzen 1990, 194), ihn gegen das herrschende "Fall"-Denken und gegen die Paradigmen der Unverständlichkeit, der Unerziehbarkeit und Nichtbildbarkeit als Subjekt seiner Tätigkeit neu zu begreifen und ihn in diesen Tätigkeiten und in ihrer Weiterentwicklung zu unterstützen. Die Organisation und Orientierung an den Mit-Tätigkeiten, welche in Mit-Verantwortung realisiert werden und an den Bedeutungssystemen der Menschen mit Behinderungen anzusetzen haben, stellen schlussendlich die Grundlage der pädagogischen Konzeption dar.

Hier sind und bleiben Jantzens Ausführungen absolut aktuell!

Fazit

Jantzens Ausführungen zu einer Allgemeinen Behindertenpädagogik haben viele der nachfolgenden sozialwissenschaftlichen und professionellen Überlegungen zum Thema massgeblich beeinflusst. Sie sind in vielen Arbeiten mehr oder weniger bewusst rezipiert, diskutiert, vertieft und weiterentwickelt worden und haben so einen festen Platz und Bedeutung in der sozialwissenschaftlichen und professionellen Praxis gewonnen. Von diesen Entwicklungen und dem damit verbundenen fachlichen Dialog, aber auch von neuen und neusten Erkenntnissen und Fachdiskussionen bleiben die nun neu aufgelegten Bände unberührt. Das ist zum einen schade, weil die Publikation so einen Erkenntnisstand wiedergibt, der fast dreissig und mehr Jahre alt ist. Andererseits ist das wahrscheinlich aber auch ein Glück, weil Jantzen so nicht in Versuchung gerät, eine umfassende und in dem Sinn ganzheitliche Allgemeine Behindertenpädagogik vorzulegen. Schlussendlich scheint mir sein nun dreissigjährige Anspruch wichtiger: Der Versuch einer theoretischen Rekonstruktion des ganzheitlichen Menschen.

Beide Bände sind als Arbeitsbücher (vgl. Jantzen 1987) und Lehrbücher konzipiert. Als diese scheinen sie mir heute nur noch bedingt geeignet. Andererseits stellen sie eine wichtige Grundlage zum Verstehen des Wandels des Behinderungsverständnisses dar und zeigen gleichzeitig wichtige Entwicklungslinien in der wissenschaftlichen, wie professionellen Bearbeitung von Behinderung auf.

Literatur

  • Beltz (1992): Angaben des Verlags zur Publikation Allgemeine Behindertenpädagogik
  • Jantzen, W. (1987 / 1990): Allgemeine Behindertenpädagogik. Band 1. Sozialwissenschaftliche und psychologische Grundlagen. Beltz. Weinheim.
  • Jantzen, W. (1990): Allgemeine Behindertenpädagogik. Band 2. Neurowissenschaftliche Grundlagen, Diagnostik, Pädagogik und Therapie. Beltz. Weinheim.
  • Jantzen, W. (2007): Allgemeine Behindertenpädagogik. Band 20. Lehmanns Media. Berlin.

Rezension von
Prof. Dr. Daniel Oberholzer
Sonderpädagoge, Kinder- und Jugendpsychopathologe. Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Institut für Professionsforschung und kooperative Wissensbildung. Lehr- und Forschungsbereiche: Person- und interaktionsbezogene Dienstleistungen in der Sonderpädagogik, Entwicklung neuer Prozessgestaltungssysteme.
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Zitiervorschlag
Daniel Oberholzer. Rezension vom 16.07.2007 zu: Wolfgang Jantzen: Allgemeine Behindertenpädagogik. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2007. ISBN 978-3-86541-172-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4778.php, Datum des Zugriffs 18.10.2021.


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