Michael Hesseler: Projektmanagement
Rezensiert von Prof. Felix Wettstein, 30.01.2008
Michael Hesseler: Projektmanagement. Vahlen (München) 2007. 307 Seiten. ISBN 978-3-8006-3320-3. 48,00 EUR.
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Thema
Die Bearbeitung von komplexen Aufgaben erfordert mehr und mehr projektförmige Strukturen und Vorgehensweisen. Projekte liegen ausserhalb der Alltagsroutine, darum benötigen sie nicht nur spezifische personelle und finanzielle Ressourcen, sondern auch spezifisches Wissen und Kompetenzen derer, die für die Projektabwicklung zuständig sind. Das Buch und die ergänzende CD wollen für dieses notwendige Know-how einen möglichst vollständigen Pool bieten, aus dem geschöpft werden soll. Das sachrationale und das personenbezogene Projektmanagement sollen dabei im Gleichgewicht sein. In erster Linie ist das Buch am Bedarf von kleineren und mittleren Unternehmen im Profit-Sektor orientiert.
Aufbau und Inhalt
Nach dem Einleitungskapitel gliedert sich das Buch in acht Teile, genannt "Wissensbausteine". Jeder Wissensbaustein wird mit einer Übersicht "Worum es geht" eröffnet; es folgen die Ausführungen zum Thema; zum Abschluss formuliert der Autor jeweils "Ausgewählte Wiederholungsfragen" sowie eine "To-Do-Liste".
- Der Wissensbaustein "Verständnis des Managements von Projekten" liefert die Definition des Projektbegriffs, schlägt Klassifizierungen von Projekten vor und erläutert das Verständnis von "Management" im Kontext der Arbeit mit Projekten. Das Spannungsverhältnis zwischen engen Vorgaben und verlässlichem Ordnungsrahmen einerseits, kreativer Gestaltungsarbeit andererseits wird verdeutlicht. Deutlich wird auch, dass Management nicht bloss eine Sachfunktion ist (Aufgaben richtig erledigen, Abläufe steuern etc.), sondern dass die personenbezogene Ebene (Führung im Projekt, Teamarbeit, Kooperationen) gleichwertig zu beachten ist.
- Der Wissensbaustein "prinzipielle Vorgehensweise" ist sehr umfangreich (nahezu 70 dichte Buchseiten) und bietet eine Tour d"horizon durch alle wichtigen Elemente des Projektmanagements. Einleitend wird die zentrale Bedeutung des Systemdenkens für die Arbeit mit Projekten begründet. Das Vorgehen in Phasen, die allerdings in der Praxis überlappen und nie rein sequenziell durchlaufen werden, wird dargestellt. Ein Regelkreismodell unterstreicht das notwendige kybernetische Denken und Vorgehen. Anschliessend folgen die Ausführungen zur Projekt- und Arbeitsorganisation, zu Teambildung, Rollenteilung und Kooperation, zu Kommunikation und Konfliktbearbeitung im Projekt. In diesem Teil stehen die personenbezogenen Aspekte des Projektmanagements im Zentrum. Den Abschluss dieses Wissensbausteins bilden die Reflexionen zur Projektberichterstattung und -dokumentation.
- Der Wissensbaustein "Projektmanagement in der Praxis" hat zum Zweck, den Nutzen von Projekten aus unternehmerischer Sicht zu begründen und zu festigen. Die referierten empirischen Befunde zu Projektwirkungen sind stark an der Frage nach dem ökonomischen Nutzen orientiert. An dieser Stelle wird auch dargelegt, wie die Ziele um Erfolgskriterien und -faktoren zu ergänzen sind. Dies entspricht den Indikatoren und Sollwerten, wie sie andernorts in der Projektmanagementliteratur benannt werden.
- Der Wissensbaustein "Entscheidungen in der Projektvorphase" bewegt sich ganz auf der Sachebene des Projektmanagements. Es handelt sich um den ersten von fünf Bausteinen, die zusammen den "Projektlebenszyklus" abbilden. Zusätzlich zu den allgemeinen Überlegungen - Projektbedarf, Umfeldanalyse, Kalkulationen, Auftragserwirkung und Projektfreigabe - wird nun ein Fallbeispiel eingeführt, welches in den Folgekapiteln erneut der Illustration dient. Die begleitende CD-ROM illustriert den Projektlebenszyklus ebenfalls an Hand dieses Fallbeispiels, das für ein mittelgrosses Profitunternehmen gedacht ist: "Aufbau eines Verkaufsbüros in London."
