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Michael Galuske: Methoden der sozialen Arbeit. Eine Einführung

Cover Michael Galuske: Methoden der sozialen Arbeit. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 7., ergänzte Auflage. 382 Seiten. ISBN 978-3-7799-1441-9. 15,50 EUR, CH: 27,70 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Sozialpädagogik, Sozialarbeit.

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Autor

Prof. Dr. phil. Galuske lehrt am Fachbereich Sozialwesen der Universität Kassel. Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit, Jugendsozialarbeit, Modernisierung und Soziale Arbeit.

Thema

Wenn Studierende der Sozialen Arbeit ein Seminar zum Thema "Theorie" besuchen (müssen), ist oft die Skepsis groß - was den möglichen Gewinn für das berufliche Handeln in der Praxis anbelangt. Ganz anders verhält es sich mit Veranstaltungen zum Thema "Methoden" der Sozialen Arbeit. Diese (über-)füllen stets die Hörsäle. Hier sind sich viele Studierende sicher, das notwendige Handwerkzeug für ihre Professionalität zu erhalten. Sie erwarten sich Imagegewinn (in der Konkurrenz mit anderen Berufsgruppen) und vor allem Handlungssicherheit in den komplexen und oft schwer zu durchschauenden beruflichen Alltagsproblemen.

Die getrennte Entwicklung von theoretischer und methodischer Diskussion in der Sozialen Arbeit ist häufig kritisiert worden: Eine angemessene Methodendiskussion ist ohne Theorie nicht zu führen, wie auch ein Theorieseminar ohne Aufweis der praktischen Relevanz und damit der Darstellung methodischer Aspekte l´art pour l´art ist.

Wenn wir einen vergleichenden Blick in eine andere Disziplin wie die Psychotherapie oder die psychologische Beratung werfen, so stellen wir Überraschendes fest: Selbstverständlich sind in einem Lehrbuch beispielsweise zur Klientenzentrierung neben persönlichkeitstheoretischen Ausführungen jede Menge an Methoden und Techniken enthalten, und dennoch werden wir kaum ein Buchtitel finden, in dem der Begriff "Methoden" enthalten ist.

Wenn auch das Lehrbuch von Michael Galuske den in der Sozialen Arbeit vielfach strapazierten Methodenbegriff im Titel aufweist, so erfüllt es doch die Forderung nach Integration von "Theoretischem" mit dem, was gemeinhin als Handwerkszeug der praktizierenden SozialpädagogInnen bezeichnet wird, in hohem Maße und das sehr erfolgreich, wie die in diesem Jahr erschienene  7. Auflage zeigt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus drei großen Teilen

1. Rahmenbedingungen methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit

Der Methodenbegriff des Autors fußt auf der zurecht vielfach rezipierten Arbeit von Heinz Geißler und Marianne Hege aus den 70 er Jahren, die Theorie und Methode eng miteinander verzahnten. Wie bei einem Kippbild kann zwar einmal "Theorie" (Konzept) oder die "Methode" fokussiert, aber niemals isoliert von dem jeweils anderen betrachtet werden.

Während Geißler und Hege allerdings bei einer begrifflichen und konzeptionellen Programmatik stehen blieben, "rahmt" oder bestimmt Galuske den Methodenbegriff aus den Spezifika Sozialer Arbeit in Deutschland. Beispielsweise ist hier die "fehlende Monopolisierung der Tätigkeitsfelder" der Sozialen Arbeit genannt.  SozialpädagogInnen arbeiten mit unterschiedlichsten Berufsgruppen zusammen und haben kaum ureigene Domänen. 

Ein weiteres Beispiel für Probleme und Grenzen der Methodisierbarkeit ist die Schwierigkeit "Kompetenzansprüche in Bezug auf Probleme des alltäglichen Lebens" durchzusetzen.  Damit wird angesprochen, dass es für Laien häufig schwierig ist, nachzuvollziehen, warum  es zur Lösung von Problemen im Alltag einer spezifischen beruflichen Kompetenz bedarf. Die "Ko-Produktivität personenbezogener sozialer Dienstleistungen" weist darauf hin, dass - in welchem Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit auch immer - die Aktivität und Mitarbeit der KlientInnen gegeben sein müssen, um Erfolge zu erzielen.

