socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anton A. Bucher: Psychologie der Spiritualität

Cover Anton A. Bucher: Psychologie der Spiritualität. Handbuch. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2007. 228 Seiten. ISBN 978-3-621-27615-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 48,50 sFr.

Mit einem Vorwort von Rolf Oerter.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema, Hintergründe und Autor

Spiritualität hat Konjunktur. Das ist nicht nur, aber auch im ökonomischen Sinn gemeint: Spiritualität verkauft sich gut. Katholische Spirituale wie Anselm Grün veröffentlichen ihre Bücher inzwischen beinahe schneller, als manch eine/r mit dem Lesen nachkommen kann. Prominente bevölkern den Jakobsweg und schreiben dann über ihre spirituellen Erkenntnisse. Und der Dalai Lama schließlich ist immer wieder ein Publikumsmagnet - selbst auf Evangelischen Kirchentagen hat der Buddhist Kultstatus. Aber bei und neben aller gegenwärtigen, publizistisch subventionierten Konjunktur gilt gleichwohl: Spiritualität ist ein universelles Phänomen, sowohl in zeitlicher als auch in kultureller Hinsicht. Auch für Deutschland ist Spiritualität alles andere als ein neues gesellschaftliches Phänomen. Kirchen- und Katholikentage sind von je her anziehend auch für junge Leute, und der massenhafte Aufbruch in den sechziger Jahren nach Indien auf der Suche nach neuen spirituellen Impulsen hinterließ seine Spuren sogar in der Popmusik. Es gibt aber offenbar soziokulturelle Bedingungen, die das Aufblühen oder das Welken dieser Pflanze beeinflussen.

Mit der starken Individualisierung und dem Zerbrechen verbindender und verbindlicher Lebens- und Deutungsmuster entstehen zahlreiche, "selbstorganisierte" Formen von Spiritualität - meist ohne Anspruch auf Konsistenz. Umso spannender, wenn sich ein Vertreter eines traditionellen, hoch systematisierten spirituellen Systems, nämlich ein katholischer Theologe, dieses Themas annimmt. Denn es liegt die Frage nahe, ob er diese selbstorganisierten Bedeutungsgebungen ebenso wertschätzen kann wie das eigene System. Bucher ist Professor am Fachbereich Praktische Theologie der Universität Salzburg, seine Arbeitsschwerpunkte sind die Berührungspunkte von Theologie und Psychologie. Um Wertungen möglichst zu vermeiden, setzt Bucher einen deutlichen Schwerpunkt bei den Ergebnissen empirischer Arbeiten zum Thema. Sein Buch ist in weiten Teilen ein kritischer Literaturbericht, was apologetische Töne zu vermeiden hilft.

Aufbau und Inhalt

Das Buch entfaltet das umfangreiche Thema in sechs Kapiteln.

