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Jürgen Mansel, Heike Kahlert (Hrsg.): Arbeit und Identität im Jugendalter

Cover Jürgen Mansel, Heike Kahlert (Hrsg.): Arbeit und Identität im Jugendalter. Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Strukturkrise auf Sozialisation. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-1745-8. 22,00 EUR, CH: 38,60 sFr.

Reihe: Jugendforschung.
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Thema

Die seit den 1980er Jahren andauernde Strukturkrise hat die Modalitäten des Übergangs in Ausbildung und Erwerbsarbeit grundlegend verändert. Ob es jungen Menschen gelingt, einen Ausbildungsplatz zu erhalten und anschließend im erlernten (oder überhaupt einem) Beruf "Fuß zu fassen", wird zunehmend unsicherer und zugleich schwieriger. Infolge der Erosion der Normalerwerbsbiografie müssen sich Jugendliche zudem darauf einstellen, sich im Verlauf ihres Erwerbslebens erforderlichenfalls gleich mehrfach beruflich umzuorientieren, um auf veränderte Anforderungen am Arbeitsmarkt reagieren und den dort je aktuell nachgefragten Tätigkeitsprofilen entsprechen zu können. Dies hat nicht zuletzt auch Folgen für die Identitätsentwicklung: ein flexibles Selbstmanagement und eine auf sich verändernde Anforderungen ausgerichtete Selbstorganisation werden erforderlich.

Herausgeber

Jürgen Mansel (Professor am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld) und Heike Kahlert (Institut für Soziologie und Demografie der Universität Rostock) zeichnen als Herausgeber/in für den Band verantwortlich, der in der Reihe "Jugendforschung" im Namen des Zentrums für Kindheits- und Jugendforschung der Universität Bielefeld erschienen ist.

Inhalt

In der vorliegenden Sammlung werden drei Themenfelder diskutiert:

  1. Erstens geht es um die Entwicklung einer beruflichen Orientierung, deren inhaltliche Ausrichtung und die Wertigkeit von Erwerbsarbeit für die aktuell heranwachsende Generation.
  2. Zweitens werden die veränderten Chancen und Risiken traditionell am Arbeitsmarkt benachteiligter Gruppen (zum Beispiel aufgrund biografischer Einschnitte) beleuchtet.
  3. Drittens wird den Fragen nachgegangen, ob angesichts der schwindenden Chancen am traditionellen Arbeitsmarkt die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit als Arbeitskraftunternehmer für Jugendliche eine Alternative darstellt und inwiefern junge Menschen die Kompetenzen entwickelt haben, die erforderlich sind, um sich am Markt erfolgreich als Arbeitskraftunternehmer zu behaupten.

Diesen Fragestellungen folgt auch die Struktur des Bandes, nachdem Jürgen Mansel und Heike Kahlert einen ersten Überblick zum Stand der Forschung gegeben und das Verhältnis von Arbeit und Identität um Jugendalter, abhängig vom kognitiven und emotionalen Entwicklungsstand, den sozialen Bedingungen, der persönlichen Lebenssituation und den in der jeweiligen Lebenssituation Jugendlicher bestimmenden Institutionenausgeleuchtet haben  (S. 7 – 32). In ihrer Darlegung beziehen beide die aktuellen Arbeitslosigkeitsentwicklung und deren Relevanz für benachteiligte Jugendliche ebenso ein, wie sie fragen, on Selbständigkeit ein Ausweg aus der Misere sein kann.

Insgesamt, bilanzieren Mansel und Kahlert schon vorab, verdeutlichen die Aufsätze, "dass der Erwerbsarbeit und der beruflichen Orientierung bei der Identitätsentwickung im Jugendalter nach wie vor eine zentrale Bedeutung zukommt. Unter den gegenwärtigen Bedingungen werden die jungen Menschen jedoch in den formellen Bildungsinstanzen nicht immer hinreichend auf die Erwerbsarbeit vorbereitet." Chancen für einen erfolgreichen Übergang sehen sie in Entwicklungsbedingungen und Lernanreizen, die so beschaffen sein müssen, "dass Jugendliche einerseits Fähigkeiten der Selbsterkenntnis und andererseits der Analyse von Arbeitsmarktangeboten und –lücken zu entwickeln vermögen, um reflektierend individuelle Voraussetzungen mit den äußeren Anforderungen abgleichen zu können, um die für die geeignete Position im Erwerbssystem auszumachen." In diesem Sinn sei der Erwerb von Bildung als "ein biografischer Prozess zu gestalten, in dem Erfahrungen gesammelt und angeeignet, das individuelle Können veräußert und angewandt werden kann". Selbstorganisation und flexibles Identitätsmanagement werden deshalb zu zentralen Schlüsselkompetenzen, um den Übergang gelingend bewältigen zu können (S. 32f).

