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Norbert Neuß (Hrsg.): Bildung und Lerngeschichten im Kindergarten. Konzepte - Methoden - Beispiele

Cover Norbert Neuß (Hrsg.): Bildung und Lerngeschichten im Kindergarten. Konzepte - Methoden - Beispiele. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2007. 140 Seiten. ISBN 978-3-589-24519-2. 16,95 EUR, CH: 29,70 sFr.
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Thema

Hauptthema des Buches ist der frühpädagogische Ansatz der Bildungs- und Lerngeschichten, der von Prof. Margarete Carr in Neuseeland entwickelt und vom Deutschen Jugendinstitut für Deutschland adaptiert wurde. Weiterhin werden die Konzepte der frühkindlichen Bildung des Instituts für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit (infans) Berlin und der Wissenslandkarten für Kinder von Prof. Lilian Fried vorgestellt. Darüber hinaus betrachtet Norbert Neuß die gegenwärtige Situation der frühkindlichen Bildung in Deutschland und gibt Anregungen für die aktuelle Bildungsdiskussion.

Autor/innen

  • Norbert Neuß: Hochschullehrer für Medien- und Sozialpädagogik an der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen
  • Beate Andres: MA, Erziehungswissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit e. V. (infans).
  • Margaret Carr: Prof. Dr., Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der University of Waikato in New Zealand.
  • Katja Fläming: Erzieherin und Erziehungswissenschaftlerin, wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut e. V. (DJI).
  • Lilian Fried: Prof. Dr. habil., Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität Dortmund.
  • Hans-Joachim Laewen: Diplomsoziologe, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit e. V. (infans).
  • Hans-Rudolf Leu: Dr. phil., Leiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung im Deutschen Jugendinstitut e. V. (DJI).

Entstehungshintergrund

In der gegenwärtigen Debatte ist die Qualität der Bildung ein Schwerpunkt der Elementarpädagogik. Die Autor/innen wollen nicht nur aufzeigen, wie die Selbstbildungsprozesse der Kinder beobachtet und beschrieben werden können, sondern auch den bildungstheoretischen Rahmen der Elementarpädagogik darstellen. In einem kritischen Überblick werden aktuelle Tendenzen der Elementarpädagogik aufgezeigt.

