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Jutta Elz (Hrsg.): Kooperation von Jugendhilfe und Justiz bei Sexualdelikten gegen Kinder

Cover Jutta Elz (Hrsg.): Kooperation von Jugendhilfe und Justiz bei Sexualdelikten gegen Kinder. Kriminologische Zentralstelle e.V. (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-926371-76-8. 20,00 EUR.

Reihe: Kriminologie und Praxis - 53.
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Vorbemerkung

Die Kriminologische Zentralstelle veranstaltete im März 2006 in Wiesbaden eine interdisziplinäre Fachtagung mit dem Ziel, die Kooperationsmöglichkeiten von Jugendhilfe und Justiz bei Sexualdelikten gegen Kinder auszuloten.

Ohne Zweifel ist das Thema äußert brisant und nicht nur auf den sexuellen Missbrauch beschränkt. Auch bei anderen Kindeswohlgefährdungen ist jeweils das Verhältnis von Jugendhilfe und der dritten Gewalt, den Gerichten  thematisch.

Konflikte im Spannungsverhältnis zwischen Jugendhilfe und Justiz sind vorprogrammiert. Bereits ein oberflächlicher Blick auf einen Fall sexuellen Missbrauches lässt erkennen, welche höchst unterschiedlichen Interessen aufeinanderprallen können. So kann es geschehen, dass die Polizei oder die Staatsanwaltschaft Daten des Jugendamtes oder einer Erziehungsberatungsstelle abfragen wollen, um gezielt gegen einen Sexualstraftäter vorgehen zu können. Bei einer derartigen Konstellation können die Interessen der Beteiligten weit auseinandergehen. Während das System Jugendhilfe das Wohl der Kinder und Jugendlichen sowie die Belange ihrer Familien zu vertreten hat, ist Aufgabe der Polizei und der Staatsanwaltschaft die Strafverfolgung.  Im Saarbrückener Memorandum wird dieser Gedanke folgendermaßen formuliert: "So ist es Sache der Polizei, mit allen ihr zulässigen und praktisch möglichen Mitteln Gewalttäter dingfest zu machen bzw. bei akuter Bedrohung die aktuell erforderlichen Schutzmaßnahmen zu ergreifen (Ermittlungsverfahren mit Beweissicherung, Herausnahme des Kindes bei akuter Gefahr, Wegweisung bzw. Platzverweis zu Lasten der gewalttätigen Person, Inobhutnahme des Kindes durch das Jugendamt, Einschaltung der Staatsanwaltschaft). Demgegenüber sollte die Jugendhilfe konsequent darum besorgt sein, den Zugang zu (möglicherweise) betroffenen Kindern und ihren Familien aufzubauen und zu sichern, um die Ressourcen der vorrangig Verpflichteten - soweit vorhanden - zu nutzen bzw. herauszufordern" (Saarbrücker Memorandum 2004, Köln, 17).

Um effektiv helfen zu können, muss die Jugendhilfe in aller Regel das Vertrauen der betroffenen Kinder, Jugendlichen und gegebenenfalls auch anderer Familienmitglieder gewinnen und erhalten. Dies kann nur durch ein entsprechendes Maß Diskretion erreicht werden. Wer Opfern sexueller Gewalttaten professionell helfen will, kann dies nur, wenn das Verhältnis zu seinen Klienten im Prinzip vor dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörden geschützt ist.

Diese divergierenden Interessen basieren auf strukturellen Gegensätzen zwischen Jugendhilfe und Justiz. Beide Systeme haben zunächst einmal unterschiedliche gesellschaftliche Arbeitsaufträge. Die Justiz handelt mehr oder weniger ergebnisorientiert, streitentscheidend und folgt letztendlich einem Conditional-Schema, was bedeutet, dass zwingend eine Rechtsfolge vorgeschrieben ist, wenn bestimmte Tatsachen vorliegen. Im Gegensatz hierzu ist die Jugendhilfe eher systemischen Strategien verpflichtet. Verhaltensauffälligkeiten oder Störungen sind keine individuellen Eigenschaften einer Person, sondern Ausdruck eines aus dem Gleichgewicht geratenen Beziehungssystems. Interventionen in der Jugendhilfe zielen primär auf eine Veränderung des Beziehungssystems.

