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Rainer Schwing, Andreas Fryszer: Systemisches Handwerk. Werkzeug für die Praxis

Cover Rainer Schwing, Andreas Fryszer: Systemisches Handwerk. Werkzeug für die Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2007. 2. Auflage. 352 Seiten. ISBN 978-3-525-45372-8. 29,90 EUR.
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Thema

Es gibt bereits gute und bewährte Lehrbücher der systemischen Therapie. Diese sind jedoch in der Regel ausgerichtet auf den traditionellen Therapie-Kontext, in dem freiwillige (Mittelschichts-) KlientInnen Beratung und Unterstützung in einem klassischen Therapie-Setting suchen. Schwing und Fryszer legen ein Lehrbuch vorlegen, das speziell Beratungssituationen jenseits dieses klassischen Arrangements aufnimmt und vor allem Arbeitsthemen aus dem großen Feld der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogik und Sozialarbeit) berücksichtigt. 

Autoren

Rainer Schwing und Andreas Fryszer sind beide Diplompsychologen und psychologische Psychotherapeuten, Fryszer zusätzlich Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut. Schwing leitet das Ausbildungsinstitut "praxis - institut für systemische beratung" und ist als freiberuflicher Psychotherapeut sowie in Supervision und Organisationsberatung tätig. Fryszer ist Leiter der interkulturellen Beratungsstelle des Caritasverbandes in Frankfurt und ebenfalls als Trainer, Coach und Organisationsberater tätig.

Inhalt

Systemische Ansätze: dieser Begriff deckt ein breites Feld verschiedener und unterschiedlicher Schulen ab, die in ihren Grundannahmen und Vorgehensweisen unter Umständen widersprüchlich sind. Schwing und Fryszer nehmen in ihrem Lehrbuch eine Vielzahl von aus ihrer Sicht erprobten und bewährten systemischen Ansätzen auf und ermuntern die Leserin, das für sie selbst und ihre Klientinnen Passende herauszusuchen und zu -finden.

In ihrem umfangreichen Lehrbuch begleiten die beiden Autoren ihre Leserin von den Anfängen einer Beratungsbeziehung bis zum Abschluss einer längeren Beratungssequenz. In den einzelnen Kapiteln sind - auch im Layout - verschiedene Akzente gesetzt:

  • Grau unterlegt erscheinen Theorie und Hintergrundinformationen zu den einzelnen Konzepten,
  • in Normalschrift die "handwerklichen" Hinweise zur Umsetzung und Anwendung,
  • in verkleinerter Schrift die Fallbeispiele, die häufig aus dem Kontext der Sozialarbeit und Sozialpädagogik stammen.

Im Mittelpunkt der Vorbereitungs- und Einstiegsphase stehen Fragen wie: Was ist ein System und wer gehört dazu? Wie gehe ich mit Fakten und Informationen um? Hier mahnen die Autoren eine konstruktivistische Haltung an, die unterschiedliche Sichtweisen als selbstverständliche Bereicherung der Arbeit betrachtet. Für das konkrete Erstgespräch mit seinen Phasen Joining, Überweisungskontext, Aufträge und Anliegen klären, Problem- und Ressourcenexploration, Kontrakt und Auswertung des Erstgesprächs geben die Autoren - wie auch in den folgenden Kapiteln - zahlreiche Formulierungshilfen an die Hand, die die Leserin als Anregung für die eigene Praxis mitnehmen kann.

Zu Beginn des großen Buchabschnittes, der sich mit systemischer Beobachtung, Dokumentation und Hypothesenbildung beschäftigt, führen Schwing und Fryszer eine hilfreiche Unterscheidung von interviewenden und inszenierenden Beratungs-Arrangements ein. Wo interviewende Ansätze Anregungen aus der Sprachphilosophie aufnehmen, rekurrieren inszenierende Beratungsarrangements auf Modelle von Psychodrama, Körper- und Gestalttherapie. Systemische Beobachtung kann Verhaltensmuster, Interaktion und Interaktionssequenzen sowie typische Rollen beobachten und dokumentieren. Gleichzeitig regen Schwing und Fryszer an, auch die eigenen körperlichen und emotionalen Reaktionen auf Beobachtetes als Analyseinstrument zu nutzen.

Systemische Schulen halten vielfältige Möglichkeit zur Aufbereitung und Visualisierung von Informationen bereit. Die Autoren führen gründlicher ein in die Genogramm-Arbeit und die daraus entstandenen Arbeiten mit Maps. Schwing und Fryszer verbergen nicht, dass unter dem großen Dach systemischer Ansätze die Ergebnisse solcher Analysen unterschiedlich normativ oder ergebnisneutral genutzt werden, Muster "richtigen" Verhaltens angestrebt oder als bevormundend und respektlos verworfen werden. Schließlich zeigen die Autoren die Möglichkeiten von Maps in besonderen Situationen auf, etwa bei der Arbeit mit schwierigen Triaden und in der Darstellung von Familien-Helfer-Maps. Zeitstrahl und Soziometrie sind weitere Möglichkeiten der darstellenden Verdichtung und Verdeutlichung, die die Autoren beschreiben. Hilfreich und anregend sind im Text immer wieder Exkurse zu grundsätzlichen Fragestellungen wie der der Neutralität der Beraterin.

