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Björn Kraus, Wolfgang Krieger (Hrsg.): Macht in der Sozialen Arbeit

Cover Björn Kraus, Wolfgang Krieger (Hrsg.): Macht in der Sozialen Arbeit. Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung. Lippe-Verlag (Lage) 2007. 400 Seiten. ISBN 978-3-89918-160-9. 19,90 EUR.

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Thema

Mit der Thematisierung der Dichotomie von Hilfe und Kontrolle beantwortet das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit den ihr eingeschriebenen Widerspruch, von den Mächtigen finanziert und (günstigenfalls) von den Ohnmächtigen genutzt zu werden. Dass dieses Verhältnis nicht immer reibungslos funktioniert, dass Soziale Arbeit an Macht teilhat und sie mitkonstituiert, ist eine Irritation für einen Berufsethos, der sich am moralisch Guten orientiert. Theoretisch auf der Höhe der Zeit (und damit anknüpfend an den aktuellen Stand der einschlägigen Diskurse der Philosophie und der Gesellschaftswissenschaften) wird das Thema aber eher selten abgehandelt. Umso erfreulicher ist es, wenn sich die Herausgeber des vorliegenden Bandes an eine theoretisch vielfältige Auseinandersetzung mit dem Machtbegriff wagen und sozialarbeitsbezogene Beiträge zu einem umfangreichen Reader zusammenfügen. Noch erfreulicher, dass sich hier nicht eine neuerliche „Einführung“, zurechtgestutzt auf die vermeintlichen Bedürfnisse von Bachelorstudiengängen, findet, sondern ein anspruchsvolles Kaleidoskop von Artikeln. Wahrscheinlich unvermeidlich ist, dass die Beiträge von durchaus unterschiedlicher Qualität sind.

Entstehungshintergrund

Zum Kontext der Entstehung des Bandes finden sich leider keine Informationen. Im Vorwort machen Björn Kraus und Wolfgang Krieger allerdings deutlich, dass es ihnen nicht um den Bau einer konsistenten sozialarbeitsbezogenen Machttheorie, sondern um die Vorstellung durchaus unterschiedlicher Zugänge zum Thema geht. Sie sprechen einen breiten Horizont an Referenzen an, von Max Weber über Norbert Elias, Friedrich Nietzsche, Hannah Arendt, Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann bis zu Judith Butler. Diese Bezüge machen neugierig, verweisen sie doch auf sehr unterschiedliche Beiträge, die den Diskurs in den Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert wesentlich bestimmt haben. Sieht man einmal von Niklas Luhmann ab, sind diese AutorInnen in der sozialarbeitstheoretischen Diskussion nur mangelhaft rezipiert worden.

Aufbau

Der Band ist in 3 Teile gegliedert. Während sich die Beiträge des ersten Abschnitts mit der Interaktionsmacht in der Praxis der Sozialen Arbeit beschäftigen, wird im Teil 2 das Verhältnis der Sozialen Arbeit zu den politischen Machtstrukturen thematisiert. Teil 3 schließlich stellt die Frage, ob Soziale Arbeit eine Macht der gesellschaftlichen Veränderung darstellt.

1. Interaktionsmacht in der Praxis der Sozialen Arbeit

Wolfgang Krieger eröffnet den Reigen der Beiträge mit dem Versuch, konstruktivistische Ansätze systematisch mit der Machtmetapher zu verbinden.

Björn Kraus kommt aus dem gleichen theoretischen Eck, weshalb er damit zu kämpfen hat, dass der konstruktivistische Ansatz Macht aus der Sicht des Beobachters zu beschreiben versucht, ihre objektive Seite also nicht leicht in den Begriff bekommen kann. Sie erscheint so als wirkmächtiger Mythos. Es bleibt offen, wieweit man seinem Versuch der Auflösung des konstruktivistischen Dilemmas folgen will.

Klaus Wolf hingegen verwendet die Machttheorie von Norbert Elias als Referenz. Er entwickelt ein Bild der Machtbalancen in der Erziehung, und plädiert für eine Anerkennung des Machtüberhangs als notwendige Bedingung des Erziehungsprozesses.

Hans-Ulrich Dallmann setzt einer von ihm kritisierten handlungstheoretischen Fundierung des Machtbegriffs das Luhmann´sche Verständnis von Macht als generalisiertem Kommunikationsmedium entgegen. Aufbauend auf eine Beschreibung von Machtformen in der Pflege versucht er eine Typisierung von Macht-Asymmetrien in der Sozialen Arbeit.