Aufbau und Inhalt

  1. Bildung im Kindergarten - ein kritischer Überblick (von Norbert Neuß). Zunächst werden in diesem Kapitel die Veränderungen in der bildungspolitischen Diskussion und die Veränderungen der Familienbeziehungen dargestellt. Dabei werden auch die veränderten Spiel- und Kommunikationsmöglichkeiten für Kinder im "sozialen Nahraum" betrachtet. Verschiedene Medienangebote kompensieren dabei fehlende Erlebnis- und Handlungsalternativen der Kinder, wobei der kompetente Umgang mit den Medien als Schlüsselqualifikation gelten muss. Da Armut und Bildungschancen quasi vererbt werden, fordern die Autoren zahlreicher Bildungsstudien, dass Benachteiligungen entgegengewirkt werden muss. Im Abschnitt "Materiale oder formale Bildung" geht der Autor der Frage nach, was Kinder lernen sollen und erläutert neue Orientierungen in der frühkindlichen Bildung, wie die Vermittlung lernmethodischer Kompetenzen, die Resilienz und den Übergang vom Kindergarten zur Grundschule. Weiterhin werden Ergebnisse der Nationalen Qualitätsinitiative und Wege zur Erfassung von Bildungsqualität sowie Lerngeschichten einer (zum Teil) kritischen Betrachtung unterzogen. Im Zusammenhang mit der Diskussion der Akademisierung der Erzieher/innenausbildung fordert Norbert Neuß, dass dabei den biografisch-reflexiven Anteilen in der Ausbildung eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden muss.
  2. Learning Stories - ein Bildungs- und Lernkonzept aus Neuseeland (von Margaret Carr). Neben einer kurzen Darstellung, wie Lernen und Assessment in Neuseeland betrachtet werden, enthält das Kapitel eine Beschreibung der Lerngeschichten und deren Prinzipien, jeweils untersetzt mit kurzen Beispielen.
  3. "Bildungs- und Lerngeschichten" - ein Projekt des Deutschen Jugendinstituts (von Hans-Rudolf Leu und Katja Flämig). In Fortsetzung des zweiten Kapitels wird nun das Konzept der Bildungs- und Lerngeschichten, wie das Deutsche Jugendinstitut ihre Adaption des neuseeländischen Konzepts bezeichnet - erläutert. Zunächst werden neuere Entwicklungen zum Thema "Bildung in der frühen Kindheit" zusammengefasst und die Entscheidung, warum das Konzept im Rahmen eines bundesweiten Modellversuchs getestet wurde, begründet. Anschließend folgt eine Darstellung der vier Arbeitsschritte. Der größte Vorteil des Schreibens von Lerngeschichten wird in der Veränderung der Sichtweise auf das Kind beschrieben. Aber das Verfahren ist nicht voraussetzungsfrei, neben einer notwendigen Motivation des Teams ist die Unterstützung durch den Träger unerlässlich, zum Beispiel durch die Organisation von Verfügungszeiten und durch die Bereitstellung einer technischen Grundausstattung.
  4. Das infans-Konzept der Frühpädagogik (von Hans-Joachim Laewen und Beate Andres). Das infans-Konzept ist ebenfalls im Rahmen eines Modellprojekts und eines Nachfolgeprojekts entstanden und besteht aus 5 Modulen. Dabei stehen die "Themen der Kinder" im Mittelpunkt des Interesses. Die Bedingungen für die Umsetzung des Konzeptes sind ähnlich wie die bei den Bildungs- und Lerngeschichten: ohne motiviertes Team, informierte Eltern, materiell-technische Bedingungen und zeitliche Ressourcen geht es nicht. Auf Grundlage intensiver Beobachtungen werden die Themen der Kinder beantwortet bzw. werden ihnen neue Themen zugemutet, die in individuellen Curricula für jedes Kind zwei Mal jährlich geplant werden.
  5. Die Entwicklung kindlichen Wissens sichtbar machen (von Lilian Fried). Der Schwerpunkt im 5. Kapitel liegt auf der Wissensaneignung bei jungen Kindern und dem, was die Wissenschaft darüber weiß. Mit Hilfe der "Wissenslandkarten" sollen Erzieher/innen in die Lage versetzt werden, das Wissen von jungen Kindern durch Beobachtung und Dokumentation darzustellen. Mehrere Einzelbeobachtungen werden mit Hilfe der "Concept-Map-Methode" (ähnlich dem Mind-map) zu einem Prozessbild zusammengefasst.
  6. Eine neue Sicht auf Selbstbildungsprozesse bei Kindern (von Norbert Neuß). Weil in der aktuellen Diskussion die konkreten frühkindlichen Bildungsprozesse zu kurz kommen, stellt Norbert Neuß hier 11 ausgewählte Aspekte der kindlichen Selbstbildungsprozesse vor. Er benennt dabei:
    • Kuscheltiere und Übergangsobjekte zur Selbstregulation von Gefühlen und Distanz
    • Sammeln und Ordnen
    • Spiele erfinden und Spiele spielen
    • Zeichnen und Zeichnungen
    • Reime, Wortwitz und Humor
    • Phantasie und Phantasiegefährten
    • Medienspuren und Medienerfahrungen
    • Rituale
    • Bildung, Bindung und Ich-Identität
    • Geregelte Gedankenspiele zu heiklen Themen
    • Kinderfragen
    Abschließend fordert Norbert Neuß, für die Kinder die Komplexität der Erfahrungsmöglichkeiten zu erhalten, statt sie in Lehrgänge, Kurse oder fein-, teil- und grobzielige Lernvorstellungen zu zergliedern. Er plädiert dafür, anhand der Lerngeschichten die pädagogische Qualität in den Tageseinrichtungen für Kinder zu entwickeln.

Diskussion

Im Buch werden verschiedene Konzepte und Vorgehensweisen zur Betrachtung der Bildungsprozesse bei Kindern im Kindergartenalter vorgestellt. Dies Verfahren sind unterschiedlich, haben aber Eines gemeinsam: Sie stellen die Beobachtung der Aktivitäten der Kinder in den Mittelpunkt und machen sie zum Ausgangspunkt pädagogischer Interventionen. Dabei sind viele Beispiele beschrieben, wo aufgezeigt wird, was Kinder im Kindergarten äußern, was sie tun, wie sie sich die Welt vorstellen.

Die Vorstellung der verschiedenen Herangehensweisen lädt zum Vergleichen ein, sie kann aber die Lektüre der Materialien der einzelnen Konzepte nicht ersetzen (soll es wohl auch nicht). Der Schwerpunkt des Buches liegt (ich meine zu recht) auf den Bildungs- und Lerngeschichten. Wer sich weitergehend damit befassen will, dem seien die Materialien des DJI empfohlen. Die Übersetzung des Artikels von Margaret Carr scheint nicht ganz fehlerfrei gelungen zu sein, z. B. bei der Bezeichnung der Prinzipien gibt es eine Doppelung.

Jeder der Autorinnen und Autoren hat zahlreiche Literaturhinweise gegeben, das ist für die vertiefende Lektüre sehr nützlich.

Zielgruppe

Erzieherinnen und Erzieher, und vor allem solche, die es werden wollen, Studierende im Bereich der frühkindlichen Bildung

Fazit

Das Buch macht sensibel, lädt ein, Kinder genauer zu beobachten, und gibt ein starkes Votum dafür ab, mit dem Verfahren der Bildungs- und Lerngeschichten des DJI zu arbeiten.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 17.10.2007 zu: Norbert Neuß (Hrsg.): Bildung und Lerngeschichten im Kindergarten. Konzepte - Methoden - Beispiele. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2007. ISBN 978-3-589-24519-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4781.php, Datum des Zugriffs 19.03.2019.


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