Bereichernd und über das Themenspektrum üblicher systemischer Lehrbücher hinausgehend ist das detaillierte Kapitel zu Berichten, wie sie in psychosozialen Kontexten oft notwendig sind. Was macht aus systemischer Sicht einen guten Bericht aus, welche Sichtweisen und Fragestellungen sind hier hilfreich? Die AutorInnen zeigen auf, wie unterschiedliche Fragestellungen und Perspektiven (z.B. Defizit versus Ressource) auch zu ganz unterschiedlichen Berichten führen.

Unter dem Titel "Entscheiden: Kontrakte schließen, Ziele setzen, Maßnahmen planen" nähern sich Schwing und Fryszer dem Kerngeschehen der Beratung. Dabei besteht der Kontrakt nicht nur aus den inhaltlichen Zielen, die positiv, spezifisch und angemessen formuliert sein sollten, sondern auch aus der Verteilung bestimmter Aufgaben, der Verabredung eines bestimmten Beratungssettings und der Verabredung eines Informationsmanagements (wer erhält wann welche Informationen?). Wie ist schließlich mit ambivalenten, heimlichen oder verdeckten Aufträgen umzugehen? Was ist, wenn die Klientinnen nur klagen oder von Dritten geschickt sind und die Überweiserinnen motivierter sind als die Klientinnen? Wie kann die Beraterin schließlich mit den Kontrollaufgaben umgehen, die ihr häufig in psychosozialen Arbeitsfeldern noch zusätzlich übertragen sind? Welche Aufträge müssen aus inhaltlichen und ethischen Gründen vielleicht abgelehnt werden? Jenseits von einfachen Patentrezepten geben hier Schwing und Fryszer wertvolle Anregungen und Hinweise für eine Vielzahl von typischen Arbeitssituationen und Beratungskonstellationen.

Hypothesen bilden ist in vielen (nicht allen) systemischen Schulen eine Kernaufgabe des Beratungsgeschehens. Dabei meinen Hypothesen nicht Diagnosen; Schwing und Fryszer betonen den vorläufigen und hypothetischen Charakter der Annahmen. Systemische Hypothesen werden dabei weniger objektivierend und verdinglichend, sondern verfüssigend, prozess- und beziehungsorientiert formuliert. Systemische Hypothesen, so fordern Schwing und Fryszer, sollen möglichst weitere  Sichtweisen mit einbeziehen, mit dem Wechsel von Nähe und Distanz spielen und sich vor sogenannten "Tiefenhypothesen" hüten. Auch in den lösungsorientierten systemischen Ansätzen des "Nicht-Wissens" entdecken die Autoren Hypothesen.

Speziell für die Arbeit mit MigrantInnen geben die Autoren Hinweise, wie die Eingebundenheit in verschiedene Kulturen berücksichtigt werden kann. Als Ethnologin finde ich es schade, dass der Aspekt der Kulturgebundenheit auch in diesem Lehrbuch weitgehend auf die Arbeit mit MigrantInnen beschränkt bleibt. Sehr hilfreich ist in diesem Kapitel die Aufnahme von Kunzes Unterscheidung nach Erklärungsansätzen für Probleme bei MigrantInnen nach psychologischen, kulturspezifischen und migrationsspezifischen Hypothesen, Erklärungs- und Deutungsansätzen.

Ziele in der Beratungsarbeit sollen spezifisch, messbar, aktionsorientiert, realistisch und terminiert sein sowie in prozesshafter Sprache und der Sprache der Klientin formuliert sein, so dass entsprechend Maßnahmen geplant und evaluiert werden können.

In der Arbeit mit Gruppen unterliegt die Hypothesenbildung noch einmal anderen Voraussetzungen: Kohäsion, Gruppendynamik, Außengrenzen, gegensätzliche Werte und Interessen stehen hier im Mittelpunkt der Hypothesen.

Im Kapitel "Handeln: Intervenieren und Prozesse begleiten" soll die Auswahl der Interventionen aus systemischer Sicht folgenden Kriterien folgen: Stets sollen die Anzahl der Möglichkeiten vergrößert und die Handlungsfähigkeit des Systems erhöht werden, Probleme und Lösungen sollen im Kontext gesehen werden, Ressourcen- und Lösungsorientierung vor Problemorientierung gehen, die Autopoiese des Klientensystems mit Respekt behandelt werden und mit systemischen Einladungen Neues geschaffen werden. Mögliche Anregungen der Autoren für Interventionen kommen zum Beispiel aus der Synergetik und der Psychotherapieforschung. Bevor sie sich einzelnen Interventionsmöglichkeiten zuwenden, warnen Schwing und Fryszer davor, ohne ausdrücklichen Auftrag der Klientinnen "wild" zu intervenieren.

