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Andreas J. Obrecht (Hrsg.): Wozu forschen? Wozu entwickeln?

Cover Andreas J. Obrecht (Hrsg.): Wozu forschen? Wozu entwickeln? Möglichkeiten und Grenzen der soziologischen Forschung für eine partizipative Entwicklungszusammenarbeit. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2004. 368 Seiten. ISBN 978-3-86099-322-4. 24,00 EUR.
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Forschung als "subjektiver" Anspruch?

"Objektive" Wissenschaftlichkeit und "subjektive" Interpretationen und Bewertungen im Forschungsprozess - sind das nicht unversöhnliche und unerhörte Gegensätze im traditionellen wissenschaftlichen Diskurs? Die Wertschöpfungen, wie sie bei den wissenschaftlichen Forschungen, zumindest in den naturwissenschaftlichen Disziplinen mit den Ansprüchen einer Darstellung ohne Wertung oder gar "subjektive Verfälschung" durchgesetzt haben, wurden in den Sozialwissenschaften schon immer in Zweifel gezogen, bis hin zur Gleichsetzung der Begriffe in der Systemtheorie. Die Aufhebung des Widerspruchs der Begriffe wird am deutlichsten in den soziologischen und politischen Forschungsbereichen, die sich mit der Frage nach der Entwicklung im "globalen Dorf" auseinandersetzen. Die Diskussion darüber, was Entwicklung in der Einen Welt bedeuten solle, angesichts der in der immer interdependenter sich entwickelnden Welt zu Tage tretenden Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten und Höherwertigkeitsvorstellungen, wird seit einigen Jahren kontrovers u. a. in der Zeitschrift "Entwicklung und Zusammenarbeit" (E+Z) geführt. Dabei dienen als Denkgrundlage immerhin allen verschiedenen Modellen von Entwicklungstheorien die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 grundgelegten Prinzipien des Zusammenlebens der Menschen auf der Erde. Im Bericht der Nord-Süd-Kommission von 1980 (dem so genannten Brandt-Bericht) wird die Messlatte sehr hoch gelegt: "Entwicklung trägt in sich nicht nur die Idee des materiellen Wohlstands, sondern auch die von mehr menschlicher Würde, der Sicherheit, Gerechtigkeit und Gleichheit".

Autor

Der Soziologe und Kulturanthropologe an der Johannes Kepler Universität im österreichischen Linz, Andreas J. Obrecht (geb. 1961) ist ein "objektiver Querdenker", wie er dies etwa in seinem interessanten Buch "Zeitreichtum - Zeitarmut" (Brandes & Apsel, Frankfurt/M. 2003, vgl. dazu die Rezension) gezeigt hat. Als Leiter des an der Linzer Universität angesiedelten Interdisziplinären Forschungsinstituts für Entwicklungszusammenarbeit (IEZ) meldet er sich mit dem Anspruch einer "objektiven Wissenschaftlichkeit", die "subjektive Interpretationen und Bewertungen einschließt, zum interkulturellen Interaktions- und Kommunikationsprozess mit dem Anspruch zu Wort, zu einer "Professionalisierung und Systematisierung der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) durch wissenschaftliche Kriterien und Standards" beizutragen.

Inhalt

Die allenthalben selbstverständlich und gleichzeitig unmöglich zu beantwortende Gretchenfrage - "Wozu entwickeln?" - bildet dabei den Grundstock für das, was der Autor "Sozio-kulturelle Transformationsforschung" nennt, nämlich "strukturelle Veränderungen in einem dynamischen Zeit-Raum-Kontinuum (zu) erfassen und dar(zu)stellen - ohne ideologische Implikationen von „Entwicklung“ oder „Transformation“ vorauszusetzen". Das aber ist schwierig, denn "alle Gesellschaften sind Ungleichheitsordnungen", die Macht und Verfügungsgewalt über anderes und andere entwickeln. Mit seinem in diesem Zusammenhang vorgelegten "soziosphärischen Interpretationsmodell für individuelle und gesellschaftliche Transformationsprozesse in globalen Kontexten", mit den Variablen "Lebenswelt - Systemebene - ethnischer Kosmos - Superstrukturen - Lebenszeit - Weltzeit / sozialer Raum - soziale Zeit", charakterisiert und differenziert er die in konkreten Entwicklungsbeispielen sich darstellenden Ordnungsprinzipien, Handlungsdispositionen und Bewertungskriterien. Diese so verstandene "angewandte Entwicklungsforschung" beantwortet damit gleichzeitig den zweiten Fragenstrang: "Wozu forschen?". Hier treffen sich die unverzichtbaren und zusammen gehörenden theoretischen und praktischen Grundlagen der Entwicklungszusammenarbeit. Ihr Grundanliegen ist zweierlei: Zum einen geht es um die gemeinsame Verantwortlichkeit zur Schaffung einer gerechteren, humaneren und demokratischeren Lebenswelt der Menschen auf der Erde, also der Schaffung eines "ethischen Imperativs"; zum anderen um den "Perspektivenwechsel", hier wie dort, wie dies die Weltkommission "Kultur und Entwicklung" (1995) in eindeutiger Weise formuliert hat: "Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden". Das aber erfordert eine Revision des traditionellen und überwiegend von den Industrieländern des Nordens habhaften Begriffs "Entwicklung". Noch ein wichtiger Aspekt für eine auf Nachhaltigkeit orientierte Veränderung der "Haben-Mentalität" (Erich Fromm) auf der einen und der Almosen-empfangenden Haltung auf der anderen Seite: Das Teilen lernen! Und zwar nicht nur im karitativen und monetären Sinn, sondern im partizipativem Bewusstsein.