Weiterhin ist Soziale Arbeit immer in "staatliche Gewährungs- und Kontrollkontexte" eingebunden und verfügt daher nicht über eine den Professionen, Ärztinnen, Pfarrerinnen , Psychologinnen vergleichbare fachliche Autonomie (doppeltes Mandat).

Vor dem Hintergrund dieser Besonderheiten der Sozialen Arbeit ist beispielsweise nur eine begrenzte  Operationalisierung sozialpädagogischen Handelns sinnvoll. Galuske kontrastiert die Soziale Arbeit zu der Tätigkeit eines Chirurgs. Dieser wird  mit dem Patienten kaum über Ziel (Entfernung eines akut entzündeten Blinddarms sprechen und den Weg (Operationstechnik) diskutieren wollen. Im Falle sozialpädagogischer Problemstellungen wie etwa Schuldenabbau, Haushaltsführung, Erziehungspraxis ist die Teilhabe am Ziel- und Verfahrensprozess konstitutiv und das umso mehr als sozialpädagogischer Intervention ein Technologiedefizit immanent ist; d.h. Verhaltensänderungen  müssen immer vom Subjekt selber vollzogen werden. Sozialpädagogische Methoden können nicht  "als geschlossene Systeme im Sinne naturwissenschaftlicher Ziel-Mittel-Technologie" verstanden werden (156).

2. Stationen in der Methodendiskussion

Der historische Ausgangspunkt sind die drei klassischen Methoden wie sie aus den USA in der Nachkriegszeit importiert wurden: Soziale Einzel(fall)hilfe, sozialer Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit. Der Autor bezeichnet diese allerdings nicht als Methoden sondern als Sozialformen, denen  in einem zweiten Schritt Methoden zugeordnet werden können. "Sozialform" versteht er als eine Typisierung der am Hilfeprozess beteiligten Personen. Einzelfallhilfe betrifft dann vornehmlich die Soziale Arbeit mit einem Klienten im Unterschied zur Gruppenarbeit oder gar Gemeinwesenarbeit, in der sich die Soziale Arbeit auf potentiell alle Personen im Gemeinwesen bezieht.

Galuske  erläutert die Kritik an diesen "Methoden" ausgehend von der Studentenbewegung ab Ende der 60 er Jahre. Neben ihrer fehlenden theoretischen Fundierung wird vor allem der Vorwurf der "Pathologisierung der Klienten" durch deren Orientierung am "medizinischen Modell" expliziert. Mary Richmond, eine der "Urmütter" des Social Work, hatte sich bewusst an die Berufsgruppe der Ärzte angelehnt, um die Soziale Arbeit erfolgreich zu professionalisieren.

In das "Schwarze Loch" (120), welches die Methodenkritik hinterließ, strömten in den 70 er Jahren therapeutische Methoden und Verfahren (Stichwort: Psychoboom). Der Autor zeichnet ausführlich die Diskussion um das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Therapie nach und kommt zu dem Ergebnis, dass sich Soziale Arbeit nicht in Therapie auflösen lässt, und dass - um eine weitere Pathologisierung der Klienten zu verhindern - sozialpädagogische Methoden  von therapeutischen unterschieden werden müssen.

Galuske möchte dieses Insistieren auf ein eigenes methodisches Repertoire aber nicht als generelle Kritik an therapeutischen Methoden verstanden wissen. Deren Anwendung kann in Einzelfällen durchaus sinnvoll sein, wie auch aus dem therapeutischen Bereich Methoden adaptiert werden (können).

Weitere Diskussionsstränge in der Sozialen Arbeit werden von Galuske aufgenommen z.B. die um Alltags- und Lebensweltorientierung, um unterschiedliche Professionalisierungsmodelle, um die sozialökologische, systemische Perspektive, um Sozialplanung und Neue Steuerung etc.

