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Georg Hörmann, Thomas Trapper (Hrsg.): Konfrontative Pädagogik [...]

Cover Georg Hörmann, Thomas Trapper (Hrsg.): Konfrontative Pädagogik im intra- und interdisziplinären Diskurs. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2007. 235 Seiten. ISBN 978-3-8340-0243-3. 19,80 EUR, CH: 34,80 sFr.
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Thema

"Ein Gespenst geht um in Europa - sein Name: 'Konfrontative Pädagogik'" - Ganz so schlimm ist es wohl nicht (mehr), aber dennoch beginnt so das Vorwort der Herausgeber des längst fälligen Werkes zu einem immer mehr in die Fach- und öffentliche Diskussion rückenden Thema, ganz in Anspielung auf die "heftigen Abwehrreaktionen" der offenbar "allergisch" oder "irritiert" reagierenden Sozialpädagogen gegenüber dieser neuen Richtung.

In der Tat ist der schon eingangs festgestellte "Emotionalisierungsgrad der Auseinandersetzung" und zuweilen "aufgeheizten Fachdebatte" (ebd. S.2), in der sich die einen überholte "Kuschelpädagogik" und die anderen autoritäre "Dressur" vorwerfen, oft eher unreflektierter "Glaubenskrieg" denn fachbezogener Richtungsstreit zweier anscheinend unversöhnlicher Lager, den die Herausgeber und Autoren eher in historischer "Grabenbildung zwischen Theorie und Praxis" auszumachen meinen und den zu überbrücken dieser intra- und interdisziplinäre Diskurs unterschiedlicher Vertreter aus dem Bereich Allgemeine Pädagogik, Schulpädagogik, Sozialpädagogik und Jugendhilfe, Rechtswissenschaft und Justiz/Jugendgerichtshilfe dienen soll.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band basiert auf deren Tagungsbeiträgen eines Symposiums der Universität Bamberg im November 2005 zum Thema.

Aufbau und Inhalt

Zunächst macht Georg Hörmann, Professor für Allgemeine Pädagogik in Bamberg, in seinem Beitrag "Neuer Wein in alten Schläuchen?" mit der aktuell debattierten Konfrontativen Pädagogik eine neue pädagogische Wende fest, die in einer Abfolge der Nachkriegszeit nach der "realistischen Wende ", "emanzipativen", "technologischen", "handlungsorientierten", "antipädagogischen", "Alltagswende ", "konstruktivistischen", "postmodernen", "reflexiven", "evolutionären", "beriebswirtschaftlichen", "Schulentwicklungswende" und zuletzt "neuropädaggischen Wende" einzuordnen und zu bewerten ist (S.10ff). Er positioniert die konfrontative Pädagogik und konfliktorientierte Jugendarbeit zwar als primär (originär) für die Zielgruppe der mehrfach-auffälligen, gewalttätigen und aggressive Wiederholungstäter geeignete pädagogische Richtung (wo sie sich ja auch zuerst und am besten bewährt hat), diskutiert aber auch ihre Bedeutung im Kontext der konkreten Lebenswelt heutiger Kinder und Jugendlicher. Medienverwahrlosung, Schulverweigerung und -versagen, Über- oder Untergewicht als Folge von Über- und Unterdisziplinierung und unpersönlicher Bildungs- und ineffektiver Spaßpädagogik?

Bei aller durchaus berechtigten Kritik an der manchmal recht populistischen aber meistens "geschäftstüchtigen Vermarktung" der Konfrontativen Pädagogik von Seiten öffentlichkeitsliebender "Propagandisten" (S.1) und einiger ihrer patentrechtlich geschützten Methoden bleibt am Ende doch die von Hörmann formulierte Hoffnung plausibel, "dass manche konfrontative Erkenntnis, durch Begegnung mit „Unangenehmen“ nicht nur zur Abwehr, sondern auch zur Veränderung anregen kann" (S.27).