Schwing und Fryszer stellen ausführlich Skulpturen als "Metaphern im Raum" vor. Sie beschreiben unterschiedliche Ansatzpunkte und Techniken und welche Bereiche sich für die Umsetzung in eine Skulpturarbeit anbieten.

Als weiteres systemisches Interventionsmittel beschreiben die Autoren dann zirkuläre Fragen. Auf fast 30 Seiten des Lehrbuchs vermitteln sie einen breiten Überblick mit zahlreichen Anwendungsbeispielen und Hinweisen. Hier schließt sich auch das einige Seiten später folgende Kapitel zur Zeugenarbeit gut an, das weitere Möglichkeiten aufzeigt, neue und andersartige Perspektiven in die Arbeit mit einzubeziehen.

Während und zum Abschluss einer systemischen Beratungseinheit stehen häufig Kommentare der Beraterin. Einer der bekannten Kommentarformen ist das systemische Reframing, das Schwing und Fryszer mit Beispielen und Schritten zur Konstruktion eines gelungenen Reframing vorstellen.

Etwas provokant benennen die Autoren eines ihrer Kapitel zu Experimenten und Aufgaben "Verhalten modellieren: handlungsorientierte Interventionen". Zu häufig wird aus ihrer Sicht konkrete Hilfe, Rat und Tat aus systemischer Sicht abgelehnt. Schwing und Fryszer sehen dies anders und finden hilfreiche neue Ansätze der ganz konkreten Verhaltensanweisung beispielsweise bei Marie Aarts ("Marte Meo") und Haim Omer mit seinem Modell elterlicher Präsenz. Wo systemische Beraterinnen mit szenischen und erlebnisorientierten Mitteln arbeiten oder wo sie vor Ort, beispielsweise im Haushalt einer Familie tätig sind, können sie auch direkt in der Arbeit experimentell Abläufe verändern, Grenzen neu ziehen und verschiedene Konstellationen ausprobieren. Sie können im Bereich der Visualisierung Netzwerkkarten anlegen oder im Gesprächsbereich externalisieren oder durch Metaphern verändern. Wichtig und nützlich sind häufig auch Verhaltensanregungen und Experimente für die Zeit zwischen den Sitzungen, die durch Probehandeln Veränderungen initiieren können und die Verantwortlichkeit der Klientinnen für ihre eigene Problemlösung unterstreichen. Schwing und Fryszer stellen Beobachtungsaufgaben, Ambivalenzarbeit, Veränderungsaufgaben, Rituale und Einübung von Neuem vor. Sie diskutieren, wann es hilfreich ist, keinerlei Aufgaben zu stellen und beschreiben, welche Haltungen, welches Klima und welche verbalen Mittel Beraterinnen erleichtern, Veränderungen positiv und auch Rückfälle konstruktiv zu begleiten.

Schließlich befassen sich Schwing und Fryszer mit dem Abschiedsprozess, wobei sie auch "nicht-gelungene" Abschiede, also Abbruch der Beziehung, Entwerten des Prozesses und ähnliche sonst in Lehrbüchern selten auftauchende schwierige Situationen als Formen des Abschieds begreifen und einordnen.

In einem abschließenden Kapitel behandeln die Autoren "Haltungen, Werte und Rollen im systemischen Handwerk". Sie gehen davon aus, dass Menschen eigensinnig sind, ihre eigene Wirklichkeit konstruieren, sich ständig verändern, viele Ressourcen und Potenziale haben und sich in der respektvollen Begegnung öffnen.

Unter ethischen Gesichtpunkten diskutieren die Autoren sensibel das Thema Kontrolle und stellen in Abgrenzung die weiteren möglichen Rollen Teacher, Facilitator, Consultant und Evaluator vor.

Ausführliche Literaturhinweise sowie ein Sachregister ergänzen das Buch.

Zielgruppe

Für Beraterinnen, Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiterinnen und andere beratend Tätige im psychosozialen Bereich wird dieser Band eine Bereicherung darstellen. An Hochschulen sollte das Buch in die Lehrbuchsammlung aufgenommen werden.

Fazit

Eine gelungene, sorgfältige und praxisorientierte Aufbereitung dessen, was heute systemische Beratung und systemische Soziale Arbeit ausmacht. Die Breite der Modelle wird ausführlich erklärt, Beispiele und Formulierungshilfen erleichtern die Übertragung in den Arbeitsalltag. Zusätzliche Literaturhinweise erleichtern die Vertiefung, wo sie gewünscht ist.

Das Buch ist praxisnah und lebendig geschrieben. Es ist spannend zu lesen und die Leserin wird viele Beispiele finden, die der eigenen Berufspraxis entsprechen.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 21.09.2007 zu: Rainer Schwing, Andreas Fryszer: Systemisches Handwerk. Werkzeug für die Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2007. 2. Auflage. ISBN 978-3-525-45372-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4790.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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