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Achim Schröder, Angela Merkle: Leitfaden Konfliktbewältigung und Gewaltprävention

Cover Achim Schröder, Angela Merkle: Leitfaden Konfliktbewältigung und Gewaltprävention. Pädagogische Konzepte für Schule und Jugendhilfe. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2007. 224 Seiten. ISBN 978-3-89974-303-6. 14,80 EUR.

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Thema

Das Thema Jugendgewalt ist und bleibt ein Politikum. Mit diesem Thema werden Wahlkämpfe betrieben, Wahlen gewonnen bzw. verloren. Sobald ein medienwirksamer Extremfall von einem Jugendlichen die Schlagzeilen bestimmt, überschlagen sich die Vorschläge seitens der Politiker, wie die Jugendgewalt eingedämmt werden kann. An erster Stelle wird der Vorschlag aufgegriffen, das Strafmündigkeitsalter von 14 auf zwölf Jahren zu reduzieren. Weiterhin werden die anderen restriktiven, nicht pädagogischen, Methoden wie Einschränkungen des Medienkonsums (sog. Killerspiele) oder Waffengesetze diskutiert. Die pädagogisch-präventiven Methoden oder Maßnahmen finden in diesem Zusammenhang wenig Resonanz. Abseits von politisch und emotional aufgeladenem Diskurs zum Thema Jugendgewalt und Prävention der Gewalt, gibt es zahlreiche Bücher, Handreichungen, Konzepte und Leitfäden. Seit Mitte der 1990er-Jahre gibt es darüber hinaus eine Zunahme von konkreten Trainings und Methoden, wie mit gewaltbereiten bzw. gewalttätigen Kindern und Jugendlichen gearbeitet werden kann. An Methoden und Konzepten, die die Pädagogik, Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften entwickeln, mangelt es nicht. Die meisten Präventionskonzepte können hingegen nicht flächendeckend implementiert werden, weil die finanziellen Rahmenbedingungen dieser Programme sehr eingeschränkt sind. Die Vielfalt der pädagogischen Methoden ist zwar regional und (einige) überregional bekannt. Aber eine systematische Erfassung der wichtigsten Methoden in einheitlicher Form und in einem Band wurde noch nicht vorgenommen. Achim Schröder und Angela Merkle lösen dieses Problem, in dem sie die wichtigsten gewaltpräventiven Programme und Methode in einem Band zusammenfassen.

Autor und Autorin

  • Dr. Achim Schröder ist Professor für Kulturpädagogik und Jugendarbeit am Fachbereich Sozialpädagogik der Hochschule Darmstadt. Er ist Leiter des Projekts "Pädagogische Konflikt- und Gewaltforschung".
  • Angela Merkle ist Diplom-Sozialpädagogin, Systemische Beraterin, freie Mitarbeiterin des Projekts "Pädagogische Konflikt- und Gewaltforschung" des Fachbereichs Sozialpädagogik der Hochschule Darmstadt. 

Aufbau und Inhalt

Dieses kompakte Buch ist in drei wichtigen Kapiteln aufgeteilt.

Kapitel I trägt den Titel "Thematische Einführung in die Phänomene Konflikt und Gewalt bei Heranwachsenden - Erwartungen an diePädagogik". Der Titel des ersten Kapitels liest sich zwar sperrig, ist aber nichts anderes als eine Einführung in die Begriffsklärung und Ursachen von Gewalt. Die beiden Autoren benennen und  beschreiben in einem verständlich geschriebenen Stil (ca. 20 Seiten) die wichtigsten Phänomene und Ursachen der Gewalttätigkeit. Neben den klassischen Stichwörtern wie "Gewalt und ihre Ursachen", "Misshandlung in der Familie als Wurzel von Gewalt", etc. gehen Schröder und Merkle im ersten Kapitel auf einen Aspekt, der aus meiner Sicht in der (Fach-)Öffentlichkeit wenig beachtet wird: "Kriterien für einen Vergleich jugendpädagogischer Verfahren zu Konflikt und Gewalt". Hier unterscheiden die Autoren folgerichtig zwischen primärer (alle Jugendliche), sekundärer (gefährdete Jugendliche) und tertiärer (mehrfach gewaltauffällige Jugendliche) Prävention sowie der "Zielgruppe" Multiplikatoren, um die Angebote auf die Zielgruppe abzustimmen.

