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Immanuel Wallerstein: Das Moderne Weltsystem

Cover Immanuel Wallerstein: Das moderne Weltsystem. Band 1 - 3. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2004. ISBN 978-3-85371-230-6. 79,90 EUR.

Bd. I: Die Anfänge der kapitalistischen Landwirtschaft und die europäische Weltökonomie im 16. Jahrhundert, 595 Seiten. Band II: Der Merkantilismus. Europa zwischen 1600 und 1750, 429 Seiten. Band III: Die große Expansion. Die Konsolidierung der Weltwirtschaft im langen 18. Jahrhundert. 463 Seiten.
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Autor

Immanuel Maurice Wallerstein, Historiker, Afrikanist und Sozialwissenschaftler, geboren 1930 in New York, studierte an der New Yorker Columbia University. Er lehrte zunächst dort, dann an verschiedenen anderen amerikanischen Universitäten und war bis zu seiner Emeritierung Professor für Soziologie und Direktor des Fernand Braudel Center an der Binghampton University, New York (Der renommierte französische Kultur- und Wirtschaftshistoriker Fernand Braudel, geb. 1902, veröffentlichte u.a. Studien über die Sozialgeschichte des 15. - 18. Jahrhunderts. Er wirkte zunächst als Geschichtslehrer in Algier, Paris und S‹o Paulo). Wallerstein ist u.a. auch tätig an der Maison des Sciences de L"Homme in Paris. Er arbeitete zunächst ausschließlich an Analysen über koloniale und postkoloniale Gesellschaften Afrikas, erweiterte dann aber schrittweise und konsequent die Perspektive seiner Analyse. Er knüpft theoretische stark an die Analysen der kapitalistischen Ökonomie von Karl Marx an, kommt aber in entscheidenden  Punkten zu völlig anderen Schlüssen als Marx. Er gilt als einer der weltweit führenden Theoretiker der Globalisierung. Zweimal monatlich veröffentlicht er - aus meiner Sicht z.T. hochinteressante - "Reflektionen über die gegenwärtige Weltlage aus einer längerfristigen, über die Schlagzeilen des Tages hinausreichenden Perspektive" auf seiner Website http://fbc.binghamton.edu/commentr.htm. Diese Kommentare erscheinen in englischer Sprache, einige davon sind auch in deutscher Übersetzung verfügbar.

Das "modernen Weltsystem", ein dreibändiges Monumentalwerk, hat Wallerstein international bekannt gemacht.

Gesamtkonzeption und Zielsetzung

Wallerstein hat nicht die Absicht, die Geschichte des Weltsystems zu schreiben, er fragt vielmehr: Gibt es - wie für einzelne Gesellschaften - identifizierbare Stufen der Entwicklung des Weltsystems? (I, S. 18). "Ich versuchte, das Weltsystem auf einem bestimmten Abstraktionsniveau zu beschreiben, nämlich auf dem der Evolution der Strukturen des gesamten Systems. Die Beschreibung einzelner Ereignisse interessierte mich dabei nur dort, wo sie als typische Beispiele für einen bestimmten Mechanismus Licht auf das System warfen oder bei wichtigen institutionellen Veränderungen die entscheidenden Wendepunkte bildeten." (I, S. 20) Er glaubt nicht, dass es eine nichtparteiische Sozialwissenschaft gibt, sondern eine Dialektik von Objektivität. und Engagement (I, S. 21). Das Engagement "ist davon abhängig, welche Vorstellung wir von einer guten Gesellschaft haben. Sofern wir eine Welt mit mehr Gleichheit und mehr Freiheit wollen, müssen wir die Bedingungen, unter denen diese Verhältnisse verwirklicht werden können, verstehen." (I, S. 23) Diesem Ziel ist seine Analyse verpflichtet. Sie dient der "Überlegung, in welchem Rahmen in der Gegenwart und Zukunft Entwicklungen möglich sind. Diese Art Wissen bedeutet Macht. Und innerhalb der Bandbreite meines Engagements bedeutete dies eine Macht, die den größten Nutzen jenen Gruppen bringen würde, die die Interessen der größeren und stärker unterdrückten Teile der Weltbevölkerung repräsentieren." (I, S. 23)  Interessanterweise findet sich unter den hunderten von Titeln der umfangreichen Literaturverzeichnisse der 3 Bände trotz der offensichtlichen Nähe des Ausgangspunktes zur kritischen Theorie der Frankfurter Schule keine einzige Veröffentlichung von Adorno, Horkheimer oder Habermas.

Was versteht Wallerstein unter "Weltsystem? Das System der europäischen Weltwirtschaft "ist ein Weltsystem, nicht weil es die ganze Welt umschließt, sondern weil es größer ist als jede juridisch definierte politische Einheit. Und es ist deshalb eine Weltwirtschaft, weil die Verbindung zwischen den Teilen des Systems vor allem eine ökonomische ist." (I, S. 27)

Band 1

Im ersten Band beschäftigt sich Wallerstein einleitend mit den Grundlagen der Erforschung sozialen Wandels. Es folgen insgesamt 6 Kapitel, in denen die Ursprünge der Entstehung des kapitalistischen Weltsystems aus dem europäischen Feudalismus analysiert werden: vom "Vorspiel im Mittelalter" über "die neue Arbeitsteilung in Europa: ca. 1450 - 1640" bis zur "Entstehung der europäischen Weltwirtschaft. Peripherie versus Außenarena". In der theoretischen Reprise des 7. Kapitels werden die Begriffe nochmals definiert, welche die Analyse leiten.