Im 2. Kapitel diskutiert Herbert E. Colla, Professor für Sozialpädagogik in Lüneburg, die Impulse der Glen Mills School und Chance der Übertragbarkeit - ist doch dieses US-amerikanische Erfolgs-Konzept (erst durch Colla in die deutsche Sozialpädagogik "importiert") immer wieder auch Ausgangspunkt der Begründung des offensichtlichen Erfolgs kritisch-konfrontativer Arbeit mit straffälligen Jugendlichen. Glen Mills in Pennsylvania als "juvenile correctional facility" für Gang-Jugendliche ist "Jugendvollzug der besonderen Art" (S.36): Privater Träger, exklusive, schöne Gebäude im historisierenden "frensh gothic" Stil mit Elite-College-Charakter auf landschaftsgärtnerisch gepflegtem, großen, freien Terrain und "offenen Grenzen" (keine Mauern, Verbotsschilder, Absperrungen, Gitter) und - vor allem aber - ein sehr ausdifferentzierten Bildungs- und Ausbildungsangebot, vielfältigste Freizeit- und Sportangebote sowie, und das ist sicher besonders, ganz eindeutigen, verbindlichen Regeln und Kommunikationsstrukturen. Hier wird Fehlverhalten unmittelbar kritisch konfrontiert und konsequent sanktioniert - und zwar durch das "Normative System Training" eigens geschulte Mitarbeiter genauso wie durch die Jugendlichen selbst. Auf der anderen Seite wird gewünschtes bzw. permanent und systematisch abverlangtes norm-angepasstes, also positives Verhalten mit Gratifikationen und ausgeklügeltem Priviligiensystem belohnt (bis zum super "Bull"-Status). Gerade das spezialisierte (7-stufige) Konfrontationssystem von Glen Mills ist ein wesentliches Kernstück des erfolgreichen Alltags- und Lern- (bzw. Trainings-)konzeptes; das andere ist die Schaffung und Nutzbarmachung der "Positive Peer Culture" innerhalb des Systems, in der sich die "Students" gegenseitig "erziehen". Das funktioniert. Und trotz aller immer wieder formulierten Autoritäts- und Kontroll-Vorwürfe der hiesigen Kritiker sind, wenn auch nur begrenzt, entscheidende Erkenntnisse auch in "deutscher" Pädagogik umsetzbar.

Rainer Winkel, Professor für Schulpädagogik in Berlin, thematisiert die Unterstützung von Selbsthilfepotentialen bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen anhand von Fallbeispielen dreier schwerer Kinderschicksale, um am Ende daraus systemische, anthropologische und pädagogische Konsequenzen zu ziehen. Seine Schlüsse sind, bezogen auf die beschrieben Fälle, die eindeutig mehr Opfer ihrer sozialen Mißstände denn "Täter" (im Sinne der originären Zielgruppe) sind, daher keineswegs überraschend: Neben "Zeit, Geduld, Verständnis" und "Liebe" (S.95) mehr Kooperations-, Konflikt-, Kompromiss und Konstanzbereitschaft. "Ohne diese vier sozialpädagogischen Ks bleibt alles professionelle Handeln fragil" (S.96).

Thomas Trapper, Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik in Bamberg, wirft nochmal die Frage auf "Konfrontative Pädagogik als pädagogische ultima ratio?" - und gleich hinterher: oder "ein sozialpädagogischer Werbegag?". Er kritisiert das nach ersten Systematisierungsversuchen immer noch allenfalls fragmentarisch vorhandene Handlungskonzept und die emotionsüberfrachtet geführten Kontroversen zum Thema sowie den hohen Ökonomisierungsgrad einzelner Modelle. Am Beispiel des "Projekt Chance" des CJD e.V. stellt er die Eckpfeiler konfrontativer Pädagogik vor, die eingreift und ermutigt, vom antthropologischen Realismus wie pädagogischen Optimismus ausgeht, nicht „gegen“ oder „für“ sondern „mit“ den Jugendlichen sowie mit explizit formulierten Erziehungszielen arbeitet und sich eben aber auch nicht vor Auseinandersetzungen scheut und vor allem "positiver Jugendkultur" bzw. Gruppenpädagogik bedient. Konfrontative Elemente seien somit "Bestandteil jeglicher sinnvollen pädagogischen Konzeption" (S.108). Nicht mehr - und nicht weniger.

Der Beitrag von Elisabeth Zwick, Lehrstuhl Allgemeine Pädagogik München, "„Ein schwieriges Kind“ - oder: Ein Faktum wird gemacht" illustriert in historischer Perspektive am Beispiel der Attribuierung sexueller Praktiken soziale Regulationsstrategien. Allein: Es erschließt sich nicht, was das Ganze mit konfrontativer Pädagogik zu tun haben soll - und es wird auch nicht mal am Ende des Beitrags thematisiert.

Wolfgang Tischner, Professor im Fachbereich Sozialwesen in Nürnberg, dagegen - der sich schon 2002 mit seiner "Metakritik der Konfrontativen Sozialpädagogik im Sozialmagazin klärend einmischte - greift (wieder) ein zentrales Problem, nämlich die "vergessene „väterliche“ Seite der Pädagogik" auf. Er macht zu Recht in der "Feminisierung der Pädagogik" (S.128) eine kontraproduktiv wirkende Verschiebung zu Ungunsten von Jungs und jungen Männern fest und plädiert - mit Rückgriff auf Hermann Nohl und neuere Ergebnisse der empirischen Sozialforschung - für Ansätze, ihr besonders in Familie und Jugendhilfe gezielt zu begegnen. Insbesondere die gewaltbereite Klientel männlicher Jugendlicher würde, was in hohem Maße plausibel ist, von betont "väterlicher (Heil-)Erziehung" profitieren (S.143). Die Konfrontative Pädagogik sei aufgrund ihres "ausgeprägt „väterlichen" Charakters" insofern besonders geeignet, ein ebenso nötiges wie wirksames "Gegengewicht zu der seit mehr als 30 Jahren „mütterlich“ dominierten Pädagogik" darzustellen (S.144)