  1. Ein erstes Kapitel nimmt die Frage auf: "Spiritualität: aktuell und notwendig?" Es dient einer ersten Verortung des Themas zwischen Religionskrise und wissenschaftlicher Beschäftigung mit Spiritualität. Gerade die Krise kirchlich tradierter Religiosität, die sich in Austrittsbewegungen oder passiven Mitgliedschaften äußert, "begünstigt die Attraktivität von Spiritualität". (S. 11) Dazu kommt die schon von Peter Berger diagnostizierte Individualisierung, die sich kritisch auch gegen kirchliche Deutungsmuster wendet. Und schließlich hat "Spiritualität" den Vorteil, dass sie konfessionsübergreifend Sinn stiftet und sich nicht historischen, vielen Menschen unverständlichen Grenzen abarbeitet. Zum Stichwort "notwendig" werden Hinweise auf die Ergebnisse verschiedener empirischer Wissenschaften notiert: Quantenphysik, Psychologie, Neurophysiologie etc.
  2. Das zweite Kapitel trägt die Überschrift: "Was ist Spiritualität?" Hier stehen vor allem qualitative Studien im Mittelpunkt. "Verbundenheit" in vertikaler ("höheres Wesen" o.ä.) und in horizontaler (Natur, Kosmos, Mitmenschen) Ausrichtung erweist sich als zentraler Begriff. Weniger überzeugend fand ich den Versuch, Spiritualität quantitativ in den Blick zu bekommen: die dazu angewandten Skalen mal mehr, mal weniger erhellend - meistens weniger.
  3. Das dritte Kapitel befasst sich mit der "Entwicklung von Spiritualität". Hier werden verschiedene Stufenmodelle referiert. Solche Modelle haben eine starke heuristische Kraft, aber auch nicht mehr. Sie sind Landkarten, Orientierungshilfe - eben: Modelle. Man tut gut daran, sie nicht mit Beschreibungen von Realitäten zu verwechseln. Schon allein deshalb, weil solche "transpersonale Stufen" kaum überprüfbar und obendrein immer kulturell gefärbt sind. (Vgl. S. 67f) Allerdings hat es an solchen Modellen keinen Mangel, vor allem in der Rezeption und Weiterentwicklung der Kohlbergschen Stufen des moralischen Urteils sind Stufenmodelle für alle möglichen Bewusstseinsbereiche entstanden, so auch für das religiöse Bewusstsein. (z.B. Oser & Gmünder)
  4. "Effekte von Spiritualität" lautet die Überschrift des vierten Kapitels - und die Abschnittsüberschriften werden so manch eine/n PraktikerIn in Sachen Spiritualität motivieren, zu dem Buch zu greifen: "Verlängern Spiritualität und Religiosität die Lebensdauer?" (Scheint so!), "Verringert Spiritualität das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen?" (Ja, Spiritualität beruhigt!), "Reduziert Spiritualität das Risiko von Krebs?" (Leider nicht!) etc. Auch hier wird aus einer (bemüht?) neutralen Haltung heraus der Stand der Forschung referiert, die LeserInnen werden sich am Ende selbst ein Bild machen müssen. Aber spannend ist das Kapitel allemal!
  5. Das fünfte Kapitel heißt "Spiritualität in der Psychotherapie". Die traditionelle analytische oder auch die behavioristisch orientierte Psychologie standen Religiosität und Spiritualität eher kritisch gegenüber, sie galt ihnen als ein zu überwindendes bzw. nicht empirisch greifbares Phänomen. Die Humanistische (Maslow, Fromm u.a.) und die Transpersonale Psychologie Walsh und Vaughan, Wilber u.a.) haben das Thema wieder aufgegriffen und Raum geschaffen für spirituelle Interventionen (Gebet, Meditation etc.) und Begegnungen von spirituellen Klienten und Therapeuten. Zwei Feststellungen erscheinen dann beinahe banal: "Spirituelle Therapeuten halten Spiritualität für therapeutisch relevanter" und "Spirituelle Klienten bevorzugen spirituelle Therapeuten". 
  6. Das sechste Kapitel umfasst nur eineinhalb Seiten und heißt: "Ausblick". Hier werden die Forschungsdesiderate notiert: Zum einen fehlt eine psychologische Studie zum Thema, die den deutschsprachigen Raum gut repräsentiert, die aus dem angelsächsischen Raum stammenden Arbeiten spiegeln den dortigen sozioreligiösen Hintergrund. Und schließlich gibt es immer noch keinen definierten Begriff von Spiritualität, ebenso wenig sind wissenschaftliche Instrumentarien entwickelt, um solche Phänomene angemessen zu erfassen. Letztlich wird hier nur eine interdisziplinäre Arbeit weiterhelfen können.

Ein sehr umfangreiches Literaturverzeichnis und ein gut brauchbares Stichwortregister beschließen den Band von Bucher.

Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Das Buch gibt einen sehr ausführlichen Bericht über den gegenwärtigen Stand der Entwicklung einer "Psychologie der Spiritualität". Das Feld, das beackert werden muss, reicht (wie auch sonst?) weit über den Horizont hinaus und ist entsprechend unübersichtlich. Die Phänomene sind vielfältig und kaum zu ordnen, geschweige denn zu systematisieren. Dennoch müsste dieser Materialsammlung jetzt dringend eine systematische Arbeit folgen, die sich dann allerdings von der Idee verabschieden müsste, so etwas wie ein "Grundlagenwerk" darstellen zu können. Auch eine systematische "Psychologie der Spiritualität" könnte wieder nur der Beginn eines neuen Diskurses sein, denn auch sie wird nur eine Perspektive abbilden können. Aber eines ist sicher: Wenn jemand eine solche Arbeit unternehmen sollte, wird er/sie an dem Band von Bucher nicht vorbeikommen. Es ist sein Verdienst, die bislang vorliegenden Arbeiten rezipiert und übersichtlich sowie verständlich dargestellt zu haben. Im Untertitel heißt der Band "Handbuch" - und wird diesem Anspruch auch voll gerecht.

Für wen kann das Buch von Interesse sein? Ich beginne anders herum: Für wen nicht? Ganz sicher nicht für Menschen, die gern auf den kommerziellen Spiritualitätszug aufspringen möchten und dafür noch Fahrkarten brauchen. Die bietet Bucher nicht. Ganz sicher auch nicht für Menschen, die neue Ideen suchen, was sie sich spirituell noch einverleiben bzw. "einverseelen" könnten. Bucher bietet keinen "Markt der Möglichkeiten". Aber für Menschen, die sich seriös mit dem Thema befassen wollen, die sich einen Überblick über das weite Feld verschaffen möchten, ist der Band gewiss ein Gewinn. Und wer das Thema wissenschaftlich bearbeiten will, kann ebenfalls viel gewinnen. Da sich Bucher an der Kontaktgrenze von Theologie, Religionswissenschaft und Psychologie bewegt, ist sein Band für Studierende und Lehrende dieser Fächer eine empfehlenswerte Lektüre.

Fazit

Eine solide und reichhaltige Arbeit!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
E-Mail Mailformular


Alle 121 Rezensionen von Peter Schröder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 19.06.2007 zu: Anton A. Bucher: Psychologie der Spiritualität. Handbuch. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2007. ISBN 978-3-621-27615-3. Mit einem Vorwort von Rolf Oerter. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4848.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung