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Ioanna Zacharaki, Thomas Eppenstein u.a. (Hrsg.): Praxishandbuch interkulturelle Kompetenz [...]

Cover Ioanna Zacharaki, Thomas Eppenstein, Michael Krummacher (Hrsg.): Praxishandbuch interkulturelle Kompetenz vermitteln, vertiefen, umsetzen. Theorie und Praxis für die Aus- und Weiterbildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2007. 173 Seiten. ISBN 978-3-89974-283-1. 19,80 EUR.
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Hintergrund

Die Population von Migranten ist sehr facettenreich: Arbeitsmigranten, ihre Kinder und Kindeskinder, deutsche Spätaussiedler, Asylanten, Asylsuchende sowie Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge und "EU-Ausländer"… Sie alle bilden eine heterogene Population aus verschiedenen Kulturkreisen und sozialen Schichten. Sie bringen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit, und sie sind auch hinsichtlich ihres rechtlichen Status nicht vergleichbar. Gerade wegen ihrer Heterogenität stellt der berufliche Umgang mit ihnen hohe Anforderungen an alle, die mit Migranten, in welchem Zusammenhang auch immer, arbeiten. Insbesondere bedarf es zunehmend professioneller interkultureller Kompetenzen in sozialen und pädagogischen Berufen und Einrichtungen.

Entstehungshintergrund

Die Beiträge im vorliegenden Buch bauen auf einem Modellprojekt "Zertifikatskurs: Basisqualifikation Interkulturelle Kompetenz für Soziale Berufe" auf, das als Kooperationsprojekt zwischen dem Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe durchgeführt wurde.

Autorinnen und Autoren

Ioanna Zacharaki ist Referentin, Nikolaus Immer Geschäftsführer des Diakonischen Werkes im Rheinland.

Thomas Eppenstein, Michael Krummacher, Roderich Kulbach, Wolfgang Maaser, Hildegard Mogge-Grotjahn und Matthias Schnath sind Professoren an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.

Aufbau und Inhalt

Abgesehen vom Vorwort enthält das Buch insgesamt elf Beiträge und einen Beitrag mit Beispielen aus der Praxis. In dem Vorwort geht Nikolaus Immer auf die besondere Bedeutung der Interkulturellen Kompetenz für soziale Organisationen ein und hebt deren Entwicklung als "Markenzeichen diakonischer Arbeit" hervor.

  1. Die Herausgeber Ioanna Zacharaki, Thomas Eppenstein und Michael Krummacher erläutern die Hintergründe und Inhalte des oben erwähnten Kooperationsprojekts und der einzelnen Beiträge des Buches in ihrem Beitrag Einführung: Soziale Dienste auf dem Weg zur interkulturell lernenden Institution. Verankerung interkultureller Ansätze in die Praxis.
  2. In ihrem Beitrag behandelt Ioanna Zacharaki Interkulturelle Kompetenz als Bildungsaufgabe im System sozialer Hilfen. Sie thematisiert die Bedingungen und Herausforderungen an Soziale Dienste in Einwanderungsgesellschaften und stellt ein Konzept interkulturellen Lernens und interkultureller Kompetenz vor, das die Interaktion zwischen Professionellen und Klienten in den Mittelpunkt rückt.
  3. Interkulturelle Kompetenz - Zumutung oder Zauberformel? lautet der Titel des Beitrages von Thomas Eppenstein. Er setzt sich mit den Begriffen "Kultur", "Kompetenz", "Fremdheit", "Differenz und Vielfalt" kritisch auseinander und begründet einen Ansatz interkultureller Kompetenz zwischen den "Fallen" einer kulturalistischen Verengung und reinem Verzicht auf die kulturelle Dimension. Eppenstein begründet darüber hinaus "interkulturelle Sensibilität" als relevanten Gradmesser für die Soziale Arbeit und als Handlungsvermögen in mannigfachen Grundkonflikten "sozialer und sozialpädagogischer Arbeit, für die es in theoretischer Hinsicht keine Auflösung gibt, die in der Praxis dennoch stets auszublancieren sind." (S. 37)
  4. Matthias Schnath befasst sich mit Migration, Integration und Recht. Er warnt zunächst vor einem "tragikomischen" Konzept der Interkulturalität, diskutiert dann vor dem Hintergrund historischer Zusammenhänge Fragen staatsbürgerlicher Loyalitäten und behandelt in einem zweiten Teil Grundsätze, Grundstrukturen und Terminologie der bundesdeutschen Rechts.
  5. Migrations- und Integrationspolitik. Befunde und Herausforderungen lautet der Titel des nächsten Beitrages von Michael Krummacher. Krummacher bezieht hierbei aktuelle Fakten und Trends zum Einwanderungsland Deutschland mit Befunden zur Bevölkerungs- und Sozialraumentwicklung, Indikatoren zur sozialen Lage, Grundzügen aktueller Migrations- und Integrationspolitik auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene aufeinander. Er postuliert Anforderungen an eine nachhaltige Integrationspolitik anhand der Integrationsdimensionen von Heitmeyer/Anhuth (2000) im Modus von Gesellschaftspolitik und verbindet sie mit Kernelementen einer "interkulturellen Öffnung" von Verwaltungen und sozialen Diensten.
  6. In ihrem Beitrag Werteorientierungen und Normenkonflikte geht Hildegard Mogge-Grotjahn auf soziologische Aspekte der Thematik ein. Ausgehend von einem Fallbeispiel erläutert sie, dass Werte und Normen unterschiedlich verstanden werden können, und spricht sich für ein umfassendes und lebensweltorientiertes Verständnis von "Kultur" aus.
  7. Wolfgang Maaser bringt in seinem Beitrag Religionen und Toleranz - Dimensionen eines interkulturellen Problemfeldes Argumente zu dem im Titel genannten Zusammenhang aus ethischen und religionswissenschaftlichen Perspektiven, die verdeutlichen, dass zum einen interkulturelle Projekte nicht umhin kommen, sich der religiösen Dimension zu stellen, zum anderen sie ohne die Frage nach substanziellen Differenzen auskommen.
  8. Die zwei folgenden Beiträge von loanna Zacharaki (Kommunikation in der Einwanderungsgesellschaft) und
  9. Thomas Eppenstein (Konstruktive Konfliktlösung in interkulturellen Spannungsfeldern) umreißen Grundprobleme kommunikativer Verständigung in der Einwanderungsgesellschaft und Möglichkeiten konstruktiver Konfliktlösungen in interkulturellen Spannungsfeldern.
  10. Roderich Kulbach gibt eine Übersicht zur Organisation und Verankerung interkultureller Arbeit in sozialen Einrichtungen und stellt einen "strategischen Steuerungskreislauf zur interkulturellen Öffnung von Organisationen" vor, ausgehend von einer Zusammenschau von Zugangshindernissen zu sozialen Diensten seitens einer migrantischen Klientel und Ausgrenzungstendenzen der Einrichtungen. Kulbach zeigt Interkulturalität hier im Kontext von "diversity management" und Personalmanagement als Leitungsaufgabe und Möglichkeiten wie Grenzen von Evaluation und Controlling in interkulturellen Arbeitsfeldern auf.
  11. Im abschließenden Teil des Buches stellen die Herausgeber Ioanna Zacharaki/ Thomas Eppenstein/ Michael KrummacherdenBeispielen aus der Praxis ihre Überlegungen zur Umsetzung der interkulturellen Ansätze am Beispiel des Zertifikatskurses Basisqualifikation "Interkulturelle Kompetenz für soziale Berufe" vor. Der Zertifikatskurs wurde von den Autoren/innen dieses Buches konzipiert und erstmalig vom September 2005 bis Januar 2006 mit 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sozialer Berufe erfolgreich durchgeführt. Das Konzept des Zertifikatskurses sieht vor, dass von den Teilnehmern/innen im Anschluss an einen einwöchigen Kompaktkurs als Voraussetzung für den Erhalt des Zertifikates gefordert wird, im begrenzten Zeitraum von drei Monaten ein kleineres interkulturelles Projekt in ihrer jeweiligen Einrichtung eigenständig zu konzipieren und umzusetzen. Hierbei werden sie von Frau Zacharaki beraten.

Im letzten Beitrag des Buches werden sieben dieser Praxisprojekte zusammenfassend skizziert. Sie weisen die praktische Anwendung Interkultureller Kompetenz in ganz unterschiedlichen Bereichen Sozialer Arbeit auf und zeigen, dass das in der Fortbildung Gelernte umgesetzt werden kann.

Fazit

Obwohl es sich bei dem vorliegenden Buch um ein "Praxishandbuch" handelt, besticht es durch sein theoretisches Niveau, durch den interdisziplinären Bezug der Fachbeiträge und auch durch den empirischen Gehalt bei Krummacher. Auch der die Praxis betonende Teil ist zwar knapp, aber sehr gut aufgearbeitet. Wer das Anliegen hat, sich Theorie und Praxis über Interkulturelle Kompetenz für die Aus- und Weiterbildung zu vergegenwärtigen, dem sei dieser Band wärmstens empfohlen.


Rezension von
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 17.05.2007 zu: Ioanna Zacharaki, Thomas Eppenstein, Michael Krummacher (Hrsg.): Praxishandbuch interkulturelle Kompetenz vermitteln, vertiefen, umsetzen. Theorie und Praxis für die Aus- und Weiterbildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2007. ISBN 978-3-89974-283-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4787.php, Datum des Zugriffs 05.08.2020.


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