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Johanna Hartung: Sozialpsychologie

Rezensiert von Prof. Dr. Rolf van Dick, 01.04.2001

Cover Johanna Hartung: Sozialpsychologie ISBN 978-3-17-015004-1

Johanna Hartung: Sozialpsychologie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2000. 198 Seiten. ISBN 978-3-17-015004-1. 17,90 EUR.
(Erschienen in der Reihe "Psychologie in der sozialen Arbeit", hrsg. Von F.J. Schermer, Band 3)
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-17-021009-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Einführung in das Thema

Die Sozialpsychologie befasst sich mit dem Denken, Fühlen und Verhalten von Individuen im sozialen Kontext. Dabei untersucht die sozialpsychologische Forschung beispielsweise Fragen, wie Menschen sich durch andere Personen beeinflussen lassen, wie sie sich in Gruppen verhalten und wie wiederum Gruppen miteinander interagieren. Antworten auf diese Fragen sind dabei nicht nur von theoretischer Relevanz, sondern auch für die Praxis immens bedeutsam, z.B. bei der Analyse und dem Abbau von Aggressionen oder Feindseligkeiten zwischen Gruppen.

Hintergründe für die Entstehung des Buches

Betrachtet man die sozialpsychologische Literatur, zumal die Deutschsprachige, fällt auf, dass zwar einige Lehrbücher existieren, die breit das gesamte Spektrum sozialpsychologischer Forschung darstellen. Außerdem gibt es für einzelne Themen angewandter Art (z.B. zu Aggression und Gewalt) gute deutschsprachige Arbeiten. Allerdings fehlte bislang ein Lehrbuch, dass einerseits kurz und knapp über sozialpsychologisches Wissen insgesamt informiert und andererseits an ausgewählten Beispielen zeigt, wie sich dieses Wissen umsetzen lässt. Diese Lücke wird nun geschlossen mit einem Lehrbuch der Sozialpsychologie. Dem Band fehlt allerdings leider der Untertitel "eine Auswahl" – zumal Johanna Hartung in ihrem Vorwort selbst bemerkt, dass es sich bei dieser Einführung in die Sozialpsychologie um eine Auswahl handelt. Eine Auswahl allerdings, und dies macht das Buch interessant, die sich aus den Erfahrungen der Autorin als Sozialpädagogin und klinischer Psychologin ergab, Erfahrungen unter anderem in der Vorschulpädagogik, der offenen Kinder und Jugendarbeit im sozialen Brennpunkt, oder der Arbeit mit straffälligen Jugendlichen. In der Anwendung ihres praktischen Wissens zur Ausgestaltung und Veranschaulichung der theoretischen und empirischen Forschung innerhalb der Sozialpsychologie liegt unzweifelhaft die Stärke von Frau Hartung und damit des vorliegenden Buches.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Das Lehrbuch hat insgesamt acht Kapitel. Im ersten Teil wird die Sozialpsychologie definiert und als Bezugswissenschaft für die Soziale Arbeit eingeordnet. Zum Verständnis sozialpsychologischer Forschung ganz allgemein, aber auch zum besseren Verständnis der folgenden sieben Kapitel, werden in einem Abschnitt auch grundlegende Methoden und empirische Ansätze anschaulich dargestellt. So wird anhand des klassischen Experiments zu Konformität und Gehorsam von Stanley Milgram der grundlegende Aufbau von Laborexperimenten beschrieben, aber auch allgemeine methodische Fragen (Datenerhebung, Stichprobenziehung) und die besonderen Aspekte der Feldforschung werden behandelt.

Kapitel zwei befasst sich mit Sozialer Wahrnehmung und Attribution, hier werden zunächst allgemeine Prinzipien der Wahrnehmung und Beurteilung von anderen Personen (Eindrucksbildung) und Ursachenzuschreibungen für das Handeln von Personen (Attribution) erläutert und dann die Theorien und Befunde dieser beiden Bereiche auf die Praxis sozialer Arbeit übertragen. Kapitel drei ist mit Einstellungen, Einstellungsänderung und Verhalten überschrieben. Nach der Definition von Einstellungen werden zwei Fragen gestellt und beantwortet, nämlich "Wie werden Einstellungen durch gezielte Einflussnahme beeinflusst?" Und: "Kann das Verhalten Einstellungen verändern?". In diesen Abschnitten werden auch Reaktanz- und Dissonanztheorie (knapp) erläutert. Kapitel drei schließt mit der Übertragung der Einstellungsforschung auf gesundheitsförderliche Einstellungen und Strategien der Gesundheitsförderung.