Neben diesen Funktionsunterschieden ist nicht zu übersehen, dass das Verhältnis zwischen Jugendhilfe und Justiz auch noch durch ganz andere Faktoren bestimmt ist. Um es einmal so zu formulieren: Häufig dünken sich die Juristen als etwas Besseres als Sozialarbeiter und Sozialpädagogen. Dazu mag die durchaus unterschiedliche Länge der Ausbildung sowie der Schweregrad der jeweiligen Prüfungen beitragen. Auch der Grad der öffentlichen Aufmerksamkeit (man Vergleiche nur die Anzahl der Krimis und Gerichtsfilme im Fernsehen und das fast völlige Fehlen vergleichbarer Werke aus der Sozialen Arbeit), die unterschiedliche gesellschaftliche Anerkennung, die Höhe der Besoldung sowie die jeweiligen Machtbefugnisse spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Hinzu kommen offensichtlich noch bestehende oder auch neue Vorurteilsstrukturen vor allen Dingen der Justiz gegenüber dem System Jugendhilfe und ihren Akteuren. Dies wurde jüngst wieder deutlich, als in der Deutschen Richterzeitung beklagt wurde, dass der Gesetzgeber vorhabe, die Rolle der Familiengerichte zu modifizieren. Unter der Überschrift "Die Familiengerichte sollen es richten" wird befürchtet, dass Richter und Richterinnen von Entscheidern zu Erziehern degradiert werden. Bislang sei es doch so, dass Familiengerichte bei einer Kindeswohlgefährdung erst dann ins Spiel kommen, wenn es um einschneidende Maßnahmen geht. Nun solle den Gerichten zugemutet werden, im Vorfeld schon ein Gespräch mit den Eltern oder auch dem Jugendlichen zu führen, ein Gespräch das erst einmal keine Konsequenzen haben soll. Das führt entschieden zu weit, denn: "Ein Gericht ist nicht der rechte Ort für eine Gesprächstherapie überforderter Eltern…" (Neumann, Ralf, DRiZ 2007, 66).

Angesichts dieser "Schieflagen" zwischen Jugendhilfe und Justiz ist es umso verdienstvoller, dass erneut der Versuch unternommen wurde, über Kooperationsmöglichkeiten  zwischen beiden Systemen nachzudenken.