- Ein spezifischer Wissensbaustein "Sicherer Projektstart" beleuchtet gesondert einen entscheidenden Teilschritt, dem bisher möglicherweise zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Zwei Formen des Projektstarts werden im Detail charakterisiert: Ein "Start-Up-Workshop" und ein "Kick-off-Meeting". Als Haupteffekte eines gut geplanten und strukturierten Projektstarts ergeben sich Klärungen wie die Interpretation des Projektauftrags, die definitive Projektorganisation inkl. Arbeitsteilungen, die Ablaufstruktur, die Ressourcenplanung sowie die erwünschte Kultur der Kommunikation während des Projekts.
- Der umfangreiche Wissensbaustein "Projektrealisierungsplanung" weicht von der sonstigen Darstellungsstruktur ab: Die einzelnen Teilschritte werden je mit "Worum es geht" eingeleitet und mit den ausgewählten Wiederholungsfragen sowie der To-do-Liste abgeschlossen. Ein erster Teilschritt bearbeitet die Konkretisierung der Projekt-Teilziele samt Zielhierarchie und -systematik. Anschliessend folgen vier Projektplanungsschritte: a) die Projektstrukturierung (mit Ausführungen und Illustrationen zur Phasenplanung sowie der Erarbeitung eines Projektstrukturplans); b) die Integrierte Ablauf- und Terminplanung, c) die Ressourcen- und Kapazitätsplanung; d) die Kosten- und Finanzplanung. Eine Liste mit 20 Kernfragen zur Realisierungsplanung verknüpft die Teilschritte wiederum zu einer Projektgesamtplanung
- Der Wissensbaustein "Projektrealisierung und Projektcontrolling im Projektteam" beleuchtet die Hauptphase der eigentlichen Projektdurchführung. Die Bündelung von Informationen und die instrumentengestützte Steuerung aller Kernbereiche stehen im Zentrum. Innerhalb dieses Bausteins werden zahlreiche Arbeitshilfen eingeführt, zum Beispiel eine "Checkliste Besprechungsmanagement", eine Vorlage "Aufbau eines Projektstatusberichts" oder zwei verschiedene Darstellungsweisen zur "Terminfortschrittsermittlung". Thematisiert wird der Umgang mit Hindernissen, Nebenwirkungen und Planabweichungen.
- Der Wissensbaustein "Projektabschluss, Transfer und Nutzung der Projektergebnisse" zeigt auf, wie eine rückblickende Analyse des Projektverlaufs systematisch gestaltet werden kann. In kurzen Abschnitten werden resümiert: die Festlegung von Folgemassnahmen, aussagekräftige Abschlussberichte, Präsentation von Ergebnissen, Wissenstransfer und Auflösung der Projektorganisation.
Auf der CD-ROM, welche zusammen mit dem Buch erworben wird, sind das Glossar sowie die Vorlagen für die 30 Arbeitshilfen zu finden, die bereits im Buch abgedruckt sind. Hinzu kommen nicht weniger als 47 weitere Arbeitshilfen, gegliedert nach den Kapiteln der Wissensbausteine. Weiter sind Ausführungen zu "projektbegleitenden Massnahmen" sowie "projektübergreifendes PM" enthalten. Ebenfalls abrufbar sind eine Muster-Weiterbildungsmassnahme, weitere Fallbeispiele zu den Wissensbausteinen sowie ein Serviceteil mit Internet-Links und Angaben zu ausgewählten Beratungsstellen.
