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Claus Melter: Rassismuserfahrungen in der Jugendhilfe

Cover Claus Melter: Rassismuserfahrungen in der Jugendhilfe. Eine empirische Studie zu Kommunikationspraxen in der Sozialen Arbeit. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2006. 470 Seiten. ISBN 978-3-8309-1694-9. 39,90 EUR.

Reihe: Internationale Hochschulschriften - Band 470.
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Thema

In der Migrations-, Rassismus- und Jugendhilfeforschung sind die Erfahrungen der Menschen, die von Rassismus und Rechtsextremismus betroffen sind, bisher nur marginal thematisiert und kaum empirisch untersucht worden. Im Fokus des Buches von Melter stehen hingegen die Perspektiven von eingewanderten männlichen Jugendlichen im Zentrum des Interesses: Ob und wie erleben und interpretieren sie Formen von institutionellem und von Einzelpersonen ausgeübten Alltagsrassismus, welche Handlungsstrategien entwickeln sie und wie sprechen sie mit PädagogInnen, die sie im Rahmen ambulanter Jugendhilfemaßnahmen betreuen, über ihre Diskriminierungserfahrungen?

Inhalt

Nach der ausführlichen Darlegung eines neuen Konzepts von Alltagsrassismus (verstanden als institutioneller, diskursiver, struktureller sowie von Einzelpersonen und Gruppen ausgeübter Alltagsrassismus) werden neuere Studien zu Rassismus (in Form von Antisemitismus, Antiziganismus, Antiislamismus, Rassismus gegen Schwarze und als „ausländisch“ definierte Personen) und eine kritischen historische und gegenwartsbezogenen Analyse der  Jugendhilfe vorgestellt.

Im empirischen Teil findet sich neben Einzelinterviews mit den Jugendlichen und den PädagogInnen auch eine neue von Melter entwickelte Methodik eines gemeinsamen Klärungs- und Konfrontationsinterviews, welches zur Datenerhebung angewandt wurde. Sieben männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund, von denen zwei in der Bundesrepublik geboren wurden, aber alle hier die Schule besucht und den größten Teil ihres Lebens verbracht haben sowie sieben SozialpädagogInnen (eine weibliche, sechs männliche) wurden ausgewählt. In Nachinterviews konnten die Analysen von den Befragten nochmals kommentiert werden. Durch die Beteiligung der InterviewpartnerInnen an den Interpretationen wurde ein hoher Grad an Authentizität erreicht.

Die Beteiligten für die Interviews zu gewinnen, stellte kein Problem dar, da der Autor mehr als acht Jahre selbst als Pädagoge in der Jugendhilfe tätig war. Nach den Befunden der Studie haben alle befragten Jugendlichen regelmäßig Diskriminierungserfahrungenin Schulen, Geschäften, Freundeskreisen und Diskotheken gemacht. Eine hohe Übereinstimmung gibt es auch in den Erklärungsmustern der Jugendlichen und ihren Strategien, mit Alltagsrassismus umzugehen. Die Ergebnisse der Studie werden von einer Reihe anderer Untersuchungen bestätigt: Jugendliche mit Migrationshintergrund haben - wenn auch in unterschiedlichem Maße - durchgängig Erfahrungen mit Rassismus gemacht; im Hinblick auf Institutionellen Rassismus vor allem bei der Polizei und den Ausländerbehörden.

Ein erschreckendes Bild bieten die Ergebnisse, die sich aus der Befragung der Fachkräfte der ambulanten Jugenddienste und den gemeinsamen Interviews ergeben haben: Die Pädagogen und die Pädagogin setzen sich u. a. mit den - oft existentiell wichtigen - Fragen des Aufenthaltsstatus ihrer Klienten nicht oder unzureichend auseinander, versuchen jedoch durch diverse Argumente ihr Handeln zu legitimieren. Sie kommunizieren gar nicht oder völlig unzureichend mit den Jugendlichen über deren rassistische Erfahrungen und beziehen diese in ihre Beratungskonzepte nicht mit ein. Rassismuskritische und migrationssensible Kenntnisse und Kompetenzen sind kaum vorhanden, was auch - so Melter - vor dem Hintergrund der kaum realisierten Thematisierung von Rassismuserfahrungen in Aus- und Weiterbildungsangeboten, Planungen in Jugendhilfeausschüssen und politischen Vorgaben zu interpretieren ist.
Die befragten SozialpädagogInnen und ihre Handlungsweisen werden scharf kritisiert: Es „handelt sich bei der untersuchten Praxis der ambulanten Jugendhilfe um ein systematisch von Mitarbeitern der Institutionen/ Organisationen ausgeübtes oder zugelassenes ausgrenzendes, benachteiligendes oder unangemessenes und somit unprofessionelles Handeln gegenüber ethnisierten, rassialisierten, kulturalisierten Personen“.

Fazit

Mit dieser Arbeit legt Claus Melter erste empirisch gesicherte Befunde über Interaktionen in der ambulanten Jugendhilfe vor sowie darüber, wie die Opfer rassistischer Diskriminierungen und Gewalt mit ihren Erfahrungen umgehen, welche Bewältigungsstrategien sie entwickelt haben und wie die Fachkräfte der ambulanten Jugendhilfe diese Rassismuserfahrungen bei ihren Beratungskonzepten (nicht) berücksichtigen. Den Ergebnissen dieser Untersuchung kommt zweifellos nicht nur eine wichtige Rolle in der Fachdiskussion zu, sie stellen auch ein umfangreiches Datenmaterial für weiterführende Forschungsarbeiten zur Verfügung.

Im Übrigenwerden Empfehlungen für die Rassismus- und Jugendhilfeforschung sowie die Sozialarbeit formuliert, die nicht nur für die Jugendhilfe, sondern für die gesamte Soziale Arbeit als Lektüre zu empfehlen sind.


Rezensent
Prof. Dr. Rolf Meinhardt


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Zitiervorschlag
Rolf Meinhardt. Rezension vom 05.05.2007 zu: Claus Melter: Rassismuserfahrungen in der Jugendhilfe. Eine empirische Studie zu Kommunikationspraxen in der Sozialen Arbeit. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2006. ISBN 978-3-8309-1694-9. Reihe: Internationale Hochschulschriften - Band 470. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4843.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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