Heike Hör und Klaus Schneider thematisieren – den ersten Teil abschließend – Macht als Wirkmöglichkeit in der Supervision.

2. Verhältnis der Sozialen Arbeit zu den politischen Machtstrukturen

Alex Aßmann verschiebt zu Beginn des zweiten Abschnitts den Fokus auf den Gewalt-Begriff. In einem Beitrag bezieht er sich vorwiegend auf Walter Benjamin, im anderen auf Michel Foucault.

Heiko Kleve versucht´s mit Ambivalenz und Paradoxien: Soziale Arbeit hat den Auftrag, die Grenze zwischen Normalität und Abweichung zu definieren, kann das angesichts postmoderner gesellschaftlicher Bedingungen aber nur mehr in Prozessen der Aushandlung.

Karin Kersting beschreibt die Wirkweise von strukturellen Bedingungen der Pflege, die „Kälte“ erzeugen. Die Professionellen, selbst Machtverhältnissen unterworfen, unterliegen so einem Prozess der moralischen Desensibilisierung.

Ulrich Pfeiffer-Schaupp kritisiert die Blindheit der Systemtheorie gegenüber sozialer Ungleichheit und beschreibt den Anteil der Sozialen Arbeit an der Entmündigung ihres Klientels.

3. Soziale Arbeit eine Macht der gesellschaftlichen Veränderung?

Im dritten Abschnitt holt Winfried Hosemann weit aus, von Habermas über John Rawls, Avishai Margalit bis zu Niklas Luhmann, um schließlich der Sozialen Arbeit die Funktion der Thematisierung sozialer Gerechtigkeit zuzuweisen.

Silvia Staub-Bernasconi beklagt in einem engagierten und polemischen Beitrag die geradezu kolonialistische Machtausübung etablierter universitärer Disziplinen gegen eine Wissenschaft Sozialer Arbeit.

Günter Rausch konzeptioniert die Gemeinwesenarbeit mit Bezug auf Saul Alinsky und Hannah Arendt rezipierend als Prozess der Ermächtigung, der Förderung der Machtentfaltung von unten durch Solidarität und Kooperation.

Albert Mühlum beschließt den Band mit einer Suche nach der Macht in Situationen der Ohnmacht, wie sie sich im Hospiz angesichts des nahen Todes ergeben.

Zielgruppen

Der Reader richtet sich sowohl an die TeilnehmerInnen des akademischen Diskurses zur Sozialen Arbeit, als auch an ProfessionistInnen, denen theoretisches Rüstzeug für reflektierte Praxis gegeben werden soll.

Diskussion

Die zahlreichen Beiträge des Bandes beginnen jeweils von vorne, viele davon mit Referenzen auf bekannte Machtdefinitionen von Max Weber bis Niklas Luhmann. Daraus ergeben sich doch einige Redundanzen. Nichtsdestotrotz sind zahlreiche Beiträge gut lesbar und können auch mit Gewinn als Anregung für eigene Reflexionen zum Thema gelesen werden.

Fazit

Der Anspruch der Herausgeber, die Vielfalt der Machttheorien darzustellen und für die Diskussion und Reflexion der Sozialen Arbeit nutzbar zu machen, wird im Reader nur partiell eingelöst. In den Beiträgen bleiben die Referenzen auf Foucault, Bourdieu und einige andere, die den sozialwissenschaftlichen Diskurs zu Machtfragen in den letzten Jahrzehnten bestimmt haben, dürftig. Wahrscheinlich ist das nicht den Herausgebern anzulasten, sondern widerspiegelt einen Bias, der sich in der deutschsprachigen theoretischen Diskussion der Sozialen Arbeit findet. Als erste (noch wenig systematische) Annäherung ist der Band allerdings sehr verdienstvoll und wird, wenn die Diskussion – wie zu hoffen ist – fortgesetzt werden sollte, eine wichtige Referenz sein und bleiben. Die vielfach vorfindliche Blindheit für die Sozialarbeitspraxis als Praxis der Machtanwendung korrespondiert jedenfalls mit der häufigen Selbstinszenierung der Berufsgruppe als benachteiligter und machtloser. Ein Schritt zur Überwindung dieses larmoyanten Selbstverständnisses könnte mit dieser Publikation getan sein.


Rezension von
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 24.08.2009 zu: Björn Kraus, Wolfgang Krieger (Hrsg.): Macht in der Sozialen Arbeit. Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung. Lippe-Verlag (Lage) 2007. ISBN 978-3-89918-160-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4823.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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