socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Axel Schenz: Erlebnis und Bildung. Die Bedeutung des Erlebens [...]

Cover Axel Schenz: Erlebnis und Bildung. Die Bedeutung des Erlebens und des Erlebnisses in Unterrichts- und Erziehungsprozessen. Universitätsverlag Karlsruhe (Karlsruhe) 2007. 223 Seiten. ISBN 978-3-86644-101-9. 31,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Wieder liegt eine Dissertation zu einem erlebnispädagogischen Thema vor. Torsten Fischer hat an anderer Stelle eine beachtliche Liste dieser themenbezogenen Dissertationen vorgelegt. Das Thema hat also endgültig, nach ca. 20 Jahren Vorlauf in der pädagogischen Praxis, die Universitäten und die wissenschaftliche Forschung erreicht.

Inhalt

  1. Bereits im Titel fällt die Unterscheidung zwischen Erlebnis und Bildung und Erlebnis und Erleben auf. Während die erste Differenzierung schon auf den ersten Blick Sinn macht, braucht es tiefere Begründungen für die zweite. In einem längeren Einleitungskapitel will der Autor den Anlass seiner Untersuchung begründen. Man kann diesen Ausführungen nur zustimmen, wenngleich bei der Analyse der Situation von Kindern und Jugendlichen in der pluralisierten Gesellschaft gelegentlich der Rückgriff auf mehr empirische Daten Sinn gemacht hätte. Bei den "Dispositionen der Arbeit" (S. 10 ff) begründet Axel Schenz die Notwendigkeit seiner Unterscheidung zwischen Erleben und Erlebnis. Die anschließenden sprachanalytischen Erörterungen zu Erlebnis und Erleben sind sicherlich erhellend und bisher in der erlebnispädagogischen Literatur vernachlässigt worden. Nach Schenz sind diese beiden Begriffe "Markierungspunkte zweier Extreme" (S. 24). Das scheint ein wenig überzeichnet, denn als Gegensatz zum Erlebnis steht das Nicht-Erlebnis, vielleicht mit einem Dahinvegetieren vergleichbar. Erleben umschreibt nach Schlenz die "Art des Erfahrens", Erlebnis dagegen bezeichnet er als einen Bewusstseinsvorgang, gekennzeichnet durch Unmittelbarkeit und emotionale Betroffenheit. Mehrere Erlebnisse führen zu Erfahrung. Diese freilich brauchen einen grundsätzlichen Zweifel und die Poppersche Falsifikation. Wer dreimal mit dem linken Fuß aufsteht und dann den Bus verpasst (S: 28), macht sonst aus einem Aberglauben eine Erfahrung. Neben dem Zusammenhang von "Emotion und Erfahrung" (S. 28 ff) und "Erlebnis als Leitbegriff moderner Wohlstandsgesellschaften" (S. 43 ff) endet das erste Kapitel mit einer vorläufigen Definition (S. 47 ff).
  2. Das zweite Kapitel befasst sich mit der geisteswissenschaftlich-hermeneutischen Pädagogik und dem Erlebnisbegriff. Wilhelm Dilthey, der den Rhythmus des Lebens in Erlebnis, Ausdruck und Verstehen gegliedert hat, und Waltraud Neubert, mit ihrer Weg weisenden Abhandlung über "Das Erlebnis in der Pädagogik", nehmen einen großen Raum in diesem Teil der Dissertation ein. Im "Erlebnisunterricht" verschmilzt sozusagen die Erlebnispädagogik mit dem Schulunterricht. Ausgehend von der Kunsterziehung hatte dieser "Erlebnisunterricht" auch in anderen Fächern eine kurze, heute vergessene Blütezeit. Sehr detailliert und historisch versiert geht der Autor dem Erlebnisbegriff in der Jugendbewegung und in der Reformpädagogik nach. Sein Ringen nach begrifflicher Schärfe wird im zweiten Kapitel zur ohne Zweifel lohnenden historischen Spurensuche, die im Stellenwert des Erlebnisses für die geisteswissenschaftlich-hermeneutische Pädagogik mündet.
  3. Im dritten Kapitel der übersichtlichen, und für eine Dissertation erfreulich kurzen, Arbeit widmet sich Schenz der Erlebnispädagogik. Natürlich kommt hier Kurt Hahn zu Wort, allerdings sehr gerafft. Das ist aber eher ein Gewinn, denn in jeder Diplomarbeit wird dessen knappe Theorie heruntergebetet. Aloys Fischer gilt als Vertreter jener Reformpädagogen, die das Erlebnis als eine existenzialistische Grenzerfahrung betrachten. Freilich wäre eine philosophische Grundlegung bei den Grenzsituationen Tod, Kampf, Leiden und Schuld bei Karl Jaspers zu finden gewesen und eine psychologische bei Helmut Schulze, dem Begründer der Grenzsituationstherapie. Anschließend geht Schenz sehr kurz auf aktuelle Fragen der Erlebnispädagogik ein, streift die Methode "Project Adventure", beschreibt kurz die grundlegenden Techniken von Aktion und Reflexion bzw. des metaphorischen Lernens. Das Feld der erlebnispädagogischen Theorie ist derzeit ein Steinbruch mit Abfallprodukten, Versteinerungen, Edelsteinen und festem Granit. Ordnung oder deutliche Trends sind derzeit kaum zu erkennen, sieht man von den unterschätzten Möglichkeiten des metaphorischen Lernens (vgl. dazu Schödlbauer), der zunehmenden Internationalisierung und den zaghaften Blüten einer Erlebnistherapie (vgl. dazu Gilsdorf) ab. Insofern ist die Zusammenfassung zwar erhellend, aber in der letzten Schlussfolgerung (S. 162), in der Schenz davon ausgeht, dass sozusagen als Quintessenz der Erlebnispädagogik nach Gilsdorf Werte "in der Reflexion des eigenen Handelns" entdeckt werden, doch etwas überzeichnet.
  4. Das letzte Kapitel will eine systematische Klärung der Begriffe vornehmen und somit die Erörterungen abschließen. Im Schlusswort fasst der Autor zusammen, dass ein Unterricht ohne Erlebnisse und selbsttätige Klärung sein Ziel verfehlen wird. Unentbehrlich aber ist die sachliche Aufklärung, um die Erlebnisse einordnen zu können. "Erlebnisse sollen Anlässe sein, über Veränderungen in geistiger und sittlicher Hinsicht nachzudenken." (S. 194)

Fazit

Insgesamt liegt eine hermeneutisch-geisteswissenschaftliche Dissertation vor mit reichen historischen Bezügen, lohnenden Sprachanalysen und meist verständlicher Sprache. Einige Passagen hätten noch kürzer ausfallen können, da sich manche Ausführungen überschneiden, aber wie schon gesagt, sind 195 Seiten Text sensationell und erfreulich kurz für heutige Dissertationen. Dafür und für seine erhellenden Analysen ist dem Autor zu danken!


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
E-Mail Mailformular


Alle 37 Rezensionen von Werner Michl anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 31.03.2007 zu: Axel Schenz: Erlebnis und Bildung. Die Bedeutung des Erlebens und des Erlebnisses in Unterrichts- und Erziehungsprozessen. Universitätsverlag Karlsruhe (Karlsruhe) 2007. ISBN 978-3-86644-101-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4795.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Erzieher/in für Kindertagesstätte, Köln

Kitaleiter/in, Köln

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!