Band 2

Band 2 ist Fernand Braudel gewidmet und analysiert die Entwicklung des Merkantilismus in Europa zwischen 1600 und 1750 im Zentrum, in der Semiperipherie und in der Peripherie. Im Zentrum dieser Analyse steht die Frage: "Wann und wie erfolgte der welthistorische "Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus"?. Die Antwort darauf erfordert eine Definition des Kapitalismus als Gesellschaftssystem, als Produktionsweise und zweifellos auch als Zivilisation." (II, S. 7) In der Einleitung - "Krise des 17. Jahrhunderts?" - fasst Wallerstein zusammen: "Die Grundthese dieses Buches besteht darin, dass sich das moderne Weltsystem als kapitalistische Weltwirtschaft konstituierte, die ihren Ursprung im Europa des langen 16. Jahrhunderts hatte und die Transformation einer bestimmten redistributiven oder tributären Produktionsweise - jener des feudalen Europa, Braudels „ökonomisches Ancien Régime“ - in ein qualitativ anderes Gesellschaftssystem bedeutete." (II, S. 7)

Band 3

In Band 3widmet sich Wallerstein der "Konsolidierung der Weltwirtschaft im langen 18. Jahrhundert" bis zur "Dekolonisierung der Amerikas". U.a. werden hier zwei zentrale historische Konzeptionen in Frage gestellt, um die sich unser Wissen organisiert: Die Gemeinplätze von der "industriellen Revolution" und von der "bürgerlichen Revolution in Frankreich" (II, S. 7 f.).

Immer wieder kritisiert Wallerstein Aussagen von Marx, obwohl seine Analysen deutlich von Marx inspiriert sind. "Marx war mit einem wichtigen Fehler behaftet. Er war ein wenig zu sehr von Smith (Wettbewerb ist die Norm des Kapitalismus, Monopol eine Verzerrung) und ein wenig zu sehr von Schumpeter (der Unternehmer ist der Träger des Fortschritts) geprägt." (III, S. 76) Wallerstein kommt insgesamt zu einer "Lesart der Geschichte des 16. bis 18. (und sogar 19.) Jahrhunderts, die sich in vielen Bereichen von jener Marx" unterscheidet." (ebd.)

Zielgruppen

Sozialwissenschaftler, die sich der Analyse der Globalisierung nicht nur mit kurzatmigem Blick auf die Gegenwart widmen, dürften von der Lektüre von Walllersteins Werk einiges profitieren.

Diskussion

Nicht nur inhaltlich, auch sprachlich ist die Lektüre der Untersuchung teilweise mühsam und langatmig. Das "Moderne Weltsystem" mit dem "Kapital" von Karl Marx zu vergleichen, ist vielleicht etwas vermessen. Dennoch möchte ich die Prognose wagen, dass dieses Werk zu einem Klassiker avanciert, der noch gelesen werden wird, wenn ganze Bibliotheken aktueller sozialwissenschaftlicher Literatur schon verstaubt und vergessen sind, vergleichbar etwa dem "Prozess der Zivilisation" von Norbert Elias (auf den er übrigens im "Weltsystem" nicht Bezug nimmt).

Fazit

Wallersteins Analyse dient nicht der Ansammlung historischen Wissens, sondern der "Historisierung unserer intellektuellen Analyse" zum Zwecke eines besseren Verständnisses der Gegenwart. In seinem kürzlich erschienenen, knapp 100seitigen, Büchlein "Die Barbarei der Anderen" zeigt er einerseits eindrucksvoll, was Historisierung ist und andererseits, was sich durch Historisierung für das Verständnis der Gegenwart gewinnen lässt "Damit ist keine Ansammlung chronologischer  Details gemeint, so nützlich diese sein mag. Gemeint ist auch keine krude Relativierung, der zufolge sich alle besonderen Situationen voneinander unterscheiden und alle Strukturen sich ständig, von Tag zu Tag, von Nanosekunde zu Nanosekunde, in Entwicklung befinden. Historisierung ist das genaue Gegenteil. Sie bedeutet, das wir die Realität, die wir im Einzelfall studieren, in einem größeren Kontext betrachten: in der historischen Struktur, in der sie operiert. Wir können niemals den Einzelfall verstehen, wenn wir nicht das jeweilige Ganze verstehen, da wir andernfalls niemals einschätzen können, was sich ändert, wie es sich ändert und warum es sich ändert." (Wallerstein, Die Barbarei der anderen. Europäischer Universalismus. Berlin: Wagenbach, 2007, S. 95)  Dieses knapp 100seitige Bändchen erscheint mir zur Einführung in sein Denken hervorragend geeignet. Es zeigt, welchen Sinn seine historische Analyse für das tiefere Verständnis von brennenden Fragen der Gegenwart haben kann. (Erörtert wird darin die Frage der Berechtigung von Interventionen des "freien Westens" zur Wahrung der Menschenrechte in anderen Ländern und Weltregionen, u.a. zu lesen als Kritik am Golfkrieg gegen den Irak.)


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Pfeifer-Schaupp
Dozent für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Hochschule, Universitiy of Applied Science, Freiburg. Systemischer Therapeut und Supervisor (DGSF), Leiter des Freiburger Instituts für systemische Therapie und Beratung


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Zitiervorschlag
Ulrich Pfeifer-Schaupp. Rezension vom 14.05.2007 zu: Immanuel Wallerstein: Das moderne Weltsystem. Band 1 - 3. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2004. ISBN 978-3-85371-230-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4818.php, Datum des Zugriffs 23.10.2021.


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