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Stefanie Große-Boes, Tanja Kaseric: Trainer-Kit. Die wichtigsten Trainingstheorien [...]

Cover Stefanie Große-Boes, Tanja Kaseric: Trainer-Kit. Die wichtigsten Trainingstheorien, ihre Anwendung im Seminar und Übungen für den Praxistransfer. managerSeminare Verlags GmbH (Bonn) 2006. 304 Seiten. ISBN 978-3-936075-45-8. 49,90 EUR.
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Thema und Aufbau

Eigentlich haben viele schon darauf gewartet, auf ein handliches Buch, das knapp, kurz und kompetent die wichtigsten Theorien für Trainerinnen und Trainer, inklusive deren Umsetzung in Übungen und Transfer. Nun liegt es smart in der Hand, und neugierig beginnt man im "Trainer-Kit" von Stefanie Große Boes und Tanja Kaseric zu blättern. Die Gliederung richtet sich nach sechs Schlüsselbegriffen aus:

  • Kommunikation,
  • Konflikt,
  • Motivation,
  • Stress,
  • Selbststeuerung,
  • Führung.

Jedes Kapitel ist gleich aufgebaut, beginnt mit einem einleitenden Überblick, dann folgen Zitate und schließlich eine Kurzbeschreibung von Theorien und deren Anwendung. Das Lay-out ist lesefreundlich und übersichtlich, man braucht nicht vorne beginnen, sondern kann überall einsteigen. 

