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Udo Grashoff: In einem Anfall von Depression ... Selbsttötungen in der DDR

Cover Udo Grashoff: In einem Anfall von Depression ... Selbsttötungen in der DDR. Links Verlag (Berlin) 2006. 450 Seiten. ISBN 978-3-86153-420-4. 29,90 EUR, CH: 52,20 sFr.

Reihe: Forschungen zur DDR-Gesellschaft.
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Zum Autor

Dr. Udo Grashoff ist Diplom-Biochemiker und Historiker. Er promovierte 2006 über Selbsttötungen in der DDR an der Universität Leipzig. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählt u.a. "Ich möchte jetzt schließen". Briefe vor dem Freitod.

Thema

Die Suizidrate der DDR gehörte zu einer der höchsten im internationalen Vergleich.  Zahlreiche - oft  unsystematische ­- Erklärungsversuche sind hierzu unternommen worden. Es werden dabei unterschiedliche Gründe benannt, die von kulturellen Einflüssen, wie z.B. die protestantische Prägung vieler DDR-Bürger, bis zum psycho-sozialen Druck des repressiven politischen Systems reichen. Ein befriedigendes schlüssiges Bild ergeben bisherige Ansätze zur Erklärung der hohen Suizidraten in der DDR nicht. Ein weiterer, bisher kaum beleuchteter, Aspekt von Selbsttötungen und Suizidversuchen in der DDR ist der Umgang der staatlichen Institutionen mit ihnen. Grashoff versucht diese beide Fragen - wo liegen die Ursachen für eine ungewöhnlich hohe Suizidrate und wie ging der Staat mit diesen Suiziden um, zu beantworten.

Aufbau

Der Autor teilt sein Buch in zwei große Themenkomplexe ein.

  • Ursachen und Häufigkeit von Selbsttötungen in der SBZ/DDR
  • Zwischen Tabu und Fürsorge. Zum Umgang mit Selbsttötungen in der DDR
  • I. Ursachen und Häufigkeit von Selbsttötungen in der SBZ/DDR

    Im ersten Teil des Buches geht der Autor zunächst auf die verschiedenen wissenschaftlichen Definitionen und Erklärungsmodelle des Suizids ein. Er stellt hier den Suizid als gesellschaftliches Phänomen, als Krankheitssymptom und suizidales Handeln als Problemlöseverhalten vor. Im Anschluss beginnt er mit der Analyse möglicher Ursachen für die hohen Suizidraten in der DDR und prüft verschiedene Annahmen. So geht er z.B. der These nach, dass sie lediglich das Ergebnis einer höheren Zahl von Autopsien seien, Suizide also in der DDR häufiger erkannt würden als z.B. in der BRD. Die weitere Diskussion betrifft weniger methodische Aspekte der Suizidstatistik, sondern befasst sich mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Erscheinungen, die möglicherweise Suizide begünstigten. In diesem Zusammenhang prüft Grashoff u.a. den Zusammenhang zwischen Suiziden und der hohen Zahl von Alkoholikern in der DDR,  den schlechten Lebensbedingungen der Rentner, protestantischer Tradition und der Mentalität von Sachsen und Thüringern. Diese Aspekte, die eher mittelbare Folgen des politischen Systems der DDR waren (Rentner, Alkoholismus) oder unabhängig von dieser (Mentalität, religiöse Tradition) ergänzt Grashoff in seiner weiteren Analyse um die direkten Auswirkungen politischer Repression auf das Individuum und deren mögliche Effekte auf  die Suizidzahlen. Bereiche in denen diese Repressionen besonders deutlich wurden waren die NVA, der Strafvollzug, die "Einmauerung" der DDR und die Überwachung ihrer Bürger durch die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Der Autor kommt hier zu einigen überraschenden Ergebnissen. So waren Suizide in den Gefängnissen der DDR im Vergleich zur BRD seltener. Dies ist vor allem in der hohen Frequenz der Sichtkontrollen begründet, außerdem bekam das Gefängnispersonal Prämien für das Vereiteln eines Suizids. Auch in der NVA und in den Reihen der Grenztruppen waren Suizide nicht häufiger zu beobachten als in der Allgemeinbevölkerung. Grashoff kommt am Ende seiner Untersuchung der hohen Suizidrate in der DDR zu dem Schluss, dass die politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingen kaum als Erklärung hierfür geeignet sind. Lediglich in der Zeit der Zwangsenteignungen und während des Mauerbaus stieg die Zahl der Suizide - im zweiten Fall besonders unter Jugendlichen - ungewöhnlich an. Grashoff erklärt die hohe Suizidrate mit langfristigen mentalen Prägungen und der protestantischen Tradition in weiten Teilen der DDR. Deren nachlassender Einfluss zeige sich auch in der annähernd gleichen Zahl von Selbsttötungen bei Jugendlichen in Ost und West seit Anfang der 1970er Jahren. Das Absinken der Suizide sowohl in den neuen wie alten Bundesländern führt der Autor auf den weltweiten Trend oszillierender Selbsttötungszahlen zurück.

