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Gesellschaft für Erzieherische Hilfen, IGFH-Sektion Bundesrepublik Deutschland der Fédération Internationale des Communautés Educatives (FICE) e.V., Hiltrud von Spiegel u.a. (Hrsg.): Zielorientierte Dokumentation in der Erziehungshilfe

Cover Gesellschaft für Erzieherische Hilfen, IGFH-Sektion Bundesrepublik Deutschland der Fédération Internationale des Communautés Educatives (FICE) e.V., Hiltrud von Spiegel, Peter Middendorf (Hrsg.): Zielorientierte Dokumentation in der Erziehungshilfe. Standards, Erfahrungen und Ergebnisse. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2007. 272 Seiten. ISBN 978-3-925146-60-2. 22,80 EUR.

Reihe: Erziehungshilfe-Dokumentationen - Band 25.
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Thema, Entstehungshintergrund und Funktion

IT in der Sozialen Arbeit, noch dazu in den Erziehungshilfen. Viele Jahre lang ein Thema, an dem sich die Geister schieden! Dass es im Bereich der Dokumentation im Zuge der Umsetzung der Qualitätsvereinbarungen inzwischen zu einem dringlichen Erfordernis geworden ist, auch software-gestützte Verfahren einzusetzen, dafür plädiert auch dieses Buch. Im Mittelpunkt stehen dabei „Überlegungen zur Qualifizierung des erzieherischen Alltags durch eine Dokumentationsform, die sich auf die Verfahrensschritte der Fortschreibung der Hilfeplanung konzentriert“ (S. 11), also zur Ereignisdokumentation, als Berichtsvorlage und zur Strukturierung von Hilfeplangesprächen eingesetzt werden kann. Am Beispiel der Einführung des so genannten ‚elektronischen Gruppenbuches im Westfälischen Jugendheim Tecklenburg werden hier Ergebnisse einer Prozess begleitenden Evaluation vorgestellt und diskutiert, die im Rahmen eines vom Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen geförderten Forschungs- und Entwicklungsschwerpunktes „Qualitätsentwicklung in der Sozialen Arbeit“ an der Fachhochschule Münster durchgeführt wurde.

Aufbau und Inhalt

Sinnvoll erscheint es dabei, dass dieses Buch die Ergebnisse der Evaluation unter verschiedenen Blickwinkeln fokussiert, die jeweils auch getrennt von einander lesbar sind und verwertbar erscheinen und den sechs zentralen Teilen des Buches entsprechen:

  1. Die unterschiedlichen Funktionen von Zielen und die sich daraus ergebenden Implikationen für die Arbeit mit Zielen in den Erziehungshilfen stehen im ersten Kapitel im Zentrum. Spannend erscheint dabei vor allem die These, dass Zielorientierung hier differenziert betrachtet und in ihrer Reichweite auch teilweise relativiert werden muss.
  2. Im zweiten Kapitel geht es um die verschiedenen Funktionsbereiche von Dokumentation und um die Herausforderung, den Fachkräften hier die richtigen Kriterien und Arbeitshilfen für die alltägliche Arbeit zur Verfügung zu stellen. Leitlinien für eine zielorientierte Dokumentation und wertvolle Empfehlungen für den Einsatz fachlich sinnvoller Software werden dazu genannt und diskutiert.
  3. Vor diesem Hintergrund werden dann die dokumentierten Erfahrungen der Leitung, der Fachkräfte, der Jugendämter und auch der beteiligten Jugendlichen mit der Implementierung des elektronischen Gruppenbuches differenziert dargestellt. Besonders erhellend erscheint am Ende dieses Teils ein differenziertes Fazit zur Leistungsfähigkeit, aber auch zu den Grenzen dieses Instrumentariums, das Akteuren in vergleichbaren Arbeitsfeldern ein abgewogenes Urteil im Hinblick auf die Sinnhaftigkeit der Einführung in der eigenen Einrichtung ermöglicht.
  4. Im vierten Kapitel schließlich werden die durchgeführte Evaluation selbst sowie ihre zentralen Ergebnisse dargestellt. Vor allem drei Fragen werden dabei geklärt:
    1. Wie steht es um die erhoffte Steigerung der Effizienz der notwendigen Dokumentationsarbeit?
    2. Konnte die Zielorientierung der Tagesdokumentation verbessert werden?
    3. Erfahren die Hilfeplangespräche eine zusätzliche Qualifizierung und Optimierung?Dass im Zuge der Beantwortung dieser Fragen die Ergebnisse auch interpretiert und in Form von sehr nützlichen Empfehlungen diskutiert werden, macht dieses Buch vor allen Dingen auch für diejenigen interessant, die für die Einführung solcher Systeme verantwortlich sind.
  5. Die Vertiefung von interessanten Einzelaspekten steht im fünften Kapitel im Vordergrund. Hier geht es u.a. um die Frage, welche Auswirkungen die Einführung auf die pädagogische Arbeit in den Wohngruppen der Einrichtung hat bzw. haben kann. Auch die Diskussion der Perspektiven, die die wirkungsorientierte Steuerung auf die Beteiligten und auf die fachlichen Prozesse haben kann, wird differenziert geführt.
  6. Im Anhang des Buches befinden sich schließlich eine große Zahl an wichtigen Informationen, die Einblicke in die konkrete ‚Evaluations-Arbeit‘ bieten und auf diese Weise die vorgelegten Ergebnisse transparenter und nachvollziehbarer gestalten: Arbeitshilfen, Ergebnisse von Inhaltsanalysen, Erhebungsinstrumente usw. sind hier dokumentiert.