Der Autor prüft diese Debatten auf den jeweiligen theoretischen bzw. methodischen Ertrag für die Soziale Arbeit.

Rahmenbedingungen methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit, historische Rekonstruktion der  Methodendiskussion und aktuelle Debatten in der Sozialen Arbeit werden in einem gehaltvollen Thesenpapier bilanziert.

3. Methoden in der Sozialen Arbeit

Der dritte Teil dieses Buches bietet einen Überblick über die Methodenlandschaft der Sozialen Arbeit.  Auf fast 200 Seiten werden nach dieser fachspezifischen Besinnung 18 verschiedene Methoden steckbriefartig dargestellt.

Die Auswahl erfolgt nach einem vom Autor entwickelten Ordnungsschema. Er unterscheidet direkt interventionsbezogene Methoden von indirekt interventionsbezogenen Methoden (z.B. Supervison oder Selbstevaluation) und Struktur- und organisationsbezogene Methoden (z. B. Sozialmanagment und Jugendhilfeplanung).

Die direkt interventionsbezogenen Methoden unterscheidet er noch einmal in Einzelfall und primärgruppenbezogene Methoden ( z.B. Multiperspektivische Fallarbeit, Mediation, Case-Management) und Gruppen- und sozialraumbezogene Methoden (z.B. Soziale Netzwerkarbeit, Streetwork, Empowerment). Jede Methode wird nach Entstehungsgeschichte, begrifflicher Präzisierung, theoretischem Hintergrund und technischen Elementen ausführlich dargestellt. Damit ist die Darstellung - entsprechend dem Anspruch des Autors - immer auch konzeptionell gerahmt. Jede Methode wird außerdem ausführlich diskutiert und kritisiert. Damit möchte der Autor einer Verdinglichung der dargestellten Methoden entgegenwirken und gleichzeitig den Leserinnen wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung der jeweiligen Methoden geben.

Diskussion/ Bewertung

Michael Galuske hat ein anspruchsvolles Methodenbuch geschrieben, das alles andere als eine Darstellung von Rezepten für die Soziale Arbeit ist. Trotz teilweise komplexer Thematik ist das Buch sehr gut verständlich, und es weckt immer wieder Interesse und Neugier auf die weitere Argumentation. Sehr erfreulich finde ich, dass der Autor nicht der Gefahr aufgesessen ist, "rein" metatheoretische Überlegungen zum Methodenbegriff anzustellen. Die Stärke  dieses Buches ist, dass die Methodendiskussion nicht zeitlos und gesellschaftslos geführt wird und dass sowohl die historischen als auch aktuellen Debatten in und um die Disziplin aufgenommen werden. Gerade in der Auseinandersetzung mit den Spezifika Sozialer Arbeit und gesellschaftsdiagnostischer Ergebnisse können erst Möglichkeiten und Grenzen von sozialpädagogischen Methoden bestimmt werden.

Man merkt dem Buch an, das es nicht nur am Schreibtisch entstanden ist, sondern dass der Autor viele Diskussionen zur Thematik geführt hat.

Ich würde mich freuen, wenn der Autor - wie in der Vergangenheit - fachliches Stehvermögen beweist und das Methodenbuch auch in der Zukunft aktuell hält.

Fazit

Eigentlich benötigt dieses Buch keine Empfehlungen durch Rezensenten. Die 7. Auflage belegt die hervorragende Aufnahme in der Fachöffentlichkeit. Der ausgesprochen studentenfreundliche Preis trägt sicherlich ebenfalls zu seiner Verbreitung bei.

Dennoch konstatiere ich gerne: Ich kenne als Lehrbuch für die sozialpädagogische Methodendiskussion im deutschen Sprachraum nicht Besseres und kann dieses Buch ohne jeden Vorbehalt für Lehre, Studium und Praxis empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz-Graf
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Zitiervorschlag
Wolfgang Buchholz-Graf. Rezension vom 05.11.2007 zu: Michael Galuske: Methoden der sozialen Arbeit. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 7., ergänzte Auflage. ISBN 978-3-7799-1441-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4852.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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