Dieser Einstimmung, die zumindest tendenziell vermuten lässt, das Ideologem feiere eine Renaissance, jede/r sei seines/ihres Glückes Schmied/in (was die Summe der Aufsätze freilich doch relativiert), folgt eine Dreiteilung der Aufsätze, die die bereits skizzierten Themenfelder aufgreift.

  1. Zur Arbeitsorientierung und dem Wert der Arbeit legt Caroline Bühler (vom Institut Vorschulreife und Primarstufe der Pädagogischen Hochschule Bern) Resultate einer Studie aus der Schweiz vor, die 2000 bis 2002 realisiert wurde und die Herausbildung der beruflichen Identität junger Erwerbstätiger zum Gegenstand hatte (S. 33 – 47); Bühler diagnostiziert u. a. die Entwicklung differenter Identitätstypen (zum Beispiel "Autonomie und Pragmatismus", "Anpassung und Distanzierung"). Katharina Liebsch (Professorin am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main) setzt sich mit den Bewältigungsmustern junger Frauen im Umgang mit (erwerbs-) biografischer Unsicherheit auseinander (S. 48 – 60), und Bozena Majerek (Pädagogische Akademie Krakau) analysiert (empirisch sehr gründlich) die Bildungs- und Berufserwartungen polnischer Jugendlicher im Kontext der gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen (S. 61 – 77).
  2. Mit den biografischer Einschnitten, die zu besonderen Benachteiligungsformen im Übergang und am Arbeitsmarkt führen können, befasst sich zum Einen Judith Glaessner (Fachbereich Soziologie der Universität Konstanz), die den Berufseintritt ohne Beraufsausbildung thematisiert (S. 79 – 92). Sie illustriert u. a. (den nicht unbedingt überraschenden) Befund, "dass Mädchen vor allem aufgrund ihres Schulabschlusses beim Erwerb einer beruflichen Qualifikation benachteiligt sind, während Jungen stärker unter Bedingungen zu leiden haben, die in ihrem sozialen Umfeld angesiedelt sind". Einmal mehr sei deutlich geworden, "dass insbesondere Hauptschulabgänger/innen beim Erwerb von Bildungsabschlüssen und damit im Arbeitsmarkt benachteiligt sind, nahezu unabhängig von ihrer persönlichen Einstellung sowie ihrer Leistungsfähigkeit" (S. 92). In seinem Aufsatz geht Matthias Drilling (Hochschule für Soziale Arbeit Basel) ebenfalls im Rückgriff auf Schweizer Daten, zum Anderen der Frage nach, inwieweit Armut zum Verlust ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals führen (S. 93 – 111), während Holger Seibert (vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Berlin-Brandenburg) Ethnie (S. 113 – 132) und Heike Ohlbrecht (Institut für Rehabilitationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin) Krankheit (S. 133 – 147) als besondere Risikofaktoren im Übergang behandeln.
  3. Besonders aufschlussreich zu sein verspricht der dritte Abschnitt der Textsammlung, der sich der Frage zuwendet, inwieweit eine spezifische Form der beruflichen Selbstorganisation und Selbständigkeit eine Perspektive im Übergang sein könnte. Bewegten sich die Beiträge des Bandes bis zu diesem Punkt auf den eher traditionellen Pfaden der Analyse ökonomischen, sozialen und/oder kulturellen Ausschlusses junger Menschen im Übergang, so verspricht dieser Abschnitt doch "terra incognita" zu betreten. Jürgen Mansel skizziert denn auch – im Rückgriff auf in qualitativen Interviews gewonnenes Datenmaterial – den "Weg in die Selbständigkeit als Alternative" (S. 163 – 181) nach. Er kommt abschließend zu dem Ergebnis, dass die von ihm befragten jungen Existenzgründer/innen durchaus über die von ihm eingangs vermuteten Kompetenzen verfügen, Marktlücken zu identifizieren und darauf mit hoher Flexibilität zu reagieren; die hierfür erforderlichen Kompetenzen hätten sie sich "größtenteils in Eigenregie im Rahmen informeller Lernprozesse angeeignet", ihr Unternehmen werden "zu einem zentralen Bestandteil ihres Lebens sowie ihres Selbstkonzeptes". Verbunden sei dies freilich mit dem Risiko, sich selbst zu überschätzen (S. 181). Exemplarisch diskutieren Friederike von Gross am Beispiel der "Visual Kei"-Szene (S. 183 – 200) sowie Markus Arens, Sonja Ganguin und Klaus Peter Treumann (alle von der Fakultät für Pädagogik an der Universität Bielefeld) am Beispiel des E-Learnings in der beruflichen Bildung den Erwerb einkommensrelevanter Leistungskompetenzen auch in Differenz zu den Aneignungswegen Erwachsener (S. 201 – 217). Auch diese Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass sich junge Menschen "auf unterschiedliche Weise Kompetenzen aneignen und diese für sich verwertbar machen", jedoch (in Bezug auf Visual Kei"-Szene) mit der doch nachhaltigen Einschränkung, dass diese Jugendlichen zur Szene-Elite zählen und sich insoweit von den "normalen" Szenegänger/inne/n abheben (S. 199). Arens/Ganguin/Treumanns Einschätzungen kann man ähnlich lesen, dass nämlich der Erfolg im beruflichen Übergang, sofern er sich in gelingender Selbständigkeit äußert, an spezifische Weiterbildungsprofile gebunden ist, an einen durchaus sehr hohen Grad an Selbstorganisation, Transferrationalität, Selbstrationalisierung und Selbstökonomisierung. Hinweise auf die Entwicklung über szenische oder nischentypische Eliten hinausgehender Strategien der Entfaltung beruflicher Selbständigkeit sind damit de facto (noch) nicht verbunden. Jürgen Angele (vom Statistischen Bundesamt) setzt sich schließlich noch mit "Gründungen, Stilllegungen und Insolvenzen in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung von Kleinunternehmen und Privatpersonen" auseinander (S. 149 – 161); er versucht, die aktuelle Statistik aufzuarbeiten und dem Zusammenhang von Selbständigkeit und Insolvenz nachzuspüren. Tatsächlich, muss er allerdings einräumen, werde sich die Datenlage erst 2006 oder 2007 bessern – und so erst dann ein zuverlässigerer Blick erlauben lassen.