Fazit

Seit der Einführung des ‚elektronischen Gruppenbuchs‘ im Westfälischen Jugendheim Tecklenburg sind nun fast zehn Jahre vergangen. Angesichts der gemeinhin dem IT-Bereich unterstellten hohen Entwicklungsdynamik könnte man daher vermuten, dass die hier vorliegenden Erkenntnisse deshalb schon überholt wären. Dem ist bei näherer Betrachtung aber deshalb wohl eher nicht so, weil zum einen die Rezeption IT-gestützter Verfahren in der Kinder- und Jugendhilfe grundsätzlich eher zögerlich erfolgt und zum anderen in der Software-Entwicklung dieses Sektors in den vergangenen Jahren zwar zahlreiche Verbesserungen, aber keine echten Quantensprünge zu verzeichnen waren. Weiterhin ist davon auszugehen, dass die Potenziale solcher Instrumentarien in aller ihrer inzwischen zur Verfügung stehenden Breite im Zusammenhang mit den fachlichen Notwendigkeiten und Herausforderungen im Zuge der Hilfeplanverfahren in der Erziehungshilfe sowieso nur zu einem eher geringen Teil genutzt werden.

Problematisch erscheint dagegen eher die Gefahr, dass bei der Entwicklung und bei der Auswahl geeigneter Software eher unspezifisch, denn gezielt fachlich und inhaltlich begründet vorgegangen wird. So gewinnen die hier vorliegenden Ergebnisse gerade deshalb eine nicht unerhebliche Bedeutung im Zusammenhang mit Kaufentscheidungen der Träger und Einrichtungen der Jugendhilfe, denen ja vor allem die fachliche Begründetheit bei der Auswahl zugrunde liegen sollte. Und sie könnten nicht zuletzt auch denen Orientierung bieten, deren Aufgabe es ist, geeignete Software für dieses Feld zu entwickeln und bereit zu stellen. Zu groß ist hier immer noch in vielen Fällen die Kluft zwischen IT-Markt und Sozialer Arbeit – im Hinblick auf eine gemeinsame Sprache und auch im Hinblick auf die ‚Kenntnis der Gegenseite‘.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim König
Evangelische Hochschule Nürnberg, Fakultät für Sozialwissenschaften.
Allgemeine Pädagogik, Empirische Methoden, Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit, Jugend- und Erwachsenenbildung, Praxisberatung und Fortbildung in Qualitäts- und Evaluationsfragen.
Leiter des Instituts für Praxisforschung und Evaluation im kirchlichen, sozialen und Bildungsbereich.
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Zitiervorschlag
Joachim König. Rezension vom 06.07.2009 zu: Gesellschaft für Erzieherische Hilfen, IGFH-Sektion Bundesrepublik Deutschland der Fédération Internationale des Communautés Educatives (FICE) e.V., Hiltrud von Spiegel, Peter Middendorf (Hrsg.): Zielorientierte Dokumentation in der Erziehungshilfe. Standards, Erfahrungen und Ergebnisse. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2007. ISBN 978-3-925146-60-2. Reihe: Erziehungshilfe-Dokumentationen - Band 25. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4834.php, Datum des Zugriffs 22.05.2019.


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