Fallbeispiele dienen dazu, die Ansprüche und Zielsetzungen für eine partizipative Entwicklungszusammenarbeit zu verdeutlichen und den Nachweis zu erbringen, dass entwicklungspolitische Interventionen in den verschiedenen Bereichen des formellen und informellen Sektors funktionieren können; aber auch klar zu stellen, dass es dafür weder Rezepte noch Allheilmittel gibt. Sigrid Anwart berichtet über Überlebensstrategien im informellen Sektor in afrikanischen Metropolen, am Beispiel der westafrikanischen, senegalesischen Hauptstadt Dakar. Die Ergebnisse hat die Forscherin mit ihrem Team und Counterparts von der Universität Dakar ermittelt. Interessant dabei, dass die Mehrzahl der ausgewählten Interviewten - Muscheltaucher, Behördenvermittlerin, Reizwäschehändlerin, Betreiber eines Straßenbuffets, u.a. - ihre informelle und durchaus unsichere Tätigkeit nicht gegen eine formelle, geregelte Arbeit eintauschen wollten: "Sie befriedigt mich vollkommen". Deutet sich hier eine Aufforderung zum Paradigmenwechsel in der offiziellen Entwicklungspolitik an? Die Forscherein plädiert jedenfalls dafür, an Stelle von "großen Utopien" eher "Geschichten (zu) erzählen, die Mut machen".

Petra C. Gruber diskutiert am Beispiel der ländlichen Entwicklung in Zimbabwe die Möglichkeiten für eine nachhaltige Zusammenarbeit. Das Ziel ist dabei zu klären, wie eine Verbesserung der soziokulturellen und ökologischen Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung in Gang gesetzt werden kann. Wie bereits in zahlreichen anderen Studien werden auch hier die "Frauen als Keyfactor nachhaltiger Entwicklung" identifiziert. Als eine Antwort auf die Brennholzkrise, die fortschreitende Entwaldung und damit verbundene Bodenerosion wird eine alternative Ofenbautechnologie initiiert, verbunden mit Maßnahmen zur Wiederaufforstung. Die "Wiederentdeckung", vor allem aber die Wiederaufnahme des in der Bevölkerung Zimbabwes noch stellenweise lebendigen traditionellen Zunde-Ramambo-Konzepts, einer Form von Gemeinschaftsarbeit, könnte ein Modell für die Partizipation der Bevölkerung im Entwicklungsprozess sein. Der Schweizer Hafnermeister (Ofenbauer) Richard Jussel stellt in einer Handwerksstudie die Herstellung von Energiesparöfen vor und erläutert in Skizzen und einer Rentabilitätsberechnung deren Praktikabilität.

Obrecht und Max Santner setzen sich in einer Feasibility-Studie mit der sozio-ökonomischen Situation der Menschen in Ostnepal auseinander. Dabei sollen schon mal die verschiedenen Methoden und Instrumente zur angewandten Entwicklungsforschung genannt werden: Feasibility-Study (vorbereitende Forschung), Monitoring (begleitende Forschung), Evaluation (beurteilende Forschung). Die Sorge des Abtes des Klosters Tengboche charakterisiert gleichsam die Zielsetzung und Aufmerksamkeit der Forschungsarbeit: "Nicht nur die Wasser des Himalaya fließen bergab; bergab gehen auch der fruchtbare Boden, die Menschen - Abwanderung ins Tiefland - und die Wirtschaft".

Forschungsprojekte im Sinne einer partizipatorischen

Fazit

Entwicklungszusammenarbeit können, das zeigt der Forschungsbericht deutlich, mit dazu beizutragen, dass sich Gesellschaften verändern. Dadurch wird sozio-kulturelle Transformationsforschung zu einem Bestandteil der praktischen Entwicklungskooperation und bleibt nicht (mehr) ein Anhängsel oder ein wie auch immer definiertes Legitimationsinstrument für "Entwicklungshilfe". Das vom Autor bezeichnete "soziale Experiment" wird damit auch zu einem neuen Forschungsfeld in der universitären Ausbildung und Forschertätigkeit. Noch ein anderer Aspekt der vorgelegten Arbeit ist zu erwähnen: Die von Andreas J. Obrecht in seiner Grundlegung zur Systematik einer sozio-kulturellen Transformationsforschung in Theorie und Praxis in Anspruch genommene Übereinstimmung von offiziellen entwicklungspolitischen Konzepten in der deutschen und österreichischen Entwicklungszusammenarbeit und -politik verweist auf eine notwendige und nützliche Intensivierung einer europäischen Forschungskooperation, die sich bisher erst in Ansätzen zeigt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.04.2007 zu: Andreas J. Obrecht (Hrsg.): Wozu forschen? Wozu entwickeln? Möglichkeiten und Grenzen der soziologischen Forschung für eine partizipative Entwicklungszusammenarbeit. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2004. ISBN 978-3-86099-322-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4805.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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