Das vierte Kapitel ist dem Thema Kommunikation gewidmet, die üblichen Modelle und Phänomene der Kommunikation werden dargestellt (Watzlawick, Forgas, Schulz von Thun). Ein eigener Abschnitt ist dem Thema kommunikative Kompetenz gewidmet, hier werden Möglichkeiten der Verstehens-, Mitteilungs- und Verständigungsoptimierung behandelt, indem Techniken wie aktives Zuhören oder die Verwendung von Ich-Botschaften beschrieben werden. Es folgt eine Auflistung und kurze Erläuterung verschiedener Trainings zur Förderung kommunikativer Kompetenz (z.B. Trainingsprogramme für Kinder und Jugendliche). Schließlich wird auf die Rolle der Kommunikation im Beratungsprozess eingegangen.

Die beiden folgenden Kapitel befassen sich mit Gruppenprozessen, nämlich mit Interaktion in Gruppen (Kap. 5) sowie Konflikt und Kooperation zwischen Gruppen (Kap. 6). In Kapitel fünf wird zunächst erklärt, was eine Gruppe ist und wie sich Gruppen entwickeln, dann werden Themen wie Konformität (Mehrheiteneinfluss) und Innovation (durch Minderheiteneinfluss) sowie Gruppenleistung behandelt und schließlich übertragen auf die Frage, wie sich Teamgespräche moderieren lassen. Kapitel sechs beschreibt zunächst allgemein die Ansätze zur Erklärung von Intergruppenverhalten. Hier werden manche Theorien ausführlicher behandelt (Theorie des realistischen Gruppenkonflikts, Theorie der sozialen Identität), andere nur gestreift (z.B. Theorie der relativen Deprivation). Anschließend wird auf zwei Phänomene in natürlichen Kontexten, nämlich Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus detaillierter eingegangen. Fast logischerweise folgt dann die Diskussion der Möglichkeiten der Reduktion von Intergruppenkonflikten. In diesem letzten Abschnitt werden gut aufbereitet auch pädagogische Ansätze, z.B. zu interkulturellem Lernen in Schulklassen, präsentiert.

In den beiden abschließenden Kapiteln werden grundlegende positive und negative Aspekte menschlichen Handelns einander gegenübergestellt: Aggression (Kap. 7) bzw. Prosoziales Verhalten (Kap. 8). Das Thema Aggression wird durch ein Fallbeispiel eingeleitet, an dem entlang dann alle Erklärungsansätze aggressiven Verhalten erläutert und kritisch diskutiert werden. In diesem Kapitel wird auf besonders anschauliche Weise gezeigt, dass monokausale Erklärungen oft zu kurz greifen und multifaktorielle Erklärungsmodelle auch ihre Vorteile haben, z.B. weil sie auch unterschiedliche Ansatzpunkte für Veränderungen bieten. Das Kapitel über prosoziales Verhalten enthält nach Definition und Darstellung der wichtigsten Modelle klassische und aktuelle Forschungsbefunde, es fehlt auch nicht die Frage, wie Zivilcourage gefördert werden kann. Abschließend werden die Befunde auf einen spezifischen Anwendungsbereich übertragen, nämlich der Sozialen Unterstützung und der Netzwerkförderung. Mit diesem Thema haben sich Sozialpsychologen zwar auch in der Vergangenheit schon von Zeit zu Zeit befasst, mit dem vorliegenden Kapitel wird aber vielleicht deutlich und bekannter, was der besondere sozialpsychologische Zugang in diesen Bereich ist.

Literaturverzeichnis und Sachregister (leider fehlt ein Personenregister!) schließen das Buch ab. Ein Blick in das Literaturverzeichnis macht bereits deutlich, was beim Lesen des Buches insgesamt als großes Plus wahrgenommen wird: Die Literatur ist sehr aktuell und in allen Bereichen auf dem neuesten Stand.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an Studierende und Lehrende sowie in der Praxis tätige SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen.

Einschätzung der Tauglichkeit, fachliche Qualifikation der Autorin

Wie oben bereits erwähnt liegt die besondere Stärke des Buches in seinen Praxisbezügen. Fast jedes Kapitel beginnt entweder mit einer einleitenden Fallgeschichte aus der sozialen Praxis, oder in den einzelnen Unterkapiteln sind solche Praxisbeispiele enthalten. Diese sind didaktisch gut aufgebaut, treffen meist den Kern der dargestellten sozialpsychologischen Theorien und helfen, das Folgende leichter zu verstehen und zu behalten. Durch diese Beispiele fällt auch der Umstand nicht so sehr ins Gewicht, dass das Buch keine einzige Tabelle oder Abbildung enthält, die solche Texte normalerweise zu strukturieren helfen. An der einen oder anderen Stelle hätte man sich zwar eine Abbildung gewünscht (z.B. bei der Theorie des geplanten Verhaltens), dennoch ist der Text insgesamt verständlich und gut lesbar.