Georg Hörmann greift nochmal die rhetorische Frage auf: "Wer hat Recht in der Erziehung?" und "Pädagogik und Justiz - ein konfrontatives Verhältnis?". Die Analyse der konträren und zuweilen in Theorie und Praxis de facto unvereinbaren Systeme, vor allem im Kontext von "Strafe", Disziplin und Disziplinierung, wirft ein Licht auf zentrale Aufgaben wirksamer Kooperation.

Der Hamburger Professor Bernd-Rüdiger Sonnen, Fachbereich Rechtswissenschaft, führt die Idee fort und lotet in seinem Beitrag die "Möglichkeiten der Kooperation zwischen Jugendhilfe und Justiz" aus.

"Viele Fragen und wenig Antworten" resümiert Joachim Walter, engagierter Leiter der (durchaus Vorzeigeanstalt) JVA-Adelsheim, und widmet sich dem Thema Konfrontativer Pädagogik im Jugendstrafvollzug. Als Kenner der Theorielage und Praxiserfahrungen diskutiert er die Möglichkeiten und Grenzen bestmöglicher pädagogischer Förderung im schulischen, beruflichen und sozialen Bereich. Seine Erkenntnisse sind ebenso pragmatisch wie erhellend. Abschließend stellt er die noch offenen Frage an die Pädagogik, Kriminologie und Rechtswissenschaft, die zu klären, zumindest über sie systematischer nachzudenken, noch aufgegeben ist.

Am Ende der unterschiedlichen Beiträge stellt Thomas Trapper nochmals ausführlicher die "Positive Jugendkultur" und "Pädagogik im Projekt Chance" als ein gelungenes Praxisbeispiel für förderliche "Zumutungen" im Kontext Konfrontativer Pädagogik vor.

Fazit

Diese intra- und interdisziplinäre Betrachtung der neuen pädagogischen Strömung, die ja (noch) kein eigenständiges Konstrukt im wissenschaftlichen Methodenrange ist, beleuchtet die Konfrontative ("Sozial-" wohlgemerkt)-Pädagogik facettenreich und durchaus gewinnbringend für einen Blick aufs Ganze. Was fragmentarisch und exemplarisch zu bewerten war, gewinnt durch die Sicht verschiedener Experten und der Diskussion vorliegender Erfahrungen und Erkenntnisse an Gesamt-Struktur und allgemeiner Klarheit. Insgesamt kann jedoch bei allem Für und Wider kein Zweifel bestehen, dass kritisch-konfrontative Arbeit, konsequent-grenzziehende Erziehung mit, natürlich, geeigneter Zielgruppe sinnvoll, wenn nicht notwendig ist - auch, wenn so manche Vermarktungsstrategie eher den nach wie vor noch vielen Gegnern in die Hände spielt und, das sei nicht verschwiegen, so manchem Pädagogen/Trainer/Therapeuten zu viel unkontrollierte Macht und Autorität über andere Menschen zubilligt. Boot-Camps und fragwürdige Trainingslager pervertieren das, was Konfrontative (Sozial-)Pädagogik meint - und sein kann.

Schon weil der Rezensent selber sich zu den ersten, durchaus streitbaren Protagonisten "Konfrontativer Sozialpädagogik" zählen kann (vergl. dessen gleichnamige "Streitschrift für endliches Umdenken in Jugendhilfe, Jugendstrafvollzug und Jugendpsychiatrie" 2001 im Sozialmagazin H.5, 27-33 oder den Beitrag "Verstehen allein genügt nicht" in Weider & Kilbs "Konfrontative Pädagogik" 2004, 109-124) ist dieser hier bei der Bewertung des vorliegenden Werkes zu (auch "seinem") Thema durchaus besonders kritisch. So ist das Urteil, dieses neue interdisziplinäre Fachbuch zur Pflichtlektüre für Theoretiker UND Praktiker zu erheben, eine dringende Kauf- und vor allem Lese-Empfehlung.


Rezensent
Dr. phil. Dipl. Sozialpäd. Jörg-M. Wolters
Erziehungswissenschaftler. Institut für Budopädagogik. Arbeitsgemeinschaft „Kampfkunst in Pädagogik und Therapie"
Homepage www.Budopaedagogik.de


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Zitiervorschlag
Jörg-M. Wolters. Rezension vom 16.02.2008 zu: Georg Hörmann, Thomas Trapper (Hrsg.): Konfrontative Pädagogik im intra- und interdisziplinären Diskurs. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2007. ISBN 978-3-8340-0243-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4819.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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