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Heiko Kleve: Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft

Rezensiert von Dipl.-Soz.Päd. Roman Werner, 17.08.2007

Cover Heiko Kleve: Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft ISBN 978-3-531-15465-7

Heiko Kleve: Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 2., durchgesehene Auflage. 286 Seiten. ISBN 978-3-531-15465-7. 24,90 EUR.

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Autor

Heiko Kleve ist Sozialpädagoge und Sozialwissenschaftler. Er hat im Bereich des Themenfeldes postmoderner Sozialarbeit promoviert und ist Professor für soziologische und sozialpsychologische Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Potsdam.

Thema

In dem Buch wird untersucht, wie sich gesellschaftliche Wandlungsprozesse auf Soziale Arbeit auswirken (müssen). Dies geschieht aus systemtheoretisch-konstruktivistischer Perspektive. Individualisierungs-, Pluralisierungs- und Differenzierungstendenzen in der postmodernen Gesellschaft machen die Reformulierung der Frage nach den eigentlichen Zielen und Merkmalen von Sozialarbeit notwendig. Ziel des Autors ist es, zu zeigen, dass in der postmodernen, durch Ambivalenzen gekennzeichneten Moderne, auch Sozialarbeit postmoderne Züge trägt. Gleichzeitig wird das Reflexionspotential postmoderner Sozialarbeit hervorgehoben.

Aufbau  und Inhalt

Das Buch ist in 4 Teile gegliedert.

  1. Im Teil I geht der Autor auf die für die weitere Argumentation zentralen Annahmen und Begrifflichkeiten systemisch-konstruktivistischer Anschauungen ein. Zudem beschreibt er drei Dimensionen, in denen die immanent postmoderne, ambivalente Sozialarbeit in der weiteren Argumentation erfasst wird: erkenntnis- bzw. wissenschaftstheoretisch, sozialtheoretisch und praxistheoretisch.
  2. Im Teil II (wissenschaftstheoretische Dimension) fragt Kleve nach den erkenntnistheoretischen Grundlagen des systemischen Konstruktivismus (nicht nur) Sozialer Arbeit. Eingegangen wird auf neurophysiologische Forschungen (insbes. Maturana/Varela), differenztheoretische Ausführungen (Spencer-Brown), kybernetische Erkennnistheorie (von Foerster) und auf die in systemtheoretischer Hinsicht grundlegenden Arbeiten von Niklas Luhmann. Die von Kleve thematisierten erkenntnistheoretisch begründbaren Ambivalenzen der Sozialarbeit sind die der Ganzheit/Differenz, Theorie/Praxis und Fundamentalismus/Beliebigkeit, die sich in ihrer jeweiligen Ausformung immer sowohl als ein "Entweder-oder" als auch ein "Sowohl-als-auch" beschreiben lassen.
  3. Teil III (sozialtheoretische Dimensionen) fußt auf den gesellschaftstheoretischen Grundlagen der Theorien funktionaler Differenzierung (Mayntz, Wilke, Fuchs u.a.), der Theorie reflexiver Modernisierung (Beck) sowie der Theorie reflexiver Differenzierung. Die gegenwärtige Gesellschaft wird in Anlehnung an Fuchs als hyperkomplex, polykontextural und heterarchisch beschrieben. Vor diesem Hintergrund werden verschiedene Ambivalenzen sichtbar: Persönliches/Gesellschaftliches, Inklusion/Exklusion, Integration/Desintegration, denen sich der Autor vertiefend widmet.
  4. Im IV. (praxisorientierten) Teil wird zunächst auf die Unmöglichkeit einer postmodernen Unterscheidbarkeit von Konformität und Devianz hingewiesen. Es sei in der Postmoderne nicht mehr möglich, eine klare und eindeutige Antwort auf die Frage zu formulieren, ob ein Verhalten normal oder abweichend ist. Im Teil IV werden folgende praxisbezogene Ambivalenzen thematisiert (die hier nur genannt werden können): Hilfe/Kontrolle, kontextuale Ambivalenzen, Berufsarbeit/Nächstenliebe, Macht/Ohnmacht, Hilfe/Nicht-Hilfe, Problem/Lösung, Vergangenheit/Zukunft, Ethik/Pragmatik.

Zusammenfassend betont Kleve nochmals die Unmöglichkeit, dass Sozialarbeit in einer Zeit, die sich durch das "Ende der Eindeutigkeit" kennzeichnen lässt, eindeutige, "richtige" Antworten bzw. Handlungsmöglichkeiten produzieren kann. Den Nutzen systemtheoretischen bzw. postmodernen Denkens für die Sozialarbeit sieht Kleve in der Anregung zu Reflexion bzw. Dekonstruktion, die aus dem Bewusstsein entspringt, dass alles auch ganz anders sein könnte. Dieses Bewusstsein, welches ohne Zweifel zur Orientierungslosigkeit führen kann, dürfe nicht als Makel, sondern als Konsequenz aufgefasst werden.

Fazit

Es handelt sich hier um ein anspruchsvolles und tiefgründiges Buch, von dem hier nur die (nach Ansicht des Rezensenten) zentralsten Punkte wiedergegeben werden konnten. Obwohl Erklärungen hinsichtlich der für das Verständnis des Buches zentralen systemisch-konstruktivistische Theorie im Buch erfolgen, ist die Lektüre wohl eher denjenigen (Wissenschaftlern aber auch Praktikern) zu empfehlen, die mit Systemtheorie und Konstruktivismus bereits gut vertraut sind.

Das Buch kann wohl vor allem von denjenigen mit Gewinn gelesen werden, die sich auf die zunächst oft befremdlich erscheinenden Thesen und die sich aus der Reflexion dieser Thesen ergebende Spannung einlassen möchten. Die (scheinbare) "Vereindeutigung" der eigentlichen Uneindeutigkeit, die vor dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierung Sozialer Arbeit und entsprechender "Konstruktionszwänge" im Denken gesehen werden kann, hätte in dem Buch eventuell mitreflektiert werden können.

Wenn etwas das Reflexionspotential systemisch-konstruktivistischer Denkweise veranschaulicht, dann ist es dieses Buch selbst. Schon deshalb (und weitgehend unabhängig von der Frage, ob Sozialarbeit als Wissenschaft nun ambivalent, paradox und orientierungslos sein darf) ist dem Buch vor allem in der Sozialarbeitswissenschaft und bei erfahrenen Sozialpädagogen, die routiniert zu Einheitslösungen greifen, eine weite Verbreitung zu wünschen.

Rezension von
Dipl.-Soz.Päd. Roman Werner
Derzeit tätig im Jugendamt des Landkreises Dahme-Spreewald

Es gibt 6 Rezensionen von Roman Werner.

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Zitiervorschlag
Roman Werner. Rezension vom 17.08.2007 zu: Heiko Kleve: Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 2., durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-531-15465-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4851.php, Datum des Zugriffs 21.02.2024.


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