Johanna Hartung lehrt Psychologie als Professorin im Fachbereich Sozialpädagogik an der Fachhochschule Düsseldorf, darüber hinaus hat sie praktische Erfahrungen in verschiedenen Feldern der psychosozialen Praxis, (s.o.). Aufgrund der Qualifikation der Autorin sowohl in Wissenschaft als auch in der Praxis ist das Buch für die angesprochenen Zielgruppen mit einigen Einschränkungen empfehlenswert. Eine dieser Einschränkungen bezieht sich auf Studierende und Lehrende für das Psychologiestudium in Diplomstudiengängen. Hierfür fehlt einfach zuviel, um umfassend auf Lehrveranstaltungen (auf Seiten der Lehrenden) oder Prüfungen (auf Seiten der Studierenden) vorzubereiten. Für diesen Zweck haben sich andere Lehrbücher wie Stroebe, Hewstone & Stephenson (1996, erscheint demnächst in der 4. Auflage) oder Bierhoff (2000, 5. Auflage) sowie die gut lesbaren englischsprachigen Werke von Myers (1999 , 6. Auflage), Hogg & Vaughan (1998, 2. Auflage) oder Smith & Mackie (1999, 2. Auflage) bewährt. Dort finden sich neben den von Hartung dargestellten Themen eine Reihe weiterer theoretischer und anwendungsbezogener Arbeitsfelder der Sozialpsychologie (erwähnt seien nur Themen wie Führung in Gruppen, Fairness und Gerechtigkeit, Austauschtheorien) Auch die klassischen großen sozialpsychologischen Theorien zu Reaktanz und Dissonanz, zu Kontrolle und Kontrollverlust oder die Theorie sozialer Vergleichsprozesse werden zum Teil gar nicht, zum Teil zu knapp in nur wenigen Sätzen behandelt. Allerdings kann ein Buch, das vom Umfang weniger als halb so lang ist, wie die oben zitierten Lehrbücher den Anspruch auf Vollständigkeit auch gar nicht einlösen.

Für Studierende in Nebenfächern und an Fachhochschulen bietet es dagegen einen übersichtlichen, interessant zu lesenden und didaktisch zum Teil außerordentlich gut gemachten Überblick über die Zugänge der Sozialpsychologie zu praktisch relevanten Arbeitsfeldern. Darüber hinaus kann es auch Studierenden und Lehrenden aus den Diplomstudiengängen als erste Einführung dienen und durch die Praxisbeispiele die Anwendungsmöglichkeiten manchmal vielleicht etwas "grauer" Theorie aufzeigen.

Fazit

Als Einführungstext ist die "Sozialpsychologie" von Johanna Hartung empfehlenswert und kann Studierenden, Lehrenden und Praktikern sinnvolle Antworten auf Fragestellungen geben, denen diese im Alltag begegnen. Der Sozialpsychologie als Teildisziplin der Psychologie kann es nur gut tun, durch Bücher wie diesem von einer breiteren Öffentlichkeit rezipiert zu werden. Dieser Öffentlichkeit hat die Sozialpsychologie etwas zu bieten und Johanna Hartung macht das auf ansprechende Art und Weise deutlich. Der Rezensent wünscht dem Buch starke Verbreitung. Frau Hartung und der Verlag sind allerdings auch aufgefordert, mit zügigen Neuauflagen auf die zu erwartende Nachfrage zu reagieren. Neuauflagen sollten vor allem auf dem hier erfreulich aktuellen Stand gehalten und vielleicht um das eine oder andere noch fehlende Thema ergänzt werden.

Rezension von
Prof. Dr. Rolf van Dick
Professor für Sozialpsychologie an der Goethe Universität Frankfurt
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Es gibt 9 Rezensionen von Rolf van Dick.

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Zitiervorschlag
Rolf van Dick. Rezension vom 01.04.2001 zu: Johanna Hartung: Sozialpsychologie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2000. ISBN 978-3-17-015004-1. (Erschienen in der Reihe "Psychologie in der sozialen Arbeit", hrsg. Von F.J. Schermer, Band 3). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/48.php, Datum des Zugriffs 21.05.2022.


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