Inhalt

  1. Beginnen wir bei der Kommunikation und bei den Zitaten, gescheite Sätze von gescheiten Persönlichkeiten. Allerdings, wie so häufig bei Zitaten, stehen neben inspirierenden Aussagen auch Banalitäten. Der Nutzwert der Kurzbeschreibungen der Theorien ist für Anfänger hoch, und auch die Fortgeschrittenen können gelegentlich noch neue Erkenntnisse schöpfen oder vergessenes Wissen auffrischen. Freilich ist das Buch für Praktiker, Trainerinnen, Studierende eher geschrieben worden als für psychologische Experten. Manchmal hätten die Autorinnen präziser oder unkomplizierter formulieren können. Dass "durch die kritische Betrachtung der eigenen Denkstrukturen Bewertungen und Annahmen suspendiert" (werden) (S. 18), klingt unschön und ist unnötig kompliziert. Auch wenn Kollege A auf B zugeht und "vehementer" redet, ist das eine unpassende Wortwahl (S.31). Was ist ein "echter Erkenntnisgewinn" (S. 78)? Gibt es auch einen falschen? Gelegentlich gehörten Begriffe geklärt, so z. B "volitional" (S.125) oder "Ketecholamine" (S.173). Zurück zum ersten Kapitel. Die Anwendungen sind sicherlich eine Fundgrube für die Praktiker, wenngleich, blickt man auf das gesamte Buch, Problemlösungsaufgaben und handlungs- und erlebnisorientierte Methoden etwas zu kurz kommen. Bei aller Praxis: Wer behauptet, das "Eisbergmodell" sei von Sigmund Freud entwickelt worden, muss dies glaubhaft beweisen (S. 25). Dass es natürlich Parallelen gibt und der Eisberg durchaus als Metapher für Freuds Modell von der Seele herhalten kann, ist zweifellos richtig. Bei "Querverweise" und "Weiterführende Literatur", die manchmal etwas zu ausführlich geraten sind , wäre der richtige Ort dafür gewesen. Sehr gelungen ist die Erklärung der "Transaktionsanalyse" (S.50 f). Das erste Kapitel (Kommunikation) endet mit "Hintergrund." Auch dies ist eine Bereicherung. Beim Klassiker Watzlawick allerdings haben die Autorinnen aus dem ersten Axiom "Man kann nicht nicht kommunizieren." eingefügt: "In einer sozialen Situation kann man nicht nicht kommunizieren." Das ist unnötig und durch nichts gerechtfertigt.
  2. Das zweite Kapitel widmet sich den Konflikten in Theorie und Praxis. Auch hier gilt: kurz, verständlich, praktisch, wenngleich natürlich einige Kleinigkeiten zu verbessern wären. Wenn man von "Regression" und "Freud" spricht, dann gehört das weniger zur "Psychologie" sondern mehr zur Psychoanalyse (S. 71). Gerade zu Rollenspielen gibt es überbordende Literatur, da geht der Hinweis auf die "Sloan School of Management" (S. 76) etwas zu weit. Ansonsten gibt es nichts an diesem Kapitel zu kritteln. Man wird es mit Gewinn lesen und durch die Übungen die Theorie in die Praxis des Lernens umsetzen.
  3. Ähnliches gilt auch für den Abschnitt "Motivation". Lediglich bei dem "Zwei-Faktoren-Modell nach Herzberg" (S. 144ff) darf man zweifeln of "deficit needs" mit "Hygienefaktoren" gut übersetzt ist. Allerdings ist zu vermuten, dass die Autorinnen hier nur eine bereits bestehende Übersetzung übernommen haben. Die Flow-Theorie von Csikszentmihalyi passt nicht ganz zum Thema Motivation, obgleich sie in Mode ist und natürlich in diesem Buch vorkommen muss. Im Übrigen hat seine Theorie bedeutende Vordenker, und auch der Begriff autotelisch stammt nicht von ihm (S. 158). Letzteres klärt ein Blick ins Fremdwörterbuch, ersteres ein Blick in Immanuel Kants "Über die Erziehung": "Der Mensch muß auf eine solche Weise okkupieret sein, daß er mit dem Zwecke, den er vor Augen hat, in der Art erfüllt ist, daß er sich gar nicht fühlt." Den gleichen Philosophen könnte man als Urheber hervorheben, wenn es um "selektive Aufmerksamkeit" (S. 132) geht. Nebenbei, was zwischen Angst und Langeweile liegt und mit Flow bezeichnet wird (S. 158), macht einfach Spaß!
  4. Das vierte Kapitel gilt dem Stress. Wie kann man dem Teufelskreis der Stressreaktion entkommen. In die anschauliche Tabelle (S. 188) hätten diese Auswege aufgenommen werden können. Die Übung "Reframing" (S.192), bei der ein halb volles bzw. halb leeres Wasserglas gedeutet werden, ist etwas zu durchschaubar; kaum vorstellbar, dass damit ein großer Erkenntnisgewinn einhergeht.
  5. Nun folgt das Thema Selbststeuerung. Ob Sokrates gesagt hat "Mensch, erkenne dich selbst, dann erkennst du alles." (S. 203), ist stark zu bezweifeln. Die Quelle der Anweisung, sich selbst zu erkennen, ist Thales von Milet, jener Meister der Weisheit, der immer auftaucht, wenn wir im antiken Griechenland herumschnuppern. Ein Missverständnis liegt auch bei dem Begriff "Rolle" vor (S. 220), denn damit ist immer der Satz der Erwartungen gemeint. Durch das "Selbst" bestimmen wir dann, wie kreativ oder devot wir mit dieser Rolle umgehen. Zum Thema "Lernen und Gedächtnis" gibt es aktuelle Diskussionen und Ergebnisse, die in diesem Abschnitt zu wenig berücksichtig werden. Die Übungen dazu freilich haben sich seit Jahren bewährt.
  6. Das letzte Kapitel schließlich geht auf das Thema "Führung" ein. Ein erhellendes, anregendes Zitat stammt von Laotse: "Wer Menschen führen will muss hinter ihnen gehen." (S. 249). Auch das Fallbeispiel, das zur Diskussion gestellt wird, vertieft das Thema. Vielleicht hätten bei den anderen Kapiteln noch mehr Fallbeispiele diesen Dienst getan. Die "Turmbauübung" zur Veranschaulichung der Teamphasen (S. 281) ist ohne Zweifel eine lohnende Aktivität, aber doch sehr bekannt. Auch die weiterführende Literatur (S. 283) könnte hier etwas umfangreicher und treffsicherer sein.

Fazit

Trotz mancher Kritik im Detail liegt insgesamt ein sehr nützliches Buch vor, das in den Bücherschrank einer jungen Trainerin oder eines jungen Erwachsenenbildners in greifbarer Nähe platziert werden sollte. Man wird es öfter brauchen, gerade wenn vor einem Training oder Seminar noch Lücken auftauchen.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 01.04.2007 zu: Stefanie Große-Boes, Tanja Kaseric: Trainer-Kit. Die wichtigsten Trainingstheorien, ihre Anwendung im Seminar und Übungen für den Praxistransfer. managerSeminare Verlags GmbH (Bonn) 2006. ISBN 978-3-936075-45-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4783.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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