Das Herzstück des Buches ist das zweite Kapitel und trägt den Titel "Mit Konflikten und Gewalt umgehen lernen - jugendpädagogische Verfahren und Methoden im Überblick". Die Autoren stellen auf 130 Seiten die wichtigsten gewaltpräventiven Maßnahmen und Methoden für Jugendhilfe und Schule vor. Schröder und Merkle haben keine Arbeit gescheut. Denn in akribischer Arbeit stellen sie alle relevanten Methoden - von konfrontativem Ansatz über mediative Verfahren und erlebnispädagogische Angebote bis medienpädagogische Konzepte - vor. Die Autoren stellen nicht nur die gängigen Modelle vor, sondern gehen auf wichtige Aspekt wie, Evaluation, Kritik und Wirksamkeit des Programms ein. Exemplarisch für den Aspekt "Kritik" ist hier zu nennen, dass beispielsweise bei mediativen Verfahren ein "hohes Maß an Selbstreflexion, Neutralität und Einfühlungsvermögen von den Schlichtern fordert. Bezweifelt wird, ob diese Anforderungen von Jugendlichen in der schwierigen Phase der Pubertät überhaupt erfüllt werden können" (vgl. S. 62.ff). Bei jedem vorgestellten Modell bzw. Methode gehen die Autoren einheitlich vor: kurze Vorstellung des Programms, ein praktisches Beispiel, Evaluation und Effekte und schließlich Kritik. Im Einzelnen stellen Merkle und Schröder folgende Programme - in dieser Reihenfolge - vor:

  1. Konfrontative Pädagogik
  2. Mediative Verfahren
  3. Körperorientierte und erlebnispädagogische Konzepte
  4. Training sozialer Kompetenzen (FAUSTLOS, DENKZEIT etc.)
  5. Szenische Verfahren
  6. Training für Kinder und Jugendliche zum Umgang mit Gewalt- und Bedrohungssituation/Zivilcouragetraining
  7. Medienpädagogische Angebote
  8. Opferhilfe
  9. Zielgruppenspezifische Einordnung der Verfahren und Methoden

Das dritte und letzte Kapitel des Buches zeigt in groben Zügen auf, welche Weiterbildungsmöglichkeiten für Fachkräfte existieren sowie welche Forschungseinrichtungen sich mit diesem Thema beschäftigen. Auch in diesem Abschnitt gehen die Autoren systematisch vor. Zu jedem vorgestellten Verfahren/Methode werden ausgewählte Einrichtungen bzw. Institute mit Postadresse, Telefonnummer und Internetadresse genannt, die die Fachkräfte fort-, weiter- oder ausbilden. Der Band wird aufgerundet mit Themen und Adressen der zentralen Forschungseinrichtungen, die sich mit dem Thema befassen.

Zielgruppen  

Praktikerinnen und Praktiker (Schule und Jugendhilfe), die mit gewalttätigen und gewaltbereiten Kinder und Jugendlichen arbeiten sowie Lehrende und Studierende an den Hochschulen.

Fazit

An erster Stelle muss hervorgehoben werden, dass die Autoren eine sehr klare und verständliche Sprache gewählt haben. Die Vielfalt der gewaltpräventiven Maßnahmen ist in den letzten zehn Jahren dermaßen gestiegen, dass man sehr schnell den Überblick verliert. Die Praktikerinnen und Praktiker werden dahingehend verunsichert, in dem sie nicht immer einschätzen können, welche Methode oder welches Programm für die eigene Klientel geeignet ist. Der große Verdienst der Autoren besteht darin, dass sie dieses Chaos für die Praktiker in hervorragender Art und Weise geordnet haben, in dem sie beispielsweise die vorgestellten Methoden der primären, sekundären und tertiären Prävention zugeordnet haben. Dadurch können die pädagogischen Fachkräfte vor Ort eigenständig entscheiden, welches Programm für sie und ihre Jugendlichen geeignet ist.

Eine Fundgrube zum Thema Gewaltprävention nicht nur für Praktiker vor Ort, sondern auch für Studierende und Lehrende.


Rezension von
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 16.09.2007 zu: Achim Schröder, Angela Merkle: Leitfaden Konfliktbewältigung und Gewaltprävention. Pädagogische Konzepte für Schule und Jugendhilfe. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2007. ISBN 978-3-89974-303-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4808.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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