Diskussion
Die Literatur zu Projektmanagement ist nicht mehr überblickbar. Bei einer Neuerscheinung mit grundlegendem, einführendem Anspruch stellt sich somit die Frage, was gegenüber bestehenden Werken an zusätzlichem Nutzen zu erwarten ist und vor allem für wen. Beim Buch von Michael Hesseler fällt unter formalen Aspekten als erstes die imposante Materialfülle auf, sie ist schon beinahe erdrückend. Zahlreiche Seiten sind dicht und eng beschrieben, die Abbildungen und (langen) Listen in kleiner Schrift und enger Darstellung gehalten. Eine Orientierung fällt nicht leicht und wird auch kaum durch optische Gliederungshilfen unterstützt. Die ergänzende CD enthält rund 170 zusätzliche Dokumente, darunter nebst den 77 Arbeitshilfen etliche Power-Point-Präsentationen und weitere mehrseitige Texte. Sie sind zwar zu neun Kapiteln zusammengefasst, ansonsten wird die Orientierung aber wenig unterstützt. Leider haben die elektronischen Dokumente auch keine Kopf- oder Fusszeile, so dass nach erfolgtem Ausdruck oder Download kein Hinweis auf die Quelle zu finden ist. Kein Zweifel: Der Autor ist sehr freigiebig mit seinen Materialien. Die Prägnanz bleibt auf der Strecke.
Inhaltlich
wird der Anspruch, die sachrationalen und die personenbezogenen Anteile des Projektmanagements
gleich hoch zu gewichten, nur phasenweise eingelöst. Die meisten
Überlegungen zu den "Softskills" wie Teamzusammensetzung, Führung,
Kommunikation und Informationsaustausch finden sich in einem Unterkapitel des
Bausteins "prinzipielle Vorgehensweise". Passende Arbeitsinstrumente zum
Beispiel zu Teamphasen oder Konfliktlösung sind nicht oder nur mit sehr
summarischen Hinweisen zu finden, sie haben zu wenig den Charakter von
arbeitsunterstützenden Instrumenten. Für die sachorientierte Prozessgestaltung
hilfreich ist die grundsätzliche Einteilung der Bausteine, welche die zeitlich
aufeinander folgenden Phasen repräsentieren. Was jedoch fehlt wäre die Auswahl
von einigen wenigen Basis-Arbeitsinstrumenten, entlang derer sich der Kern des
Projektmanagements - auch für kleine Projekte - durcharbeiten liesse. Alles
wirkt ähnlich wichtig. Aufzählungen sind oft seitenlang und als Gliederungshilfen
nicht dienlich. Das Fallbeispiel, welches im zweiten Buchteil eingeflochten
wird, "Aufbau eines Verkaufsbüros in London", dürfte nur für wenige Anwendungen
einen Transfernutzen bieten, zumal in der Regel nicht gezeigt wird, wie in
diesem Beispiel die ausgefüllten Instrumente aussehen. Die "ausgewählten
Wiederholungsfragen" am Schluss jedes Bausteins eröffnen zwar jeweils eine
willkommene Gelegenheit zur Reflexion des Gelesenen, für ihre Beantwortung muss
allerdings weit ausgeholt werden. Und die "To-do-Listen", in der didaktischen
Anlage durchaus sinnvoll, haben in den hinteren Kapiteln den Charakter von
Verhaltensappellen mit dreifachem Ausrufezeichen.
Fazit
Für das Projektmanagement im Non-Profit-Bereich, spezifisch für den Sozial-, Bildungs- und Gesundheitssektor oder für sozialwissenschaftliche Forschungs- und Entwicklungsprojekte, bietet das Buch zu wenig Anknüpfungsstellen und zu viel Ballast. Gewisse Fragestellungen, die für den Profitsektor typisch sind, stellen sich allenfalls bei Projekten der öffentlichen Verwaltung in vergleichbarer Weise. Das Buch kann aber auch den Anspruch, für Klein- und Mittelunternehmen Einstieg und Leitschnur zu bieten kaum erfüllen, dazu ist es zu unübersichtlich und in entscheidenden Aspekten zu wenig griffig. Wer sich in der Systematik des Projektmanagements schon gut auskennt und Übung darin hat, die Spreu vom Weizen zu trennen, kann aus dem in grosser Fleissarbeit entstanden Pool schöpfen und da oder dort ein anregendes Instrument herausfiltern, damit das Managen von Projekten nicht zur Routine werden muss.
Rezension von
Prof. Felix Wettstein
Pädagoge, Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit der FH Nordwestschweiz in Olten, Leiter des Master of Advanced Studies (MAS) Gesundheitsförderung und Prävention, Mitglied der Koordinationsgruppe des Netzwerks Gesundheitsförderung D|A|CH.
Zusätzliche Homepage www.dach-gf.net
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