Ein 20-seitiges Literaturverzeichnis rundet den Band ab.

Zielgruppen

Die vorliegende Textsammlung ist sicher gut geeignet für "Einsteiger/innen" der Sozialen Arbeit, die sich zu einem immer relevanten Handlungsfeld (etwa in bezug auf ein Übergangsmanagement z. B. in der Jugendberufshilfe/-sozialarbeit) einen Überblick zu aktuellen Fragestellungen und – in bestimmten Teilen –Forschungsergebnissen verschaffen wollen. Gut eignet sich der Band auch für Studierende der Sozialwissenschaften und solche Forschungsnoviz/inn/en, die sich des methodischen Zusammenhang von Fragestellung, (Forschungs-) Design und knapper Resultatpräsentation vergewissern wollen. Auch Praktiker/innen der Sozialen Arbeit finden Hinweise für Debatten der Etablierung übergangsunterstützender Systeme der Beratung und Begleitung junger Menschen auf dem Weg in Ausbildung und Beruf.

Fazit

Mansel und Kahlert präsentieren relativ aktuelle Daten. Die Einsprengsel aus der Schweiz (Bühler, Drilling) und Polen (Majerek) überraschen auf den ersten Blick. Vielleicht ist es aber ganz ratsam, im Rahmen von Transnationalität und Ausschluss den Blick grenzüberschreitend zu weiten. Für eine bewusst internationale Perspektive allerdings dürften die nicht-deutschen Darlegungen doch eher zu knapp geraten sein. Studierenden der Sozialen Arbeit werden die methodischen Ausführungen dagegen doch eher zu aufwändig erscheinen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 02.06.2008 zu: Jürgen Mansel, Heike Kahlert (Hrsg.): Arbeit und Identität im Jugendalter. Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Strukturkrise auf Sozialisation. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. ISBN 978-3-7799-1745-8. Reihe: Jugendforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4825.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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