    II. Zwischen Tabu und Fürsorge. Zum Umgang mit Selbsttötungen in der DDR

    Der zweite Teil des Buches befasst sich mit dem Umgang der DDR mit Suiziden und Suizidversuchen. Der Autor hat unter dieser Fragestellung eine große Zahl von Akten studiert und arbeitet ein heterogenes Bild heraus. In der DDR wurden Selbsttötungen lange als dem sozialistischen System wesensfremd definiert und als alleiniges Problem bürgerlicher Gesellschaften gesehen. Selbsttötungen in der DDR waren deshalb zwangsläufig mit einem Tabu belegt. Eine Enttabuisierung fand erst in den 1970er Jahren statt, Suizidstatistiken wurden aber weiterhin als geheime Verschlusssache behandelt. Gleichzeitig versuchte man aber auch mancherorts intensiv, die Motive für eine Selbsttötung zu recherchieren, während in anderen Fällen durch Pathologisierung jedweder Einfluss von außen auf die Entscheidung zum Suizid ausgeschlossen wurde. Vereinzelt ließ sich auch eine selbstkritische Haltung beobachten. So z.B. im Zusammenhang eines Schülersuizids, der mit dem starken Druck durch die Schule auf ihn erklärt wird und zu einer harschen Kritik der Lehrer seitens der SED-Bezirksleitung führte. In weiteren Kapiteln behandelt der Autor u.a. die Reaktionen staatlicher Organe auf Selbstverbrennungen, das politische Protestpotenzial von Selbsttötungen, die Entwicklung der Suizidprävention und die Thematisierung von Selbsttötungen in der belletristischen DDR-Literatur.

    Fazit

    Grashoffs Verdienst liegt sicherlich darin, eine immense Materialfülle für den Leser anschaulich zu vermitteln. Der zweite Teil zeigt ein umfassendes Bild vom Umgang der DDR mit Selbsttötungen. Der Autor langweilt den Leser hier nicht mit reinen Daten, sondern belegt seine Thesen mit einer Vielzahl konkreter Beispiele. An einigen Stellen des Buches werden gleiche Quellen zur Analyse verschiedener Thesen herangezogen, was gelegentlich für die LeserInnen ermüdend sein kann.

    Der erste Teil des Buches eignet sich besonders für LeserInnen mit statistischem Interesse am Suizidgeschehen in der DDR. Grashoff trägt hier eine Vielzahl von Daten zusammen, die z.T. der grauen Literatur entnommen sind und/oder nur internen Fachkreisen der DDR zugänglich waren. Vermisst habe ich die Diskussion einer möglichen Fehl- oder Unterversorgung seitens des psychiatrischen Systems als Determinante für die hohen Suizidzahlen in der DDR. Grashoff schränkt seine Betrachtung aber zu Beginn insofern ein, als er den pathologischen Aspekt von Selbsttötungen weitgehend ausklammert.

    Insgesamt handelt es sich um ein - trotz seiner Komplexität - gut, stellenweise spannend zu lesendes Buch. Es bietet sowohl für denjenigen viel Neues, der sich mit der Thematik Suizid befasst, als auch LeserInnen mit soziologischem oder historischem Interesse an der DDR.


    Rezension von
    Ilja Ruhl
    Soziologe M.A.

    Homepage www.gemeindepsychiatrie-sozialpsychiatrie.de
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    Zitiervorschlag
    Ilja Ruhl. Rezension vom 14.04.2007 zu: Udo Grashoff: In einem Anfall von Depression ... Selbsttötungen in der DDR. Links Verlag (Berlin) 2006. ISBN 978-3-86153-420-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4811.php, Datum des Zugriffs 25.05.2020.


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    ISSN 2190-9245

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