Aufbau und Inhalt

In 14 Beiträgen wird das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

  • Das Buch wird von Reinhard Wiesner eingeleitet. Er erläutert vor dem Hintergrund des staatlichen Wächteramtes insbesondere die Aufgabenteilung zwischen Jugendämtern und den Familiengerichten. Beide staatlichen Institutionen dürften sich nicht als Rivalen  begreifen, sondern müssten eine Verantwortungsgemeinschaft bilden. Auf dieser Folie erläutert Wiesner, welche Beweggründe der Gesetzgeber hatte,  § 8a SGBVIII einzufügen. In diesem Zusammenhang wird die unreflektierte Dienstleistungsmentalität in der Jugendhilfe kritisiert, die den Gesetzgeber gezwungen habe, "Flagge zu zeigen".
  • Max Steller beschäftigt sich mit fehlerhaften Aufdeckungsstrategien bei sexuellem Missbrauch durch eigentlich "Gutmeinende" und kommt zum Ergebnis, dass Kooperation zwischen Justiz und Jugendhilfe wünschenswert, eine Kontrolle der Jugendhilfe durch die Justiz und Öffentlichkeit auf jeden Fall notwendig ist.
  • Mit dem Thema "Datenschutz als Hindernis oder Chance für Kooperation zwischen Jugendhilfe und Strafjustiz/Polizei?" setzt sich Thomas Meysen auseinander. Er plädiert dafür, dass der Kinderschutz Datenschutz braucht. Die Strafverfolgungsbehörden müssten im Interesse einer professionellen Arbeit der Jugendhilfe den Vertrauensschutz als rechtlich geschützte Grundlage der Arbeit im Jugendamt akzeptieren. Umgekehrt habe die Jugendhilfe das Legalitätsprinzip der Strafverfolgungsbehörden bei ihrer Arbeit zu beachten. Der respektvolle Umgang mit den Funktionen des jeweils anderen gewährleiste und  stärke die Kooperation der Institutionen.
  • Michael Kölch und Jörg M. Fegert referieren empirische Erkenntnisse zur Kooperation zwischen Jugendhilfe und Justiz aus einer Berlin-Köln sowie einer Ulmer Studie. Aus beiden Studien lasse sich die Bedeutung auftragsklärender Verantwortung im Rahmen des Kinderschutzverfahrens sowie bessere institutionalisierte Kooperation nachweisen. Empirische Daten zur Zusammenarbeit von Jugendämtern und Gerichten im Falle der Kindeswohlgefährdung werden von Barbara Mutke vorgestellt. Sie erläutert die Ergebnisse zweier Studien aus dem Jahre 2000 sowie 2007, durch die insbesondere untersucht wurde,  welche Problemlagen und welche familiären Situationen zu Kindeswohlgefährdungen führen und wie Fachkräfte in Jugendämtern und Gerichten auf diese Gefährdung reagieren.
  • Stefan Heilmann hält den Begriff der "Verantwortungsgemeinschaft" zwischen Jugendhilfe und Familiengericht für bedenklich. Jede Institution trage Verantwortung für sich. Bei der dauerhaften Herausnahme eines Kindes aus einer Familie sei letztverantwortlich das Gericht. Das Verhältnis zwischen Jugendhilfe und Justiz sei durch wechselseitige Abhängigkeiten charakterisiert, eine konstruktive Zusammenarbeit zum Wohle des Kindes sei erforderlich.
  • In drei Publikationen werden Kooperationsmodelle zwischen Jugendhilfe und Justiz vorgestellt. Wolfgang Raack erläutert das "Kerpener Modell", einem lokalen Bündnis auf der Leitungsebene zur Steuerung komplexer Verfahren im Bereich Kinderschutz. Durch die Einführung des § 8a SGB VIII sei die Kluft zwischen Jugendhilfe und Familiengerichtsbarkeit wesentlich verringert worden. Dagmar Freudenberg erläutert das "Göttinger Modell", dessen Ziel es ist, die Belastung kindlicher Opfer von Sexualstraftaten im Ermittlungs- und Strafverfahren zu minimieren. Monika Bormann analysiert die Schwierigkeiten, die sich in einem "Arbeitkreis gegen sexualisierte Gewalt" aus der Kooperation unterschiedlicher Professionen ergeben und betont, dass sich viele Kommunikationsprobleme und wechselseitige Vorwürfe "erledigen" würden, wenn die rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen des jeweils anderen Berufes bekannt wären.
  • Annette Frenzke-Kulbach erörtert Aspekte erfolgreicher multiprofessioneller Kooperation gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen und kommt auf Grund von Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass das Interventionssystem noch nicht optimal aufeinander abgestimmt ist.
  • In einem weiteren Beitrag von Dagmar Freudenberg erläutert sie die Grundprinzipien der Arbeit der Strafverfolgungsbehörden vor allen Dingen die materiell-rechtlichen sowie die verfahrensrechtlichen Aspekte bei sexuellem Missbrauch gegen Kinder und Jugendliche und analysiert die Möglichkeiten des Schutz von kindlichen Opfern im Strafverfahren.
  • Friesa Fastie schildert ein Konzept sozialpädagogischer Prozessbegleitung und legt u.a. dar, was die Prozessbegleitung bewirken soll.
  • Melanie Blattner stellt einen Film mit dem Titel "Annika geht zum Gericht" vor und beschreibt, wie dieses Medium zur Gerichtsvorbereitung von kindlichen Zeugen genutzt werden kann.
  • Jessika Kuehn-Velten wirbt in ihrem Beitrag "Das Kind im Blick, Kooperation für die Kinder und mit den Kindern" für eine Respektierung kindlicher Wünsche und Anregungen.
  • Der Band wird schließlich mit einer Auswahlbibliographie von Jutta Elz abgeschlossen.

Fazit

Das Buch setzt sich mit den facettenreichen Aspekten der Kooperation  von Jugendhilfe und Justiz auseinander und thematisiert am Beispiel der Sexualdelikte, in welcher Form der Staat sein Wächteramt gegenüber versagenden Eltern wahrnehmen soll. Da fast alle  an diesem Prozess beteiligten Professionen  zu Worte kommen, lässt sich gut der aktuelle Stand der Kooperation nachvollziehen. In einigen Beiträgen wird auch durchaus die Kluft zwischen Jugendhilfe und Justiz herausgestellt. Vielleicht wäre es sinnvoll, einmal intensiver über das Trennende beider Systeme nachzudenken, um auf diesem Hintergrund erneut den Versuch zu unternehmen, die Kooperationschancen zu benennen.

Die Beiträge dieses Buches sind informativ und, wie ich finde, ausgezeichnet für entsprechende Veranstaltungen an den Hochschulen und in der Weiterbildung geeignet.


Rezensent
Prof. Dr. Friedrich Barabas
i.R., Fachhochschule Frankfurt Fachbereich 4 Soziale Arbeit und Gesundheit
Homepage www.fb4.fh-frankfurt.de


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Zitiervorschlag
Friedrich Barabas. Rezension vom 19.10.2007 zu: Jutta Elz (Hrsg.): Kooperation von Jugendhilfe und Justiz bei Sexualdelikten gegen Kinder. Kriminologische Zentralstelle e.V. (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-926371-76-8. Reihe: Kriminologie und Praxis - 53. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4838.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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